RGOW 7-8/2013: Rund ums Schwarze Meer

pdfInhaltsverzeichnis und Editorial

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Nicolas Hayoz: Eine Region zwischen Stagnation, Protest und Aufbruch
Alle Anrainerstaaten am Schwarzen Meer haben in den letzten Jahren einen rasanten Modernisierungs-und Transformationsprozess durchlaufen. Auf der einen Seite sind im wirtschaftlichen Bereich durchaus Fortschritte zu verzeichnen, auf der anderen Seite zeichnet die politischen Systeme ein ambivalentes Verhältnis zur Demokratie aus. In allen Ländern am Schwarzen Meer ist eine Spaltung der Gesellschaft in einen konservativen und einen westlich orientierten Teil zu beobachten. Gestritten wird vor allem über unterschiedliche Modernisierungskonzeptionen: Soll die Modernisierung am Bürger ausgerichtet oder mittels „großer Visionen“ von oben realisiert werden?

Christian Giordano: Multikulturelle Urbanität am Schwarzen Meer
Das Schwarze Meer stellte Jahrhunderte lang eines der Zentren des Weltgeschehens dar: als Endpunkt und Umschlagplatz der Güter der Seidenstraße nach Europa. Bis ins Mittelalter bestanden rege interurbane Kontakte zwischen den Städten des Schwarzen und des Mittelmeeres. Durch sozioökonomische, kulturelle und politische Veränderungen seit dem 15. Jahrhundert rückte die multikulturelle Region zu Unrecht in die Peripherie der westeuropäischen Aufmerksamkeit.

Nicolas Monceau: Die Protestbewegung in Istanbul
Die Proteste in Istanbul in den vergangenen Monaten sind zum Ventil vieler unzufriedener Türken geworden, denen die forcierte Urbanisierung des Landes und der zunehmend autoritäre Regierungsstil von Ministerpräsident Erdoğan Sorgen bereitet. Die heterogene Zusammensetzung der Demonstranten führt die unterschiedlichen Anliegen der Bevölkerung in einer Stadt vor Augen, die eine geographische und kulturhistorische Sonderstellung einnimmt und sich in einem anhaltenden Modernisierungsprozess befindet.

Daniela Koleva: Varna – die verschiedenen Gesichter einer Stadt
Die Autorin führt in das Varna an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Gegen Ende der osmanischen Zeit stellte Varna eine multiethnische Stadt mit Türkisch als lingua franca dar. Nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 änderte sich das Gesicht der Stadt: Im Zuge der nationalen Homogenisierung wurden ethnische Minderheiten schrittweise an den Rand gedrängt. Von den Veränderungen im Stadtbild zeugen auch die wechselnden Straßennamen.

Radu Dudău: Das Schwarze Meer – Rumäniens Energieportal
Neu entdeckte Erdgasvorkommen in den Hoheitsgewässern Rumäniens im Schwarzen Meer nähren die Hoffnungen des Landes auf einen prominenten Platz im Rahmen der europäischen Energiepolitik. EU-Strategien und regionale Kooperationen treiben diverse Projekte voran, wobei das eigentliche Potential des rumänischen Schwarzmeerhafens Constanţa für den regionalen und internationalen Handel via die Donau bis nach Rotterdam aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten, administrativer Hürden und veralteter Infrastruktur noch immer weitgehend ungenutzt bleibt.

Martin Müller: Sotschi und die Olympischen Winterspiele 2014
Sotschi ist der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Der subtropisch gelegene Ort war zu sowjetischen Zeiten als Sommerhauptstadt berühmt. Für den Umbau zu einem Zentrum des Wintersports hat die russische Regierung ein gigantisches Investitionsprogramm in die Wege geleitet. Die Folgen der Gigantomanie sind fatal: Umweltschäden sowie eine für die Alltagsbedürfnisse der Bevölkerung überdimensionierte Infrastruktur.

Lilian Ciachir: Die moldauische Nostalgie nach dem Schwarzen Meer
Die Republik Moldau hat keinen direkten Zugang zum Schwarzen Meer: Die Region Budschak, die einst zum Fürstentum Moldau gehörte, ist heute Teil der Ukraine. So auch die Stadt Cetatea Albă (heute: Bilhorod-Dnistrowskyj), in der hl. Johannes der Neue das Martyrium erlitt, der noch heute von den orthodoxen Gläubigen in der Republik Moldau und in Rumänien verehrt wird. Mit ihm wird die Erinnerung an die moldauische Verbindung zum Schwarzen Meer wachgehalten.

Jens Herlth: Der Topos Odessa in der russischen Literatur der 1920er Jahre
Odessa ist eine vergleichsweise junge Stadt, sie wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts erbaut. In vielerlei Hinsicht ist sie eine Art Komplementärmodell zu St. Petersburg, was sich auch in der russischen Literatur widerspiegelt. Die multiethnische Struktur der Stadt brachte eine spezifische odessitische Sprach- und Humorkultur hervor. Eine besondere Blütezeit erlebte die Odessa-Literatur in den 1920er Jahren.

Christophe v. Werdt: Die Halbinsel Krim – eine Schnittstelle zum „Orient“
Die Halbinsel Krim war als wichtiger Handelsstützpunkt im Lauf der Geschichte immer wieder verschiedenen politischen und kulturellen Einflüssen ausgesetzt. Nach der griechisch-römischen Antike prägten byzantinische und genuesische Handelsniederlassungen das Bild. Mit dem Vordringen der Tataren gelangte auch der Islam auf die Krim. Die russische Herrschaft führte schließlich zu einer De-Orientalisierung der Halbinsel.

Andrej N. Lushnycky: Sevastopol: Eine russische Stadt in der Ukraine?
Sevastopol ist größte Hafenstadt auf der ukrainischen Halbinsel Krim und beherbergt als Erbe der sowjetischen Vergangenheit die russische Schwarzmeerflotte. Dies führt immer wieder zu Diskussionen, ob nicht Sevastopol eigentlich eine russische Stadt sei. Für viele Russen ist Sevastopol aber auch deshalb attraktiv, weil sie hier ohne Furcht vor politischen Repressionen seitens der russischen Regierung leben können.

Ulrich Schmid: Jalta als Heterotopie
Jalta ist ein Ort, der sich im europäischen Kulturgedächtnis sowohl historisch als auch literarisch als „radikal anderer Ort“ – als „Heterotopie“ – festgesetzt hat. An der Konferenz von Jalta wurde 1945 eine neue Weltordnung geschaffen in der Hoffnung auf eine bessere Welt. Auch in den Werken von Anton Čechov, vor allem in denjenigen, die in Jalta entstanden sind, wird von einer anderen und besseren Welt geträumt.

Galina Michaleva: Die Paläste der neuen russischen Nomenklatura am Schwarzen Meer
Wie die Zaren und Parteifunktionäre vor ihnen baut sich auch die neue russische Nomenklatura private Paläste an der Schwarzmeerküste. Die Bauvorhaben werden dabei ohne große Rücksichtnahme auf die Interessen der einheimischen Bevölkerung und die Umwelt realisiert. In den letzten Jahren hat sich eine Widerstandsbewegung gegen den Raubbau an der Umwelt formiert.

Timothy K. Blauvelt Suchum(i): Multiethnische Haupt­stadt der sowjetischen Riviera
Abchasiens Hauptstadt Suchumi war lange Zeit eine multiethnische Stadt. Erst der abchasisch-georgische Krieg Anfang der 1990er Jahre führte zu einer gewaltsamen Entflechtung der städtischen Bevölkerung. Heute hat sich in Suchumi eine gewisse Normalität eingestellt und die Spuren des Krieges sind kaum noch zu sehen, doch ein Gefühl des Verlusts der multiethnischen Vergangenheit bleibt.

Giga Zedania: Batumi: Meer und Moderne
Batumi wurde als griechische Kolonie in der Antike gegründet und unterlag im Lauf der Geschichte immer wieder wechselnden Einflüssen: es wurde von orientalischen und westlichen, islamischen und christlichen Elementen geprägt. Nach der Rosenrevolution von 2003 wurde Batumi Objekt eines ehrgeizigen Modernisierungsprojekts der Regierung unter Micheil Saakaschwili. Das Projekt hat zwar manche Früchte gezeitigt, scheiterte aber letztendlich am Widerstand der lokalen Bevölkerung.

Alexander Iskandarjan: Armeniens Sehnsucht nach dem Schwarzen Meer
Historisch ist Armenien dem Schwarzen Meer in vielerlei Hinsicht verbunden, gegenwärtig dominiert jedoch ein Gefühl des Abgeschnitten-Seins das Binnenland im Kaukasus. In der Sehnsucht vieler Armenier nach dem Schwarzen Meer spiegelt sich die Sehnsucht des Landes wider, als europäisches Land wahrgenommen zu werden.

Faruk Bilici: Trabzon – Provinz oder Handelszentrum?
Einst eine blühende, multikulturelle Handelsstadt gilt Trabzon heute als ein rückständiger Hort des konservativen türkischen Nationalismus und Islamismus. Falls die Entwicklung des Wirtschaftspotentials der Schwarzmeerregion Wirkung zeigt, könnte die Stadt wieder vom Anschluss an die moderne Handelswelt profitieren.

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