Wege zu einem neuen ökumenischen Paradigma

Andrey Shishkov

Angesichts der Erfolge der Anti-Ökumene in der orthodoxen Welt sowie des nachlassenden Interesses an der Ökumene als Weg zur christlichen Einheit plädiert Andrey Shishkov für die Erarbeitung eines neuen ökumenischen Paradigmas. Dieses sollte sich von einem normativen Konzept von Ökumene lösen und vermehrt die interkonfessionelle Zusammenarbeit konservativer christlicher Gruppen als „konservative Ökumene“ berücksichtigen. – N. Z.

Ökumene ist eine Form der Interaktion zwischen christlichen Kirchen und Gemeinschaften, die vor mehr als 100 Jahren entstanden ist. Schon bald erlangte sie Merkmale einer Bewegung in Richtung christlicher Einheit, die zum Hauptziel erklärt wurde. Das Neue und Revolutionäre an der ökumenischen Bewegung war eine theologische Wende hin zur Anerkennung der Solidarität unter Christen ungeachtet ihrer konfessionellen Zugehörigkeit. Die Ökumene lehnt grundsätzlich eine Sprache ab, die Christen anderer Konfessionen mit negativen Begriffen wie „Häretiker“ oder „Schismatiker“ bezeichnet. Stattdessen setzt sie auf eine Sprache der positiven Anerkennung und verkündet die Notwendigkeit christlicher Einheit. Die neue gegenseitige Offenheit der Christen schließt Proselytismus aus – eine Form des Missionierens, die bewusste Versuche, Christen zu einer anderen Konfession zu konvertieren, beinhaltet. Heute wird diese klassische Form der Ökumene hauptsächlich durch die Aktivitäten des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) und verwandten regionalen ökumenischen Strukturen vertreten sowie durch konfessionelle Strukturen für den innerchristlichen Dialog (z. B. der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen).
Das Gegenteil von Ökumene ist die Anti-Ökumene, die gleichzeitig und als Reaktion auf die Ökumene entstand. Sie beeinflusste das Kirchenleben nur, wenn offizielle Kirchenautoritäten sie unterstützten. Das trifft auf die orthodoxe Kirche hinter dem Eisernen Vorhang in den 1940er und 1950er Jahren zu, die sich eher auf Isolierung ausrichteten. Zu jener Zeit war Kirchenpolitik ein Teil der politischen Opposition des sowjetischen Blocks gegen den Westen, und anti-ökumenische Ideen waren als Sprache gefragt, die eine vom westlichen Christentum verschiedene Identität beschreibt (wie z. B. aus den Unterlagen der interorthodoxen Konferenz in Moskau 1948 ersichtlich). In den 2010er Jahren jedoch ist die orthodoxe Anti-Ökumene auch ohne die Unterstützung von Kirchenautoritäten ein unübersehbares Phänomen geworden, dessen Einfluss 2016 seinen Höhepunkt erreichte.
Ende des 20. Jahrhunderts tauchte eine neue Form interkonfessioneller Zusammenarbeit auf, die nichts mit den ÖRK-Aktivitäten und ökumenischen Strukturen zu tun hat. Das sind konservative christliche Allianzen zum Schutz traditioneller Werte. In den letzten Jahren haben Forscher und Publizisten begonnen, den Begriff „Ökumene“ auf diese Allianzen anzuwenden, in denen Katholiken, Orthodoxe, Evangelikale und andere konservativ orientierte Christen vertreten sind. In meinem Aufsatz „Two Ecumenisms: Conservative Christian Alliances as a New Form of Ecumenical Cooperation“1 habe ich vorgeschlagen, eine solche Ökumene als „konservativ“ zu bezeichnen. Cyril Hovorun hat für dieses Phänomen den Begriff „ideologische Ökumene“2 benutzt und Natallia Vasilevich hat es „wertorientierte Ökumene“3 genannt. Andere Autoren verwenden für die konservativen christlichen Allianzen negative Bewertungen: „schlechte Ökumene“4 (Chris Stroop) oder „Ökumene des Hasses“5 (Antonio Spadaro).
Die Beteiligten dieser konservativen christlichen Allianzen selbst nehmen ihre Aktivitäten ebenfalls als eine Art Ökumene wahr. So sprechen die Unterzeichner des ökumenischen Dokuments „Evangelikale und Katholiken zusammen“, Chuck Colson und Richard John Neuhaus, von einer „Ökumene der Schützengräben“. In seinem Bestseller „The Benedict Option“ schreibt Rod Dreher über „orthodoxe Ökumene“.6
Eine neue Form von Ökumene zwischen der klassischen und der Anti-Ökumene auszumachen, ist ein wichtiger Schritt bei der Erforschung des Phänomens. Eine solche Unterscheidung erlaubt nicht nur präziser zu formulieren, was als „Ökumene“ bezeichnet werden kann, sondern auch die Grenzen von ökumenischen und anti-ökumenischen Gruppen, ihre Ansichten und ihre Vision von Kirche zu definieren. So glaubt beispielsweise eine Gruppe von bisher zu den Anti-Ökumenikern gezählten Gläubigen prinzipiell an die Idee der ökumenischen Kooperation zwischen Kirchen, steht aber zugleich ihrer klassischen Form, wie sie von den bestehenden ökumenischen Strukturen repräsentiert wird, feindlich gegenüber.

Zwei Arten von Ökumene
Nach der Publikation meines Aufsatzes über die zwei Arten von Ökumene sind mir wiederholt Ökumeniker begegnet, die Mühe hatten anzuerkennen, dass konservative christliche Allianzen zum Schutz traditioneller Werte als Ökumene bezeichnet werden können. Meiner Meinung nach gründen diese Schwierigkeiten in einer bestehenden Spannung zwischen einem normativen Bild von Ökumene als Bewegung zur christlichen Einheit (als sakramentale oder gar organisatorische Einheit verstanden) und praktischen Formen ökumenischer Aktivitäten, die sich in erster Linie in interchristlichen Kooperation in bestimmten Fragen des christlichen Lebens ausdrücken, die konfessionelle Grenzen überschreiten. Für Ökumenevertreter ist die Bevorzugung der normativen Ökumene nichts Verwerfliches. Für einen Forscher mit einem beschreibenden Ansatz hingegen bedeutet die Koppelung der Ökumene an ein ausschließlich normatives Bild, dass nur die Spitze des Eisbergs betrachtet wird.
1989 hat George Lindbeck, ein US-amerikanischer lutherischer Theologe und beständiger Teilnehmer ökumenischer Initiativen, in einem Artikel zwei Typen von Ökumene unterschieden: den „vereinenden“ und den „interkonfessionellen“. Nachdem er die Realität der 1980er Jahre beobachtet hatte, kam er zu dem Schluss, dass die „interkonfessionelle“ Ökumene wachse, während die „vereinende“ abnehme: „Christen aus einzelnen Kirchen agieren mehr und mehr gemeinsam über konfessionelle Grenzen hinweg, und doch scheinen das Interesse und der Fortschritt in der tatsächlichen Einigung der Kirchen mehr und mehr zu schwinden.“7
Diese Entdeckung deutet jedoch mehr auf eine Fehlentwicklung der ökumenischen Bewegung der 1960er und 1970er Jahre als auf die Entstehung eines neuen Ökumenetyps hin. Lindbeck schreibt, dass in der Anfangszeit die interkonfessionelle Ökumene, gebündelt in den Aktivitäten der Studentischen Christlichen Bewegung, YMCA und YWCA, dominant war. All diese privaten Initiativen gewannen im frühen 20. Jahrhundert einen internationalen Charakter. 1910 fand die Weltmissionskonferenz in Edinburgh statt, die im ökumenischen Kanon den Beginn der ökumenischen Bewegung markiert. 1921 fand die erste Konferenz der Bewegung für Praktisches Christentum („Life and Work“) in Stockholm statt, die sich auf das gemeinsame christliche Zeugnis in Bezug auf gesellschaftliche Themen konzentrierte. Lindbeck bezeichnet diese Ereignisse als interkonfessionelle Ökumene. Parallel dazu entwickelten sich Initiativen einer vereinenden Ökumene. Ich beziehe mich vor allem auf die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung („Faith and Order“), deren erste Konferenz 1927 in Lausanne stattfand. Später bildeten „Life and Work“ und „Faith and Order“ die Basis für den ÖRK. Daher lässt sich feststellen, dass es zwei anfängliche Richtungen der ökumenischen Bewegung gab: die erste basierte auf der Idee der interkonfessionellen Zusammenarbeit in verschiedenen praktischen Fragen, die zweite auf der Idee, die christliche Einheit zu erreichen.
Lindbeck schreibt, die vereinende Ökumene sei „durch den Eintritt der römisch-katholischen Kirche in die ökumenische Arena beim Zweiten Vatikanischen Konzil immens verstärkt“ worden.8 In den 1960er und 1970er Jahren wurde das Verständnis von Ökumene als Bewegung zur christlichen Einheit normativ. Somit sei eine „ökumenische Bewegung, die zunächst mehrheitlich interkonfessionell war, zumindest offiziell vereinend“ geworden, so Lindbeck.9
Allerdings weist die ökumenische Theologin Dagmar Heller darauf hin, dass der Begriff „Einheit“ von den Teilnehmern der ökumenischen Bewegung unterschiedlich verstanden wurde: erstens als eine gemeinsame Handlung, zweitens als „Austausch“ (d. h. gemeinsame Eucharistie als Ausdruck der Einheit, während die Kirchen autonome Organisationen bleiben) oder drittens als „organische Einheit“ (d. h. eine einzige Organisation).10 Die zweite und dritte Definition entsprechen in Lindbecks Terminologie der vereinenden Ökumene, während die erste der interkonfessionellen entspricht.
Eines der neusten offiziellen ÖRK-Dokumente „Die Kirche: Einer gemeinsamen Vision entgegen“ (2013) handelt vom Erreichen sichtbarer Einheit, die sich in der gemeinsamen Abendmahlfeier ausdrückt, als Ziel der ökumenischen Bewegung.11 In diesem Dokument wird die Einheit in eschatologischen Kategorien beschrieben, d. h. ohne Hoffnung, sie in absehbarer Zukunft zu erreichen. Dieser Pessimismus trägt wohl zum Rückgang der vereinenden Ökumene bei, über den Lindbeck bereits 1989 schrieb, während im Gegensatz dazu das neue Paradigma der ökumenischen Bewegung („Einheit als Gemeinschaft“), das sich Anfang der 1990er Jahre herausbildete, die Entwicklung einer interkonfessionellen Ökumene propagiert. Echte ökumenische Zusammenarbeit baut heute auf den Prinzipien der praktischen interkonfessionellen Ökumene, nicht der normativen vereinenden Ökumene. Erstere zielt nicht auf christliche Einheit in Form von gemeinsamer Kommunion oder einer einzigen Organisation. Sie sieht die interkonfessionelle ökumenische Kooperation als gemeinsames Handeln, das u. a. in der Bemühung um Frieden, der Armenfürsorge oder im Kampf gegen Diskriminierung bestehen kann.
Es stellt sich heraus, dass die interkonfessionelle Ökumene, wie sie in der ökumenischen Bewegung praktiziert wird, sich nicht von konservativen christlichen Allianzen zum Schutz traditioneller Werte unterscheidet, die ihre Kooperation ebenfalls als gemeinsames Handeln ohne Bedarf nach sakramentaler oder organisatorischer Einheit verstehen. Der Unterschied liegt lediglich in der politischen Ausrichtung, von der sich die jeweiligen ökumenischen Akteure leiten lassen: Im Fall der klassischen Ökumene lässt sich von einem linken liberalen Charakter sprechen, bei der konservativen Ökumene von einem rechten konservativen.
Wenn im heutigen, als „postsäkular“ bezeichneten Umfeld Ökumene und Anti-Ökumene Teil des öffentlichen Lebens werden, stellt sich die Frage: Welche politische Botschaft vertreten sie? Im Folgenden umreiße ich, wie sich die erwähnten drei Gruppen in diesem gemeinsamen Raum verstehen und selbst beschreiben. Zunächst gehe ich auf die Anti-Ökumene, dann auf die konservative und schließlich auf die klassische Ökumene ein.

Anti-Ökumene und ihre Erfolge seit 2016
Wie bereits erwähnt, ist die Anti-Ökumene in den letzten Jahren in der Weltorthodoxie zu einem beachtenswerten Phänomen geworden. 2016 war der Höhepunkt des anti-ökumenischen Einflusses: In diesem Jahr war die Anti-Ökumene einer der Hauptgründe für das Fernbleiben von vier Delegationen autokephaler orthodoxer Kirchen (der Kirchen von Antiochien, Russland, Georgien und Bulgarien) am Konzil von Kreta, dem ersten Panorthodoxen Konzil, das seit den 1960er Jahren vorbereitet worden war (s. RGOW 11/2016). Dem Einfluss von Anti-Ökumenikern kann auch die Absage des Weltgipfels zur Verteidigung verfolgter Christen, der im Herbst 2016 in Moskau hätte stattfinden sollen, zugeschrieben werden. Dieser Erfolg verlieh den Anti-Ökumenikern Vertrauen in ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten, die Kirchenleitung unter Druck zu setzen. Ihr Einfluss in der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) zeigt sich beispielsweise in einer kritischen offiziellen Beurteilung der Konzilsdokumente von Kreta sowie im Scheitern des Projekts für einen neuen Katechismus der ROK (beides 2017). In Russland beherrschen inzwischen viele Anti-Ökumeniker den Diskurs von der „Verletzung der Gefühle von Gläubigen“, um öffentliche Resonanz und politische Resultate zu erreichen (wie bei den Protesten gegen den Film „Matilda“, s. RGOW 11/2017, S. 3).
Die Anti-Ökumene negiert üblicherweise die Existenz von Christen jenseits der Grenzen der eigenen konfessionellen Gemeinschaft. Grundlage ist eine politische Theologie eines metaphysischen Kriegs gegen die Mächte des Bösen. Die Verteidigung der Reinheit des Glaubens vor dem Einfluss der modernen Welt ist ein Schlüsselelement des Pathos dieses Kampfes. Für diese Gruppe von Gläubigen ist Isolationismus, militaristische Rhetorik und eine kompromisslose Haltung in Fragen der religiösen Orthodoxie charakteristisch. Der Anti-Ökumene zugeneigte Christen können mit der Metapher der von feindlichen Kräften „belagerten Festung“ beschrieben werden.
Der grundlegende Modus Operandi dieser Gruppen in der Gesellschaft leitet sich von der Festungsmetapher ab: gegenüber anderen die eigene Standhaftigkeit bezeugen („in der Wahrheit stehen“) und Vorstöße in feindliches Gebiet unternehmen. Radikale sind sich bewusst, dass ihr Kampf gegen die Mächte des Bösen letztlich verloren ist, und dass sich ihre Reihen mit der Zeit lichten werden (wegen der Apostaten, die den Antichristen anbeten), aber der Gedanke an die Belohnung, die sie nach ihrem Tod für ihren Kampf für die Reinheit erhalten werden, motiviert sie. Die Glut des metaphysischen Kampfs dieser Menschen verdeutlicht der Slogan „Orthodoxie oder Tod“.
Radikale bekämpfen die „Neue Weltordnung“, deren Elemente u. a. Globalisierung (Weltordnungspolitik, Verbindungen zwischen politischen Eliten und internationalem Business), die Ökumene als Projekt einer vereinten Weltreligion sowie ein internationales Informationsnetz (Kontrolle mithilfe elektronischer Technologien) umfassen. Alle diese Elemente sind Vorboten des Antichristen, der die weltweite Regierung und die weltweite Religion führen wird. Zudem hat die Anti-Ökumene in traditionell orthodoxen christlichen Ländern eine starke antiwestliche Strömung (gegen die westliche Heterodoxie und Säkularismus), die ein wichtiges Element des „kulturellen Kalten Kriegs“ im öffentlichen und politischen Bereich geworden ist.

Konservative Ökumene und „Kulturkriege“
Die konservative Ökumene unterscheidet sich von der Anti-Ökumene zunächst dadurch, dass sie die Existenz von Christen jenseits konfessioneller Grenzen anerkennt und interkonfessionelle Zusammenarbeit gestattet. Doch im Gegensatz zur klassischen Ökumene strebt sie nicht danach, christliche Einheit in Form der eucharistischen Gemeinschaft zu erreichen. Wie die Anti-Ökumene arbeitet die konservative Ökumene mit Bildern von Krieg und unterscheidet zwischen Freund und Feind. Doch anders als die Anti-Ökumene mit ihrem metaphysischen Krieg nimmt die konservative Ökumene an „Kulturkriegen“ teil, d. h. am Krieg im Namen gemeinsamer (kultureller) Werte. Die militaristische Rhetorik der konservativen Ökumene schöpft aus der Metapher einer „gemeinsamen Front“12, die so weit reicht, wie das Auge sieht (ohne die Grenzen einer „Festung“). Der Kampf für gemeinsame Werte hebt konfessionelle Grenzen und dogmatische Unterschiede auf, solange die Teilnehmer auf der gleichen Seite stehen (so in der Manhattan Deklaration von 200913). Die Metapher der Frontlinie bedingt die wichtigste Handlungsform für Unterstützer der konservativen Ökumene: taktische Allianzen für großangelegte Offensiven.
Da der Krieg der konservativen Ökumene nicht metaphysisch, sondern „kulturell“ ist, ist er weniger begrenzt als der Krieg der Anti-Ökumeniker. Der Krieg hat nicht mit Fragen der Reinheit des Glaubens zu tun, sondern mit der Verteidigung der christlichen kulturellen Identität, deren Verlust die Christen zu einem Leben in einer säkularen Wüste verdammen würde, die ihnen fremd ist (wie in „The Benedict Option“). Da kulturelle Identität in erster Linie mit dem Verhalten und der Selbstdarstellung der Christen in der Gesellschaft zu tun hat, drückt sie sich vor allem in moralischen Fragen aus. Die Feinde der konservativen Ökumene sind die „Liberalen und Säkularen“, die „traditionelle Werte“ und die „traditionelle Ordnung“ untergraben. Die konservative Ökumene ist Bestandteil einer Weltanschauung, die an den Kampf für eine andere (postsäkulare) Weltordnung gekoppelt ist.
Konservative können die Energie der Anti-Ökumeniker in Auseinandersetzungen mit Liberalen und Säkularen nutzen; dagegen haben sie bei Versuchen, eine interkonfessionelle Front zu schaffen, unter dem anti-ökumenischen Zorn zu leiden (wie etwa beim geplanten Gipfel zur Verteidigung verfolgter Christen in Moskau). Die Energie des anti-ökumenischen metaphysischen Kriegs kann von konservativen Ökumenikern aufgenommen und zur Energie eines weniger radikalen „Kulturkampfs“ (mit moralischen Zielen) transformiert werden. 2017 beispielsweise wurde die Energie, die russische orthodoxe radikale Anti-Ökumeniker in ihrem Kampf gegen den Film „Matilda“ generierten, von konservativen Ökumenikern zur Verteidigung traditioneller Werte genutzt, aber ohne das anfängliche Pathos des Kampfs gegen dämonische Mächte des Bösen.
Institutionell wird die konservative Ökumene von verschiedenen Bewegungen zum Schutz des Lebens und der Familie repräsentiert. Das sind zuallererst Pro-Life-Bewegungen, die auch als ökumenisch betrachtet werden,14 sowie der World Congress of Families. Dieser ist der frühen ökumenischen Bewegung „Life and Work“ ähnlich. Das Thema der gegenwärtigen Verfolgung von Christen nimmt im Programm der konservativen Ökumene einen wichtigen Platz ein; das betrifft nicht nur die Verfolgung der Christen im Nahen Osten und Afrika, sondern auch die „Verfolgung“ durch „Säkulare und Liberale“ im Westen.

Die klassische Ökumene
Die klassische Ökumene präsentiert sich heute als inklusives Projekt. Die Basis ihrer Ideologie besteht nicht auf der Unterscheidung von Freund und Feind, sondern vielmehr auf der Anerkennung und Akzeptanz des anderen. Der „Krieg“ der klassischen Ökumene ist nicht ein Kampf gegen einen personifizierten Feind, sondern gegen soziale Missstände wie Armut, Korruption und Ungleichheit. Das Arbeitsinstrument für das sozio-politische Handeln einer solchen Ökumene ist das Konzept der Menschenrechte. Ideologisch ist die moderne offizielle ökumenische Bewegung im linksliberalen Bereich des politischen Spektrums verortet.
Doch die klassische Ökumene war nicht immer inklusiv; in ihren Anfangsstadien arbeitete sie auch mit der Idee einer gemeinsamen christlichen Front gegen Säkularismus und Atheismus (die Unterscheidung von Freund und Feind).15 Erst Ende der 1960er Jahre nahm die Entwicklung der Ökumene eine neue Wendung, als die Einheit der Kirche und Menschheit in Christus verkündet und die Unterteilung in Freunde und Feinde unmöglich wurde.
Natürlich verweisen heutige Ökumenevertreter auf die fortwährende Teilnahme der konservativen Orthodoxen an der ökumenischen Bewegung, also könne die klassische Ökumene nicht als rein linksliberales Projekt bezeichnet werden. Tatsächlich hatten die Orthodoxen seit den 1990er Jahren einen gewichtigen Einfluss auf die Entscheidungsfindung des ÖRK (die Orthodoxen setzten die Einführung eines Vetorechts durch). Allerdings richten sich diese Entscheidungen in der Regel gegen den ökumenischen Mainstream. Gleichzeitig wächst in den orthodoxen Kirchen die Skepsis gegenüber der Teilnahme an der ökumenischen Bewegung, und zwei von ihnen – die Kirchen von Bulgarien und Georgien – haben den ÖRK bereits verlassen.
Wenn die klassische Ökumene weiterhin inklusiv und umfassend sein will, wird sie Wege suchen müssen, das Thema der „traditionellen Werte“ in ihr Programm aufzunehmen. Eine solche Inklusion verlangt die Bereitschaft beider Seiten, einen verantwortungsvollen Dialog zu führen und die Argumente der anderen anzuhören. Aber nicht alle Parteien sind zu Dialog und Kompromiss bereit. Bisher sind die konservative und die klassische Ökumene Gegner in Kulturkriegen.

* * *
Abschließend möchte ich auf Forschungsmöglichkeiten in dieser Richtung eingehen. Meiner Meinung nach sollten sich orthodoxe Theologen angesichts der jüngsten ökumenischen Krise zu einem realistischeren normativen ökumenischen Paradigma bewegen, das die klassische und die konservative Ökumene sowie die Anti-Ökumene als bestimmte Form der christlichen Ekklesiologie berücksichtigt. Das bestehende ökumenische Paradigma ist obsolet geworden, weil es den Gläubigen in den orthodoxen Kirchen keine Erklärungsstrategie mehr bietet. Das neue Paradigma, das man „Ökumene 2.0“ nennen könnte, sollte die frühe und aktuelle konservative Ökumene im Blick behalten und auch den Platz der Anti-Ökumene (ohne die anti-ökumenische Kritik mit der Kritik der klassischen Ökumene zu verwechseln) korrekt bestimmen.
Diese Bemühungen sollten Hand in Hand mit der Entwicklung einer politischen Theologie gehen, da in der postsäkularen Situation theologische Konzepte in der Öffentlichkeit zu politischen Ideologien werden und das politische Handeln von Christen beeinflussen können. Meiner Meinung nach sollte eine solche politische Theologie die klassische und konservative Ökumene wie auch die Anti-Ökumene in den Kontext der theologischen Reflexion über Allgemeinwohl, Konflikt und Konsens setzen und das Phänomen der Kulturkriege von einem theologischen Standpunkt aus begreifen.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.

Anmerkungen

1) Shishkov, Andrey: Two Ecumenisms. Conservative Christian Alliances as a New Form of Ecumenical Cooperation. In: State, Religion, and Church 4, 2 (2017), S. 58–87.
2) http://www.mdpi.com/2077-1444/8/5/70.
3) https://www.academia.edu/7018208/.
4) Stroop, Christopher: Bad Ecumenism. The American Culture Wars and Russia’s Hard Right Turn. In: The Wheel 6 (2016), S. 20–24.
5) https://www.laciviltacattolica.it/articolo/evangelical-fundamentalism-and-catholic-integralism-in-the-usa-a-surprising-ecumenism/.
6) Dreher, Rod: The Benedict Option. A Strategy for Christians in a Post-Christian Nation. New York 2017, S. 136–138.
7) Lindbeck, George: Two Kinds of Ecumenism. Unitive and Interdenominational. In: Gregorianum 70, 4 (1989), S. 647–660, hier S. 647.
8) Lindbeck, Two Kinds of Ecumenism (Anm. 7), S. 649.
9) Lindbeck, Two Kinds of Ecumenism (Anm. 7), S. 649–650.
10) Christianskij ėkumenizm segodnja: krizis ili transformacija? Beseda s ėkumenistami raznych konfessij. In: Gosudarstvo, religija, cerkov’ v Rossii i za rubežom 1 (2017), S. 301–312.
11) https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/commissions/faith-and-order/i-unity-the-church-and-its-mission/the-church-towards-a-common-vision?set_language=de.
12) Der russische Metropolit Ilarion (Alfejev) beispielsweise hat die Metapher der gemeinsamen Front in diesem Interview benutzt: https://foma.ru/arxiepiskop-ilarion-alfeev-pozitivnaya-programma-czerkvi-eto-spasenie-lyudej.html.
13) http://www.manhattandeclaration.org.
14) Martin, James: The Ecumenism of the Pro-Life Movement. In: Public Orthodoxy, https://publicorthodoxy.org/2018/02/01/the-ecumenism-of-the-pro-life-movement.
15) Blake, Eugene Carson: The Open Door. A Dialogue Sermon with Martin Niemöller, 1965. In: Kinnamon, Michael; Cope, Brian E. (eds.): The Ecumenical Movement. An Anthology of Key Texts and Voices. Genf 1997, S. 36–38.

Andrey Shishkov, Hl. Kirill und Method-Institut des Moskauer Patriarchats.

pdfRGOW 10/2018, S. 7–10

Bild: Das Treffen von Patriarch Kirill und Papst Franziskus am 12. Februar 2016 in Havanna hat in Russland heftige anti-ökumenische Reaktionen ausgelöst. (www.mospat.ru)