Die "Monstration" – absurd oder politisch?

Artjom Loskutov

Seit 2004 findet in der sibirischen Stadt Novosibirsk alljährlich eine „Monstration“ statt, bei der die Teilnehmenden absurde Losungen herumtragen. Entstanden als Parodie auf die kommunistischen Maidemonstrationen sind die friedlichen Märsche mittlerweile in ganz Russland beliebt. Die Behörden behandeln sie gleichzeitig als harmlosen Jugendkarneval und subversive Systemkritik. Der Organisator betrachtet sie als Symptom einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft, in der es keinen Raum für echte politische Debatten gibt. – R. Z.

Alljährlich strömen am 1. Mai tausende vorwiegend junge Menschen auf die Hauptstraße der sibirischen Stadt Novosibirsk mit Losungen, die auf den ersten Blick absurd oder sinnlos erscheinen. Das ist die „Monstration“ – ein alternativer 1. Mai-Marsch, eine Art Parodie auf offizielle Demonstrationen, die als Erbe der sowjetischen Epoche übriggeblieben sind.
Die staatlichen Medien präsentieren die Monstration oft als lustiges Vergnügen und harmlosen Jugendkarneval im Stil einer Zombie-Parade an Halloween. Gleichzeitig verdächtigen die Behörden die Monstration einer verdeckten politischen Botschaft, wenn nicht gar als Versuch, eine farbige Revolution zu organisieren. Deshalb versuchen sie, diese zu verbieten, aus dem Stadtzentrum zu verdrängen und schicken jeweils die Sicherheitskräfte der OMON („Mobile Einheit besonderer Bestimmung“) in voller Kampfmontur an die Aktion, während die Polizei versucht, die verdächtigsten Plakate zu entfernen. Hie und da wird auch jemand festgehalten.

Eine kreative Umdeutung der Mai-Parade
Das widersprüchliche Verhältnis zu den Monstrationen – indem man sie als apolitische und sinnlose Erscheinung ignoriert, gleichzeitig aber als politisch subversive behandelt – offenbart die einzigartige Natur der politischen Meinungsäußerung an diesen Märschen.
Als wir uns 2004 die erste Monstration ausdachten, waren meine Mitstreiter aus der Künstlergruppe CAT (Contemporary Art Terrorism) und ich uns einig, dass der ganze politische Straßenaktivismus, und insbesondere die 1. Mai-Demonstrationen einerseits irgendwie absurd, widersinnig wirken – wie ein Ritual, das aus Gewohnheit reproduziert wird. Wir wollten das ans Limit führen, den totalen Unsinn produzieren. Das Absurde schien uns die adäquateste Form der gesellschaftlichen Meinungsäußerung zu sein: Gegen was sollten wir schon protestieren, wenn uns einfach alles nicht gefällt? Andererseits tragen die Teilnehmenden der bekannten Demonstrationen in der Regel entfremdete Losungen, die ihnen von den Organisatoren aus einem speziellen Lastwagen verteilt werden. Deshalb schrieben wir ein Einladungsmanifest an alle Stadtbürger, den 1. Mai zu einem Fest unserer eigenen Emotionen und Gefühle zu machen – und zwar so, dass diejenigen, die Demonstranten kaufen, um sie in ein totales Spektakel zu integrieren, noch staunen würden. Auf den Plakaten sollte alles geschrieben stehen, was wir selbst über das Geschehen in unserer Umgebung denken. Mein Künstlerkollege Ivan Dyrkin schlug vor, das Ganze „Monstration“ zu nennen, um damit das „negative“ Präfix „de-“ wie in „Dekonstruktion“ oder „Degradation“ loszuwerden.
So gesellten sich am 1. Mai 2004 etwa 80 Personen als separaten Umzug zum Schwanz einer von den Kommunisten organisierten Demonstration. Hinter den nostalgischen, ihrer sowjetischen Jugend nachtrauernden alten Leuten mit Losungen wie „Den Rentnern ein würdiges Leben“ trugen jüngere und besser gelaunte Leute Transparente mit Aufschriften wie „Wo bin ich?“, „Tanja, weine nicht!“, „Irgendwie so!“, „Die Realität ist das Schicksal der Götter!“, oder „A-a-a-a-ach!“ Ungeachtet der offensichtlich apolitischen Losungen und des Fehlens politischer Forderungen wurden fünf Teilnehmer der ersten Monstration festgehalten und für eine „nicht genehmigte“ Demonstration mit je 500 Rubeln Strafe belegt (damals etwa 15 Euro). Auf dem Polizeiposten mussten sie Erklärungen mit den Worten schreiben: „Meine Losung ‚Irgendwie so!‘ ruft nicht zum Sturz der Verfassungsordnung auf“, was natürlich einen Begeisterungssturm und den Wunsch auslöste, beim nächsten Mal ein Transparent mit einer „Losung, die zum Sturz der Verfassungsordnung aufruft“ zu erstellen. Damit nachher der Erklärungstext noch absurder würde.
Die Monstration gefiel den Teilnehmenden und ihren Sympathisanten, aber nicht der Polizei (was natürlich bloß ein zusätzliches „Qualitätsmerkmal“ darstellt – wir machen also alles richtig), und wurde zu einem alljährlichen Ereignis, das jedes Mal etwa doppelt so viele Menschen anzieht.

„Wollen und Machen“
Novosibirsk ist eine ziemlich große Stadt, die drittgrößte in Russland nach Moskau und St. Petersburg, doch viel zu weit entfernt von allem anderen auf der Welt. Bis Moskau sind es 3 000 km, nach Europa 5 000 km, darum herum die Taiga. Die Stadt entstand aufgrund der Transsibirischen Eisenbahn als Bauarbeitersiedlung für die Eisenbahnbrücke über den Fluss Ob’. Während des Zweiten Weltkrieges wuchs diese stark an, weil man Fabriken und Menschen aus den besetzten Territorien hierhin evakuierte. Nach dem Krieg schuf man das Akademgorodok, ein sowjetisches „Wissenschaftlerstädtchen“.
Es scheint, als gäbe es hier keinerlei historischen Ereignisse, geschweige denn ein Potential dazu – es ist ein ziemlich bedrückendes Gefühl, wenn man an solchen Ereignissen eigentlich gerne teilhaben möchte. Zum Beispiel möchtest du im Mai 1968 dabei sein, „einen Strand unter dem Pflaster“1 finden, oder wenigstens allen erzählen, dass er sich dort befindet – du bist aber 1986 geboren, und dazu noch in Novosibirsk: ein doppelter Fehlschlag.
Im Internet stieß ich auf die Bewegung ZAIBI („Für anonyme und kostenlose Kunst“) und erfuhr so von der Existenz einer Gegenwartskunst, von der ich sofort ein Teil werden wollte. In den programmatischen Texten der Bewegung hieß es zu diesem Thema folgendes: „Warum wissen und sich erinnern, wer was gemacht hat? Besser selber machen. Auch wenn es dasselbe ist.“ Indem ich die Monstration machte, wollte ich „dasselbe“ erfahren.
Im Manifest der Monstration von 2008 sprachen wir davon: Es ist wichtig, zu wollen und zu machen. Zeigen die Kinos keine guten Filme, eröffne deinen eigenen Filmclub. Willst du J-Rock (Japanische Rockmusik) hören, organisiere ein Festival. Warte nicht, dass jemand anderes etwas für dich tut. Erwarte nichts von den Politikern.
Noch fünf Jahre zuvor hätte niemand geglaubt, dass tausende Menschen am 1. Mai in Novosibirsk unter idiotischen Losungen auf die Straße gehen würden. Am 1. Mai 2008 musste man sich nur umsehen: damals waren es gerade diese Tausend. Man musste wollen und probieren. Die Monstration versammelte sehr unterschiedliche Szenen, und unsere „unity“ baute wahrscheinlich nur auf etwas auf: wir machten das, was uns fehlt. Und dazu gehörte eben, einmal im Jahr mit Plakaten auf die Straße zu gehen, auf denen steht: „Denke global, handle idiotisch“, „Archimandrit[is] –ist das eine Krankheit?“ Der Kolonne voraus ging ein großes schwarzes Banner mit einem Kommentar zur ganzen Situation: „Lehrt uns nicht zu leben, dafür belehren wir euch.“

Zauberei im Bürgermeisteramt
2009 ließ der Bürgermeister von Novosibirsk den 1. Mai-Umzug der Kommunisten nicht auf den Roten Prospekt, die Hauptstraße der Stadt – unter dem Vorwand, irgendeinen Staffellauf durchzuführen, den niemand wollte. Bis dahin hatte sich die Monstration immer zum kommunistischen Umzug gesellt, zu Beginn noch ganz spontan, später haben wir uns in Sachen Gesetze schlau gemacht und gelernt, wie man ohne Haftstrafen und Bußen davonkommt, und haben alle notwendigen Papiere ausgefüllt. Die Kommunisten verzogen sich auf eine zweitrangige Straße, doch wir beschlossen, dass es unseriös wäre, ihnen dorthin zu folgen.
Das Bürgermeisteramt nahm uns den Platz weg, also hielten wir es für seriös, symmetrisch zu handeln. Das war der Plan: Am 1. Mai mittags zum Bürgermeisteramt zu kommen, es zu umzingeln, worauf es sich in die Luft erheben würde, so dass wir auf dem frei gewordenen Platz die Monstration hätten durchführen können. Eine Stunde später würden wir das Amt wieder an seinen Platz stellen, an genau demselben Ort, ohne irgendetwas zu zerbrechen, und ruhig wieder auseinandergehen. Es gab eine Ausstellung mit diesem Plan, mit Verschiebungsschemen wie auf militärischen Manöverkarten, und mit dubiosen Aufrufen wie „Hast Du Schiss? Bleib zuhause“.
Am Morgen des 1. Mai 2009 erklärte ich den Vorgesetzten im Zentrum „E“ (für „Extremismusbekämpfung“, politische Polizei), was eine künstlerische Aktion ist, dass wir nicht richtig zaubern werden, und dass sich das Bürgermeisteramt wohl kaum in die Lüfte erheben werde. Und dass wir ohne Genehmigung nicht mehr zaubern, sondern eine einvernehmliche Lösung suchen werden. Währenddessen versammelten sich beim Bürgermeisteramt 300 „Zauberer“ mit Plakaten wie „Wer ist hier der Wichtigste?“ Ich habe nicht mit eigenen Augen gesehen, dass sich das Bürgermeisteramt in die Luft erhoben hätte, aber eine Monstration fand in diesem Jahr auf jeden Fall statt.
Zwei Wochen später rief man mich erneut ins Zentrum „E“. Ich weigerte mich, man schob mir 11g Gras unter und verhaftete mich. Auf diese Aktion gab es eine ziemlich große Resonanz in Russland und anderswo2, und man ließ mich unter Auflagen frei. Im Frühling 2010 verbreitete sich die Monstration über Land und Tal: ähnliche Aktionen wurden auch in anderen Städten Russlands – Moskau, St. Petersburg, Jekaterinburg, Perm, Petrozavodsk, Krasnojarsk, Omsk, Chabarovsk, Jaroslavl’, Tjumen’, Kandalakša und anderen – sowie im Ausland durchgeführt: von der Ukraine und Lettland bis zu China und Thailand. In diesem Jahr erhielt die Monstration sogar den „Innovationspreis“ – eine staatliche Prämie im Bereich der Gegenwartskunst.

Der Sinn des Absurden
„Sinn ergibt sich im Kontext“, so formulierte Vanja Dyrkin eines der Prinzipien der Monstration auf einem Spiegelstück. Um die Monstration sowohl als politisches als auch künstlerisches Phänomen zu verstehen, muss man mit einer Analyse des sozialpolitischen Kontexts Russlands jener Jahre beginnen, als sie entstand und populär wurde. Im Russland der letzten Jahre, besonders nach den Wahlen von 2011/12, die von einer großen Bevölkerungszahl als gefälschte wahrgenommen wurden, nach den Protesten und deren Bekämpfung, erlangte die Rede von der Existenz von „zwei Russländern“ die Oberhand, die einander diametral gegenüberstehen: aus der Sicht des Staats sind es „Patrioten“ und „Verräter“, in der Sprache der liberalen Opposition sind es „freie Menschen“ und die „konformistische Mehrheit“. Auf dem politischen Feld, das als Spaltung in zwei „Russländer“ dargestellt wird, werden alle beliebigen politischen Ansichten auf diese beiden Extreme zurückgeführt, einen Ort für Debatten gibt es nicht. Ein Sinn der Monstration besteht in der Ermöglichung von Meinungsäußerungen, die man nicht in dieses gespaltene politische Feld zweier Extreme einfügen kann.
Die Hauptlosung der Monstration von 2012 war „Wir, das seid ihr“ (russ. my ėto vy). Die sogenannt absurden Losungen sind insofern einmalig, als sie in kein Schwarz-Weiß-Raster passen. Hinzu kommt, dass sie alle zusammen die Beschreibung eines anderen, alternativen politischen Raumes vorschlagen. Auch wenn die Mehrheit dieser Losungen absurd scheinen mag, wenn man sie als einzelne betrachtet, so können sie in ihrer Gesamtheit, in ihrer Beziehung zueinander und auch in Zusammenhang mit der politischen Rhetorik des Staates betrachtet, einen weit deutlicheren kritischen Sinn erlangen.
Zum Beispiel: „Wir machen Propaganda für Heterosexualität“ und „Wir sind für gleichgeschlechtliche Fehden.“3 Beide Losungen machen sich über das neue Gesetz über „Propaganda für Homosexualität“ lustig. Das Plakat „Russland ohne Agutin“4 erinnert an die alte Oppositionslosung „Russland ohne Putin!“. In dieser scheinbar verdeckten Form wirkt die Losung „absurd“, obwohl sie die Mehrheit der Teilnehmer rasch dekodieren kann. Deshalb werden diese Paraden von den Behörden gleichzeitig als sinnloses Vergnügen präsentiert und als politische Bedrohung zu unterbinden versucht.
Im Frühling 2014, als Russland die Halbinsel Krim annektierte, war der ganze Äther voll mit der neuen patriotischen Losung „Die Krim ist unser!“ (russ. Krym – naš!). Sie war in den Medien, an Meetings, auf Reklameschildern, T-Shirts und Autoheckscheiben im ganzen Land zu sehen. Die liberale Opposition hingegen bestätigte, dass die Krim nicht gesetzmäßig und ehrlos annektiert worden sei, und dass die internationale Gemeinschaft die Annexion nicht anerkenne. Wie nie zuvor wurden die Aussagen im gespaltenen System geführt. „Die Krim ist unser“ bedeutete, dass du für Putin und Russland bist; „Die Krim ist nicht unser“ bedeutete, dass du ein prowestlicher Verräter bist.
Deshalb war am 1. Mai 2014 die Titellosung der Monstration des Landes in Novosibirsk eine Erklärung, die der Spaltung dieser beiden Lager widersprach und die Annexion nicht buchstäblich kritisierte. Das Banner verkündete: „Die Hölle ist unser!“ Ein Jahr zuvor stand auf diesem Banner: „Auf in die dunkle Vergangenheit!“5 Der kritische Ton des vordersten Monstrationsbanners vereinfacht das Verständnis der übrigen Äußerungen der Monstration als kritische. Die Entstehung dieser scheinbar absurden politischen Sprache ist ein Symptom der Krise der liberalen Opposition, die als Spiegelbild der nationalistischen Sprache der Regierung handelt. Das depolitisiert die russische Politik und erschwert die politische Analyse. Eine analoge Krise des liberalen Modells ist in den USA zu beobachten. Die amerikanische Gesellschaft wird auf ein vereinfachtes Modell von Konservativen und Liberalen zurückgeführt; darin gibt es entweder vorwiegend weiße, sexistische, faschistische Fanatiker aus den roten [politisch republikanischen] Staaten, oder die aufgeklärten, ethischen liberalen Kosmopoliten von der Küste. Dieses Bild trägt viel dazu bei, die komplexe politische Realität zu verbergen, was die Analyse der politischen Gründe erschwert, die uns zur heutigen Situation geführt haben.

Anmerkungen

1) Anm. d. Red.: Franz. „Sous les pavés, la plage“ – Ausspruch des Philosophen Pierre-Jospeh Proudhon, berühmt geworden in der Mai-Revolte 1968 in Paris.
2) Vgl. Siegert, Jens: Gemeingefährliche Justiz – der Fall des Aktionskünstlers Artjom Loskutov aus Nowosibirsk: http://russland.boellblog.org/2009/06/02/gemeingefaehrliche-justiz-der-fall-des-aktionskuenstlers-artjom-loskutov-aus-nowosibirsk, 2. Juni 2009.
3) Russ. My za odnopolye draki; Wortspiel mit „drak“ (Schlägerei) und „brak“ (Ehe).
4) Anm. d. Red.: Leonid Agutin ist ein russischer Popsänger.
5) Anm. d. Red.: Im Gegensatz zur kommunistischen Losung: „Auf in die lichte Zukunft!“

 

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Artjom Loskutov, Performance-Künstler, Organisator der Monstrationen und des nicht kommerziellen Kinofestivals „Kinovar’“ in Novosibirsk, Russland.

pdfRGOW 12/2017, S. 17–19

Foto: Viktor Dmitriev