Die Kirchen angesichts des russisch-ukrainischen Konflikts

Roman Lunkin

In der Bewertung des Euromajdan und der anschließenden Ereignisse sind die Kirchen in Russland und der Ukraine gespalten. Während die russische Regierung evangelische Freikirchen der Kooperation mit ukrainischen Glaubensgeschwistern verdächtigt, werden in der Ukraine die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Moskauer Patriarchat wie auch russische Freikirchen für ihre Loyalität gegenüber Russland kritisiert. Auf der Krim zeigt sich die angespannte Situation unter den Kirchen besonders deutlich. – R. Z.

Die russisch-ukrainische Krise seit 2014 stellt die Kirchen der beiden Länder vor vielfältige Herausforderungen. Insbesondere Protestanten und Orthodoxe sind hinsichtlich ihrer Einschätzung des Euromajdans sowie der Ereignisse im Donbass und auf der Krim gespalten. Die Kirchen in der Ukraine sind unmittelbar vom Kriegsgeschehen betroffen, so dass auch Geistliche die militärischen antiterroristischen Operationen im Südosten der Ukraine mit geistlichem Beistand unterstützen. Nicht zuletzt trägt die wirtschaftliche Krise in der ukrainischen Öffentlichkeit zu einem verschärften patriotischen Verteidigungswillen bei. Die Kirchen in Russland hingegen sind nicht direkt mit dem Krieg konfrontiert – die Kriege in Syrien oder im Donbass spielen sich hauptsächlich im Fernsehen ab –, doch unterstützen sie ukrainische Flüchtlinge und Arbeitsmigranten. Gläubige aus dem Süden Russlands helfen ihren Verwandten, die in der Regel aus dem Osten und der Zentralukraine stammen. Ein Teil der russischen Bevölkerung war für die patriotische Propaganda und die Euphorie mit den Slogans „Verteidigung der Russen“ sowie „die Krim gehört uns“ (russ. „Krym naš“) empfänglich. Doch trotz diametral entgegengesetzter Positionen ist die Logik des Vorgehens von Kirchen- und Regierungsvertretern in beiden Ländern sehr ähnlich.

Heikle Hilfsaktionen
Angesichts der Geschehnisse suchten Geistliche und Prediger nach neuen Impulsen für die christliche Mission und für die Umsetzung evangelischer Prinzipien in der Hilfe am Nächsten. Die revolutionären Veränderungen nach dem Euromajdan deuteten viele Prediger als Prophezeiung einer neuen Etappe der christlichen Mission in der Ukraine. So entstand der Begriff einer „Majdan-Theologie“ als theologische Reflexion der nationalen und staatsbürgerlichen Würde des Christen, der sich für seine Gesellschaft verantwortlich fühlt (s. RGOW 5–6/2014, S. 39–41; RGOW 2/2015, S. 12–17). Dieses Verantwortungsbewusstsein kam vor allem im sozialen Engagement der Kirchen und in patriotischen Aussagen ihrer Oberhäupter zum Ausdruck. Hilfe für die von Kampfhandlungen betroffenen Menschen in den südöstlichen Regionen leisteten vor allem Orthodoxe und Protestanten.
Ein Beispiel dafür ist die humanitäre Hilfe, die der Prediger Sergej Kosjak der Pfingstkirche „Versammlung Gottes“ (Assemblies of God ), zusammen mit Pjotr Dudnik und Sergej Demidovitsch von der Kirche „Gute Nachricht“ (russ. Dobraja Vest’) in Slavjansk organisierte. Kosjak war zuvor in der selbsternannten „Volksrepublik Donezk“ gefangen gehalten worden und begann trotz mehrmaliger Drohungen von Militärs beider Seiten Hilfe für Menschen in der Region bereitzustellen. Auch russische Pfingstchristen und Baptisten aus der Oblast’ Rostov nutzten ihre Kanäle, um ihre Glaubensgeschwister jenseits der Grenze zu unterstützen.
Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) organisierte auf mehreren Ebenen Hilfe für die Betroffenen des Konflikts. In der Oblast’ Rostov wurde ein orthodoxes humanitäres Zentrum geschaffen, wo insbesondere in den Jahren 2014 und 2015 Hilfsgüter an Flüchtlinge verteilt wurden. Danach nahm die Flüchtlingswelle bedeutend ab. Eine gezielte Unterstützung ließ die ROK auch den Eparchien der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Moskauer Patriarchat (UOK–MP) in Donezk und Luhansk zukommen. Sie hat jedoch prinzipiell keine Hilfsgüter an die Regierungen der nicht anerkannten Republiken geschickt. Im Jahr 2015 hat die ROK ein ambitioniertes Projekt für Flüchtlinge ins Leben gerufen, das von der Billy Graham Evangelistic Association im Rahmen des Projekts „Samariter-Beutel“ (russ. Suma samaritjanina) unterstützt wird. Dank dieses Projekts erhielten Zehntausende von Flüchtlingen aus der Ukraine in den Oblasten Rostov und Belgorod humanitäre Hilfe – unter der Bedingung, dass diese Hilfe nicht auf das Territorium der beiden Republiken Donezk und Luhansk gelangt (s. RGOW 1/2016, S. 25–27).
Die neuen Formen christlicher Mission und die dringend benötigte karitative Unterstützung gingen jedoch gleichzeitig mit zunehmenden Animositäten zwischen Gläubigen und oft auch zwischen Geistlichen einher. Eine wichtige Rolle spielten dabei sowohl Kirchenvertreter als auch Politiker. In Russland gerieten alle Kirchen unter Verdacht, die in irgendeiner Weise mit ukrainischen Bewegungen in Verbindung stehen – dies waren insbesondere die Pfingstbewegungen „Neue Generation“ (russ. Novoe Pokolenie) und „Gottes Botschaft“ (russ. Posol’stvo Božie). Deren Gläubige und Prediger wurden auf der Grundlage des sog. Jarovaja-Gesetzespakets vom Juni 2016 belangt, das Geldstrafen (bis zu 50 000 Rubel für Bürger und bis zu einer Million Rubel für Kirchen) für „unrechtmäßige Missionstätigkeit“ einführte (s. RGOW 8/2016, S. 10).
Auf große Resonanz stieß auch die Ausschaffung von Irina Tischtschenko, Ehefrau eines Pastors der ukrainischen Bewegung „Neue Generation“, die die Pfingstgemeinde im russischen Kemerovo besucht hatte. Die Polizei nahm Tischtschenko auf ihrem Rückweg zum Flughafen fest und verordnete eine Geldstrafe in Höhe von 30 000 Rubel aufgrund einer Predigt während des Gottesdiensts. Im September 2016 wurde in St. Petersburg Sergej Schuravljov, selbsternannter Erzbischof der nicht kanonischen Ukrainischen Reformatorischen Orthodoxen Kirche, aufgrund einer Predigt in einer messianisch-jüdischen Gemeinde zu einer Strafe verurteilt. Gegen ihn wurde Anzeige erstattet, weil er ein Anhänger des Euromajdan sowie des „Rechten Sektors“ sei (aufgrund von Fotos von ihm auf dem Majdan in sozialen Netzwerken). 2017 wurde ein Strafverfahren gegen Gläubige des Christlichen Zentrums „Wiederaufbau“ (russ. Vosstanovlenije) eingeleitet, das sich der Rehabilitation von Drogenabhängigen widmet. Der Prediger dieses Zentrums, Jevgenij Peresvetov, wird bisher nur als Zeuge vernommen. Er ist ukrainischer Bürger, deshalb geriet seine Gemeinde unter Verdacht.

Kritik an der UOK–MP
Im Gegensatz zu Russland ist die Suche nach dem „Feind“ in der Ukraine ein Bestandteil öffentlicher Debatten. Vor allem die UOK–MP ist massiver Kritik ausgesetzt, weil sie der ROK und somit Patriarch Kirill (Gundjaev) untersteht – allerdings genießt sie innerhalb der ROK einen autonomen Status. Seit Ausbruch des Konflikts hat die Leitung der UOK–MP es jedoch vermieden, ihre Zugehörigkeit zum Moskauer Patriarchat zu erwähnen und ihren Priestern sogar inoffiziell erlaubt, Patriarch Kirill während der Gottesdienste nicht zu erwähnen, falls dies bei Kirchengängern negative Reaktionen auslösen könnte. Die Militärgeistlichen der UOK–MP kooperierten mit der ukrainischen Armee und unterstützten Teilnehmer an Antiterror-Operationen. Bereits 2014 bat Metropolit Onufrij (Beresovskij), seit 2014 Kirchenoberhaupt der UOK–MP (s. RGOW 2/2015, S. 9–11), Präsident Putin in mehreren Briefen, das Geschehen auf der Krim und im Donbass zu beenden. Patriarch Kirill wiederum verurteilte eine politische Deutung der Bezeichnung „Russische Welt“ (russ. Russkij Mir): „Die religiöse Dimension der Russischen Welt ist eine Quelle des Friedens unserer Völker. […] Ohne diese Werte werden weder die russische noch die ukrainische noch die weißrussische Nation bestehen können, und alles wird in einem Zivilisationstopf verschmelzen. Die Erhaltung der Zivilisationen, darunter auch der Russischen Welt, ist unsere gemeinsame Aufgabe. Es geht nicht darum, irgendwelche politischen Konstrukte zu entwerfen, neue Imperien aufzubauen oder neue Militärblöcke zu schaffen.“1 Mit Blick auf die Situation im Donbass und auf der Krim spricht Präsident Putin jedoch weiterhin über den Schutz der „Russischen Welt“, womit die Gefahr der Abspaltung der UOK–MP von der ROK nach wie vor bestehen bleibt. Seit 2015 verzichtet Patriarch Kirill ganz auf die Begriffe „Russische Welt“ und „Russische Zivilisation“. In seinen Briefen sprach er dem ukrainischen Sekretär des Rates für Nationale Sicherheit und Verteidigung, Olexander Turtschynov, wie auch dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko seine Anerkennung aus. Außerdem hat Patriarch Kirill den Beitritt der Krim zu Russland nie offiziell gutgeheißen. Auch verblieben die orthodoxen Gemeinden auf der Krim bei der UOK–MP (s. RGOW 4/2014, S. 7). Doch all das hat nichts genützt.
Zwischen 2014 und 2017 traten unter Beteiligung der Lokalregierungen und von Nationalisten etwa 40 Gemeinden der UOK–MP zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Kiewer Patriarchat (UOK–KP) über. Die UOK–MP verurteilte dies als eine „Annexion von Gotteshäusern“ und Verletzung der Religionsfreiheit. Zudem haben mehrere Abgeordnete des ukrainischen Parlaments Gesetzesprojekte vorgeschlagen, die sich de facto gegen die UOK–MP richten. Eines der wichtigsten Gesetzesprojekte Nr. 4511 sieht die Möglichkeit vor, die UOK–MP als eine Organisation einzustufen, deren Zentrum sich in einem „Aggressor-Staat“ befindet. Im Falle einer Verabschiedung des Gesetzesentwurfs erhielte die ukrainische Regierung das Recht, die Personalpolitik der Kirche zu kontrollieren. Das Gesetzesprojekt Nr. 4128 schlägt Änderungen vor, die es religiösen Gemeinden erlauben würden, ihre Jurisdiktion „zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse und für einen angemessenen Ausdruck religiöser Gefühle“ auf Versammlungen mit einfachen Mehrheiten zu ändern. Das würde es den Befürwortern der UOK–KP erlauben, ihre Gemeinden in den Kirchgebäuden der UOK–MP zu registrieren.
Eine patriotische Position und eine kritische Haltung gegenüber Russland und der ROK nimmt der Allukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften ein, dem auch Vertreter der UOK–MP angehören. Unter diesen sprechen sich einige für eine Trennung von der ROK aus. Eine noch radikalere Kritik an Russland und der UOK–MP übt die UOK–KP, die sich selbst als die nationale Kirche der Ukraine ausgerufen hat – im Gegensatz zur UOK–MP, die vermeintlich von der „Hand Moskaus“ geleitet wird. Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) wiederum unterstützt zwar das Kiewer Patriarchat, ist jedoch gezwungen, die gemäßigte Position des Vatikans im Hinblick auf die russisch-ukrainische Krise sowie auf dessen guten Beziehungen zur ROK seit dem Treffen in Havanna im Februar 2016 zu berücksichtigen (s. RGOW 3/2016, S. 4–7).
Der UOK–MP wird „Anti-Patriotismus“ vorgeworfen, da sie Beziehungen zu Moskau pflegt, und weil es unter ihren Gläubigen und Priestern (insbesondere im Osten der Ukraine) auch Russland-Sympathisanten gibt. Die eigentliche Spaltung besteht jedoch unter den Orthodoxen selbst, darunter auch innerhalb der UOK–MP. Im Gegensatz zur UOK–KP ist die UOK–MP eine Kirche, die die Menschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung und Identitäten vereint.

Konflikte zwischen Freikirchen
Ukrainische Theologen werfen den Kirchenoberhäuptern in Russland sklavische Loyalität gegenüber der russischen Regierung vor, die unter Präsident Putin eine Strategie der „Russischen Welt“ im postsowjetischen Raum verfolge. Dabei seien auch die russischen Protestanten einen Kompromiss mit dem Staat eingegangen: sie schwiegen über das, was in der Ukraine passiere, oder würden sogar zu aktiven Patrioten. Der baptistische Theologe Mykhailo Cherenkov führt die Position der russischen Gemeindeleiter auf die Tradition von Kompromiss und Unterordnung gegenüber der sowjetischen Staatsmacht zurück, was im Gegensatz zur ukrainischen Tradition von religiöser Dissidenz und Pluralismus stehe.2 Viele bekannte Prediger der ukrainischen Pfingstbewegung (darunter Leonid Padun, Prediger der Kirche „Wort des Lebens“ (russ. Slovo Žizni) in Donezk) sprachen in ihren Predigten nahezu offen über die Notwendigkeit, sich dem Aggressor Russland zu widersetzen. Dies rechtfertigten sie mit Bibelpassagen darüber, wie „Brüder werden einander dem Tod ausliefern“ (Mt 10, 21). Unter den russischen Gemeindeleitern teilt beispielsweise der ehemalige Leiter des Bundes der Evangeliumschristen-Baptisten, Jurij Sipko, diese Meinung, ist damit aber eher eine Ausnahme.
Demgegenüber erklären die Freikirchen in Russland, dass die ukrainischen protestantischen Kirchen und das Kiewer Patriarchat eine nationalistische Ideologie in das Kirchenleben eingebracht hätten. Sergej Rjachovskij, Leiter der Russischen Christlichen Vereinigung der Christen evangelischen Glaubens (Pfingstchristen) (ROSChVE), erwähnte die Gefahren des Nationalismus, ohne dieses Thema jedoch weiter auszuführen oder bestimmte Personen konkret zu verurteilen. Rjachovskijs Erklärung zur Situation in der Ukraine und der Tragödie in Odessa (am 6. Mai 2014) kann sehr breit interpretiert werden. Es lässt sich gar ein Eingeständnis heraushören, dass Russland ukrainische Gebiete besetzt hat: „Mein Schmerz gilt der Kirche Christi, meinen Brüdern, den evangelischen Christen Russlands und der Ukraine. Es schmerzt mich, dass der Geist des Nationalismus viele lokale Kirchen eingenommen hat und auch weiterhin die Herzen der Menschen sowohl in der Ukraine als auch in Russland ergreift. […] Ich möchte daran erinnern, dass das israelische Land zur Zeit Jesu Christi auf Erden vom Römischen Reich besetzt war. Für Gott spielte dies jedoch keine Rolle, denn Er dient den Menschen und fordert sie nicht dazu auf, Krieg gegen die ‚Usurpatoren’ zu führen. Er steht über all dem.“3 Von Rjachovskij hatten viele mehr Loyalität gegenüber dem Kreml erwartet, doch seine Position lässt Raum für Dialog.
Zwischen 2014 und 2015 fanden mehrere Treffen von protestantischen Führungspersönlichkeiten auf neutralem Territorium (in Jerusalem und Oslo) statt. Das Ergebnis waren gemeinsame Vereinbarungen über Hilfeleistungen an Glaubensgeschwister in den „Volksrepubliken Donezk und Luhansk“. Die Stimmung an diesen Treffen war jedoch stets angespannt. So ließ das Treffen vom 9. bis 11. April 2014 in Jerusalem die protestantischen Oberhäupter unzufrieden zurück. Der Leiter der Kirche der Christen evangelischen Glaubens (Pfingstchristen) in der Ukraine, Michail Panotschko, kritisierte die russischen Kollegen dafür, dass sie nicht in der Lage seien, eine konkrete Position einzunehmen und die russischen Aggressionen gegenüber der Ukraine zu verurteilen. Zudem schämten sich seines Erachtens die russischen Leitungspersönlichkeiten, das Wort „Aggressor“ auszusprechen, und vermieden es, die antiukrainische Kampagne in den russischen Medien zu verurteilen. Daraufhin warf Konstantin Bendas, Vertreter der ROSChVE, einem Teil der ukrainischen Kirchenleiter vor, sich wie „aggressive Politiker“ aufzuführen und erklärte: „Kirche und Bruderliebe sind mit Politik, Politikern oder irgendwelchen innerstaatlichen bzw. internationalen Konflikten unvereinbar.“ Zum Abschluss des Treffens konnte man sich schließlich auf keine gemeinsame Erklärung einigen. Seinen Eindruck vom Treffen beschreibt der Leiter der Russischen Kirche der Christen evangelischen Glaubens (RCChVE), Eduard Grabovenko, wie folgt: „Schmerz, Ärger, Kränkung. Wir haben Gespräche geführt, Meinungen ausgetauscht und Dinge gehört, die dem, was uns erzählt wird, widersprechen. Ich will nicht alles wiedergeben, doch kam ich mit einem schweren Herzen zurück, weil es kein einfaches Treffen war. Wir haben versucht, die Wogen zu glätten, aber es ist sehr viel Leid und Kummer da.“4
Inwiefern entspricht die in der Ukraine kritisierte absolute Loyalität der russischen Protestanten gegenüber der Regierung der Realität? Von allen religiösen Gemeinschaften hat nur der Russische Bund der Evangeliumschristen-Baptisten den Euromajdan und den Machtwechsel sowie die Mitwirkung des baptistischen Predigers Olexandr Turtschynov am Aufstand verurteilt (s. RGOW 7/2014, S. 4). Die Baptisten befürchteten, dass eine unmittelbare Teilnahme von Glaubensgeschwistern an der neuen ukrainischen Regierung das Misstrauen der russischen Regierung gegenüber allen baptistischen Gemeinden im Land schüren würde. Viele ukrainische Prediger sprachen daraufhin von einem Verrat seitens des russischen Baptisten-Bundes. Der Leiter der baptistischen Kirche von Altschevsk in der Oblast Luhansk, Jurij Simonenko, hat die Aussagen der russischen Baptisten sehr emotional aufgegriffen: „Als ich die Geschehnisse auf dem Majdan verfolgte, habe ich sehr klar Gottes richtende Hand gesehen, die einen notorisch stehlenden Menschen entmachtet hat, der sich erlaubt hat, selbst die eigenen Versprechen an die Wähler zu verspotten. […] Und da dachte ich, das werde den anderen verdorbenen Machtgierigen eine Lehre sein. […] An unserer Konferenz habt ihr unschuldige Menschen für die Unterstützung der aufständischen Macht in der Ukraine verurteilt. Sagen Sie, wen von den Aufständischen unterstützen denn eure Brüder in der Ukraine? Euer Bruder Turtschynov wurde als Parlamentssprecher von der Verchovna Rada zum Vertreter des verschwundenen Präsidenten gewählt – im Einklang mit der ukrainischen Verfassung. […] Wo bitte sind also die Aufständischen, die von euern Brüdern unterstützt werden?“5
Keine andere protestantische Gemeinschaft in Russland hat die Position der russischen Regierung und des staatlichen Fernsehens zur Situation in der Ukraine und auf der Krim offiziell unterstützt. Neben dem Baptisten-Bund hat die Pfingstgemeinde „Lebendiger Glaube“ (Živaja Vera) in Pensa am patriotischsten reagiert. Deren Leiter, Sergej Kirejev und Oleg Serov, trafen sich sogar mit den Anführern der „Republik Luhansk“, um den dortigen Protestanten zu helfen. Zudem sammelten sie humanitäre Hilfsgelder für „Neurussland“ (Novorossija), wie sich die nicht anerkannten Republiken oft selbst bezeichnen. Mit der Notwendigkeit, den Gemeinden juristische Unterstützung zu leisten, wurde die Errichtung eines Verbands der ROSChVe auf der Krim im Jahr 2015 gerechtfertigt.
Hat die loyale Position der Gemeindeleiter, die sich in der Verantwortung für Tausende von Gläubigen in Russland sahen, gegenüber der russischen Regierung geholfen? Man kann nicht sagen, dass loyale Kirchen von der Regierung gnädiger behandelt würden. In der Praxis wurden Baptisten und Pfingstchristen von Geheimdienst-Mitarbeitern zu Gesprächen eingeladen, in denen sie direkt gefragt wurden, ob sie vorhätten, eine orangene Revolution in Russland zu organisieren.

Gespannte Lage auf der Krim
Die psychologische Anspannung wird besonders durch die Situation auf der Krim deutlich, seit die Halbinsel unter der Kontrolle der russischen Regierung steht. Am meisten betroffen ist die charismatische Pfingstbewegung – eine ganze Reihe von Pastoren wurde deportiert und in ihren Gemeinden fanden Kontrollen und Durchsuchungen statt. Die Eparchie der UOK–MP in Sewastopol veröffentlichte den Film „Fremde“ (russ. „Čužie“), der die Charismatiker im Genre eines Horrorfilms als Feinde Russlands darstellt.
Auf der Krim stießen zudem zwei Gruppen evangelisch-freikirchlicher Bewegungen aufeinander: Seit 2014 kommen immer mehr Missionare aus Russland, denen „Gott eine neue Vision offenbart hat“ für den Bau von Kirchen an neuen Orten, u. a. dort, wo bereits Gemeinden bestehen. Eine ganze Reihe von Predigern reiste in die Ukraine aus und verließ ihre Gemeinden, die zu einem Großteil eine prorussische Position einnahmen. Russische Missionare wurden von einer Euphorie erfasst, an einem neuen Ort zu predigen, der historisch mit Russland verbunden und nunmehr de facto in Russland eingegliedert ist. Die andere Gruppe von Mitgliedern evangelischer Freikirchen, die auf der Krim geblieben sind, steht der Eingliederung der Krim in Russland eher skeptisch als euphorisch gegenüber. Sie zweifelt nicht nur an der Legitimität des Vorgangs, sondern hat auch Schwierigkeiten, den Wechsel von einer ukrainischen zu einer russischen patriotischen Identität psychologisch zu verarbeiten. Die meisten Gemeinden sind in russische Verbände übergetreten, ein Teil von ihnen bleibt jedoch autonom. Solche Stimmungen werden von ukrainischen Predigern, die von der Krim emigrierten, angeheizt. Für sie ist die Halbinsel kein neuer Ort für Missionstätigkeit, sondern ein Land, das für seine Sünden bestraft wurde und seine Prediger verbannt hat: „Denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen“ (Mt 26,31). Basierend auf den Interviews, die ich mit vielen Predigern der Krim geführt habe, sind solche theologischen Konzeptionen über die „verdammte“ Krim für alle beleidigend, die auf der Krim leben – unabhängig von ihrer Meinung über den „Wechsel“ von 2014.

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Wie lässt sich die Zuspitzung des Konflikts zwischen Geistlichen und Gläubigen erklären? Das russische und das ukrainische Volk sind durch ihre Sprache, Kultur und Glauben eng verwandt. Beide Völker haben eine gemeinsame postsowjetische Vergangenheit und nahezu die gleichen Probleme im Hinblick auf Korruption und den Übergang zur Demokratie wie auch dieselbe Vielfalt an Konfessionen. Dennoch hat genau diese ethnische und kirchliche Verwandtschaft (die meisten Prediger in Russland haben ukrainische Wurzeln) die Tiefe und Emotionalität des Konflikts hervorgerufen – wie im Streit zwischen engsten Verwandten. Die Ukraine und die ukrainischen Kirchen streben nach einer eigenen nationalen Identität als Gegengewicht zu Russland und manchmal zu allem Russischen, während die russische Regierung die Schrauben immer fester anzieht und Russland hart und konsequent der westlichen Welt sowie der ukrainischen „Unordnung“ gegenüberstellt. Beide Ansätze sind zum Scheitern verurteilt, wenn auch die Hoffnung besteht, dass der gemeinsame christliche Glaube nach dem Krieg helfen wird, den Streit zwischen Russen und Ukrainern beizulegen.

Anmerkungen
1) http://www.patriarchia.ru/db/text/3730705.html
2) Vgl. van der Laarse, Rob; Cherenkov, Mykhailo N.; Proshak, Vitaliy V.; Mykhalchuck, Tetiana (eds.): Religion, state, society, and identity in transition Ukraine. Oisterwijk 2015.
3) http://baznica.info/video/sergej-ryahovskij-o-situacii-v-ukraine-i-ob-otnosh
4) http://afmedia.ru/novosti/grabovenko-o-vstrechi-glav-cerkvey
5) http://uriy-sim.livejournal.com/416111.html

Übersetzung aus dem Russischen: Alina Ganje.

Roman Lunkin, PhD, Direktor des Zentrums zur Untersuchung religiöser und gesellschaftlicher Fragen am Europa-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

pdfRGOW 11/2017, S. 18–21

Zum Bild: Im russischen Pensa sammelte die Pfingstgemeinde „Lebendiger Glaube“ gemeinsam mit lokalen NGOs und politischen Parteien Hilfsgüter für „Neurussland“, die besetzten Gebiete Donezk und Luhansk in der Ukraine.