Der Alltag orthodoxer Priester in Russland

Tatjana Krichtova

Eine religionssoziologische Studie der St. Tichon-Universität untersucht den Alltag von Priestern der Russischen Orthodoxen Kirche in Russland. Auffällig sind vor allem die Diskrepanzen zwischen Lehrbuch und Praxis. Rolle und Identität eines Priesters hängen sehr stark von den lokalen Bedingungen seines Einsatzbereiches ab. – R. Z.

Was für ein Mensch ist eigentlich ein orthodoxer Priester? Was macht er den ganzen Tag? Wie gestaltet sich sein Zeitplan? Wie unterscheiden sich die Priester voneinander? Diese und andere Fragen stehen im Mittelpunkt des Projekts „Zeitbudget eines heutigen orthodoxen Priesters“, das seit 2015 am Laboratorium für Religionssoziologie der Orthodoxen Humanwissenschaftlichen St. Tichon-Universität (PSTGU) angesiedelt ist.1

Warum gerade die Priester?
Die Russische Orthodoxe Kirche ist die größte und einflussreichste Organisation im gegenwärtigen Russland, die sich nicht nur mit der Ausführung religiöser Rituale beschäftigt, sondern auch in vielen anderen Bereichen wie Bildung, Sozialarbeit und Medizin tätig ist. Die reale Effizienz dieser Tätigkeit einzuschätzen, ist schwierig, da Freunde und Feinde der Kirche oft gegensätzliche, doch gleichermaßen überzeichnete Ansichten zum Ausdruck bringen. Um eine entsprechende Analyse der Wirkungsmacht der Kirche zu erstellen, suchten wir nach einer klar definierbaren Grundeinheit als Arbeitsgrundlage. Begriffe wie „Glaube“ oder „Gemeinde“ sind dabei nicht eindeutig genug. Ein Priester jedoch ist eine konkrete Einheit: Er ist ein Mensch mit einer Biographie, mit Motivationen und Pflichten, den man beobachten und interviewen kann.

Die der Studie zugrundeliegende Hypothese lautet, dass sich das Zeitbudget gegenwärtiger orthodoxer Priester prinzipiell vom Zeitbudget anderer Berufe unterscheidet. Ein Priester erfüllt seine beruflichen Pflichten pausenlos: ohne Mittagspausen oder Freizeit im Arbeitsplan, und während der Ausbildung weiß ein künftiger Priester nicht, welche Handlungen er in Zukunft ausüben wird. Weder im kirchlichen Umfeld noch in der säkularen Gesellschaft gibt es ein klares Verständnis dessen, wie die Qualität der Arbeit eines Priesters zum Ausdruck kommt, womit ein guter Priester sich beschäftigen soll, und was bestimmt, ob er sich bewährt. Konkrete zählbare Hinweise (z. B. die Anzahl Menschen im Gottesdienst, die Anzahl der Kommunikanten, regelmäßige Gemeindeglieder) vermischen sich dabei mit Faktoren, die man empirisch nicht einschätzen kann (Atmosphäre in der Kirche, Zusammengehörigkeit einer Gemeinde). Letztere können jedoch für den Priester, die Gemeinde und externe Beobachter nicht weniger wichtig sein. Die Lehrbücher für pastorale Handlungen sprechen hauptsächlich von der Liturgie, Kasualien und der Beichte. Nur beiläufig und fast ohne konkrete Angaben erinnern sie an die Notwendigkeit, dass sich ein Priester auch informell mit den Gemeindegliedern und der eigenen Familie austauschen soll, oder an die Möglichkeit, Urlaub oder eine Weiterbildung zu machen. Praktisch ignoriert wird die organisatorische Büroarbeit, das Ausstellen von Dokumenten, die Rechnungsführung, finanzielle Fragen und andere nicht vorgesehene Dinge.

Wie erforscht man Priester?
Gleich zu Beginn war der Forschungsgruppe klar, dass es nicht reichen würde, Interviews mit Priestern zu führen, weil sich die persönlichen Vorstellungen der Priester über sich selbst stark von ihrem realen Leben unterscheiden können. Deshalb entstand die Idee, eine genügend repräsentative Auswahl an Priestern zu treffen, und zu beobachten, womit sie sich tagtäglich beschäftigen, sie eine Woche lang zu begleiten und in maximaler Weise an ihren Tätigkeiten teilzunehmen. Es handelt sich dabei um die sog. Shadowing-Technik. Dabei geht es aber nicht nur um eine schlichte Aufzählung von Tätigkeiten, sondern auch um das Beobachten der sozialen Beziehungen, die sich außerhalb des Alltags abspielen.

Klar war auch, dass sich orthodoxe Priester sehr stark voneinander unterscheiden, und dass es nicht möglich sein wird, gewisse „durchschnittliche“ Priester zu finden. Deshalb haben wir uns für eine vielfältige Auswahl entschieden. Daher wurde die sog. fraktale Auswahl angewandt: je einige Vertreter aus Sibirien, dem Ural, Kuban, dem Fernen Osten, dem Russischen Norden und der Wolgaregion. Die meisten teilnehmenden Priester stammten jedoch aus Moskau, wobei eine Auswahl möglichst unterschiedlicher Priester getroffen wurde, die in Krankenhäusern, Universitäten, staatlichen Institutionen, wohltätigen Organisationen, in einem Frauenkloster und in Gemeinden unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Stadtteilen dienen. In ganz Russland wurden 35 Priester ausgewählt.

Oft kommentierten die Priester selbst das Geschehen, viele Dinge versuchten sie nicht nur für den Augenblick zu erklären, sondern im Kontext ihres ganzen Lebens und Dienstes. Die Beobachter beachteten aber auch diejenigen Momente, die die Priester selbst nicht bemerken konnten oder für nicht wichtig hielten, weil sie sie ständig erleben. Natürlich reagierten die Priester unterschiedlich auf ihre Beobachter. In der Region Krasnodar zum Beispiel war der Priester davon überzeugt, dass die Forscherin als Kontrollperson aus Moskau geschickt worden war, und bemühte sich, seinen Dienst in attraktivstem Licht darzustellen: sie wurde zu orthodoxen Kindergärten, kreativen Werkstätten, im Bau befindlichen Kirchen und Museen geführt. Zudem waren bei weitem nicht alle angefragten Priester bereit, an der Studie teilzunehmen.

Der Arbeitstag eines Priesters
Die Hauptaufgabe bestand darin zu überprüfen, inwiefern das vom Priester selbst angegebene Zeitbudget mit dem Zeitbudget übereinstimmte, das die Forscher beobachteten. Einige Male entstand die Situation, dass ein Priester im Vorfeld seine Haupttätigkeiten sehr klar benannt hatte, während er in Wirklichkeit völlig anderen Aufgaben nachging. Den Verlauf eines gewöhnlichen Arbeitstages können verschiedene Faktoren beeinflussen: die Besonderheiten einer Gemeinde, die Aufteilung der Verpflichtungen zwischen den Priestern in der Gemeinde, die Aufgaben „höherer Ordnung“ (wenn der Priester auch Verpflichtungen im größeren Kirchenkreis hat), wie auch die persönliche Situation des Priesters und seine Initiativfreude.

Die Tätigkeiten der Priester sind so verschieden, dass der Eindruck entsteht, dass sie alle in anderen Bereichen arbeiten. Da ist zum Beispiel ein Priester, der im Krankenhaus dient und die meiste Zeit von Zimmer zu Zimmer geht und auf die Bedürfnisse der Kranken eingeht. Er dient natürlich auch in der Krankenhauskirche, doch die meiste Zeit verbringt er im Gespräch mit Patienten. Dieser Priester sieht seine Aufgabe darin, unmittelbar den kranken Menschen zu dienen. Zu seiner Studienzeit musste er noch keine Abschlussarbeit in einem Geistlichen Seminar schrei­ben, um geweiht zu werden. Doch das Fehlen eines Diploms erklärt er damit, dass das Theologiestudium nicht der wichtigste Teil im Leben eines Kirchendieners sei. Unmittelbare Hilfe und missionarische Arbeit seien auch ohne dies möglich.

Ein anderer Priester dient auf dem Land, in einem kleinen Dorf im Ural. Dort leben nur 50 Menschen, davon gehen etwa 20 zur Kirche, die anderen arbeiten kaum und trinken viel. Dieser Landpriester hat eine enge Bindung zu der Dorfbevölkerung, er versucht aus ihnen eine Gemeinschaft zu bilden und kannte alle in der Gegend wohnenden Kinder, darunter auch diejenigen, die nicht in die Kirche kommen. Zudem verbringt er viel Zeit im eigenen Garten, der als wichtige Ernährungsquelle dient. Dabei betreut er noch vier weitere Gemeinden im Umland und noch eine in einer Vollzugsanstalt, die er alle täglich besucht. Nicht alle Priester waren zufrieden mit ihrer Situation und ihren Verpflichtungen. Auf Kritik stieß vor allem die administrative Arbeit.

Untersucht wurde auch, welche Rollen die Priester innehaben, wie sie entstehen und wovon sie abhängen. Ergebnis ist, dass eine Rolle dem jeweiligen Priester im Prozess der beruflichen Sozialisierung zukommt, d. h. wenn er in eine Gemeinde kommt, in die er gesandt wurde oder in die er zufällig geriet. Er bestimmt die Besonderheit dieser Gemeinde oder seine Stellung in der Gemeinde als wichtigste Charakteristik seiner Persönlichkeit, strukturiert davon ausgehend sein ganzes Leben und erklärt hieraus seine Handlungen. Wenn er zum Beispiel in einer Gemeinde die Aufgabe der Mission unter Jugendlichen hat, dann hält er die Jugendarbeit nicht nur für den wichtigsten Aspekt seines eigenen Dienstes, sondern in der Mission der Kirche insgesamt. Er handelt also situativ und nicht gemäß irgendwelchen vorgefertigten Bestimmungen. Im Idealfall sollte man also die künftigen Priester gerade auf die Fähigkeit vorbereiten, schnell auf unterschiedliche Umgebungsbedingungen reagieren zu können.

Seelsorge oder Ritualhandlung?
Das Projekt wurde ursprünglich als Zeitanalyse gemäß der Dichotomie „Seelsorge – Ritualhandlung“ geplant. Gemeint sind einerseits die unmittelbare Sorge um die Gemeindeglieder und deren Unterstützung auf ihrem geistigen Weg, und andererseits die Ausführung kirchlicher Rituale, die oft bezahlt werden müssen (Taufe, Kommunion, Beichte, Wohnungsweihe). Unter den höheren Kirchenhierarchen ist viel davon die Rede, dass viele Priester lieber Rituale ausführen als Seelsorge anbieten – was als ein grundlegendes Problem der Kirche angesehen wird. Rituale sind natürlich notwendig, und nicht zuletzt hängt davon häufig auch das Einkommen des Priesters ab. Doch in der Kirche wird diese Tätigkeit oft in einen Gegensatz zur höher bewerteten Seelsorge gestellt. Die Forschungsgruppe kam jedoch zum Schluss, dass die Priester selbst diesen Gegensatz nicht sehen. Die Mehrheit der Priester versuchte zum Beispiel, einen Besuch bei Gemeindegliedern, die sie zur Ausführung eines Rituals in ihre Wohnung gerufen hatten, als Möglichkeit zur Heranführung an den Glauben zu nutzen.

Insgesamt zeigt sich, dass die gegenwärtigen Priester in der Russischen Föderation keine einheitliche soziale Gruppe darstellen, weil die Unterschiede zwischen ihnen zu groß sind. Viel eher sind sie als versprengte Gruppe mit ähnlichem Bildungshintergrund, ähnlichen Wertvorstellungen und ähnlicher Einkommensart zu bezeichnen. In Zukunft wird sich dies noch verstärken, da sich neue Rollen und Bereiche abzeichnen, in denen die Priester ihre Kräfte einsetzen werden.

Anmerkung
1)  http://socrel.pstgu.ru/RU/grants/priest.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Tatjana Krichtova, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Laboratorium für Religionssoziologie der PSTGU.