Sibirien zwischen Weiß und Rot (1917–1920)

Carsten Goehrke

In Sibirien breitete sich die Revolution entlang der Transsibirischen Eisenbahn aus. Auf Anklang stieß vor allem die Forderung der Bolschewiki nach einem sofortigen Ausscheiden Russlands aus dem Ersten Weltkrieg. Im Bürgerkrieg stand Sibirien anderthalb Jahre unter „weißer Herrschaft“. Doch trotz seiner bäuerlichen Sozialstruktur konnten sich die Bolschewiki aufgrund der ungeschickten politischen Führung der „Weißen“ letztlich auch in Sibirien durchsetzen. – S. K.

„Der Sibirjak ist fleißig, über alles gastfreundlich sowie freiheitsliebend, aufrichtig und ehrlich. Ihn konnte man nie, wie den europäischen Russen, zu einem unterwürfigen Rock- oder Händeküssen zwingen.“ Der Schweizer Albert Steffen, der dies rückblickend auf seine Arbeit als Käser während der Jahre 1912 bis 1917 in der Nähe von Smolensk und danach von 1917 bis 1920 im westsibirischen Altai-Vorland schreibt, hat mit dem fremden Blick – wenn auch nicht ganz vorurteilsfrei – erfasst, dass die Uhren in Sibirien anders tickten als im europäischen Russland. Zu dieser unternehmerischen und auf Freiheit bedachten Mentalität der Sibirjaken scheint es gar nicht zu passen, dass auch sie von den Folgen der Oktoberrevolution von 1917 betroffen waren, ja mehr noch – dass selbst Sibirien den Bolschewiki anheimfiel. Das wird zu begründen sein.

Eigene Sozialstruktur
Nicht nur von der Mentalität seiner alteingesessenen russischen Bevölkerung, sondern auch von seiner Sozialstruktur her war Sibirien am Vorabend des Ersten Weltkrieges denkbar ungeeignet für eine sozialistische Revolution. Die Bauern waren selbständig wirtschaftende Großbauern, im Vergleich zu ihren europäischen Landsleuten wohlhabend; die Leibeigenschaft war ihnen erspart geblieben. Der Übergang vom Bauern zum Kaufmann, Schiffseigner und Unternehmer war fließend. Dem Staat und der Kirche stand man eher distanziert gegenüber. Was die Sibirjaken für sich politisch erstrebten, war ein gewisses Maß an Autonomie innerhalb des Zarenreiches. Allerdings waren seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend landlose Bauern aus dem europäischen Russland nach Sibirien ausgewandert oder von der Regierung dorthin umgesiedelt worden, und diese Neuankömmlinge, die erst einmal mühsam Land roden mussten, blickten mit scheelen Augen auf die Großbauern; der Sozialneid, der daraus erwuchs, trieb in der Folgezeit einen Keil in die Bauernschaft. Ein Proletariat im Sinne der Bolschewiki gab es kaum, die Industrie bestand weitgehend aus Kleinbetrieben, und selbst in den Bergwerken arbeiteten überwiegend Sträflinge. Stützen konnten sich revolutionäre Parteien wie die Bolschewiki, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre im Untergrund auf die zahlenmäßig schwache linke Intelligenzija in den Städten und vor allem auf die Arbeiter der Eisenbahndepots und Reparaturwerkstätten längs der Transsibirischen Eisenbahn. Daneben aber bildeten die Menschen, die das Zarenregime aus politischen Gründen zu Tausenden nach Sibirien deportierte, ein latentes Unruhepotenzial, das sich im Bunde mit den revolutionären Parteien bei passender Gelegenheit entladen konnte.

Eine solche Gelegenheit bot sich, als nach der Niederlage des Zarenreiches im Krieg gegen Japan 1905 im europäischen Russland eine Revolution ausbrach, die entlang der Transsibirischen Eisenbahn ihre Wellen bis nach Transbaikalien schlug. Die Eisenbahnarbeiter streikten, die Garnisonen von Krasnojarsk, Irkutsk und Tschita solidarisierten sich mit ihnen, und im Dezember und Januar 1905/06 riefen die Aufständischen in Krasnojarsk und Tschita sogar vom Zarenreich unabhängige „Republiken“ aus. Doch noch reichte die geballte Macht des Regimes aus, um den Widerstand zu brechen.

Ausbreitung der Revolution in Sibirien
Die nächste Gelegenheit für einen Aufstand gegen die Autokratie eröffnete der Erste Weltkrieg. Sein für Russland zunehmend ungünstiger Verlauf mit den hohen Verlusten an Menschen und mit den seit 1916 wachsenden Versorgungsschwierigkeiten in den Städten schürte die öffentliche Unzufriedenheit. Die Regierung versuchte, Streiks und Demonstrationszüge in der Hauptstadt Petrograd gewaltsam niederzuschlagen, doch am 26. und 27. Februar 1917 verweigerte die Armee den Gehorsam. Mit dem Verlust seiner Machtmittel war das Regime am Ende. Die erste Revolution des Jahres 1917 war geboren, die „Februarrevolution“. Zwar war das Zarenregime gestürzt, doch ein stabiles, nunmehr demokratisches Russland gebar der Systemwechsel nicht. Warum? Zum ersten etablierte sich nach dem Sturz des autokratischen Systems eine völlig ineffiziente Doppelherrschaft; sie wurde auf der einen Seite repräsentiert durch eine aus dem letzten Parlament hervorgegangene „Provisorische Regierung“, die durch Wahlen jedoch nicht legitimiert war, und auf der anderen Seite durch den Petrograder „Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten“, welcher der Regierung mit äußerstem Misstrauen begegnete. Zum zweiten verblieb Russland gegen den Willen der breiten Massen weiterhin im Krieg. Zum dritten brachen im Lande Recht und Ordnung zunehmend zusammen, gab es Putschversuche von rechts wie links, breiteten sich chaotische Verhältnisse aus.

In Sibirien eilte der politische Umbruch wie schon 1905 die Transsibirische Eisenbahn entlang. In den Städten an der Bahntrasse etablierten die Linksparteien im Bunde mit Arbeitern und Soldaten im März 1917 neue Machtorgane in Gestalt von Arbeiter- und Soldatenräten, in denen ehemalige politische Deportierte eine wichtige Rolle spielten. Das flache Land erfuhr von der veränderten Lage erst Monate später, so lange wurde für den Zaren in den Kirchen noch gebetet. Die Provisorische Regierung in Petrograd setzte als ihre Vertreter in den sibirischen Gouvernements Kommissare ein. Diese verfügten jedoch über keine wirkliche Macht. Auch die Räte besaßen sie im Grunde nicht, denn nach der Auflösung der zaristischen Polizei-, Verwaltungs- und Gerichtsorgane nahmen überall die Dörfer das Heft in die eigenen Hände, stellten die Steuerzahlungen ein und warteten die weitere Entwicklung ab. In einzelnen Kreisen und Amtsbezirken des Gouvernements Jenissei begannen sich nach städtischem Vorbild „Kreis-„ oder „Wolost-Sowjets der Bauerndeputierten“ zu bilden, die ein bevollmächtigtes Exekutivkomitee wählten. Diese Exekutivkomitees erklärten sich für autonom und berechtigt, auf ihrem Gebiet gültige Gesetze zu erlassen und unmittelbar mit den zuständigen Ministerien der Provisorischen Regierung zu verkehren.

Schon ab Spätsommer 1917 begannen auch Konflikte innerhalb der Bauernschaft die traditionelle Solidarität zu zersetzen: Man registrierte zunehmend Brandstiftungen an Getreidespeichern von Großbauern und Mühlenbesitzern. Bauern trieben ihr Vieh auf abgeerntete Felder, die Kosaken gehörten, und zündeten deren Heustöcke an, und Neusiedler usurpierten gewaltsam Land von Altbauern. Allgemeine Anarchie begann sich auszubreiten. Bis zum Herbst 1917 standen die Bauern stark unter dem Einfluss der Partei der Sozialrevolutionäre (PSR), die gezielt auf dem Lande agitierte. Dabei folgte die PSR der offiziellen Linie der Provisorischen Regierung, die den Bauern zwar wie die Bolschewiki alles Land in Aussicht stellte, doch erst nach entsprechenden Gesetzen, welche die künftige, durch allgemeine Wahlen legitimierte Konstituante erlassen würde. Diese „legalistische“ Parteilinie wurde ihr aber letztlich zum Verhängnis, denn angesichts der radikalen Parolen der Bolschewiki, welche die Bauern aufforderten, sich das (in Sibirien übrigens relativ unbedeutende) Land der Großgrundbesitzer, Kosaken, Kirchen und Klöster sofort und entschädigungslos anzueignen, geriet die PSR immer stärker ins Hintertreffen. Zudem folgten die Soldaten bedingungslos dem Aufruf der Bolschewiki, den Krieg zu beenden, und weil fast alle Soldaten Bauern waren, trugen sie diesen Aufruf auch in die Dörfer hinein. Schon im Laufe des Spätsommers und des Frühherbstes zeichnete sich in den Arbeiter- und Soldatenräten der sibirischen Städte ein Umschwung ab, der den Bolschewiki als der radikalsten politischen Kraft und dem mit ihnen verbündeten linken Flügel der PSR die Mehrheit verschaffte. Nun bedurfte es nur eines Signals aus der Hauptstadt, um sich die vollständige Macht zu sichern. Daher ein kurzer Blick auf die dortige Entwicklung.

Machtübernahme der Bolschewiki
Das allgemeine Chaos im Lande hatte Lenin als charismatischer Führer der Bolschewiki genutzt, um mit drei eingängigen Parolen die Werktätigen für seine Partei zu gewinnen: Sofortiger Friede! Alle Macht den Räten! Alles Land den Bauern! Damit gelang es ihm seit dem Spätsommer 1917, die gemäßigten Linksparteien auszumanövrieren, die sich durch ihren Eintritt in die Provisorische Regierung die Hände selber gebunden hatten. Lenin und sein Mitstreiter Leo Trotzki ergriffen ihre Chance, und die Bolschewiki übernahmen in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober (6./7. November neuen Stils) ohne größeren Widerstand in der Hauptstadt die Macht. Im Laufe der folgenden Wochen und Monate vermochten sie diese Machtposition kraft Lenins eingängiger Parolen auf die meisten Städte und Eisenbahnknotenpunkte des Landes auszuweiten (auch nach Sibirien), ohne dass sie über größere militärische Machtmittel verfügt hätten. Die Regierung war hilflos, denn der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat hatte ihr schon früh den Zugriff auf die Armee entzogen. Dass die Wahlen zu einer Verfassunggebenden Nationalversammlung, welche die Provisorische Regierung noch vor ihrem Sturz anberaumt hatte, im November 1917 den Bolschewiki nur ein Viertel der Stimmen einbrachten (in Sibirien sogar nur zehn Prozent!), änderte an dieser Situation nichts mehr, denn als die Konstituante im Januar 1918 zusammentreten wollte, ließ Lenin sie zersprengen. Das gleiche Schicksal traf die „Provisorische Regierung des Autonomen Sibirien“, die sich nach langen Vorbereitungen Ende Januar 1918 in Tomsk konstituiert hatte, aber nun gezwungen war, in den Fernen Osten zu fliehen.

In den sibirischen Städten erfolgte nach dem Petrograder Oktoberumsturz die Machtübernahme durch Bolschewiki und linke PSR mehr oder minder problemlos. Auf Gouvernements- wie Kreisebene fiel die Macht an vom jeweiligen Sowjet gewählte Vereinigte Exekutivkomitees, die fast völlig von den Bolschewiki beherrscht wurden. In der Folge begannen diese systematisch damit, die Bauernräte auf dem Lande durch eigene Leute auf ihre Linie zu bringen, alle „Kulaken“ (Großbauern) aus ihnen zu entfernen und dort, wo dies nicht möglich war, Dorfarmensowjets zu gründen, um die Bauernschaft zu spalten. Als ihre wichtigsten Propagandisten traten dabei die demobilisierten Soldaten auf, die ab November in ihre Heimatdörfer entlassen wurden und großmehrheitlich bolschewistisch gesinnt waren. Trotzdem sollte man den Einfluss der Bolschewiki auf dem Lande nicht überschätzen. Sogar noch im Juni 1918 zählten sie im gesamten Gouvernement Jenissei etwa 4 000–4 500 Parteimitglieder, von denen lediglich ein Zehntel auf dem Lande tätig war.

Im Laufe des Winters 1917/18 nationalisierte das neue Regime die Banken, die Bergwerke und die Schifffahrt. Diese Maßnahmen interessierten die Massen weniger. Doch dass Lenin die gewählte Konstituante in Petrograd auflösen ließ, öffnete auch vielen Linken die Augen über die wahren Absichten der Bolschewiki. Zu einem bewaffneten Widerstand kam es nur stellenweise, vor allem durch Kosakenabteilungen. Allerdings begann sich im Laufe der folgenden Monate die anfänglich verbreitete Sympathie für die Sache der Bolschewiki mehr und mehr zu legen. Dass die Bauern für ihre Produkte kaum noch landwirtschaftliches Gerät und Kerosin eintauschen konnten und ihr Getreide von Rotgardisten mit vorgehaltener Waffe zwangsrequiriert wurde, erbitterte sie. Hunderte von echten und vermeintlichen Gegnern des neuen Regimes verschwanden im Gefängnis. Zugleich zeigte es sich immer mehr, dass die Bolschewiki mit der Verwaltung des riesigen Territoriums völlig überfordert waren, denn die meisten von ihnen waren vorher nur Soldaten gewesen, und nicht wenige konnten weder lesen noch schreiben.

Eine radikale Wende bei den Machtverhältnissen zeichnete sich erst ab, als Lenin sein Versprechen wahr machte, und Sowjetrussland am 3. März 1918 durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk mit den Mittelmächten aus dem Weltkrieg ausschied. Weil seine früheren Alliierten aber auf Russlands Kriegsteilnahme nicht verzichten wollten, landeten sie an allen Küsten Interventionstruppen, die den antibolschewistischen Widerstand beflügeln und das Sowjetregime stürzen sollten. Zur Speerspitze dieser Interventionspolitik wurde die „Tschechoslowakische Legion“. Sie bestand aus westslawischen Soldaten der Armee Österreich-Ungarns, die in russische Kriegsgefangenschaft geraten oder übergelaufen waren und nach dem Austritt Sowjetrusslands aus der Kriegskoalition über Sibirien mit dem Schiff auf den französischen Kriegsschauplatz transportiert werden sollten. Stattdessen verblieben sie aber in Sibirien und brachten seit Mai 1918 die gesamte Strecke der Transsibirischen Bahn unter ihre Kontrolle. Die zahlenmäßig unterlegenen roten Arbeitergarden leisteten kaum Widerstand, und auf Entsatz aus dem europäischen Russland konnten die sibirischen Bolschewiki nicht hoffen, weil das Sowjetregime sich auch dort neu formierter antibolschewistischer Truppenverbände, Kosaken und Interventionstruppen erwehren musste. Daher wurden in Sibirien hinter dem Schutzschild der Tschechoslowakischen Legion im Sommer 1918 die Bolschewiki von der Macht verdrängt.

Kampf gegen das Sowjetregime
Die „Provisorische Sibirische Regierung“, die am 30. Juni 1918 in Omsk aus der Taufe gehoben wurde, verfügte jedoch kaum über eigene Macht und stand zudem in Konkurrenz zu anderen Regionalregierungen. Um für den Kampf gegen das Sowjetregime im europäischen Russland sämtliche Kräfte zu bündeln, brachte ein von den Alliierten unterstützter Militärputsch konservativer Kräfte am 18. November 1918 in Omsk den populären Admiral Alexander Koltschak an die Macht, der mit einer rigorosen Militärdiktatur von Sibirien aus den endgültigen Umschwung im Bürgerkrieg zugunsten der „Weißen“ erzwingen wollte. Doch nach anfänglichen Erfolgen wendete sich im Laufe des Jahres 1919 das Kriegsglück, weil es nicht gelang, die verschiedenen Offensiven, welche die antibolschewistischen Truppen von den Rändern Russlands her auf Moskau unternahmen, zeitlich zu koordinieren. Schon Ende Juli 1919 erreichte die Rote Armee den Ural. Nach dem Scheitern einer „weißen“ Gegenoffensive vermochten die „Roten“ am 14. November 1919 Omsk, den Sitz der „weißen“ Regierung, zu erobern. Bis Ende Dezember hatten sie die Transsibirische Eisenbahn bis Krasnojarsk in ihre Hand gebracht, am 21. Januar 1920 fiel auch Irkutsk. Nur Transbaikalien und der Ferne Osten entzogen sich fürs erste dem Zugriff der Bolschewiki, weil dort japanische Interventionstruppen standen. Dass es der Roten Armee gelang, innerhalb dreier Monate den transsibirischen Schienenstrang vom Ural bis zum Baikalsee und die an ihm aufgereihten Städte in ihre Gewalt zu bringen, hing nicht zuletzt damit zusammen, dass zahlreiche Partisanenverbände, die sich schon 1918 formiert hatten, die „weißen“ Stützpunkte weit hinter der Front attackierten und die Nachschubwege unterbrachen. Diese Partisanen rekrutierten sich aus Bauern, die bereit waren, ihre traditionelle politische Passivität aufzugeben und sich aktiv an einem Sturz des Regimes Koltschak zu beteiligen. Wie kam es dazu?

Schon die „Provisorische Sibirische Regierung“, die doch die spezifischen Interessen Sibiriens zu vertreten vorgab, entpuppte sich bald als nicht sehr bauernfreundlich. Doch als Koltschak an die Macht kam, und sein Regime – um den militärischen Erfolg um jeden Preis zu sichern – alle Wehrfähigen in seine Armee zwang, bei den Bauern mit vorgehaltener Waffe Getreide und Vieh requirieren ließ und politisch Verdächtige reihenweise in Haft nahm, schlug die althergebrachte Abneigung der sibirischen Bauern gegen den russischen Staat und seine korrupten Amtsträger in Erbitterung, Hass und offenen Widerstand um. Die sowjetische Geschichtsschreibung hat die Partisanenbewegung, die sich aus diesem Hass nährte, als Klassenkampf auf der Seite der Bolschewiki interpretiert. Doch „rot“ waren die wenigsten Partisanengruppen. Die meisten waren lokal verankert, kämpften nur für die eigenen Interessen und zeigten keine Bereitschaft, sich für die politischen Ziele der Bolschewiki, die ihnen fremd blieben, verheizen zu lassen. Als diese nach dem Ende des Bürgerkrieges fest im Sattel saßen und nun ihrerseits nicht anders hausten als die Koltschak-Leute vor ihnen, wandten die Bauernpartisanen sich daher auch gegen sie.

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Warum wurden die anderthalb Jahre „weißer“ Herrschaft in Sibirien trotz seiner gut situierten bäuerlichen Mehrheit ein Misserfolg? Der oberste Verwalter des Gouvernements Jenissei, P. S. Troizki, urteilt in einem Rechenschaftsbericht von 1919: „Der Sturz des Bolschewismus im Sommer vergangenen Jahres kam für die Landbevölkerung zu früh, insbesondere für die entfernteren Gegenden, bis wohin ihre Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht gelangt waren. Selbst bei der wohlhabenden Bevölkerung herrschte über die Bolschewiki die Vorstellung als von einer Macht, die keine Steuern verlangt, Schwarzbrennerei nicht verfolgt und keine Soldaten mobilisiert.“ Und sein Stellvertreter A. Bondar mokiert sich darüber, dass selbst Großbauern, die tonnenweise Getreide im Speicher eingelagert hatten und 5–6 Kühe, 8–10 Pferde und 10–20 Schafe hielten, sich als Bolschewiken betrachteten. Diese Illusionen wurden den Bauern von den neuen Herren ab 1920 gründlich ausgetrieben. Auch die Bolschewiki requirierten nämlich mit brutaler Gewalt bei den Bauern Getreide und Vieh, denn für die Partei hatten das Proletariat und die Rote Armee Vorrang. Dass die Bauernpartisanen sich nun auch gegen die neuen Herren erhoben, nützte nichts. Nunmehr kämpften sie auf verlorenem Posten, denn es gab keine demokratisch legitimierte Macht mehr, an die sie sich anzulehnen vermochten.

Sibirien hätte sich möglicherweise dem Zugriff der Bolschewiki entziehen können, wenn es seine besondere Sozialstruktur, seinen Freiheitswillen und das Streben nach staatlicher Unabhängigkeit mit vollem Einsatz der gesamten Bevölkerung verteidigt hätte. Doch Ungeschick und Kurzsichtigkeit seiner Provisorischen Regierung, die Fragmentierung der politischen Kräfte, die anfängliche Passivität der Bauern und vor allem die Einbindung in die anders gepolte Interessenpolitik der ausländischen Interventionsmächte wie der antibolschewistischen Kräfte des europäischen Russland haben dies verhindert.

Carsten Goehrke, Prof. em., Dr. phil., lehrte Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich.

pdfRGOW 4-5/2017, S. 10-12