Nema nazad: Die neuen Gesichter Bosnien-Herzegowinas
Lida Hujić
Seit den 1970er Jahren definierten junge Menschen in Jugoslawien ständig neu, was „cool“ war, und orientierten sich dabei stark am Westen. In den 1980er Jahren wurde Sarajevo zum Zentrum einer genuin lokalen Rockströmung und Heimat des legendären Jugendradioprogramms Omladinski Program. Nach dem Krieg ist heute eine neue Kreativszene am Entstehen, die dank sozialen Medien international im Austausch steht. – N. Z.
In seinem kürzlich erschienen Artikel „Die Vergangenheit ist unser Spiel“1 griff der Journalist Almir Panjeta ein wiederkehrendes Thema in den lokalen Medien auf: Erfolg ist in Bosnien-Herzegowina synonym mit vergangenen Leistungen. Der 5. April bedeutet, den Europapokal-Sieg des Bosna Sarajevo-Basketballteams von 1979 zu feiern, als ob er aktuell wäre. Entsprechend dieser Logik ist auch der 23. September ein inoffizieller Feiertag, der Tag des Gedenkens an das triumphale U2-Konzert in Sarajevo 1997. Die Band hatte sich während des Bosnien-Kriegs engagiert und versprochen, live in Sarajevo zu spielen, sobald es sicher wäre. Niemand glaubte daran, bis Lastwagen mit Konzertmaterial gesichtet wurden, die langsam über holprige Straßen durch die verwüstete Landschaft rollten. Die Tickets – zu einem Bruchteil ihres üblichen Preises – waren sofort ausverkauft. Panjeta bestreitet nicht die enorme Wichtigkeit dieses Konzerts oder der Sporttrophäe in der Kulturgeschichte des Landes, warf jedoch auch die Frage auf, warum es heute keine Ereignisse gibt, die eine Masseneuphorie verdienten.
Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangte vor 16 Jahren auch die Zeitschrift Dani2. Ihrer Ansicht werde es Bosnien-Herzegowina nie gelingen, den Teil der Seele zu ersetzen, den Sarajevo durch die Abreise seiner kulturellen Größen, ausgelöst durch die Belagerung der Stadt (1992–1995), erlitten habe. Dani erinnerte an die 1980er und den Beginn der 1990er Jahre, die heute gemeinhin als eine Eruption kreativer Energie in Sarajevo gelten, die bis anhin beispiellos war und sich seither nicht wiederholt hat. Die Olympischen Winterspiele von 1984 rückten die eher unbedeutende Stadt, die bisher vor allem durch das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand 1914 bekannt gewesen war, in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit und lösten eine gute Stimmung aus, der eine Reihe von prestigeträchtigen Auszeichnungen folgte. So brachte der Filmregisseur Emir Kusturica die Palme d’Or für den Film Papa ist auf Dienstreise (1985) aus Cannes zurück, Mladen Materić gewann am Edinburgh Festival Fringe mit Tatooed Theatre (1987). Die reichhaltige Film- und Theaterproduktion ging mit einer starken und vielfältigen lokalen Musikszene einher, aus der heraus der gefeierte Goran Bregović bald internationale Anerkennung gewinnen sollte. Nicht zuletzt entstand eine Reihe dynamischer Jugendsubkulturen, die bedeutenden Einfluss auf die jugoslawische Mainstreamkultur hatten und auch international Aufmerksamkeit erregten. Aus Sarajevo strömte so viel Inspiration, dass die Stadt an den zweiten Europäischen Film Awards in Paris eine spezielle Auszeichnung für „ihren Geist“ erhielt (1989).
Die letzte in der Serie der Sarajever Jugendsubkulturen vor dem Zerfall Jugoslawiens – Trägerin dieser immateriellen „Seele“ oder dieses „Geistes“ – war das Omladinski Program, eine Gruppe radikaler Radiomacher, zu der ich gehörte. Auch deren wichtigste Repräsentanten stehen auf der Exodus-Liste von Dani, auch ich, obwohl ich bereits 1991 nach London gezogen war. Bis dahin war Omladinski zum führenden kulturellen Taktgeber geworden. Einigen von uns öffnete der Radioerfolg die Türen zu Sa3, einem neuen Fernsehsender. Wie schon im Radio galten meine Sendungen im TV als wegweisend. Zum ersten Mal traten bekannte internationale Personen im lokalen Fernsehen auf, live oder im Ausland gefilmt. So kam ich mit MTV in Kontakt, damals der einzige Sender für eine pan-europäische Jugend. MTV war ungeheuer populär, besonders in Osteuropa nach dem Fall des Kommunismus. Ich lud den MTV-Video Jockey Paul King als Studiogast ein. Paul kam, sah und eroberte. Wir verliebten uns, deshalb zog ich nach London.
Meine Abreise wurde ein wenig zu einer Legende. Gerüchte folgten. Sogar ein paar Minister riefen meine Mutter an, um zu fragen, ob es wahr sei. Dieses Interesse hatte wenig mit böswilligem Tratsch, sondern vielmehr mit MTVs Verkörperung der beiden mächtigsten Konzepte der Sehnsüchte der osteuropäischen Jugend zu tun: der Westen und „cool“. Per Definition unerreichbar, und doch hatte ein einheimisches Mädchen das Herz des Typen von MTV gestohlen.
Um die Blüte der gegenkulturellen Szenen in Sarajevo, ihr Fehlen in den Jahrzehnten nach der Demontage Jugoslawiens und ein mögliches Wiederentflammen dieses schlafenden Geistes zu erklären, müssen wir mit einem Blick auf die breitere Hierarche kultureller Unterscheidungen beginnen.
Identitätsrahmen
Jugoslawien basierte auf „Brüderlichkeit und Einheit“. Da die ethnische Zugehörigkeit im Verhältnis zum Jugoslawisch-Sein zweitrangig war, drückte sich Zugehörigkeit vor allem durch die Spannung zwischen der Mehrheitsbevölkerung, die als „ländlich“ oder „halb-urban“ wahrgenommen wurde, und der Minderheit der „Stadtbewohner“ aus. Die Städter nutzten ihre kosmopolitische Orientierung, die sich in ihrer Bewunderung für „den Westen“ – der eine Mischung aus kultureller Spitzenleistung und führenden Trends sowie Effizienz und Demokratie verkörperte – äußerte, um sich von dem zu unterscheiden, was sie für die unkultivierte Mentalität der „Halb-Städter“ hielten. Um sich weiter von Autoritäten und elterlicher Kultur abzuheben, schworen die jungen Städter der Bruderschaft des Rock n’ Roll Gefolgschaft.
Rock n’ Roll war die Grundlage einer neuen alternativen Identität, die junge Menschen in den jugoslawischen Städten verband. Begründet im Glauben, dass anglo-amerikanischer Rock (und Soul) die authentischste Musik und deshalb überlegen sei, wurde er zur prinzipiellen Ideologie, die eine ganze Generation von Fans sowie Praktiken der Musikindustrie beherrschte. Jugoslawische Rockmusiker akzeptierten, dass internationaler Erfolg für sie nicht erreichbar war, da ihre Musik immer zweitklassig sein würde. Aber ebenso war für die große Mehrheit der Fans der Zugang zu authentischer Rockkultur von jenseits des Eisernen Vorhangs unmöglich. So füllte die aufstrebende lokale Rockkultur diese kulturelle Leerstelle.
„Cool“ war der Identitätsrahmen, der Jugoslawiens Rockbruderschaft regierte. Cool ist dabei eine Form von bewusstem Elitedenken, das sich durch die Spannung zwischen Underground (wir) und verunglimpften Mainstream (die anderen) ausdrückt. Cool beinhaltet eine Anti-Establishment-Haltung, die mit dem Angebot einer alternativen Sicht auf das Leben den Weg zu mehr Freiheiten ebnet. Generationen sollten durch die Platten, die sie hörten, definiert werden. Jede neue Subkultur sollte sich durch die Ablehnung dessen, was zuvor gepflegt wurde, neu erfinden, aber das Prinzip von „wir“ und „die anderen“ blieb immer ihr Kern.
Eine weitere Entwicklung, die das Entstehen subkultureller Netzwerke begünstigte, war Jugoslawiens „Kaffeebar“, bekannt als kafić. Das erste kafić, Lisac, öffnete in Sarajevo Mitte der 1970er Jahre und wurde zu einem Ort, an dem sich ausgewählte Gruppen bis spät nachts mischen konnten. Der Kern einer Szene versammelte sich im winzigen kafić und die aufstrebende Schickeria drängte sich draußen. Kafićs kamen und gingen, aber dieses soziale Prinzip von Insidern und Outsidern traf auf jede folgende Subkulturszene zu.
Glorreiche Vergangenheit3
Am meisten „in“ bei den Insidern war Jugoslawiens erfolgreichste Rockband aller Zeiten, Bjelo Dugme aus Sarajevo, deren Anführer Goran Bregović war. Ihre erste Platte veröffentlichte die Band 1974. Bald füllte sie Stadien, während zahlreiche andere Rockbands ebenfalls gut von Plattenverkauf und Tourneen leben konnten. Ab den frühen 1980er Jahren war Rock im Mainstream verankert. Daher wurde „cool“ im Gewand der punk-beeinflussten lokalen New Wave in einigen neuen, modischen kafićs neu erfunden, die von Eingeweihten in Zagreb und Belgrad frequentiert wurden. New Wave war kurzlebig, seine Wirkung aber langfristig. Als die Blase platzte, war die Reihe an den Sarajevo New Primitivs (SNP) den subkulturellen Stab Mitte der 1980er Jahre zu übernehmen.
SNP wurde die erste Subkultur, die eine wirklich eigene, lokale Identität schuf, indem sie die Zugehörigkeit zur Rock n’ Roll-Bruderschaft mit einer satirischen Aneignung einheimischer ethnischer Klischees kombinierte. SNP war vor allem von Witz (eine Gruppe namens Top Lista Nadrealista erfand einen Humor auf Basis von Ironie und Sarkasmus, der sonst in der kulturellen Rhetorik weitgehend inexistent war) und Musik (eine Reihe von Bands mit einem SNP-typischen Rocksound) geprägt. Das im Vergleich zu vorangehenden subkulturellen Bewegungen, die obsessiv dem Westen nacheiferten, fehlende Elitedenken machte die SNP-Bewegung in beispiellosem Maß attraktiv. SNP agierte als Teil eines breiteren Netzwerks in Sarajevo, wo vorangehende Generationen quicklebendig und begierig waren, neue Talente zu unterstützen. Beziehungen und Ideen entstanden informell in ausgewählten kafićs. Im Wesentlichen war SNP die Triebfeder, die den „Geist“ von Sarajevo verkörperte und zu seinem Synonym wurde.
Omladinski Program war die letzte Etappe (April 1987 – April 1992). Der visionäre Radiosprecher Boro Kontić, der Top Lista Nadrealista ihren ersten Radioauftritt ermöglichte, entdeckte, was er für eine völlig neue Generation von Talenten hielt. Als er uns in eine Gruppe zusammenführte, begann Omladinski Program auf der inaktiven nationalen Frequenz von Radio Sarajevo 2 zu senden. Da niemand von uns Erfahrung beim Radio hatte, brachen wir bestehende Regeln und schufen neue. Wir behandelten lokale Themen in unserer einzigartigen Weise, aber wir flirteten auch sehr offen mit dem Westen, indem wir unbeabsichtigt das Elitendenken von Cool nährten. Unsere Playlist bestand fast ausschließlich aus westlichem Rock sowie neuer Musik – House, Rap und Indie Rock – und ignorierte insofern unsere „minderwertige“ lokale Musikszene. Meine Rolle war, als Bindeglied zum Westen zu fungieren, so kam der Kontakt zu MTV zustande. Mit MTVs Vereinigung von Rockfans durch Musik, Werbeslogans und Logos stimmten wir mehr überein als mit der trügerischen kommunistischen Parole von „Brüderlichkeit und Einheit“, die in den letzten Zügen lag. MTVs Vision drückte unsere eigene Hoffnung aus – nicht auf Kapitalismus, sondern auf einen besseren Sozialismus, einen Ort, an dem gesundes Unternehmertum florieren könnte.
Leider fehlte unserem Experiment die Zeit, sich voll zu entwickeln. Am 6. April 1992 begann die Aggression gegen Sarajevo und seinen multi-ethnischen Charakter und damit auch der Beschuss des Radio/TV-Gebäudes, in dem sich Omladinski befand. Sarajevos Generationen von Subkulturen konzentrierten sich auf die Schaffung einer Anti-Kriegsbewegung, die bis zum Ende des Kriegs 1995 auf ihre kosmopolitische Notlage aufmerksam machte. Das eingangs erwähnte U2-Konzert sowie die Eröffnung des Pavarotti Music Centre in Mostar im Dezember 1997 gehörten zu den Früchten dieser Bemühungen.4
Lichte Zukunft
Der musikalische Nachkriegsmainstream ist von Turbofolk dominiert, einem kulturellen Hybriden mit Ursprüngen im Neofolk der „Halbstädter“. Von den Städtern als vulgär betrachtet, wurde er während des ethnischen Konflikts zu Turbofolk umbenannt, um den Sound der Kriegsverbrecher und zivilen Entbehrungen zu repräsentieren. Ebenso dominant sind Reality-TV-Formate, die den kleinsten gemeinsamen Nenner und eine „Kultur des roten Teppichs“ ansprechen. Diese würdigt die jährlichen Festivals und bauscht damit das Kaliber der anwesenden Berühmtheiten auf, von unbedeutenden Reality-TV-Stars bis zum erstklassigen Quotenhollywoodstar am Sarajevo Film Festival.
In der winzigen Alternativszene herrscht der Konsens, dass der Mainstream die Cool-Ideologie einfach nicht verstehe. Alternativen Bewegungen – wie dem von Hip Hop inspirierten FM Jam in Tuzla und den Futura-Musikveranstaltungen in Sarajevo – gelang kein mit den 1980er Jahren vergleichbarer Durchbruch. Eine Handvoll Enthusiasten, allen voran der Musikverleger Gramofon, haben die subkulturelle Fackel hochgehalten und so ihr Erlöschen verhindert. Sie haben eine Nische für internationalen Austausch geschaffen. Zu ihnen gehören Bosnien-Herzegowinas fortschrittlichste Solokünstler und Bands, deren Repertoire von politischer Kritik und Protest bis zur Pflege der einheimischen Sevdah-Musik reicht. Gerade in diesem ausgesprochen traditionellen Genre hat Gramofon seinen äußerst unkonventionellen aufstrebenden Star, Božo Vrećo, entdeckt.
Nachdem Vrećo 2013 unter Vertrag genommen und mit einer Band zusammengebracht worden war, um die Formation Halka zu schaffen, wurde er bald eine Sensation. Ein glattrasierter junger Mann, gerühmt für seine einzigartige Stimme und Interpretation von Sevdah, verwandelte sich bald in ein umwerfend aussehendes Individuum, das Geschlechterdefinitionen trotzt. Er hat lange Haare, schmückt sich mit Schminke, Nagellack und klobigem Schmuck, trägt Kleider, ist spirituell. Er meidet meisterhaft Geschlechterstereotypen, indem er behauptet, er habe Trost im Sevdah gefunden, was es ihm erlaube, gleichermaßen seine männliche wie weibliche Seite auszuleben. Ohne es ausdrücklich auszusprechen, hat er im Alleingang der wegen Diskriminierung und Gewalt fast unsichtbaren LGBTIQ-Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina eine Stimme gegeben.5 Doch befreit von seinem Image wird Vrećo zum Jungen von nebenan, was seine Attraktivität teilweise ausmacht: ein liebender Sohn und Bruder, der gerne gesund isst, aber auch das kalorienreichere traditionelle bosnische Essen mag; seinen Fans gegenüber auf eine bodenständige Art kommunikativ, dokumentiert er sein Leben regelmäßig in sozialen Medien. Er verweigert sich allen ethnischen Zuschreibungen, dadurch belebt er das fast schon mythische Bosnien meiner Generation wieder, in dem ethnische Unterschiede schlicht nicht existierten. Obwohl er beim konservativen Establishment und seinen bigotten Anhängern für Ärger sorgt, überwiegen bei weitem seine Bewunderer. Halka tritt in ausverkauften Lokalen in ganz Bosnien-Herzegowina, im ehemaligen Jugoslawien und zunehmend auch im Ausland auf, während das Interesse der internationalen Medien wächst.
Gramofon könnte tatsächlich den Geist der vergangenen Subkulturen wieder entflammt haben. Vrećo führt zu einem Netz von Beziehungen, das eine kleine, aber aufkeimende Szene von Kreativen bildet – von Stylisten bis zu Fotografen. Dazu zählen auch die Fotografin Vanja Lisac, die aus dem „Exil“ in den USA zurückgekehrt ist, und der zuhause ausgebildete Fotograf Mario Đonlić, bekannt unter dem Namen Mario Klein. Zwar ist der Markt in Bosnien-Herzegowina kaum groß genug, um diese Art von Berufen zu erhalten, dafür bieten soziale Medien für diese Generation neue Möglichkeiten, sich global zu vernetzen. Bosnien-Herzegowinas neue Kreativszene bietet sicherlich den Inhalt, um einen eigenständigen Stil und ein Portfolio zu entwickeln. Hier ist die alte Kultur, Abmachungen in Kaffeehäusern zu treffen, genauso wichtig geworden, wie Beziehungen online. In Đonlićs Worten: „Das absolut gleiche System beherrscht die Stadt“. Von seinen Fotosessions mit Vrećo führt Đonlićs Arbeit zum Kollektiv Mustre i Šare, einem Tattoo- und Piercingstudio und Teil dieser aufstrebenden „Familie“.
Mustre i Šare ist das geistige Produkt von Mirza Požega und Jasmin Šehović „Shex“, das die Markenzeichen einer aufkeimenden Do-It-Yourself-Subkultur trägt. Sie mag zwar nicht innovativ sein, aber in Bosnien-Herzegowina ist diese Kunst etwas noch nie Dagewesenes. Seit Kindertagen von der Leidenschaft für eine Kultur geleitet, die vor dem Durchbruch der sozialen Medien lediglich durch Informationshäppchen zugänglich war, trafen sich Požega und Šehović „Shex“ durch Beziehungen. Nachdem beide in die Entwicklung ihrer Fähigkeiten investiert hatten, starteten sie 2010 ihr Herzblutunternehmen. Nicht nur haben sie langsam, aber erfolgreich einen kleinen Markt geschaffen – genug, um davon zu leben –, sondern sie fördern auch Talente in Nachbardisziplinen wie Illustration oder Grafik. Im Sommer 2016 initiierten sie das erste Tattoo- und Piercingfestival in Bosnien-Herzegowina, um sich mit der globalen Community zu vernetzen. Anders als die meisten kulturellen Initiativen in Bosnien-Herzegowina wurde es nicht mit NGO- oder Regierungsmitteln finanziert, sondern hatte keine Unterstützung außer einem kleinen, aber willkommenen Sponsorenbeitrag eines Bierherstellers. Ihre Philosophie lautet nema nazad – es gibt kein zurück. Es ist ein Markenslogan (einmal tätowiert, kann es nicht mehr ungeschehen gemacht werden), aber auch eine Lebenssicht „ohne Turbofolk oder Turbo-Irgendwas“. Dies sollte mehr Bosniern als Inspiration dienen, auf all die Negativität in der Gesellschaft zu reagieren, nicht mehr zurückzublicken und es zu wagen, die Zukunft anzunehmen.
Dazu kommen die Goldmedaillen, die junge bosnische Athleten kürzlich wider Erwarten in internationalen Wettkämpfen gewonnen haben – Amel Tuka und das bosnische Juniorenbasketballteam; es gab also Grund, zu feiern. Tatsächlich strömten Fans auf die Straßen, als die Trophäen vorgeführt wurden. Vielleicht ist es Zeit, die Vergangenheit zurückzulassen, oder fast – Omladinski Program wird dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiern. Ein Hoch darauf, aber nach diesem Jubiläum: nema nazad!
Mit Dank an Mario Klein, Mirza Požega und Jasmin Šehović.
Anmerkungen
1) „Prošlost je naša furka“, 11. 04. 2016, http://ba.n1info.com/a90540/Vijesti/Vijesti/Almir-Panjeta-Proslost-je-nasa-furka.html.
2) Burić, A.: Bilo bi dobro da su tu?, Dani 144, 03. 03. 2000.
3) Vgl. Hujić. Lida: Learning from Sarajevo: Visual Expression Through the Lens of Yugoslavia’s Countercultural Music Scenes and Their Enduring Legacy (From the 1980s to the Present). In: The Design Journal 18, 4 (2015), S. 555–583.
4) Hujić, Lida: The First to Know. How Hipsters and Mavericks Shape the Zeitgeist. London 2010. Originale Filmaufnahmen: http://www.thefirsttoknow.info/home.html.
5) Gaillard, Chloé: Fighting for Visibility, 25. 02. 2015: http://lgbti.ba/fighting-for-visibility-a-bosnian-coming-out-story/.
Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.
Lida Hujić, Dr., ist Innovationsberaterin und Autorin in London.



