Der Grüne Patriarch Bartholomaios
John Chryssavgis
Seit seinem Amtsantritt setzt sich Patriarch Bartholomaios für ökologische Belange ein, was ihm den Titel „Grüner Patriarch“ eingebracht hat. Aus Sicht des Patriarchen lässt sich die ökologische Krise nur durch eine andere Sicht auf uns und die Umwelt überwinden, die eine substantielle Änderung unseres Lebensstils verlangt. – R. Z.
Es überrascht nicht, dass Papst Franziskus in seiner Umwelt-Enzyklika Laudato si’ den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios als Vorbild hervorgehoben hat. Wir wissen inzwischen alle, dass sich die globale Situation der Umwelt in den letzten beiden Jahrzehnten auf alarmierende Weise verschlechtert hat: aufgrund der Klimaveränderung, der Reduktion der Biodiversität, der Zunahme von Biotreibstoffen und der Zerstörung natürlicher Ressourcen, aber auch aufgrund der sich weitenden Schere zwischen Reich und Arm.1 Zur gleichen Zeit hat Bartholomaios als vermutlich einziger religiöser Führer die „Zeichen der Zeit“ (Mt 16,3) erkannt und die Prioriät geistiger Werte bei der Definition umweltethischer Prinzipien propagiert. Diese Bemühungen haben ihm zahlreiche Preise und Ehrentitel, und vor allem den Titel „Grüner Patriarch“ eingebracht, der 1996 von den Medien geprägt und 1997 von Al Gore, dem damaligen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, formalisiert wurde.
Initiativen und Aktivitäten
Die ersten Umweltschutzinitiativen der Orthodoxen Kirche gehen auf Mitte der 1980er Jahre zurück. An der III. Panorthodoxen Vorkonziliaren Konferenz 1986 in Chambésy bei Genf brachten einige Vertreter ihre Sorge über die Umweltverschmutzung zum Ausdruck; dabei wurde das Anliegen betont, unseren Nachkommen eine bessere Welt zu hinterlassen. Darauf folgten mehrere inter-orthodoxe Konsultationen, eine davon auf der Insel Patmos (1988). Auf Anregung dieser Versammlung veröffentlichte der damalige Ökumenische Patriarch Demetrios (Papadopoulos) 1989 die erste Enzyklika zur Umwelt und bestimmte den 1. September, den Anfang des Kirchenjahres, zum Gebetstag für die Schöpfung Gottes. Seit 1989 wird jährlich eine Enzyklika zum Umweltthema veröffentlicht, und der herausragende Hymnenkomponist der Kirche, Mönch Gerasimos, wurde beauftragt, einen besonderen Gebetsgottesdienst für die Umwelt zu komponieren.
Bereits 1991, ein Jahr nach seiner Wahl, organisierte Patriarch Bartholomaios eine Umweltversammlung auf Kreta, an der eine enge Kooperation mit dem World Wildlife Fund (WWF) beschlossen wurde.2 Nur einen Monat später berief er ein beispielloses Treffen aller orthodoxen Kirchenoberhäupter ein und lud diese ein, ihre Gemeinden über die Dringlichkeit der Klimaerwärmung zu informieren. Alle orthodoxen Oberhäupter nahmen zudem die Empfehlung von Bartholomaios an, den 1. September als Gebetstag für die Umwelt einzurichten – eine Verpflichtung, der hierauf auch andere christliche Organisationen folgten (einschließlich des Ökumenischen Rats der Kirchen und der Konferenz Europäischer Kirchen).3 1994 fand an der Theologischen Hochschule von Chalki ein in der orthodoxen Welt einzigartiges Seminar über die ökologischen Dimensionen von religiöser Erziehung, Ethik, Kommunikation, Gerechtigkeit und Armut statt, das in den Folgejahren noch fünf Mal wiederholt wurde.
Überzeugt, dass dem Klimawandel nur im Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen, den anderen Religionsgemeinschaften und den Wissenschaften begegnet werden kann, gründete der Patriarch 1994 das Religious and Scientific Committee (RSE). Unter der Leitung von Metropolit John (Zizioulas) von Pergamon organisierte das Komitee zwischen 1995 und 2009 acht Symposien (unter der gemeinsamen Schirmherrschaft der Europäischen Kommission oder der UNO), um den Zustand des Wassers auf unserem Planeten zu erörtern. Diese Symposien fanden an den Ufern des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres statt, an der Donau, am Amazonas, an der Adria und dem Baltischen Meer, am Arktischen Meer und entlang des Mississippi.
Eine andere Weltsicht, eine andere Vision
Die Art und Weise, wie wir unseren Planeten betrachten, spiegelt wider, wie wir uns zu ihm verhalten. Wir behandeln unseren Planeten gerade deswegen auf eine gottlose Weise, weil wir ihn als „gottverlassen“ wahrnehmen. Solange wir diese Weltsicht nicht ändern, werden wir nur Symptome behandeln, und nicht deren Ursachen. Letztlich ist unser Kampf gegen den Klimawandel ein Kampf über die Art und Weise, wie wir die Welt sehen; es ist eine Krise der unterschiedlichen, ja sogar konfliktreichen Weltanschauungen.4 Diesen Verdacht äußerte bereits der Mediävist Lynn White Jr. in seinem mittlerweile klassischen Artikel „Die historischen Wurzeln unserer ökologischen Krise“ – auch wenn weder er noch seine Schüler diesem Gedanken genauer nachgegangen sind: „Der griechische Heilige kontempliert; der westliche Heilige handelt. […] Die Implikationen des Christentums für die Eroberung der Natur entstanden so leichter in der westlichen Atmosphäre.“5
Häufig sind wir davon überzeugt, dass eine Lösung der ökologischen Krise die Sache eines anderen, effizienteren, nachhaltigeren Handelns sei. Vergessen wir aber nicht, dass es gerade unser Handeln war, das uns in die jetzige verzweifelte Lage geführt hat. Auf paradoxe Weise wird eine ökologische Korrektur erst mit einer Nicht-Aktion, mit einer richtigen Vision und Aufmerksamkeit für die Umwelt beginnen. Für Patriarch Bartholomaios geht es um Treue zu Gott und Ehrlichkeit mit der Welt. Deshalb verurteilt er Umweltverschmutzung als Sünde!6 Nur eine radikale Umwertung unserer Werte und Wege kann einen Ausweg aus der Sackgasse bieten. Die Umwelt ist nicht nur eine politische oder eine technologische Angelegenheit, sondern sie ist, wie der Patriarch betont, vor allem eine religiöse und geistige Angelegenheit. In der Natur stimmen Überleben und Erlösung überein.
Martin Parry, ein früherer Co-Vorsitzender des Intergovernmental Panel on Climate Change, hat einmal gesagt: „Wir sind alle gewohnt, über diese Ereignisse zu sprechen, als ob sie erst zur Lebenszeit unserer Kinder und Großkinder eintreten würden. Jetzt wissen wir, dass wir selbst gemeint sind.“7 Das Problem liegt also darin, wie wir die Realität definieren: Physik und Chemie fordern radikale Reduktionen bei den Kohleemissionen – der politische Realismus sagt uns dagegen, dass wir langsam vorangehen sollen. In diesem Kampf gibt es nur eine Wahl: ökonomische Steuersätze und legislative Regulierungen können verändert werden, die Gesetze der Natur nicht. Klar und deutlich zu sehen ist der einzige Weg, der politischen Abrede zu begegnen. Die Menschheit ist in einer verzweifelten Lage: Die Politik hinkt der Realität hinterher, und die Distanz zwischen ihnen verringert sich nicht schnell genug.
Die Rolle der Religion
Es braucht nichts geringeres als einen prominenten „Kreuzzug“ von religiösen und zivilgesellschaftlichen Persönlichkeiten, um bei den politischen Eliten einen Wandel zu erzwingen, der ebenso dringend und moralisch geboten ist wie jede Kampagne für grundlegende Menschen- und Bürgerrechte. Eine solche Bewegung fordert globales Engagement und persönliche Opferbereitschaft. Wir alle müssen die Welt anders sehen, unsere Gewohnheiten ändern – von dem, was wir wollen, zu dem, was die Welt braucht.
Es geht nicht nur darum, Alternativen zu finden, seien sie politisch (wie z. B. „Cap-and-Trade“, d. h. Emissionshandel mit politisch definierter Emissionsobergrenze) oder persönlich (z. B. Emissionsausgleich). Diese Lösungen ähneln mittelalterlichen „Ablassbriefen“ und haben weder eine radikale Antwort auf die Herausforderung zur Folge noch eine substantielle Änderung des Lebensstils. Sie schaffen bloß ein Gefühl der Selbstgefälligkeit und fördern ein Gefühl der Selbstgenügsamkeit. Und hier liegt der Kern des Problems. Wir sind nicht gewillt, ein einfacheres Leben zu führen. Wenn wir an der schonungslosen Verschwendung in unserer Welt schuldig sind, so kann das daran liegen, dass wir die Spiritualität der Einfachheit und Genügsamkeit verloren haben. Die Herausforderung besteht darin: Wie kann ich mein Leben so führen, dass es Harmonie und nicht Trennung fördert? Wie kann ich ein Leben führen, aus dem Dankbarkeit und Großzügigkeit spricht, und nicht Gier und Arroganz?
Wenn wir zu verstehen beginnen, dass der Klimawandel nicht nur ein Problem auf einer langen Problemliste ist, mit der Politiker konfrontiert sind, dann können wir neue Einsichten gewinnen. Aus dieser Perspektive betrachtet, sieht Außenpolitik sehr viel anders aus: Bedrohungen für die Sicherheit kann eher begegnet werden, indem man China mit Technologien ausrüstet, statt Chinas Feinde mit Waffen zu beliefern. Aus dieser Perspektive präsentiert sich auch die Wirtschaft radikal anders: Wir lassen ab von ungezügelter Expansion und fokussieren uns auf die Nachhaltigkeit, die wir so dringend brauchen.
Vor einigen Jahren hat Larry Summers, ein Ökonom der Weltbank und Barack Obamas Direktor des Nationalen Wirtschaftsrats, verkündet, dass er keine „Geschwindigkeitslimite“ für das amerikanische Wirtschaftswachstum akzeptieren könne und werde. Sind wir den Phantasien bezüglich Reichtum ohne Risiko und Profit ohne Preis derart verfallen? Religiöse und zivilgesellschaftliche Führungspersonen müssen die politische Elite hartnäckig daran erinnern, dass es keinen kosten- und folgenlosen Weg gibt, unsere Umwelt endlos zu manipulieren. Wir sind – und das wissen wir gut und die Mystiker haben es uns schon seit Jahrhunderten gelehrt – auf intime und unauflösbare Weise mit der Geschichte und dem Schicksal unserer Welt verbunden.
Ökonomie und Technologie sind Gift, wenn sie von unserer Berufung getrennt sind, die Welt so zu sehen, wie Gott sie sieht. Und wenn Gott die Welt am sechsten Tag der Schöpfung als „sehr gut“ betrachtet hat, dann können auch wir beginnen, in unserer Welt das Versprechen der Schönheit wahrzunehmen und die Welt in ihrer unergründlichen Vernetzung zu sehen. Dann werden wir wirklich das Gras wachsen hören und den Herzschlag der Robbe spüren, wie es im Psalm 104, 27–30 zum Ausdruck kommt: „Sie alle warten auf dich […] Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen und du erneuerst das Antlitz der Erde.“
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Wir neigen dazu, von einer „ökologischen“ Krise zu sprechen, was gerechtfertigt ist, insofern deren Folgen sich in der ökologischen Sphäre manifestieren. Doch die Krise ist nicht in erster Linie eine ökologische. Es ist eine Krise der Art und Weise, wie wir die Realität wahrnehmen, der Art und Weise, wie wir uns unsere Welt vorstellen. Wir behandeln unseren Planeten auf eine unmenschliche, gottverlassene Art und Weise, weil wir ihn und uns selbst so sehen. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios eröffnet dagegen eine erfrischende, alternative Perspektive auf uns selbst in unserem Verhältnis zu der natürlichen Welt. Seine Weltanschauung, die er aus den alten Werten der Orthodoxen Kirche ableitet, verdient größere Aufmerksamkeit und Anwendung.
Anmerkungen
1) Chryssavgis, John: Ecumenical Patriarch Bartholomew: insights into an Orthodox Christian worldview. In: The International Journal of Environmental Studies 64, 1 (2007), S. 9–18.
2) Ecumenical Patriarchate assisted by the World Wide Fund for Nature: Orthodoxy and the Ecological Crisis. Helsinki 1990; Ecumenical Patriarchate assisted by Syndesmos: So That God’s Creation Might Live: The Orthodox Church Responds to the Ecological Crisis. In: Proceedings of the Inter-Orthodox Conference on Environmental Protection. Kreta 1991.
3) Die Russische Orthodoxe Kirche hat jedoch erst 2015 – vielleicht widerwillig – verkündet, dass sie den Gebetstag für die Umwelt ebenfalls einführt, allerdings nicht am 1., sondern jeweils am ersten Sonntag im September.
4) Vgl. Metropolit Kallistos [Ware] von Diokleia: Through the Creation to the Creator. London 1997; Chryssavgis, John: Beyond the Shattered Image: Orthodox Insights into the Environment. Minneapolis 1999.
5) White, Lynn Jr.: The Historical Roots of our Ecological Crisis. In: Science 155 (1967), S. 1203–1207.
6) Chryssavgis, John: On Earth as in Heaven: Ecological Vision and Initiatives of Ecumenical Patriarch Bartholomew. New York 2012.
7) Parry, Martin (et al.): Climate Change 2007: Impacts, Adaptation and Vulnerability. Contribution of Working Group II to the Fourth IPCC Assessment. Cambridge 2007.
Übersetzung aus dem Englischen: Regula Zwahlen.
John Chryssavgis, Dr., Priester des Griechisch-Orthodoxen Erzbistums von Amerika, Berater des Ökumenischen Patriarchen in Umweltfragen.



