Transformationen der tschechischen Erinnerungskultur an Jan Hus

Jaroslav Šebek

Mit dem Aufkommen der tschechischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert wurde Jan Hus vor allem als Vorkämpfer eines unabhängigen tschechischen Staates gedacht. Auch für die in der Zwischenkriegszeit neu entstandene Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder und der Tschechoslowakischen Kirche spielte die Berufung auf Hus eine zentrale Rolle. Das sozialistische Regime porträtierte die Hussiten dagegen als Klassenkämpfer. In den letzten Jahrzehnten gibt es jedoch Bemühungen um eine objektivere Wahrnehmung von Jan Hus.- S.K.

Unter den nationalpatriotischen Traditionen Tschechiens nimmt der Kult um den böhmischen Reformator Jan Hus zweifellos eine zentrale Stellung ein. Zu einem intensivierten Interesse an der Person Jan Hus kam es freilich erst im Zusammenhang mit der nationalen „Wiedergeburt“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, deren Charakteristika ein kritisches Verhältnis zur katholischen Kirche sowie der Wunsch nach bürgerlichen und liberalen Werten waren. Die Erinnerung an Bedeutung und Wirken von Jan Hus stellte eines der wichtigsten Elemente bei der Konstituierung der modernen tschechischen nationalen Identität dar. Vor allem seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Hus-Verehrung zu einer zentralen Säule der tschechischen historischen Tradition. Dabei gilt jedoch für die Rezeption des böhmischen Reformators das gleiche, was auch für andere vermeintliche Volkstraditionen gilt – ein großes Maß an politischer Manipulation und „Geschichtspolitik“.

Jan Hus als Vorkämpfer der tschechischen Nation

In liberalen Kreisen dieser Zeit wurde Jan Hus anfänglich als ein Märtyrer der Gewissensfreiheit verstanden und als Ikone einer rationalistischen Aufklärung porträtiert. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat jedoch die Frage nach Hus im Rahmen des tschechischen Nationaldiskurses in den Vordergrund. Zur massiven Entwicklung der Hus-Verehrung trug insbesondere der Historiker František Palacký bei, der aus einer evangelisch-lutherischen Familie stammte. In seiner mehrbändigen Bearbeitung der böhmischen Geschichte, die ab 1848 auch in tschechischer Sprache unter dem Titel Dějiny národu českého v Čechách a na Moravě („Geschichte des böhmischen Volkes in Böhmen und Mähren“) erschien, stilisierte er das Hussitentum zum Höhepunkt der tschechischen Nationalgeschichte.

Palackýs Interpretation der nationalen Vergangenheit fand in der tschechischen Gesellschaft großen Widerhall. Ihr Einfluss auf das Bild von Hus und die Hussiten blieb auf wissenschaftlicher Ebene bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts wirksam; auf der Ebene der Populärkultur sogar noch wesentlich länger. Im Zuge der Revolution von 1848/49 verschmolzen Leben und Wirken von Jan Hus und das Hussitentum dann zu einer wesentlich mit dem tschechischen Kampf um nationale Selbstbestimmung verbundenen Tradition. Palacký selbst verstand allerdings die religiösen Motive im Handeln von Hus sehr gut, weshalb ihm eine rein nationale Interpretation des Hussitentums fremd war. So war er eher bestrebt, dessen Ideen in einen gesamteuropäischen Konfliktkontext zwischen Katholizismus und Protestantismus einzuordnen.

Nach der Niederlage der liberalen Revolution trat die betonte Hervorhebung des Hussitentums für eine kurze Zeit wieder in Hintergrund, was mit einer Stärkung der privilegierten gesellschaftlichen Rolle der katholischen Kirche zusammenhing, die 1855 ein Konkordat mit dem Vatikan abschließen und ihren Einfluss auf das Schulwesen ausbauen konnte. Dies änderte sich jedoch nach dem verlorenen preußisch-österreichischen Krieg von 1866 und dem anschließenden österreichisch-ungarischen Ausgleich (1867), der das Ende der böhmischen Hoffnungen auf eine Föderalisierung der Habsburgermonarchie bedeutete. Bei den Bemühungen, das böhmische Staatsrecht zu verteidigen, wurden breite Schichten der Stadt- und Landbevölkerung in die öffentliche Debatte einbezogen. Als ein besonders geeigneter Mobilisierungsfaktor erwies sich dabei die Gestalt des Magisters Jan Hus.

Das Gedenken an Jan Hus und an diese Periode der Volksgeschichte wurde zu einem wesentlichen Bestandteil vieler gesamtnationaler Erinnerungsfeste. In dieser Zeit begannen auch die regelmäßigen Wallfahrten böhmischer Politiker nach Konstanz, an den Ort, wo Hus hingerichtet worden war. 1868 wurden auf Initiative der Arbeitervereine an bedeutenden, mit der böhmischen Geschichte verbundenen Orten Volksversammlungen organisiert, die zur definitiven Formung der Hussitentradition als Tragachse der gesamten böhmischen Geschichte sowie zur Auffassung des böhmischen Volkes als Nachfolger, Erbfolger und Fortsetzer der „Krieger Gottes“ beigetrugen. An diesen Volksversammlungen wurde das Hussitentum als Kampf für soziale und demokratische Werte ausgelegt. Im Jahr 1869 fanden anlässlich des vermuteten 500. Jahrestages der Geburt des Reformators die ersten großen Feiern in seinem südböhmischen Geburtsort Husinec statt. Dies beeinflusste auch das tschechische politische Leben. Die 1874 gegründete Nationalfreisinnige Partei der sog. Jungtschechen entwickelte ihre Politikentwürfe in engem Zusammenhang mit dem Kult um Jan Hus, der von den Protagonisten der Partei maßgeblich befördert wurde. Ihre höchsten Stimmenanteile erzielte die Partei in den Gebieten, die zugleich Hochburgen des Hus-Kultes waren: Prag, die Elbegebiete, Nordost- und Westböhmen.

Die Entwicklung eines Hus-Kultes fand jedoch nicht nur in politischen Aktivitäten ihren Ausdruck, sondern auch in Form einer breiteren intellektuellen und kulturellen Rezeption sowie eines gesteigerten Interesse der tschechischen Geschichtswissenschaft an der hussitischen Zeit. Ähnliches gilt für die bildende Kunst. In der Belletristik wurde das Verständnis von Hus und des Hussitentums vor allem durch die historischen Romane des Schriftstellers Alois Jirásek in breiten Bevölkerungsschichten populär. In diesen Romanen und Dramen wurde Hus freilich nicht mehr mit konkreten reformatorischen Forderungen, sondern mit nationalen und gesellschaftlichen Projekten in Verbindung gebracht.

Zur Verbreitung der Hus-Gedenkveranstaltungen trugen auch die immer stärkeren nationalen Konflikte zwischen tschechischer und deutscher Bevölkerung in den böhmischen Ländern an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bei. Wie sehr Hus im Zentrum des nationalen Interesses der Tschechen stand, zeigte sich unter anderem in der Debatte über die Errichtung eines Hus-Denkmals in Prag Ende des 19. Jahrhunderts. Den Beginn dieser Debatte stellte eine Erklärung des Abgeordneten Fürst Karl IV. von Schwarzenberg während Beratungen des böhmischen Landtags dar: Im Rahmen einer Diskussion über die Aufstellung einer Gedenktafel mit Hussens Namen am neuen Gebäude des Landesmuseums (des heutigen Nationalmuseums) in Prag bezeichnete der Fürst die Hussiten als eine Bande von Räubern und Brandstiftern. Als Reaktion darauf forderten tschechische Kreise die Errichtung eines Hus-Denkmals. Die Entstehungsgeschichte dieses Erinnerungsortes war jedoch starken Turbulenzen unterworfen, da der Standort des Denkmals alsbald zum Gegenstand scharfer Auseinandersetzungen innerhalb der tschechischen Gesellschaft wurde: Während das nationalliberale Lager Hus als symbolischen Höhepunkt der tschechischen Geschichte präsentierte, der an die Größe und den Ruhm der Nation erinnere, verwies der konservative und insbesondere der katholische Teil des Meinungsspektrums in der Debatte auf die Folgen der hussitischen Kriege, die zu nationalem Niedergang, gesellschaftlichem Chaos und Zerfall geführten hätten. Nach langwierigen Diskussionen wurde 1903 auf dem Prager Altstädter Ring – neben der barocken Mariensäule, die die katholische Tradition verkörperte – der Grundstein für das Denkmal gelegt. Dieser Akt sollte die Symbiose beider religiösen Traditionsstränge symbolisieren und den ehrwürdigen Platz Hussens im tschechischen Nationalbewusstsein verdeutlichen. Die Gruppendarstellung des gewaltigen Bronzeblocks im Stil von Rodin zeigte Hus freilich nicht als konfessionellen Apostel, sondern als Protomärtyrer für die Wahrheit. Das Denkmal wurde schließlich 1915 anlässlich des 500. Jahrestages der Verbrennung von Jan Hus eingeweiht. Aufgrund des Ersten Weltkrieges gab es aber keine würdevollen Feiern und zudem hatte die österreichische Regierung jegliche öffentliche Manifestationen verboten. Umso intensiver bekannte sich allerdings das tschechische, antiösterreichische Exil zu Hus: Die Erinnerung an die Hussiten wurde während des Ersten Weltkriegs zu einem bedeutenden Traditionsbestandteil des Befreiungskampfes für einen eigenständigen Staat, zu dem sich vor allem die Protagonisten des ausländischen Widerstandes bekannten, u. a. Tomáš G. Masaryk, der 1918 erster tschechoslowakischer Staatspräsident wurde.

Gedenken an Jan Hus in der Ersten Republik

Die Hus-Traditionen wurden während des Ersten Weltkrieges zu einem wesentlichen Bestandteil des als Befreiungskampf empfundenen Einsatzes für die Schaffung eines selbstständigen Staates. Daher kam den Hus- und Reformationstraditionen auch eine entscheidende Rolle bei der Formierung der offiziellen Staatsideologie nach der Entstehung des selbständigen tschechoslowakischen Staates im Oktober 1918 zu. Die Gründung der Tschechoslowakei brachte neue Auffassungen der Hussitentradition sowie eine neue Symbolik und gleichzeitig auch neue Konflikte mit sich. Die Erste Republik bekannte sich offen zur Hussitentradition als einem Höhepunkt der böhmischen Volksgeschichte. Die Erinnerung an Hus bot eine ideelle Projektionsfläche für die Formulierung nationaler Vorstellungen, Interessen und Hoffnungen.

Auf der Basis der Verehrung von Hus kam es auch zur Vereinigung der beiden protestantischen Konfessionen – Lutheraner und Reformierte: Im Dezember 1918 entstand die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKKB), deren Glaubenslehre die Hus-Lehre als untrennbaren Bestandteil enthält. Die Ideen von Jan Hus zur Kirchenreform wurden auch zu einer ersten ideologischen Plattform, auf der sich seit dem Jahre 1920 die nationale Tschechoslowakische Kirche im Umkreis des katholischen Reform-Klerus etablierte. Die neue Kirche, die in wenigen Jahren etwa 800 000 Mitglieder gewann, nationalisierte durchwegs ihre Ausdrucksformen: Sie übersetzte die Liturgie ins Tschechische, verwendete Texte der Nationalliteratur, vor allem von Hus, in ihrer Liturgie und orientierte sich bei der Erfindung eigener Riten, z. B. bei der Bischofswahl, an den einheimischen reformatorischen Traditionen.

Auf Beschluss des tschechoslowakischen Parlaments, das im März 1925 ein neues Feiertagsgesetz verabschiedete, wurde der Todestag von Jan Hus, der 6. Juli, zum nationalen Gedenktag erklärt. In der sozialistischen Presse sprach man zur gleichen Zeit von Hus als einem mit dem „Kampf der tschechischen Demokratie des 15. Jahrhunderts gegen Rom“ und damit gegen den Katholizismus verbundenen Symbol. Im Juli 1925, als des 510. Jahrestages des Feuertodes von Hus gedacht wurde, erreichte die Konfrontation zwischen katholisch-konservativen und protestantisch-liberalen Traditionsdeutungen ihren Höhepunkt: Präsident Tomáš G. Masaryk hatte die Schirmherrschaft für die Feierlichkeiten übernommen. Das päpstliche Staatssekretariat fasste dies als Entwürdigung der katholischen Kirche und als Provokation auf, die die Gemüter der Katholiken beleidige. Nuntius Francesco Marmaggi reiste daher aus Protest am Abend des 6. Juli von Prag nach Rom ab. So führten die Feiern zum bisher größten Konflikt in den tschechoslowakisch- vatikanischen Beziehungen. Die Auseinandersetzung zwischen dem Vatikan und der Tschechoslowakei konnte erst mit der Einigung auf einen Modus Vivendi im Jahr 1928 beigelegt werden.

Nach der nazistischen Okkupation der Tschechoslowakei und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren im März 1939 fand die Hussitentradition ihren stärksten Ausdruck auf patriotischer Ebene. Der Verweis auf Jan Hus und die Hussiten war eine der ideellen Stützen für die These von der Unzerbrechlichkeit des böhmischen Volkes. Der kommunistische Auslandwiderstand in Moskau berief sich auf die Hussitentradition als Aufforderung zum Widerstand.

Jan Hus als Vorbild im Klassenkampf

Am offenkundigsten ist die Erinnerung an Jan Hus und die Hussiten mit Beginn des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei 1948 instrumentalisiert worden. Die kommunistischen Machthaber bemühten sich, der Hus-Geschichte einen neuen Inhalt zu geben, der vor allem den aktuellen ideologischen und propagandistischen Bedürfnissen dienen sollte. In dieser Zeit wurde Jan Hus – vereinfacht gesagt – vor allem als Schöpfer eines ideologisierten sozialen Programms der Hussitenkämpfer gegen die ausbeutenden, herrschenden Klassen und den deutschen Feind wahrgenommen. Zu dieser Rezeption trug auch die offizielle Historiographie insbesondere der 1950er Jahre bei, die das Hussitentum mit marxistischen Begriffen interpretierte. Das kommunistische Regime rechnete zwar Jan Hus durchaus zu den progressiven und damit verehrenswerten Gestalten der böhmischen Geschichte, doch wurde dabei weniger die Persönlichkeit des Magisters hervorgehoben, vielmehr musste sich Hus seine Popularität mit anderen Protagonisten des Hussitismus teilen, beispielsweise mit Jan Želivský, der zum radikalsozialen Segment der hussitischen Revolution gehörte. Die kommunistische Propaganda akzentuierte außerdem besonders die Kriege der hussitischen Bewegung.

Seit den 1960er Jahren trat die Ideologisierung von Jan Hus jedoch langsam zu Gunsten einer realistischeren Anschauung seiner Person zurück, woran die Historiker František Šmahel, Jaroslav Mezník, Petr Čornej oder Jiří Kejř im Rahmen quellengestützter Interpretationen ihren Anteil hatten. Auch der Prager Erzbischof Josef Beran nahm nach seiner Reise ins römische Exil 1965 im Rahmen der Debatten zum Thema Regionsfreiheit auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf Jan Hus Bezug. Bedeutende Exiltheologen – auf katholischer Seite etwa Thomas Špidlík, auf protestantischer Seite beispielsweise Johann Milíč Lochman – riefen in den 1980er Jahren zum Einbezug der Hus-Thematik in Glaubens- und moralische Fragen sowie zur Befreiung seiner Gestalt von zweckgerichteten Interpretationen auf. Auch der Pole Stefan Swieżawski, der an der Katholischen Universität in Lublin wirkte, leistete bedeutende Beiträge in dieser Debatte.

Neue Wahrnehmung von Jan Hus Nach dem Fall des Kommunismus begann eine neue Phase, die sich um eine Objektivierung der Rolle von Jan Hus als Kirchenreformator bemühte. Trotz mancher Verfälschung und Entfremdung, die es in der Vergangenheit bei der Sichtweise auf seine Person gegeben hatte, gelang es gegen Ende des 20. Jahrhunderts, den einstigen Gelehrten und Kirchenreformator in ein realistischeres Licht zu rücken. Dennoch sind aus früheren Zeiten bestimmte Bilder haften geblieben: auf der einen Seite Hus als der häretische Spalter, der Nationalist, der Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und Vorläufer der links orientierten und kommunistischen Bewegungen; auf der anderen Seite Hus als intellektueller Wahrheitssucher, der im Kampf gegen die Verweltlichung und sittliche Verwahrlosung der Kirche aus der Tiefe des Evangeliums schöpft. Zwischen diesen Polen schwankt das Hus-Bild fast bis heute.

Es ist jedoch interessant, dass bei der Suche nach einer neuen Wahrnehmung von Jan Hus die katholische Kirche, und sogar deren höchste Leitung, Bedeutendes beigetragen hat. Diese Tatsache illustriert am treffendsten die Aufforderung von Papst Johannes Paul II. zur Umwertung der Hus-Position in der böhmischen Geschichte, die er während seines ersten Besuches in der Tschechoslowakei im April 1990 aussprach. Im Herbst 1993 fand in Bayreuth das erste große Symposium statt, das die bisherigen Forschungsergebnisse zusammenfasste und die Breite der gesamten Problematik in den Blick nahm. Im Dezember 1999 kam die bis heute bedeutendste Konferenz über Jan Hus zustande: An dem viertägigen Symposium an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom waren rund 100 Wissenschaftler aus sieben Ländern beteiligt. Am 17. Dezember wurden die Konferenzdelegierten, unter ihnen auch Staatspräsident Václav Havel, von Papst Johannes Paul II. empfangen. In seiner Ansprache erklangen aus historischer Sicht ausschlaggebende Worte: „Heute […] fühle ich mich verpflichtet, mein tiefes Bedauern auszusprechen für den grausamen Tod von Jan Hus und für die daraus folgende Wunde, eine Quelle von Konflikten und Spaltungen, die dadurch in den Geist und die Herzen des tschechischen Volkes gerissen wurde.“

Die Suche nach einer gemeinschaftlichen Wahrnehmung, was die Bedeutung der Person des Magisters Jan Hus anbelangt, hat zur Annäherung quer durch die tschechischen Konfessionen beigetragen und auch eine koordinierte Vorbereitung seines 600. Todestages im Jahr 2015 ermöglicht.

In den 1990er Jahren ist die Popularität von Jan Hus als einer böhmischen Identifikationsgestalt jedoch auch etwas zurückgegangen. Die Verdammung der kommunistischen Vergangenheit nach der Niederlage der autoritären Staatsmacht 1989 hat nämlich auch zu einem Abflauen der mit ihr verknüpften Traditionen geführt. Die übermäßige Hervorhebung der sozialen Dimension der Hus-Botschaft hat so die Annahme dieser Geschichte nach 1989, als sich auch die Wahrnehmung vieler anderer Traditionen veränderte, etwas erschwert. Das wichtigste Merkmal der postkommunistischen liberalen Demokratie ist die Hervorhebung des Individualismus sowie die Gestaltung von zeitlich begrenzten utilitaristischen Bindungen. Eine Gesellschaft lässt sich aber nicht nur über kurzfristige Interessen und Perspektiven, die oft ökonomischer Natur sind, definieren. Wenn demgegenüber die großen geistlichen und volkstümlichen Traditionen in Erinnerung gebracht werden, können sie eine Gelegenheit zur Gestaltung der notwendigen Ecksteine einer Gesellschaft sein.

Jaroslav Šebek, doc. Magr., PhD., Historisches Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. Forschungsschwerpunkte: Politische, Sozial- und Ideengeschichte der Tschechoslowakei im 20. Jahrhundert, Kirchengeschichte in den böhmischen Ländern und in Mitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert sowie Analysen zu aktuellen Entwicklungen von Kirchen und Religionsgemeinschaften.

RGOW 3/2015, S. 23-25

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