Russlands erste Anlaufstelle für Witwen

Regula Spalinger im Gespräch mit Elena Lepeschonok, Alexandra Starostenko und Milena Bojku

Der Wohltätigkeitsfonds „Mit Rat und Tat“ aus St. Petersburg unterstützt Witwen mit rechtlicher und psychologischer Beratung. Zudem hilft er den Frauen durch den Aufbau eines Solidaritätsnetzwerkes. Über die Arbeit des Fonds spricht Regula Spalinger, die Projektverantwortliche von G2W, mit den beiden Leiterinnen Elena Lepeschonok und Alexandra Starostenko sowie der Betroffenen Milena Bojku. – S. K.

Wo steht der Fonds „Mit Rat und Tat“ heute im Vergleich zum Gründungsjahr 2017?
Elena Lepeschonok
: Anfang Februar 2017 begannen wir unsere Arbeit mit einer ersten Witwengruppe. Wir starteten mit bescheidensten Mitteln, einem Jahresbudget von 60 000 RUB (rund 800 EUR) und persönlichen Investitionen. Von Beginn an war uns Praxisnähe und die Qualität der Dienste wichtig. Deshalb arbeiten in unserem kleinen Team zwei ausgewiesene Psychologen und eine Anwältin. Schritt für Schritt konnten wir in den vergangenen zwei Jahren mehr Frauen beistehen. 2018 erhielten bereits 60 Witwen durch unseren Fonds kostenlose Unterstützung, viele von ihnen mit Kleinkindern oder Kindern im Schulalter. Es gab insgesamt 90 juristische Konsultationen, darunter anwaltliche Begleitungen vor Gericht, meist in Erbrechts- oder Mietfragen. Zusätzlich fanden 109 psychologische Einzelberatungen, sowie 130 Beratungen durch die stv. Leiterin und Sozialarbeiterin Alexandra Starostenko statt. Im vergangenen Jahr trafen sich 48 „Unterstützungsgruppen“, d. h. Kleingruppen von vier bis acht Frauen unter fachkundiger Gesprächsführung. Die Frauen bemerken dabei nach einigen Wochen, wie sie wieder Ressourcen gewinnen und sich gegenseitig unterstützen können.

Wie ist die Lage von alleinerziehenden Frauen in der russischen Gesellschaft?
Alleinerziehende Mütter befinden sich in einer schwierigen Lage. Ihre Zahl ist in Russland aus verschiedenen Gründen, u. a. durch Verlust des Ehemannes, sehr hoch. Die Statistik für das erste Halbjahr 2018 zur Stadt St. Petersburg spricht eine deutliche Sprache: Innerhalb von sechs Monaten sind 4 325 Männer im arbeitsfähigen Alter verstorben, gegenüber 1 339 Frauen. Das entspricht einem Verhältnis von 76 Prozent Männern gegenüber 24 Prozent Frauen. Die Probleme von alleinerziehenden Frauen sind zunächst wirtschaftlicher Natur. Doch sind damit auch große psychologische und soziale Schwierigkeiten verbunden. Um die Kinder richtig kleiden und ernähren zu können, muss die Mutter viel bzw. oft bis spätabends arbeiten. Dadurch verliert sie aber die Möglichkeit, ausreichend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Witwen mit Kindern zu kämpfen?
Alexandra Starostenko: Alleinerziehende Mütter, die in Trennung oder Scheidung leben, erhalten neben den Alimenten des leiblichen Vaters nicht selten weiterhin eine gewisse Betreuungsunterstützung durch ihn. Für eine Witwe gibt es jedoch neben der gesetzlichen Rente praktisch kein weiteres Auffangnetz. Die staatlichen Einrichtungen bieten mehrheitlich Leistungen formaler Natur. Deren Mitarbeitenden sind in Detailfragen, z. B. dem Erbrecht, zu wenig geschult. Eine kostenpflichtige Beratung oder Psychotherapie kann sich aber kaum eine Witwe leisten. Die staatliche Waisenrente beträgt z. B. für St. Petersburger lediglich 8 500 RUB monatlich pro Kind (rund 110 EUR). Die zusätzliche Hinterbliebenenrente für die Ehefrau ist zum Überleben zu klein. Denn die Monatsmiete für eine einfache Zweizimmerwohnung beträgt rasch 6 000 RUB. Dazu kommen die Ausgaben für Lebensmittel, Kleider, Schulmaterialien etc. Praktisch alle betroffenen Frauen sind deshalb gezwungen, eine oder gar zwei Arbeitsstellen anzunehmen, wodurch sie gemäß russischem Recht den Anspruch auf eine Witwenrente verlieren. Zudem gilt es den Tod des Ehemannes zu verarbeiten. Die Witwe steht dabei oft ganz alleine da. Durch die Geschichte Russlands im vergangenen Jahrhundert mit seinen vielen Kriegen wurde das Witwendasein sozusagen zur Norm. Häufig bekommt man zu hören: Unsere Großmütter haben ihre Kinder selbst großgezogen, unsere Mütter ebenso. Aus dieser Erfahrung heraus konnten sich bei uns nach der Sowjetzeit bisher keine Wohltätigkeitsorganisationen für Witwen herausbilden. Wir wollen mit unserem Fonds ein Zeichen der echten solidarischen Hilfe für Witwen setzen.

Wie hilft „Mit Rat und Tat“ den Witwen konkret?
Elena Lepeschonok: Wie bereits erwähnt, leisten wir Einzelberatungen durch eine Sozialarbeiterin, zwei Psychotherapeuten und eine Juristin. Da sich die Arbeit in geschützten Kleingruppen als sehr hilfreich erweist, ist der Anteil an Frauen, die eine „Unterstützungsgruppe“ besuchen, sehr groß. Ein Kurs beinhaltet zwei Blöcke und findet einmal pro Woche abends während zwei Monaten statt. Nach der Aufarbeitung des Verlusts an den ersten Abenden geht es im zweiten Teil „Woher Kraft holen?“ um innere Ressourcen und um erzählerische, gestaltende Therapieformen, damit die Farben des Lebens wieder spürbar werden. Seit letztem Jahr können wir außerdem therapeutische Hilfe für Kinder ab zwölf Jahren anbieten. Auf vielfachen Wunsch haben wir Mitte 2018 angefangen, regelmäßig Freizeitveranstaltungen durchzuführen. So entstehen neue Freundschaften, zugleich tut sich ein Weg aus der sozialen Isolation auf. Die Frauen beginnen sich gegenseitig im Alltag zu unterstützen.

Milena Bojku, wie hat Ihnen der Fonds geholfen?
Milena Bojku: „Mit Rat und Tat“ hat mich im letzten Jahr sehr stark unterstützt. Ich habe meinen Mann bereits 2005 verloren und blieb mit meinen vier Kindern allein zurück. Mein Mann und ich hatten drei Kinder adoptiert. Unser viertes eigenes Kind war gerade sechs Monate alt, als mein Mann starb. Der zweitjüngste, behinderte Sohn war damals mit zwei Jahren ebenfalls noch ein Kleinkind. Obwohl mir vom Erbrecht eigentlich ein Drittel der familiären Wohnung zustand, wurde diese komplett meiner Schwiegermutter überschrieben, so dass ich mit meinen Kindern auf der Straße stand. Ich versuchte den Entscheid anzufechten, doch verlor ich im Verlauf der Jahre elf Gerichtsverhandlungen. In der ersten Zeit kam ich mit den oft kranken Kindern bei verschiedenen Freunden und Bekannten unter. Erst 2007 konnte meine Mutter ihre bisherige Wohnfläche verkaufen und ein 10m langes Zimmer in einer Kommunalwohnung im Leningrader Gebiet erwerben. In dieses eine Zimmer, wo wir noch heute aus Platzmangel auf Matten schlafen, zog ich mit meinen vier Kindern ein. Endlich konnte ich mich wieder offiziell registrieren lassen. Zum Fonds „Mit Rat und Tat“ kam ich im Januar 2018 und besuchte zunächst eine „Unterstützungsgruppe“. Die Juristin des Fonds hat mir geholfen, Dokumente aufzusetzen. Aufgrund der Erziehungsverantwortung für ein Kind mit psychischer Behinderung besteht in meinem Fall Anrecht auf eigenen Wohnraum. Ein erster positiver Behördenentscheid konnte im Herbst 2018 erwirkt werden. Mit Unterstützung der Anwältin ist nun vor Gericht die Zuweisung erreichbar. Ich bin zuversichtlich, dass wir nach 14 Jahren in nächster Zukunft zum ersten Mal unsere eigene bescheidene Wohnung haben werden. Enorm geholfen haben mir zudem die Ratschläge des Psychologen des Fonds bei der Erziehung meines behinderten Sohnes. Es fällt mir nun leichter mit der Beanspruchung am Arbeitsort und den seelisch anspruchsvollen Situationen in der Familie klar zu kommen.

Auf welches Echo stößt „Mit Rat und Tat“ in der Öffentlichkeit?
Alexandra Starostenko: Ratsuchende stoßen häufig über unsere Website und die sozialen Netzwerke auf uns, doch übernimmt die Mund zu Mund-Propaganda einen wachsenden Anteil. Mehrere NGOs und Medien berichteten 2018 über unsere Tätigkeit. Vom TV-Projekt Choroschij tschelovek („Guter Mensch“) wurden wir gar ausgezeichnet. Die Journalisten dieser St. Petersburger NGO möchten Initiativen zeigen, die Notleidende unterstützen und nicht gleichgültig bleiben. Sie haben über uns ein informatives Kurzvideo gedreht. Eine besondere Freude war, dass unser Fonds im Rahmen des städtischen Wettbewerbs „Petersburg für Frauen“ im Herbst als eine der 15 besten Initiativen ausgewählt wurde. Als Teil der Auszeichnung erhielten wir diesen Januar eine kurze Filmdokumentation über unsere Tätigkeit, die auf unserer Website aufgeschaltet ist.

Was sind Ihre Ziele für 2019?
Alexandra Starostenko: Ein großes Ziel ist, eine Broschüre mit dem Titel: „Was tun, wenn ein nächster Angehöriger stirbt“ zu gestalten. Dieses sollte kleine Kapitel enthalten wie: Wo erhalte ich psychologische Hilfe, die Bestattung organisieren, das Erbe, Rechte der verwitweten Ehefrau etc. Als Leitfaden wird sie Auskunft auf Fragen geben, worüber bei uns niemand spricht. Außerdem möchte ich den Kontakt zu den Interessierten über regelmäßige Newsletter pflegen. Was wir 2018 aufbauen konnten, ist zu einem Hauptteil der Unterstützung durch G2W zu verdanken. Die Herausforderung wird sein, langfristig Hilfe für Witwen und ihre Kinder anbieten zu können. Um das zu erreichen, möchten wir unsere Kenntnisse im Bereich Marketing und Strategieentwicklung von Wohltätigkeitsorganisationen vertiefen. Wir gehen in kleinen Schritten voran, entscheidend ist das langfristige Wohl der betreuten Witwen mit ihren Familien.

Sie können die Arbeit von „Mit Rat und Tat“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Mit Rat und Tat“ unterstützen.

pdfRGOW 2/2019, S. 28-29