„Mit Wort und Tat“

Alina Ganje im Gespräch mit Elena Lepeschonok

In Russland liegt die jährliche Sterberate von Männern ein Vielfaches höher als diejenige von Frauen. Witwen und deren Kinder können jedoch kaum mit staatlicher Unterstützung rechnen. Diesem Problem will der Wohltätigkeitsfonds „Mit Wort und Tat“ entgegenwirken. In Zusammenarbeit mit Psychologen, Sozialarbeitern und Juristen bietet er den Frauen und ihren Kindern ein komplexes Betreuungsangebot an, um ihnen in der schwierigen Lebenssituation zu helfen. 

Können Sie kurz erzählen, wie das Projekt „Mit Wort und Tat“ entstanden ist?
Elena Lepeschonok:
Die Idee, das Projekt ins Leben zu rufen, entstand im Dezember 2016. Zu dieser Zeit war ich bereits seit neun Jahren in sozialen Organisationen tätig und merkte zunehmend, dass mich mein Job nicht mehr erfüllte. Der eigentliche Grund war jedoch der Tod meines Ehemannes 2011, nach dem ich mit meinen drei Kindern allein blieb. Zwar haben mir meine damalige Arbeit und die Arbeitskollegen sehr geholfen, psychisch war es für mich jedoch eine sehr schwierige Zeit. Denn in St. Petersburg gab es keine Organisation, an die ich mich wenden konnte, und Psychologen sind – zumindest in St. Petersburg – sehr teuer. So suchte ich zwar ein paar Mal einen Psychologen auf, musste jedoch aufgrund meiner schwierigen finanziellen Situation auf weitere Sitzungen verzichten. Die Idee zu dem Projekt, Witwen zu unterstützen, entstand also primär aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen. Zudem hat auch Alexandra, meine Kollegin, Ähnliches erlebt – sie verlor noch im Kindesalter ihren Vater. Als ich ihr von meiner Projektidee erzählte, sagte sie mir sofort ihre Unterstützung zu.

Wie sieht die Situation von Witwen in Russland aus?
Gemäß Daten des Statistischen Amtes der Russischen Föderation sind von Januar bis Juli 2017 insgesamt 40 906 Frauen und 150 307 Männer im erwerbsfähigen verstorben. Das bedeutet ein Verhältnis von etwa 25 zu 75 Prozent. Dies ist ein offensichtliches Problem, denn zumeist bleiben alleinerziehende Frauen mit Kindern zurück. In St. Petersburg sind innerhalb von einem halben Jahr 4 482 Männer im erwerbstätigen Alter verstorben. Auch wenn man annimmt, dass nicht alle von ihnen eine Familie hatten, so lässt sich doch davon ausgehen, dass zwei Drittel Frauen und Kinder hinterlassen haben. Ich habe mir auch die Ergebnisse von psychologischen Tests angeschaut, die traumatische Ereignisse nach ihrem jeweiligen Stresspegel ordnen. Der Verlust des Ehepartners wird mit 100 bewertet und stellt den größten Stressfaktor dar. Die soziale und finanzielle Situation der Familie ändert sich schlagartig, so dass die Familie unbedingt Unterstützung benötigt. Vor diesem Hintergrung ist umso seltsamer, dass es in Russland nahezu keine Organisation gibt, die sich diesem Problem widmet. Dabei hat sich Russland mit seiner tiefen Verankerung in der Orthodoxie früher stets um Witwen und Waisen gekümmert. Dies galt immer als eine der wichtigsten guten Taten. Allerdings hat sich das im 20. Jahrhundert, in dem sehr viele Männer starben, stark geändert – Witwen wurde immer weniger Mitgefühl entgegengebracht. Ich würde das als einen generellen Verlust von Empathie in der Bevölkerung bezeichnen. Und dies zeigt sich auch bei der Anzahl von Organisationen, die Witwen und ihren Kindern helfen: Es gibt fast keine.

Können die Hinterbliebenen mit staatlicher Unterstützung rechnen?
Die Kinder von verwitweten Frauen erhalten jeweils eine monatliche Rente in Höhe von 8 500 Rubel (ca. 125 Euro). Auch Frauen können Anspruch auf eine Witwenrente erheben, allerdings nur dann, wenn sie in keinem offiziellen Arbeitsverhältnis sind. Zudem haben die Waisen Recht auf kostenfreie Nutzung des ÖV sowie kostenlose Verpflegung in der Schule. Das ist alles. In St. Petersburg gibt es staatliche Einrichtungen wie das „Hilfszentrum für Familie und Kinder“, wo auch bestimmte Leistungen angeboten werden. Allerdings kann ich hier aus eigener Erfahrung berichten, dass die angebotenen Hilfsleistungen eher formaler Natur sind. Außerdem versuchen die Frauen nicht selten, mit ihrer Situation diskret umzugehen und staatliche Organisationen eher zu meiden, weil sie Angst haben, dass dadurch die Kinderschutzbehörde bzw. das Jugendamt auf sie aufmerksam werden könnten. Auch eine kompetente juristische Beratung kann oftmals eine wichtige Rolle spielen: Einerseits sind Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Eigentum oder dem Erbe keine Seltenheit. Andererseits gibt es oft Probleme mit Versicherungsgesellschaften, aber auch mit der Verwandtschaft des Verstorbenen, die Gerichtsprozesse nach sich ziehen. Der Staat bietet auch hier keine ausreichende Beratung.

Welche Hilfe brauchen verwitwete Frauen und deren Kinder am dringendsten?
Wir sehen bei Kindern und insbesondere bei Jugendlichen einen großen Bedarf an psychologischer Betreuung. Der Verlust des Vaters verursacht oft Probleme, wie z. B. aggressives Verhalten. Wir bekommen zunehmend Anfragen von Witwen, die uns bitten, etwas für ihre Kinder zu organisieren. In dieser Hinsicht haben wir auch schon eine großartige Idee, die auch mir damals geholfen hat. Die Rede ist von einem Retreat, bei welchem Mutter-Kind-Gruppen einen Waldausflug unternehmen und professionell betreut werden. Diese Idee ist für Russland eher ungewöhnlich. Ich bin jedoch von deren Effektivität überzeugt und möchte sie gerne verwirklichen.

Wie viele Frauen unterstützen Sie momentan?
Aus unserer Sicht ist es zentral, dass es ein differenziertes psychologisches Angebot für die Frauen gibt – je nach dem, in welcher Phase sich die Betroffene gerade befindet. So haben wir zum einen eine sog. Anfängergruppe, die aus sechs Frauen besteht, die erst kürzlich ihren Mann verloren haben. Zum anderen gibt es eine Gruppe von Frauen, die bereits den ersten Kurs absolviert hat. Mit ihnen arbeiten wir anders, weil die beiden Gruppen jeweils vor unterschiedlichen Problemen und Herausforderungen stehen. Die Anfängergruppe trifft sich wöchentlich, mit der zweiten Gruppe arbeiten wir in größeren regelmäßigen Abständen. Zudem erstellen wir gerade eine Liste mit Neuanmeldungen: neue Betroffene können wir nicht in eine bestehende Gruppe aufnehmen, sondern wir werden für sie eine neue Gruppe bilden.

Wie werden betroffene Frauen auf Ihre Organisation aufmerksam?
In erster Linie über das Internet. Zudem treten wir an verschiedenen Veranstaltungen in St. Petersburg auf. So waren wir z. B. zum Forum „Soziales St. Petersburg“ eingeladen, an dem wir von unserem Projekt erzählen durften. Ein wichtiger Aspekt sind dabei natürlich unsere eigenen Ressourcen, die in der aktuellen Phase begrenzt sind. So sind die insgesamt 30 Personen, denen wir 2017 unsere Hilfe anbieten konnten, bereits ein großer Erfolg für uns.

Was planen Sie für 2018?
Wir planen weiterhin mit mindestens einem wöchentlich stattfindenden Kurs. Zudem werden jede Woche zwei individuelle psychologische und juristische Beratungen angeboten. Außerdem steht den Witwen auch stets unser Sozialarbeiter zur Verfügung, der sie in konkreten Fragen unterstützt. Dies stellt das Minimum unseres Programms für 2018 dar, wofür wir auch schon entsprechende finanzielle Mittel gesichert haben. Die Tatsache, dass der Präsidentenfonds uns einen Zuschuss gewährt hat, bedeutet, dass die problematische Situation von Witwen endlich erkannt wurde, denn es gab 9 500 Anträge und nur 2 500 wurden angenommen. Das heißt, wir gehören zu diesem einen auserwählten Viertel. Das hat uns sehr geholfen – sowohl materiell, aber auch moralisch!

Zudem werden wir weiterhin aktiv Fundraising betreiben sowie nach Kooperationspartnern suchen. Für die Frauen planen wir unser Programm auszuweiten, wobei wir uns an der Nachfrage und unseren Möglichkeiten orientieren werden. Längerfristig würden wir gern ein effektives System entwickeln, das wir vielfach anbieten könnten – in jeder Region des Landes, was uns somit zu Pionieren machen würde. Wir werden oft von Frauen aus anderen Regionen angeschrieben, die es sehr bedauern, dass es solche Organisationen wie die unsere nicht auch in ihrer Umgebung gibt. Überhaupt gibt es bei uns in Russland keine Kultur für psychologische Betreuung. Man ist es nicht gewohnt, einen Psychologen aufzusuchen. Vielmehr muss sich eine Witwe oft Vorwürfe anhören, dass sie verrückt sei, oder dass bereits genügend Zeit vergangen sei, um sich wieder zusammenzureißen. Das bedeutet, wenn wir nach und nach ein landesweites System aufbauen könnten, mit dem wir Witwen und Kindern systematische Hilfe anbieten, besteht die Möglichkeit, auch die öffentliche Meinung in der Gesellschaft zu ändern.

Sie können die Arbeit von „Mit Wort und Tat“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Mit Wort und Tat“ unterstützen.

 pdfRGOW 1/2018, S. 28-29