Strafgefangenenhilfe

Gemessen an seiner Gesamtbevölkerung hat Russland eine der höchsten Strafgefangenenraten weltweit. Staatliche Wiedereingliederungsprogramme für Strafgefangene nach der Haftentlassung fehlen gänzlich, so dass viele ehemalige Häftlinge erneut straffällig werden. Das zweistufige Rehabilitationszentrum in Ponazyrevo, Gebiet Kostroma, unterstützt Strafgefangene bei ihrer gesellschaftlichen Wiedereingliederung. Geleitet wird das Rehabilitationszentrum von Erzpriester Evgenij Ketov, der seit zehn Jahren die Strafkolonie IK-2 von Ponazyrevo betreut und Vorsteher der dortigen Gefängniskirche ist. Zudem wirkt er als Priester der Gemeindekirche von Ponazyrevo, eines Ortes mit 4000 Einwohnern. Vor wenigen Jahren hat er bei seiner Gemeindekirche ein eigenes Rehabilitationszentrum ins Leben gerufen, damit die Strafgefangenen nach der Haftentlassung eine Stelle haben, an die sich wenden können.

Projektziele
Das Rehabilitiationszentrum von Ponazyrevo verfolgt in Zusammenarbeit mit der Gefängnisleitung der örtlichen Strafkolonie einen zweistufigen Ansatz: In der ersten vorbereitenden Stufe innerhalb der Strafkolonie werden die Häftlinge mit professioneller Begleitung auf das Leben und den Arbeitsalltag in Freiheit vorbereitet. Diejenigen Häftlinge, die nicht in ein stabiles soziales Umfeld zurückkehren können, haben während der zweiten Stufe die Möglichkeit, im Reha-Zentrum bei der Gemeindekirche von Ponazyrevo zu leben. Dort können sie in einem regelmässigen Arbeitsalltag Fuss fassen, erhalten Kost und Logis sowie einen Grundlohn. Zudem nehmen sie in der Freizeit auch am regen Gemeindeleben teil.

Sozialer Hintergrund
Jeder zehnte russische Mann hat einmal im Leben im Gefängnis gesessen. Auf Grund mangelhafter oder gar ausbleibender Rehabilitationsprogramme ist die Rückfallquote unter Strafentlassenen extrem hoch. „Meine Haftstrafe ist fast vorbei. Bald werde ich freikommen. Ich habe schon oft drüber nachgedacht: Ich komme raus aus dem Gefängnis, aber was soll unsereins dann tun? Wo sollen wir hin? [...] Nach so vielen Jahren Haft kann mich doch keiner mehr brauchen. Davor hab ich natürlich Angst. Wie soll ich neu anfangen, womit denn, auf wen werde ich mich verlassen können? So ist das, Angst vor der Freiheit“ (Häftling im Dokumentarfilm „Die Verdammten – Russlands härtestes Gefängnis“. Doku 2015, BR und ARD).

Projektbewertung
Das Rehabilitationszentrum in Ponazyrevo geniesst sowohl unter Fachleuten als auch unter der Bevölkerung grosse Anerkennung und Unterstützung. Die Juristin Natalija Vysozkaja, lange Jahre Leiterin der Strafgefangenenhilfe „Glaube, Hoffnung, Liebe“ in Moskau, steht mit Vater Evgenij in regelmässigem Austausch. Freiwillige ihres ehemaligen Vereins leisten für das Rehabilitationszentrum in Ponazyrevo vielfältige, auch materielle Unterstützung. Helfen auch Sie den Strafgefangenen bei ihrem Weg in die Freiheit.

„„Die grösste Herausforderung bei der Arbeit mit den Häftlingen und Strafentlassenen ist nicht in erster Linie die hohe Arbeitsbelastung, sondern in genügendem Mass Geduld gepaart mit christlicher Liebe zu beweisen“
Erzpriester Evgenij Ketov, Leiter der Strafgefangenenhilfe

Projektinformation auf einen Blick: pdfFlyer
Projektberichte

Film
2012 drehte der Regisseur Andrej Andrejev einen 35-minütigen Dokumentarfilm mit dem Titel Дети Божьи („Kinder Gottes“). Der russische Film mit englischen Untertiteln wurde vom ursprünglich aus der Ukraine stammenden Regisseur ohne jegliche Fördergelder oder Sponsoren gedreht und zeigt auf eindrückliche Weise, dass in Russland die Wiedereingliederung von ehemaligen Strafgefangenen auf Gemeindeebene gelingen kann.

 



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