Wo Pensionäre für die Allgemeinheit wirken

Regula Spalinger im Gespräch mit  Valentina Fesetschko

pdfRGOW 9/2017, S. 28-29

In den beiden Sozialzentren des Vereins „Insel der guten Hoffnung“ wirken vor allem Seniorinnen und Senioren mit und setzen sich für wohltätige Projekte in ihrer Region ein. Ihr Engagement hat dazu geführt, dass der Verein mehrere Jahre in Folge zur „besten Wohltätigkeitsorganisation“ des Gebiets ausgezeichnet wurde. Mit der Leiterin der Sozialzentren, Valentina Fesetschko, hat Regula Spalinger über die Aktivitäten der Sozialzentren in Revda und Pervouralsk gesprochen.

G2W: Welches sind gegenwärtig die größten sozialen Probleme in Ihrer Region?
Valentina Fesetschko: Die größten soziale Probleme nicht nur in der Uralregion, sondern in ganz Russland sind eine mangelhafte medizinische Grundversorgung, die oftmals unzuverläs- sige Qualität der kommunalen Dienste (insbesondere Wärme-, Strom- und Gasversorgung) sowie überfüllte Klassen in vielen Bildungseinrichtungen. Eine besondere Herausforderung für unsere Region stellt die Abwanderung vieler junger Fachkräfte oder Familien mit Kindern in die großen russischen Städte, beispielsweise nach Jekaterinburg dar. Zurück bleiben die älteren Menschen, die ohne Rückhalt durch ihre Angehörigen auskommen müssen. Ein Drittel der lokalen Bevölkerung sind Rentnerinnen und Rentner. Ein weiteres Problem ist, dass es viel zu wenige Fachärzte in unserer Region gibt. Die Stadt Revda versucht Gegensteuer zu geben, indem gegenwärtig Wohnhäuser für junge Spezialärzte und ihre Familien in Kliniknähe gebaut werden.
Unsere Sozialzentren sind für alle Menschen in Not da, beispielsweise für bedürftige Kranke oder Behinderte, die sich benötigte Medikamente oder eine medizinische Behandlung nicht leisten können. Auch Familien, deren Haus abgebrannt ist, versuchen wir mit Sachspenden (z. B. Kleidern aus unserer Kleiderbörse, Haushaltsartikel über Spendenaufrufe) den harten Wiederaufbau ihrer Existenz zu erleichtern. Diesen Sommer gab es mehrere solcher Fälle, denn in den umliegenden ärmlichen Dörfern sind die meisten Häuser aus Holz gebaut, aber auch in den Städten gibt es zahlreiche Holzhäuser.

Wie sieht ein Arbeitstag in Ihrer Organisation aus?
Kein Arbeitstag gleicht dem andern, lediglich der Arbeitsbeginn um acht Uhr morgens ist immer gleich. Frühmorgens treffen die ersten Besucher ein, unter ihnen alleinstehende Mütter, Familien, die in Not geraten sind, Pensionäre, Obdachlose sowie aus der Haft Entlassene. In unserer Abteilung Miloserdie (dt. „Barmherzigkeit“) helfen unsere Mitarbeitenden jenen, die materielle Hilfe benötigen, aus gespendeten Artikeln pas- sende Kleider, Schuhe, Bücher oder Spielsachen auszusuchen. Abhängig vom Wetter besuchen allein unsere „Miloserdie“- Abteilung täglich mindestens 20 bis 30 Personen. Wir bemühen uns, für jeden Einzelnen ein offenes Ohr zu haben und mit konkreten Ratschlägen oder Vermittlung an eine geeignete Fachstelle zu helfen.
Heute bereiten unsere Mitarbeitenden gerade Pakete für bedürftige Bewohner des Dorfes Ledjanka vor. Es handelt sich dabei um eine gezielte Hilfe an diejenigen Personen, welche die Ortsverwaltung als Notleidende kennt. In diesem Fall sind es betagte Menschen mit einer Monatsrente von 8 000 bis 9000 Rubel (ca. 130 bis 145 CHF). Am Nachmittag findet in unseren Räumlichkeiten ein Wettbewerbsspiel für Pensio- näre zum Thema „Ökologie“ statt. Oft werden wir auch von Menschen, die in einem der entfernten Außendörfer wohnen, bettlägerig oder behindert sind, telefonisch um Rat angefragt. Abends, mit den letzten Ratsuchenden und nach der admi- nistrativen Arbeit schließen wir die Türen bis zum nächsten Morgen.

Die Sozialzentren bieten eine breite Palette an kreativen und gesundheitsfördernden Aktivitäten an. Welche sind das? Unsere  Aktivitäten  sind  auf  unterschiedliche  Altersgruppen und Interessen ausgerichtet. Es gibt Besucher, die gern singen und tanzen und sich dem Chor „Ivuschki“ oder den Ensembles „Neposeduschki“ und „Rossijanotschki“ anschlie- ßen. Viele interessieren sich auch für Belletristik und Lyrik, für sie organisieren wir das „Literaturzimmer“. Zudem bieten wir verschiedene Quiz, Wettbewerbe oder humorvolle Mannschaftsspiele an. Selbstverständlich sind wir auch um die körperliche Gesundheit der Besucher besorgt. 2014 konn- ten wir diesbezüglich mit der Leitung der Revdaer Poliklinik einen Vertrag abschließen, seitdem haben wir unser Pro- gramm zum Thema „Gesundheit“ ausgeweitet. Einmal pro Jahr können die Teilnehmenden kostenlos einen Gesundheitscheck an der Klinik durchlaufen (mit Kardiogramm, Brustkrebsuntersuchung, Untersuchung durch einen Chirurgen, Gynäkologen, etc.). Auf Grund der Ergebnisse erhalten die Betroffenen ärztliche Empfehlungen oder werden an einen Spezialisten verwiesen. Einmal im Jahr bietet eine Fachperson auch Heilgymnastik an und schult die Teilnehmenden; danach kann jeder die empfohlenen individuellen Übungen regelmäßig zu Hause machen. Außerdem halten Spezialisten der Revdaer Poliklinik und weiterer Spitäler in unserem Sozialzentrum Vorträge zu Themen, die vorher mit unseren Besuchern abgesprochen wurden, z. B. zu Blutdruck, Infektionserkrankungen, Naturheilmittel, Allergien und Prophy- laxe, Zahnvorsorge, etc. Jeden Samstag und Sonntag trifft sich zudem im Stadion von Revda eine Gruppe zum Nordic Walking.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeiten mit den städti- schen sozialen Diensten und anderen Hilfsorganisationen? Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, haben Anrecht auf staatliche Sozialbeihilfe: Diese erfolgt je nach Fall als monatliche Zahlung, als Kostendeckung für kommunale Dienste oder auf andere Weise. In den Städten existiert zudem eine Verwaltung für Sozialpolitik; jeder Mitarbeitende dieses Sozialen Dienstes betreut in unserer Region 12 bis 13 Perso- nen. Im Vergleich dazu betreut eine Mitarbeiterin in unserem Sozialzentrum in Pervouralsk fünf kranke oder gehbehinderte Menschen. Zu ihrem Aufgabenbereich zählen Begleitung ins Krankenhaus, Einzahlungen, Lebensmitteleinkäufe, Woh- nungsreinigung und weitere Hilfe zur Bewältigung des Alltags. Solche zeitlich anspruchsvollen Dienste können die staatlichen Stellen gar nicht leisten, auch haben sie kaum Zeit für längere Gespräche mit den oft einsamen Menschen.
Neben der staatlichen Unterstützung benötigen viele Menschen zusätzliche Hilfe. In solchen Fällen schalten wir uns oder befreundete Hilfsorganisationen ein. Beispielsweise führt die Administration von Revda jährlich mit Unterstützung des örtlichen Rats der Veteranen Besuche bei Kriegsversehrten durch, die während des Zweiten Weltkriegs verletzt wurden. 2017 zeigte sich, dass manche Unterstützung bei dringlichen Wohnungsreparaturen oder durch Heizholz benötigen. Im Fall eines Kriegsveteranen, dessen bisheriger Rollstuhl nicht straßentauglich war, konnten wir Abhilfe verschaffen. Viele Menschen, denen das Schicksal ihrer Mitmenschen nicht gleichgültig ist, trugen ihren Teil dazu bei. So geschah es auch im Fall eines achtjährigen Mädchens, das auf- grund einer Kinderlähmung bisher weder sitzen noch stehen gelernt hat. Künstler aus Revda und Pervouralsk veranstalte- ten eine Reihe wohltätiger Konzerte; mit dem gesammelten Geld wurden als erstes Medikamente erworben. Dank des Engagements von drei jugendlichen Mädchen besteht zudem die Hoffnung, dass die Erkrankte in einem Sanatorium der Region mit gezielter Bewegungstherapie behandelt wird. Wir unterstützen die Bemühungen der Jugendlichen mit allen Kräften. Die städtische Einrichtung „Zentrum der Jugend“, in dem die drei Mädchen als Freiwillige mitwirken, führt immer wieder Aktionen zugunsten von Bedürftigen durch, sehr oft in Partnerschaft mit der „Insel der guten Hoffnung“. Auch Schulkinder aus Revda und Pervouralsk sind regelmäßig an unseren Hilfsaktionen beteiligt, indem sie Betagte, Invalide und Alleinstehende besuchen.

In den Sozialzentren arbeiten auch viele Rentnerinnen und Rentner mit. Wie kam es dazu?
Unsere Sozialzentren in Revda und Pervouralsk bestehen seit 1992. Während der Zeit gab es unter unseren Mitarbeitenden nur elf Personen unter 50 Jahren, die übrigen waren Rentne- rinnen und Rentner. Bis zum Jahr 2005 wurden die Renten häufig zu spät ausbezahlt, und viele Betriebe mussten Ange- stellte entlassen. Deshalb war das Ziel der Mitarbeitenden hier, ihre Familien materiell zu unterstützen, auch wenn wir nur sehr geringe Löhne bezahlen können. Nach 2005 hat sich die Situation im Land ein wenig gebessert. Viele, die heute zu unserem Team stoßen, möchten bei uns mitwirken, um der Allgemeinheit etwas zurückzugeben.
In unseren Sozialzentren arbeiten auch Menschen mit verschiedenen Behinderungen. Für viele ist es unmöglich, eine Arbeitsstelle in einem Betrieb zu finden. Unsere Organisati- on ist eine wohltätige Organisation: dass wir Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten ins Mitarbeiterteam aufneh- men, erachten wir als Teil unseres Auftrags. Die Welt wird von Menschen getragen, die nicht gleichgültig sind, sondern Anteilnahme zeigen. Menschen, die nicht vorbeigehen, sondern bereit sind zu helfen. Wir sind Ihnen und Ihren Spenderinnen und Spendern außerordentlich dankbar für die Unterstützung und Offenheit, die wir erleben.

Sie können die Arbeit des Vereins „Insel der guten Hoffnung“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Sozialzentren Ural“ unterstützen.