Hilfe zur Selbsthilfe

Regula Spalinger im Gespräch mit Ljudmila Len, Valentina Fesetschko und Vera Butyrskaja

pdfRGOW 9-10/2016, S. 46-47

Die beiden Sozialzentren des Vereins „Insel der guten Hoffnung“ unterstützen ältere und bedürftige Menschen in der Uralregion. In der strukturschwachen Region sind sie häufig die einzigen Anlaufstellen in einer sozialen Notlage. Mit den beiden Leiterinnen der „Insel der guten Hoffnung“, Ljudmila Len und Valentina Fesetschko, sowie der Mitarbeiterin Vera Butyrskaja hat Regula Spalinger, die Projektverantwortliche von G2W, über aktuelle Herausforderungen der Sozialzentren gesprochen.

G2W: Warum sind die Sozialzentren in Revda und Pervouralsk als Anlaufstelle für ältere Menschen so wichtig?
Ljudmila Len:
Bei uns in der Uralregion haben ältere Menschen häufig kaum Gelegenheiten, sich mit anderen auszutauschen. Gewöhnlich müssen die Angehörigen arbeiten, um ihre Familien durchzubringen, oder die Verwandten sind auf der Suche nach Arbeit in andere Regionen Russlands abgewandert. Unsere hiesigen Ärzte, ich habe das selbst erlebt, haben aufgrund des großen Andrangs und der Vorschriften betreffend Patientendokumentation in der Regel nicht mehr als 15 Minuten pro Patient zur Verfügung. Der ältere Mensch bräuchte jedoch eine halbe Stunde oder mehr, um sein Anliegen zu schildern, Zusammenhänge zu erinnern und Fragen stellen zu können. Bei uns im Sozialzentrum in Pervouralsk arbeitet daher eigens eine Expertin für Gesundheitsförderung, die sich den Problemen der älteren Menschen ohne Zeitdruck annimmt. Sie hört den Besucherinnen und Besuchern zu und gibt Ratschläge zur Gesundheitsförderung oder hinsichtlich der Einnahme eines bestimmten Medikamentes.
Ein besonderes Glück ist zudem, dass wir mit Vater Vassili (Zudilov) einen großherzigen Priester und ausgezeichneten Psychologen haben, der regelmäßig bei uns im Zentrum vorbeischaut. Die Besucher der „Insel der guten Hoffnung“ sind immer voller Vorfreude auf die Gespräche und Feiern mit ihm. Kürzlich bat die 100-jährige Lidia Titova vor ihrem Geburtstag, ob Vater Vassili zu ihr kommen und ihre Wohnung segnen könne. Sie selbst sieht nicht mehr gut, daher ist es für sie besonders bei Dunkelheit schwierig geworden, das Haus zu verlassen. Ganz selbstverständlich hat Vater Vassili ihrem Wunsch entsprochen. Nie ist ihm der Weg zu einem Kranken zu weit.
Abgerundet wird unser Angebot durch gesellige und kulturelle Anlässe, die bei den Seniorinnen und Senioren sehr gefragt sind: So trifft sich regelmäßig ein fester Teilnehmerkreis in unserem Handarbeitsatelier „Geschickte Hände“. Momentan zeigen wir gerade eine wunderbare Ausstellung selbstgemachter Puppen, die eine betagte Besucherin angefertigt hat. Jeden Freitag finden Gesprächsabende mit Mitarbeitern der städtischen Bibliothek zum bekannten Märchen- und Sagendichter des Ural, Pavel Baschov, zu Puschkin und weiteren bedeutenden Persönlichkeiten der russischen Kultur statt. Manchmal berichten auch lokale Dichter aus ihrem eigenen Schaffen.

Vera Butyrskaja: Auch bei uns im Sozialzentrum in Revda kommen regelmäßig Gruppen zusammen, um sich zu Gesundheitsfragen zu informieren. Ärzte, in den meisten Fällen selbst Pensionierte, messen den Blutdruck und geben in Einzelgesprächen gesundheitsfördernde Ratschläge. Im wöchentlichen bis monatlichen Rhythmus halten Mediziner Vorträge, an denen gewöhnlich 20 und mehr Personen teilnehmen. Da Medikamente zumeist sehr teuer sind, stoßen insbesondere Hinweise auf Naturheilmittel wie altbekannte, medizinisch wirksame Kräuter, Umschläge und Tees auf Interesse. Zudem bieten wir Heilgymnastik und leichten Sport wie Wandern oder Langlaufen an, damit unsere Besucher ihre Fitness bis ins hohe Alter bewahren. Häufig finden Begegnungen mit Kindern statt, da unsere Chöre und Musiker an vielen Orten, beispielsweise in Kindergärten oder Heimen auftreten.

Ihre Zentren leisten nicht nur älteren Menschen Hilfe. Welche Bevölkerungsgruppen wenden sich noch an die Sozialzentren?
Vera Butyrskaja:
Zu uns kommen vor allem kinderreiche Familien oder alleinerziehende Mütter. Wir unterstützen sie mit Kleiderspenden aus der Bevölkerung. Auf den Einzelfall angepasst, kann die Hilfe auch aus Lebensmitteln, Medikamenten oder Hygieneprodukten bestehen. Besonders in den Außendörfern gibt es viele notleidende Familien und Kranke, denen wir in Absprache mit den örtlichen Sachverständigen (Ortsvorstehern, etc.) beistehen. In diesem Jahr konnten wir einer Familie, deren Haus abgebrannt war, die erste Überbrückung nach dem Schicksalsschlag ermöglichen. Zu uns kommen aber auch Haftentlassene, denen wir beim Erwerb neuer Dokumente wie dem Inlandpass helfen. Bei der Entlassung aus dem Gefängnis erhalten die ehemaligen Häftlinge lediglich 800 Rubel, ein Pass kostet jedoch 5000 Rubel (75 CHF). Dieser muss zwingend bei jeder Stellensuche und verschiedenen Behördengängen vorgewiesen werden.

Valentina Fesetschko: An manchen Tagen wenden sich bis zu 15 Personen an uns, die irgendeinen Rat benötigen, z. B. im Zusammenhang mit dem Schulbesuch ihres Kindes oder mit der Rente. Oftmals wenden sich diese Personen als Erstes an uns, weil hier ihre Namen anonym bleiben, keine Protokolle zu den Gesprächen aufgezeichnet werden und sie dadurch unbeschwert ihre Anliegen vorbringen können. Die Menschen wissen, dass wir ihnen aufmerksam zuhören. Und sie sind froh, dass wir sie aufgrund unserer Kenntnis der städtischen und nichtstaatlichen Einrichtungen an die richtige Stelle verweisen können. Auf besondere Unterstützung sind vor allem behinderte Menschen angewiesen.

Mit welchen konkreten Problemen sind behinderte Menschen konfrontiert?
Valentina Fesetschko:
Behinderte, die im Rollstuhl sitzen, haben häufig Schwierigkeiten, in Gebäude zu gelangen, denn an vielen Orten fehlt es an Rampen. Am Eingang zu unserer Organisation haben wir eine extra Klingel, die Behinderte betätigen können. Wir kommen ihnen dann entgegen und helfen ihnen über die Schwelle. Die Stadtregierung hat uns zudem beim Einbau einer neuen Metalltür unterstützt, die sich automatisch für Rollstuhlfahrer öffnet. Das Problem von fehlenden behindertengerechten Zugängen kennen viele Organisationen unserer Stadt und des gesamten Gebiets. Doch hat sich in letzter Zeit in dieser Hinsicht glücklicherweise einiges zum Besseren verändert. Eine weitere Erschwernis vor allem für gehbehinderte Menschen waren die Warteschlangen vor städtischen Kliniken: Wer über keinen PC und keinen Internetzugang verfügte, musste nur schon für die Anmeldung zu einem Termin anstehen. Seit diesem Jahr kann man sich auch telefonisch anmelden, so dass die Warteschlangen in den Spitälern verschwunden sind. Eine besondere Herausforderung für viele Behinderte stellt auch das Finden einer Arbeitsstelle dar. Wir beschäftigen drei Menschen mit physischer Behinderung in unserer Organisation.

Können Sie uns die Hilfe für behinderte Menschen anhand eines konkreten Beispiels schildern?
Vera Butyrskaja:
Für den 32-jährigen Andrej Chramov konnten wir zusammen mit einem Unternehmen der Stadt Revda einen neuen, von Hand leichter steuerbaren Rollstuhl beschaffen, der ihm seine Mobilität zurückgibt. Andrej ist seit einem schweren Motorradunfall querschnittgelähmt. Seinen angestammten Beruf als Elektromonteur kann er nicht mehr ausüben, doch ist er seit 2008 erfolgreich als selbständiger Webentwickler tätig. Seine Lebensfreude hat er mit viel Reha-Training und Arbeit an sich selbst zurückgewonnen. Die Übergabe des Rollstuhls an Andrej Chramov fand im Beisein von Juri Mjatschin, einem Parlamentsabgeordneten unserer Stadt, und Valentina Fesetschko, der Leiterin unseres Revdaer Zentrums, statt. Die Großmutter Andrejs hatte sich mit der Bitte um Unterstützung an Juri Mjatschin gewandt, dieser wiederum zog uns hinzu, denn unter den hiesigen NGOs besitzen wir die umfangreichste Erfahrung in Nothilfe.

Wie hat sich die wirtschaftliche und soziale Situation im letzten Jahr verändert?
Vera Butyrskaja:
Glücklicherweise hat sich die Auftragslage bei den lokalen Industriebetrieben nicht drastisch verändert, so dass es bisher keine umfangreicheren Entlassungen gab. Deutlich gestiegen sind dagegen die Preise für Importwaren, wie dies in ganz Russland der Fall ist. Da unsere Region einen großen Anteil ärmerer Menschen kennt, sind wir immer mit zahlreichen Familien und Einzelpersonen in Not konfrontiert. Im Sommer gehen die Anfragen an uns jeweils leicht zurück, da dann auf den Datschen Gemüse und Früchte geerntet und im Wald Beeren und Pilze gesammelt werden können. Doch bereits mit dem Schulanfang im Herbst sind viele Familien froh um ganz elementare Unterstützung wie Schreibutensilien, gebrauchte Kleider und Schuhe für die Kinder.

Ljudmila Len: Wir pflegen eine traditionelle Verbindung mit der Blindengesellschaft in unserer Stadt. Jedes Jahr stellen wir 15 Sets mit Schreibwaren für blinde Kinder zum Schulanfang zusammen. Am ersten Schultag, dem 1. September, veranstaltet die Blindengesellschaft ein kleines Fest und übergibt in unserem Namen diese praktischen Geschenke an die Kinder.

Das Sozialzentrum in Pervouralsk erhielt in der ersten Jahreshälfte den Bescheid, dass der Mietvertrag am jetzigen Standort nicht verlängert werden kann. Wie sieht die Lage heute aus?
Ljudmila Len:
Glücklicherweise konnten wir den Mietvertrag dann doch verlängern. Vor zwei Monaten hatte ich ein Gespräch mit dem neuen Bürgermeister der Stadt Pervouralsk, ein kompetenter und sozial denkender Mann. Die unangekündigte Überprüfung durch das Justizministerium der Region Sverdlovsk im Mai führte außerdem zu keinerlei Beanstandungen. Aufgrund des positiven Ausgangs konnte sich die neu gewählte Stadtregierung vollends davon überzeugen, dass wir solide und für die Stadt sehr wichtige Arbeit leisten. Zudem haben die lokalen Medien nur positiv über uns berichtet. Vielleicht bestand anfangs ein gewisses Misstrauen seitens der Stadtregierung, weil wir finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten. Die Verlängerung des Mietvertrags ist eine außerordentlich gute Nachricht und wir haben wieder ein „Dach über dem Kopf“. Nun können wir auch die dringend notwendig gewordene Renovation der sanitären Anlagen in Angriff nehmen.

Das Mitwirken vieler rüstiger Seniorinnen und Senioren in ihren Sozialzentren ist beeindruckend.
Ljudmila Len:
Bei uns arbeiten Menschen, die nicht zufällig an uns geraten sind. Sowohl die Angestellten als auch die freiwilligen Helfer werden immer wieder durch schwierige Situationen auf die Probe gestellt. Als wir beispielsweise im Mai innerhalb von 24 Stunden eine Menge Dokumente vorbereiten mussten, um sie den Vertretern der Justizbehörden zu übergeben, hat niemand gejammert. Denn auf unser Wort kann man sich verlassen. Da wir keine Verstöße in unserer Organisation zulassen und jederzeit gewissenhaft arbeiten, sind wir die Situation mutig und ohne Sorge angegangen.

Sie können die Arbeit des Vereins „Insel der guten Hoffnung“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Sozialzentren Ural“ unterstützen.