Suchthilfe in Russland

Regula Spalinger im Gespräch mit Dmitrij Ostrovskij und Dr. med. Pelageja Telpis

pdfRGOW 11/2016, S. 28-29

Suchthilfe in Russland: Weiterbildung im Dienst des Patienten

In Russland nimmt die Zahl von HIV-infizierten Menschen jährlich um 10 Prozent zu. Der Verein „Rückkehr“, eine der innovativsten Drogenhilfsorganisationen in Russland, kooperiert mit staatlichen Stellen und setzt den Akzent auf die Weiterbildung des für die drogensüchtigen HIV- und AIDS-Patienten zuständigen Fachpersonals. Dmitrij Ostrovskij, der Leiter von „Rückkehr“, und die Drogenfachärztin Dr. med. Pelageja Telpis, Leiterin des Petersburger Narkologischen Rehabilitationszentrums Nr. 4, sprachen mit Regula Spalinger über ihre aktuellen Projekte.

G2W: Russische Medien sprechen aktuell davon, dass die HIV-Epidemie in Russland außer Kontrolle geraten sei. Wie beschreiben Sie die gegenwärtige Entwicklung?
Dmitrij Ostrovskij:
Leider muss man anmerken, dass die HIV-Epidemie in unserem Land nie wirklich unter Kontrolle war. Nimmt man die Fachbegriffe der Spezialisten zu Hilfe, so sprechen diese von einer „generalisierten Epidemie“, falls mehr als ein bestimmter Prozentsatz der betroffenen Zielgruppen infiziert ist. In gewissen Städten Russlands sind unter der am stärksten betroffenen Altersgruppe der Männer zwischen 25 und 35 bereits drei bis sechs Prozent infiziert. Unter den schwangeren Frauen hat dieser Koeffizient je nach Region ebenfalls schon ein bis drei Prozent erreicht. Auf die Gesamtbevölkerung gerechnet ist heute gemäß offiziellen Angaben knapp ein Prozent, beziehungsweise 1 bis 1,2 Mio. Menschen infiziert, mit Zuwachsraten von jährlich 10 Prozent registrierter neuer Fälle. Gefährlich ist in diesem Zusammenhang insbesondere, dass nur eine ungenügende Zahl von Infizierten therapiert und medikamentös behandelt wird. Zu den anderen gehören einerseits diejenigen, welche von ihrer Krankheit noch gar nichts wissen. Andererseits jene, die aus verschiedenen Gründen keine Behandlung erhalten. Viele Drogensüchtige, die in einem späten Krankheitsstadium stehen, zählen dazu. In diesem fortgeschrittenen Stadium können in einem Milliliter Blut mehr als eine Million HI-Viren enthalten sein. Das bedeutet, dass ein solcher unbehandelter HIV-Träger eine große bzw. nahezu unvermeidliche Infektionsgefahr bedeutet. Mittels Geschlechtsverkehr ohne Präservativ ist diese dann sehr hoch, per Blutübertragung (z. B. beim Spritzentausch unter Süchtigen) jedoch ungleich höher. Mit einer antiretroviralen Therapie, die möglichst rasch sowohl beim Erstinfizierten als auch bei einer möglicherweise durch ihn angesteckten Person durchgeführt werden sollte, kann das Risiko jedoch mit den heutigen Medikamenten um 80 % und mehr gesenkt werden.

Wie wirkt sich das Drogenproblem in Russland auf den Anstieg der HIV-Infektionen aus?
Gemäß offizieller Statistik sind per Januar 2016 7,3 Mio. Drogensüchtige erfasst. Darin sind allerdings die Dunkelziffern, also nicht Registrierte, nicht eingerechnet. Unter den 2016 zum ersten Mal erfassten HIV-Infizierten haben sich knapp 53 % durch den Gebrauch nicht steriler Spritzen mit dem Virus angesteckt. Zu beachten ist ebenfalls, dass der Konsum unterschiedlicher Drogen unter Jugendlichen erschreckend zunimmt. Die mittlere Lebenserwartung eines Drogensüchtigen in Russland liegt bei 28–30 Jahren; jährlich sterben 70 000 bis 80 000 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums oder an einer Überdosis. Zwar haben wir keinen exponentiellen Zuwachs an Drogenkonsumenten mehr wie Anfang der Neunzigerjahre, als vergleichsweise billiges Heroin das Land überschwemmte. Dafür ist das Bild um ein Vielfaches komplexer geworden. Viele heute verwendete Drogen (neben Heroin auch Marihuana, Desomorphin, Amphetamine, Spice etc. – Anm. der Red.), besonders jene ohne Spritzengebrauch, führen dazu, dass der Süchtige keine Abszesse hat oder andere, unmittelbar schmerzhafte Körpersymptome erlebt. So hegt er die Illusion, alles sei in Ordnung. Doch die Bewusstseinsveränderungen sind zum Teil umso schlimmer. Sie sind oft ohne Einflussnahme ihres Umfelds nicht mehr imstande, Hilfe von außen anzufordern. Aufgrund der heutigen Komplexität im Drogenbereich ist es unbedingt notwendig, dass wir unsere Anstrengungen zur Bildung einer größeren Gemeinschaft von Fachpersonen mit gezielter und vertiefter Weiterbildung verstärken. Zu ihnen gehören Drogenärzte, Fachärzte für Infektiologie, Psychiater, spezialisierte Psychologen, Sozialarbeiter etc. In diesem interdisziplinären Bereich haben wir in Russland einen riesigen Nachholbedarf.

Ihre Organisation hat in diversen Regionen Russlands, u. a. an AIDS-Kliniken, Fortbildungsprogramme durchgeführt. Wie sieht es im nächsten Jahr aus?
In diesem Jahr haben wir Weiterbildungszyklen für Spezialisten verschiedener Stadtbezirke der Fünfmillionenstadt St. Petersburg durchgeführt. Im Unterschied zum Vorjahr stammten die einzelnen Gruppen jeweils aus einem gemeinsamen Bezirk, zudem waren sie vielfältig zusammengesetzt aus medizinischen Fachleuten, Psychologen, Sozialarbeitern usw. Die Institutionen der Teilnehmenden können nun auf einfache Art auf Bezirksebene Verträge abschließen. Auf der Basis gemeinsam erarbeiteter Fachkenntnisse wird die Kooperation effektiv.
Das Programm des kommenden Jahres verfolgt den Ansatz, mehr Spezialisten zu erreichen und gleichzeitig eine größere Variabilität zu ermöglichen. Über eine Online-Plattform bieten wir ein wissenschaftlich-methodisches Kompetenzzentrum (wir nennen es „Kollektor“) an, das unsere Direktseminare und das Coaching vor Ort ergänzt. Dabei wird jeder Teilnehmer am Fachnetzwerk einen Beitrag leisten. Nach Bedarf können vom Fachnetzwerk Online-Einzelberatungen durch unsere Spezialisten in Anspruch genommen werden. Gleichzeitig werden wir großes Gewicht darauf legen, dass Spezialisten in Tandems oder überschaubaren Teams arbeiten. Über unsere Projektpartner aus früheren Jahren in verschiedenen europäischen Ländern wollen wir in Ergänzung dazu eine Fachbibliothek aufbauen. Besonders die professionelle Übersetzung von praxisbezogener Fachliteratur, die für die Weiterbildung der beteiligten Drogenberater und medizinischen Spezialisten notwendig ist, bedarf gewisser finanzieller Ressourcen. Dazu werden wir mit Ihrem Institut G2W und mit dem hiesigen Komitee für Sozialpolitik zusammenarbeiten. Wir werden aber auch versuchen, Partner in Österreich und Frankreich zu gewinnen sowie Spezialisten bitten, uns ihre neuesten Arbeiten zur Drogenhilfe und Patientenbetreuung (Systemische Therapie etc.) zu senden.

Frau Dr. Telpis, Sie arbeiten mit dem Verein „Rückkehr“ zusammen. Wie viele Menschen betreut Ihr narkologisches Reha-Zentrum zur Zeit, und welche Patienten finden hier Unterstützung?
Dr. med. Pelageia Telpis:
Unsere Einrichtung ist eines von fünf Drogenrehabilitationszentren der Stadt St. Petersburg. In unserer Stadt gibt es in jedem der 18 Kreise einen Drogenfachdienst mit Beratungsstelle; angegliedert ist zudem die Vorortstadt Sestrorezk, ein Kurort mit einem eigenen Dienst. Größere Bezirke wie unserer, das Kalininskij Rajon, haben über 500 000 Einwohner. Wir können aber auch Ratsuchende bzw. durch die Behörden Überwiesene aus angrenzenden Bezirken oder den Vororten aus dem St. Petersburger Gesamtgebiet annehmen. Gegenwärtig betreuen wir 43 Personen in der ambulanten Abteilung und 42 als stationäre Klienten. Nach der ärztlichen Diagnose und Bedürfniserhebung findet über sechs Monate eine individuelle oder Gruppentherapie statt. Diese besteht aus 24 Einheiten und beinhaltet neben der medizinischen Behandlung Psychotherapie sowie oft Lösungsansätze zur Behandlung von Schlafstörungen, Methoden zur Konfliktlösung oder zum Ausgleich von Stimmungsschwankungen, Gestalttherapie, sportliche Betätigung, Berufsthemen etc. In den vergangenen Jahren hat die Zahl jener Patienten, welche weiterhin arbeiten und daher die ambulante Abteilung besuchen, deutlich zugenommen. Ebenso wichtig ist die Unterstützung der Familienangehörigen in der Gruppe der „Co-Abhängigen“, wie man im Fachjargon sagt. An ihren wöchentlichen Treffen können unter der Leitung eines Psychologen oder Psychotherapeuten auch Angehörige von Drogenabhängigen teilnehmen, die nicht bei uns in der Therapie sind. Wir beobachten immer wieder, dass eine solche angehörige Person dank dieser Unterstützung den Süchtigen motivieren kann, ins Rehabilitationsprogramm einzusteigen. Betroffene können sich in allen Suchtfragen an uns wenden, also zu Drogen, Alkohol, Tablettensucht, Tabak u. a. Das durchschnittliche Alter der Patienten bei uns liegt bei 30–35 Jahren.

Spürt Ihr Zentrum die gegenwärtigen massiven Kürzungen des städtischen Budgets?
Tatsächlich müssen wir aufgrund der Wirtschaftskrise mit einem schmerzhaft eingeschränkten Budget leben − bei gleichzeitig erweiterten Aufgaben. Vakanzen können wir praktisch keine mehr ersetzen. So müssen wir heute mit zwei statt drei Drogenärzten auskommen. Aber zum Glück haben wir ein sehr gut eingespieltes Team. Die Arbeitsbelastung jedes Einzelnen ist ausgesprochen hoch, und die psychologischen Anforderungen sind vielfältig. Die Patienten müssen meist durch professionelle Motivationsgespräche für die Therapie und deren Schritte gewonnen werden. Wir haben vor kurzem einige Punkte im Programm verbessert und fordern noch klarer die Verbindlichkeit der Patienten ein.

Wie lange besteht Ihre Zusammenarbeit mit der Organisation „Rückkehr“ bereits?
Seit dem Jahr 2006, als wir ein gemeinsames Projekt durchführten. Danach gab es viele Treffen, Seminare und Trainings zu Themen wie HIV-Infektion und Drogenberatung. Seit drei Jahren finden die Veranstaltungen im neu gegründeten städtischen Informations- und Fortbildungszentrum „Semja“ („Familie“) statt. Dieses Jahr haben wir in den Seminaren von „Rückkehr“ aktiv das Thema der Patientenmotivation behandelt, das mich seit einigen Jahren beschäftigt. Ich selbst nahm an zwei Veranstaltungen teil. Die übrigen Seminarblöcke besuchten verschiedene Mitarbeitende, die die neu gewonnenen praxisbezogenen Kenntnisse wiederum in den Fachgruppen unseres Zentrums weitergeben. Profitieren konnten wir alle jeweils von den mit Beispielen unterlegten, strukturierten Methoden und von den Übungen, z. B. in Form von Rollenspielen, mit fachlichem Feedback. Ebenfalls sehr anregend sind immer die auf eigener Erfahrung beruhenden Fragen und Antworten aus dem Teilnehmerkreis.

Welche Wünsche haben Sie an das Kompetenzzentrum, das „Rückkehr“ im nächsten Jahr aufbauen will? Welche Elemente sollte es insbesondere anbieten?
Meiner Meinung nach sollte das Online-Angebot unbedingt interaktiv sein. Besonders erwünscht wären automatische elektronische Mitteilungen, sobald neue Fachmaterialien zugänglich sind oder ein Seminar angekündigt wird. Sehr gerne würde ich auch von der Erfahrung anderer Länder profitieren, d. h. Weiterbildungen in diesem Bereich erhalten. Ich selbst bin gerne bereit, meine Kenntnisse zur Weiterentwicklung unseres Fachgebiets und zum Nutzen der Patienten mit anderen zu teilen.

Sie können die Arbeit des Vereins „Rückkehr“ und des Fonds „Diakonia“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Rückkehr“ unterstützen.

 

Im Bild: „Rückkehr“-Leiter Dmitrij Ostrovskij, Sozialarbeiterin Olga Gavrilova und Psychologin Elena Lebedeva.

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