Russland: Obermufti Ravil Gajnutdin zur Lage der Muslime in Russland

Der Vorsitzende des Mufti-Rats Russlands, Obermufti Ravil Gajnutdin, hat sich im Gespräch mit der Agentur RIA „Novosti“ zu einigen Aspekten des Lebens der Muslime in Russland geäußert.

Laut seinen Angaben sei die Zahl der Menschen, die sich als Muslime bezeichneten, im Wachsen begriffen, dies gelte für alle islamisch geprägten Ethnien des Landes. Noch wichtiger sei aber, dass „die Religiosität der Menschen wächst“, wobei nicht etwa die traditionell muslimischen Regionen des Nördlichen Kaukasus oder an der Wolga die höchsten Zuwachsraten verzeichneten, sondern die Städte in Zentralrussland, Sibirien und Fernost.

Gajnutdin beschrieb die Entwicklung der muslimischen Gemeinschaft seit der politischen Wende in drei Etappen: In der ersten Etappe während der 1990er Jahre seien Nationalgefühl sowie religiöses Selbstbewusstsein aufgeblüht, in einer zweiten Phase habe sich die Infrastruktur entwickelt, äußerlich sichtbar am Bau von Moscheen, geistlichen Schulen und sozialen Einrichtungen. Nun befinde man sich in einer dritten Etappe, in der das Erreichte sich „mit sinnvollem Inhalt füllen muss“. In einer vierten Phase wolle man „die institutionelle Entwicklung fördern und die Geistliche Leitung der Muslime umfassend stärken“.

Die muslimische Ausbildung in Russland befindet sich laut Gajnutdin im Aufschwung, immer weniger junge Muslime gingen zum Studium ins Ausland: „Unsere Medressen und Universitäten locken seit einigen Jahren mehr und mehr Abiturienten aus Mittelasien, Weißrussland und der Ukraine an. Wir […] wollen ein Bildungszentrum innerhalb des postsowjetischen Raumes schaffen, das […] zumindest regionale Bedeutung hat.“ Grundlage dafür solle die Moskauer Islamische Universität sein.

Gajnutdin sprach sich erneut für den Bau weiterer Moscheen in den russischen Städten aus (s. RGOW 12/2012, S. 7). Zurzeit seien etwa 8000 Moscheen in ganz Russland in Nutzung, doch in den russischen Städten sei die Lage prekär, da sich dort „der überwiegende Teil der gläubigen, sozial aktiven Jugend konzentriert“. Um einem Eindringen „radikaler und destruktiver Ideen und Lehren in das Milieu der muslimischen Migranten vorzubeugen“, brauche Russland dringend mehr Moscheen, sie seien das Unterpfand zum Bewahren des Friedens zwischen den Nationalitäten und Religionen. Es sei „lebenswichtig, den Arbeitsmigranten äußere wie innere richtige Verhaltensmodelle beizubringen“ und genau dazu seien die Moscheen berufen. Sie dienten seit jeher nicht nur als Gebetsräume, sondern auch als Zentren für Wissenschaft und Bildung der Gesellschaft.

Mit Blick auf den seit Januar 2013 eingeführten obligatorischen Unterricht „Grundlagen religiöser Kulturen und weltlicher Ethik“, in dessen Rahmen die Schulkinder zwischen verschiedenen Modulen wählen können (u. a. „Grundlagen der orthodoxen Kultur“, „Grundlagen der islamischen Kultur“) schlug Gajnutdin vor, dass man einen einzigen Kurs zu allen Weltreligionen und Kulturen einführen solle, ohne zwischen den jeweiligen Religionen zu unterscheiden. Zurzeit empfehle der Mufti-Rat den Eltern die Wahl zwischen den Modulen „Grundlagen der religiösen Kulturen weltweit“ oder den „Grundlagen weltlicher Ethik“, „da wir nicht immer mit der Qualität des Lehrmaterials und dem Wissensstand der Lehrer zufrieden sind“. „Die letzten soziologischen Umfragen haben ergeben, dass unsere Gesellschaft nicht bereit ist für […] einen Unterricht auf der Grundlage konfessioneller Kulturen und erst recht nicht auf Basis des einen oder anderen Glaubens. Optimal für unseren multikonfessionellen Staat wäre ein Kurs, der den Schülern die Vielfalt der Religionen in der Russländischen Föderation nahe bringt“, so Gajnutdin.

Zum Kopftuchverbot im südrussischen Gebiet Stavropol meinte Gajnutdin, er halte es für „nicht gerechtfertigt, da das Tragen eines Kopftuches praktisch in allen traditionellen religiösen Kulturen üblich“ sei. Im Oktober letzten Jahres hatte der Direktor einer Dorfschule einigen muslimischen Schülerinnen das Tragen des Kopftuches verboten. Da das Verbot großes Aufsehen erregte, führten die Behörden an allen Schulen Schuluniformen ein und verboten das Tragen leuchtender Farben, von Hosen und kurzen Röcken sowie Schleiern und Symbolen jeglicher Art. Gajnutdin betonte, dass das Kopftuch Respekt schaffe und Frömmigkeit symbolisiere. „Heute […] gibt es keinen Respekt vor der wichtigsten Mission der Frau, Hüterin des heimischen Herdes und Mutter zu sein.“ Die Musliminnen wollten sich wie viele orthodoxe Frauen auch „schützen vor unkorrektem Verhalten und ihre Würde betonen. Ich glaube nicht, dass es im 21. Jahrhundert richtig wäre, die Frauen in ihrer Wahl einzuschränken. In dieser Frage haben unsere orthodoxen Brüder die freie Wahl der Musliminnen unterstützt.“ Zuvor hatte Erzpriester Vsevolod Tschaplin, der Leiter der Synodalabteilung für die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft des Moskauer Patriarchats, erklärt, man müsse Schuluniformen in Russland einführen und orthodoxen und muslimischen Mädchen gestatten, während des Unterrichts ein leichtes Kopftuch zu tragen.

www.portal-credo.ru, 21. März 2013 – O. S.

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