Israel: Patriarch Kirill besucht das Patriarchat Jerusalem

Patriarch Kirill hat im Rahmen seiner Antrittsreisen bei den orthodoxen Lokalkirchen als neugewähltes Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche vom 9. bis 14. November das Patriarchat Jerusalem besucht. Die Reise erfolgte auf Einladung des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos III. Im Mittelpunkt der Reise standen der Besuch der heiligen Stätten der Christenheit sowie der russischen Klöster und des russischen Pilgerzentrums am Jordan, dessen Bau Verärgerung beim Patriarchat Jerusalem hervorgerufen hatte (s. RGOW 1/2012, S. 4 f.). Darüber hinaus sprach Patriarch Kirill mit führenden israelischen und palästinensischen Politikern; zu einem Treffen mit muslimischen Geistlichen kam es nicht.

Am 10. November nach seinem Gebet in der Geburtskirche in Bethlehem besuchte Patriarch Kirill in Begleitung von Patriarch Theophilos als ersten Politiker Mahmud Abbas, den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Laut Angaben des Moskauer Patriarchats galt das Gespräch «den Wegen zu einem gerechten und stabilen Frieden im Nahen Osten und der friedensstiftenden Rolle der Religionsführer».

Der 11. November war der israelischen Seite gewidmet und begann mit einem Empfang bei den beiden Oberrabbinern Israels, dem sephardischen Oberrabbiner Shlomo Moshe Amar und dem aschkenasischen Oberrabbiner Yona Metzger im Obersten Rabbinat Israels. Gegenüber Oberrabbiner Amar erklärte Patriarch Kirill, Russland könne sich «ein Vorbild an Israel nehmen, insbesondere was die religiöse Bildung, die Militärseelsorge und den Schutz der religiösen Traditionen im öffentlichen Leben angeht». Er sei davon überzeugt, dass «heute, wo viele Menschen ihren religiösen Traditionen abschwören, jene, die sich an sie halten, ein festes Beziehungsnetz aufbauen müssen. Sobald Menschen ihre spirituellen Grundlagen verlieren und die Moral hintansetzen, haben wir alle gemeinsam der ganzen Welt etwas zu sagen.»

Laut russischen Kommentatoren wollte der Patriarch einmal mehr für sein außenpolitisches Konzept einer «konservativen Internationalen» werben, deren Ziel eine auf religiösen Werten aufgebaute Gesellschaft sei, in der Religionsführer wichtige politische Aufgaben wahrnehmen. Anschließend wurde Patriarch Kirill von Präsident Shimon Peres und vom Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat zu einem Meinungsaustausch empfangen. Am nächsten Tag nahm der Patriarch an der feierlichen Entzündung des Ewigen Feuers in der Gedenkstätte Yad Vashem teil und legte einen Kranz nieder. Die Unstimmigkeiten zwischen dem Patriarchat Jerusalem und dem Patriarchat Moskau konnten ausgeräumt werden: Durch die Vermittlung der Russischen Orthodoxen Kirche konnte das Patriarchat Jerusalem, das Russland um die Tilgung seiner Schulden für den Unterhalt der Grabeskirche ersucht hatte, eine Stundung bei der Jerusalemer Stadtverwaltung erwirken.

Ob die Russische Orthodoxe Kirche ihren Einfluss im Heiligen Land vertiefen kann, ist ungewiss: Offiziell leben ca. 30 000 Orthodoxe aus der früheren UdSSR in Israel, inoffiziell sollen es etwa 80 000 sein, etwa gleich viel wie orthodoxe Araber. Sie alle unterstehen dem Patriarchat Jerusalem, doch die russischsprachigen Immigranten besuchen lieber die russischen Kirchen sowie die Russische Mission, die eigentlich ausschließlich für die seelsorgerliche Betreuung russischer Pilger zuständig ist.

www.patriarchia.ru, 15. November; www.religion.ng.ru, 21. November 2012 – O.S.

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