Schweiz: Tagung über osteuropäische jüdische Migration in die Schweiz
Die Schweiz erwies sich dabei als Brennglas, in dem auf engem Raum wichtige Phänomene der transnationalen Migrationsgeschichte der osteuropäischen Juden deutlich wurden.
Dieser Zugriff auf die Schweiz als Fluchtpunkt für eine transnationale Perspektive der osteuropäischen jüdischen Migration jenseits eines allzu statischen Verständnisses von Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften ermöglichte zahlreiche neue Einsichten, nicht nur über die Schweiz, sondern vor allem über die komplexen Geschichten der Judenheiten des östlichen Europas. In biographischen und gruppenbiographischen Zugängen wurde die Realität der Migrationserfahrung greifbar. Bestimmungen der Schweizer Fremdenpolizei und antisemitische Diskriminierung prägten die Erfahrungen ebenso wie die relativ liberale Aufnahmepolitik der Schweizer Universitäten. Der Übergang von den Studenten zu den Revolutionären, denen die Schweiz als Exil diente, war fließend.
Bei aller Betonung des transnationalen Charakters der Schweiz als Migrationsort wurde doch deutlich, dass die Schweizer Zeit für die Migranten eine wichtige formative Rolle gespielt hat. Das lag nicht nur an der spektakulären Schweizer Natur, die für viele der Migranten zum Sehnsuchtsort und solcherart künstlerisch repräsentiert wurde, sondern auch an den Bildungsmöglichkeiten der Schweizer Universitäten. Besonders aber galt das für die politischen Aktivitäten der Migranten, die auf engstem Raum ein breites Spektrum russländischer illegaler Parteien vorfanden. Der Workshop zeigte das Potential der Geschichte der osteuropäischen jüdischen Migration in der Schweiz für eine transnationale Perspektive auf die europäischen Migrationen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf. Dabei gelang es den Organisatorinnen, die Themen und Panels so zusammenzustellen, dass angeregte Diskussionen zwi- schen Experten und Nachwuchswissenschaftlern sowohl aus der Schweiz, als auch aus anderen europäischen Ländern, aus Israel und aus den USA neue Einsichten beförderten, und die Schweiz solcherart als wichtiger Ort der osteuropäischen jüdischen Migration auf der geistigen Landkarte der Jüdischen Studien markiert wurde.
Anke Hilbrenner, Abteilung Osteuropäische Geschichte, Universität Bonn.