Ökumenische Gipfeltreffen von Metropolit Ilarion und Kardinal Koch in Würzburg und Freiburg/CH
Am 19. März sprachen beide am «4. Internationalen Kongress Treffpunkt Weltkirche» des katholischen Hilfswerks «Kirche in Not» in Würzburg. Und nur wenige Tage später, am 25. März, wurde Metropolit Ilarion in Freiburg / Schweiz im Beisein von Kardinal Koch und Metropolit Filaret (Vachromejev) von Minsk und Sluzk eine Titularprofessur der Universität Freiburg verliehen.
«Strategische Allianz»
Bei dem öffentlichen Gespräch in Würzburg zum Thema «Katholisch-orthodoxe Annäherung zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion» wies Metropolit Ilarion darauf hin, dass die katholisch-orthodoxen Beziehungen nach dem Fall der Berliner Mauer sowohl mit alten Diskrepanzen als auch mit neuen Aufgaben konfrontiert wurden. Ein wunder Punkt sei weiterhin das Wiedererstehen der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, obwohl die gemischte theologische Dialogkommission den Uniatismus als eine überholte Unionsmethode bezeichnet habe. Parallelen zog Metropolit Ilarion zwischen der römisch-katholischen Erklärung «Dominus Iesus» und den russisch-orthodoxen «Grundprinzipien der Beziehungen der Russischen Orthodoxen Kirche zu Andersgläubigen», die beide im Jahr 2000 verabschiedet wurden: Beide Kirchen betrachten sich demnach als die «wahre Kirche Christi», anerkennen aber die Existenz von Elementen der Heilsgnade in nicht-katholischen und nichtorthodoxen christlichen Gemeinschaften.
Seit der Wahl von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 macht die Zusammenarbeit laut Metropolit Ilarion erhebliche Fortschritte; man sei zum theologischen Dialog zurückgekehrt und könne nun auch die «zentralste Frage», diejenige nach der Rolle des Bischofs von Rom angehen. Vor allem aber stehe man vor denselben gesellschaftspolitischen Problemen: «Ich nenne diese Form der Zusammenarbeit eine ‹strategische Allianz› […] zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche. Es geht darum, dass wir gemeinsam die traditionellen christlichen Vorstellungen von Familie, Unauflöslichkeit der Ehe, Kindererziehung, Wert des menschlichen Lebens von Empfängnis bis zum Tod im gesellschaftlichen Bewusstsein festigen können. […] Orthodoxe und Katholiken sollten einander nicht als Rivalen begegnen, sondern als Verbündete zum Schutz der Werte der Christen. Wir haben ein gemeinsames Missionsfeld, das heutige Europa, das seine religiösen, moralischen und kulturellen Wurzeln eingebüßt hat.» Eine andere Richtung des Zusammenwirkens sei die Verteidigung von christlichen Minderheiten, z. B. im Nahen Osten oder im fernöstlichen Asien gegen Diskriminierung und Verfolgung. Den politisch-militärischen Begriff der «strategischen Allianz » habe er bewusst gewählt: «Wir kämpfen aber nicht gegen, sondern für etwas» – also nicht etwa gegen den Islam, sondern für ein starkes Christentum.
Kardinal Koch bekundete eine gewisse Mühe mit dem Begriff «strategische Allianz» – man dürfe die Einheit als Ziel der Ökumene nicht aus den Augen verlieren. Auch Kardinal Koch lobte die Wiederaufnahme der Arbeit der Gemischten theologischen Kommission für den Dialog zwischen der römischkatholischen und der orthodoxen Kirche, wobei die Frage des Primates des Bischofs von Rom nur die Spitze des Eisberges darstelle. Das zentrale ökumenische Problem liege auch darin, «dass ein an die nationale Kultur gebundenes orthodoxes Kirchenverständnis und ein universal geprägtes katholisches Kirchenverständnis nach wie vor unausgeglichen nebeneinander stehen.» Nicht zufällig kulminiere diese Situation in der Primatsfrage, «weil ohne Papsttum auch die römisch-katholische Kirche in einzelne National- und Rituskirchen aufgeteilt worden wäre, was das ökumenische Gelände noch unübersichtlicher machen würde».
Der Kardinal hofft, dass die gewagte Aussage von Benedikt XVI., dass die Einheit mit dem Papst «nicht konstitutiv für die Teilkirche sei», für den weiteren ökumenischen Dialog wegweisend sei: «Bei der heutigen Rede von ‹unseren zwei Kirchen› kann es jedenfalls nicht bleiben, weil der eine Leib des Herrn nicht geteilt sein kann.»
Verleihung einer Titularprofessur
Mit der erstmaligen Verleihung einer Titularprofessur an einen russisch-orthodoxen Metropoliten – an Metropolit Ilarion, der seit seiner Habilitation 2005 Privatdozent für das Fach Dogmatik an der katholischen theologischen Fakultät ist – unterstrich die Universität Freiburg/Schweiz die katholisch- orthodoxe Zusammenarbeit auch auf akademischer Ebene. So wurde am 25. März eine Konvention zur Zusammenarbeit zwischen der Theologischen Fakultät Freiburg und der Gesamtkirchlichen Aspirantur, einer theologischen Eliteausbildungsstätte des Moskauer Patriarchats, unterzeichnet. Der Vertrag ermöglicht die gegenseitige Anerkennung der Diplome und eine gleichzeitige Ausbildung an beiden Institutionen sowie den Austausch von Studierenden und Lehrpersonen. Beim Festakt waren u. a. die Staatsrätin des Kantons Freiburg, Isabelle Chassot, sowie zahlreiche hochrangige Ehrengäste kirchlicher und akademischer Institutionen aus dem In- und Ausland anwesend.
Die Universität Freiburg blickt auf über 100 Jahre Lehre und Forschung über die Ostkirchen zurück – seit mehreren Jahren werden orthodoxe Studierende und Doktoranden an der theologischen Fakultät ausgebildet. Sie verfügt zudem über den ältesten Lehrstuhl für Slavistik in der Schweiz und ein interfakultäres Institut für Mittel- und Osteuropa.
Am 14. Februar hat die Universität einen Vertrag mit dem Fonds Russkij Mir (Russische Welt) über die Eröffnung des ersten interdisziplinären Zentrums für Russlandforschung in der Schweiz unterzeichnet. Entsprechende Zentren sind in Europa bisher an den Universitäten Groningen, Leuven und der La Sapienza-Universität in Rom eingerichtet worden.
www.russkiymir.ru, 16. Februar; epd-Wochenspiegel Nr. 12, 21. März; http://www.unifr.ch/scm, 22. März; NÖK, 24. März; www.mospat.ru, 27. März 2011 – R.Z.