Deutschland: Prof. Dr. Hermann Goltz verstorben
Lange schon hatte er mit einer tückischen Krankheit gekämpft; nur noch seine jugendliche Stimme erinnerte an den umtriebigen, fröhlichen und ungemein liebenswürdigen Menschen, den ich noch aus DDR-Zeiten kannte.
Hermann Goltz wurde in Gera geboren. Trotz seiner musikalischen Interessen hat er die geliebte Oboe zurückgestellt und sich für das Studium der evangelischen Theologie in Halle entschieden. Dort stu- dierte er auch Byzantinistik, Orientalistik und Slawistik. Besonders prägend während seines Studiums waren für Hermann Goltz die Vorlesungen und Seminare bei Prof. Dr. Konrad Onasch, an dessen Lehrstuhl er bis 1983 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Seine entschiedene Zuwendung zur – vor allem russischen – Orthodoxie vertiefte er durch Studien- aufenthalte in Zagorsk (Sergiev Posad), Leningrad (St. Petersburg), Kiew und Odessa. Zudem erlernte er das Armenische und drang tief in die armenische Theologie ein. 1972 promovierte Goltz und habilitierte sich 1979 – jeweils über altkirchliche Themen. 1983 wurde er Hochschuldozent und 1992 ordentlicher Professor für die Konfessionskunde der orthodoxen Kirchen an der Theologischen Fakultät der Universität Halle.
Über die Grenzen der heutigen Martin- Luther-Universität Halle-Wittenberg bekannt geworden ist Hermann Goltz vor allem durch seinen Einsatz für das Gedenken der Massaker am armenischen Volk im Osmanischen Reich (1915/16). Goltz war maßgeblich an der Ausarbeitung der Resolution «Erinnerung und Gedenken an die Vertreibung und Massaker an den Armeniern 1915» beteiligt, die am 16. Juni 2005 von allen Fraktionen des Deutschen Bundestages verabschiedet wurde. Goltz' ganz per- sönliches Interesse galt dabei besonders Pfarrer Dr. Johannes Lepsius (1858–1926), dem «Schutzengel der Armenier». Lepsius hatte sich mit allen Kräften für die drangsalierten Armenier eingesetzt, z. B. während einer Audienz beim türkischen Kriegsminister Enver Pascha, der treibenden Kraft hinter den Armenier-Massakern (vgl. Goltz' bewegenden Lepsius-Beitrag in G2W 1/2004, S. 21-24).
Hermann Goltz setzte alle politischen und kirchlichen Hebel in Bewegung, damit in der einstigen Villa von Johannes Lepsius in Potsdam eine Lepsius-Gedenk- und Forschungsstätte geschaffen werden konnte: Zu DDR-Zeiten war dort die KGB-Zentrale der Roten Armee stationiert gewesen; entsprechend heruntergewirt- schaftet war die Villa. 2005 begann die Renovierung (z.T. gegen den erbitterten Widerstand der türkischen Botschaft in Berlin); im Dezember 2010 konnten die ersten Räume ihrer Nutzung übergeben werden. Aus diesem Anlass wurden die 5500 Bände des von Hermann Goltz 1982 in Halle gegründeten Lepsius-Archivs nach Potsdam überführt.
Zusammen mit der Armenologin Armenuhi Drost-Abgarjan übersetzte Hermann Goltz auch das Hymnarium (Scharaktnotz) der Armenischen Apostolischen Kirche aus dem Altarmenischen ins Deutsche und schuf damit eine wesentliche Grundlage für den theologischen Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen. – Für sein vielfältiges Wirken mit Blick auf Armenien wurden Hermann Goltz zahlreiche Ehrungen der Armenischen Apostolischen Kirche zuteil (Ehrendoktorat, diverse Orden).
Besonders verpflichtet fühlte sich Hermann Goltz auch der Ökumene, so wirkte er von 1988 bis 1993 als Direktor der Stu- dienabteilung der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Genf, wo er u.a. an den Vorarbeiten zur «Charta Oecumenica» beteiligt war. Hermann Goltz hatte noch viele Pläne, deren Verwirklichung ihm nicht mehr vergönnt gewesen ist. In Dankbarkeit und Trauer gedenken wir des hilfsberei- ten und liebenswürdigen Kollegen aus Halle, mit dem wir bei G2W immer gern zusammengearbeitet haben.
Gerd Stricker