Russland: Seminar des UNO-Menschenrechtsrats über traditionelle Werte

Anfang Oktober 2010 hat das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte in Genf ein von Russland initiiertes und finanziertes Seminar durchgeführt, an dem die Frage im Mittelpunkt stand: Wie können traditionelle Werte zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte beitragen?

Die mehr als 150 Teilnehmenden waren sich dabei einig, dass kulturelle und religiöse Traditionen der Förderung der Menschenrechte dienen können. Die russische Initiative verfolgt das Anliegen, dass religiöse Traditionen nicht aus der öffentlichen Sphäre verbannt werden, sondern «einen allgemein anerkannten Kodex zu erarbeiten, wie im öffentlichen und medialen Raum mit religiösen Traditionen umgegangen werden soll.»

Eröffnet wurde die Tagung von der Menschenrechts- Hochkommissarin Navanethem Pillay, die den universell gültigen Wert der Menschenrechte im Gegensatz zu den historisch relativen Werten der jeweiligen kulturellen Traditionen hervorhob. Das Seminar solle dazu dienen, kulturelle Traditionen zu würdigen, welche die Menschenrechte fördern, aber auch andere zurückzuweisen, die diesen entgegenständen. In diesem Zusammenhang betonte Thoraya Obaid, Exekutiv-Direktorin des UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA), in Bezug auf Frauenrechte, dass traditionelle Werte keine Entschuldigung für Menschenrechtsverletzungen seien, dass aber die Berücksichtigung kultureller und religiöser Werte der Schlüssel zur Förderung der Menschenrechte in allen Kulturen sei: «Kultur wird von Menschen gemacht und Menschen können ihre Kultur verändern.»

Demgegenüber machte Natalja Narotschnizkaja, Leiterin des russischen «Instituts für Demokratie und Kooperation» in Paris und Präsidentin der russischen «Stiftung für eine historische Perspektive », auf die «ultraliberalen Tendenzen» im gesellschaftlichen Leben aufmerksam, die oft mit einer religiösen Weltanschauung unvereinbar seien. Igumen Filipp (Rjabich), Stv. Vorsitzender des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats, stellte die russisch-orthodoxe Position aus der Perspektive des Dokuments über die «Würde, Freiheit und Rechte des Menschen» von 2008 vor (s. G2W 10/2009, S. 12-19). In erster Linie stellte er sich gegen die Ansicht, religiöse Traditionen als partikulare Werte zu betrachten, die mit den universalen Menschenrechten konkurrieren würden. Vielmehr seien Religionen konkrete Verkörperungen universaler Werte und Menschenrechte keine aus der Luft gegriffene Abstraktionen. Er kritisierte zudem, dass es derzeit nur der westlichen säkularen Weltanschauung erlaubt sei, die Menschenrechte zu interpretieren und eine ganz neue Generation von Menschenrechten ins Spiel zu bringen, die mit anderen Weltanschauungen nicht harmoniere, wie z. B. das Recht auf die sexuelle Orientierung, Euthanasie, Abtreibung und Experimente an der menschlichen Natur. Mit diesem weltanschaulichen Monopol bei der Interpretation der Menschenrechte müsse in einer multikulturellen, demokratischen Gesellschaft aufgeräumt werden. Igumen Filipp schlug vor, einen Mechanismus zu schaffen, der den Dialog von Religionsvertretern mit Vertretern der UNO institutionalisiert.

Bereits am 28. September 2010 hat Patriarch Kirill die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova gebeten, eine Koordinationsstelle für die Beziehungen der UNESCO zu den großen Religionsgemeinschaften einzurichten. Als mögliche Kooperationspartner betrachtet er die Teilnehmer der seit 2006 jährlich stattfindenden interreligiösen Konferenzen der GUS-Staaten – die letzte hatte im April 2010 unter der Leitung von Patriarch Kirill in Baku stattgefunden (s. G2W 6/2010, S. 4).

Die Debatte über traditionelle Werte ist im März 2008 von Patriarch Kirill lanciert worden, nachdem er an einer UNO-Paneldiskussion zum Thema «Interkultureller Dialog zu den Menschenrechten» teilgenommen hatte. Im September 2009 haben die Staaten Belarus, Bolivien, China, die Russländische Föderation, Singapur und Sri Lanka eine Resolution zur «Förderung der Menschenrechte und der grundlegenden Freiheiten durch ein besseres Verständnis der traditionellen Werte der Menschheit» eingereicht. Der UNO-Menschenrechtsrat genehmigte die Resolution in der 12. Session von 2009 mit 26 gegen 15 Stimmen (bei 6 Enthaltungen) und organisierte das nun erfolgte Seminar im Oktober 2010. Ein umfassender Schlussbericht wird zur 16. Session der UNO-Menschenrechtsrats im März 2011 vorbereitet.

Ministry of Foreign Affairs of the Russian Federation, 5. Oktober 2010; www.mospat.ru, 26. Oktober 2009; 28. September, 5. Oktober 2010; www.ohchr.org, 4. Oktober 2010; www.unfpa.org, 4. Oktober 2010; www.bogoslov.ru, 4. Oktober 2010. – R. Z.

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