Katholische Fakultät Münster übernimmt Bibliothek des evangelischen Ostkirchen-Instituts

Am 26. Oktober 2009 wurde im Rahmen eines kleinen Festaktes die Aufstellung von erheblichen Teilen der Bibliothek des einstigen Ostkirchen-Instituts (OKI) der Evang.-Theologischen Fakultät der Universität Münster in den Räumlichkeiten des Ökumenischen Instituts der dortigen Kath.-Theologischen Fakultät gefeiert.

Den Festakt leitete Prof. Dr. Thomas Bremer, Dozent am Ökumenischen Institut in Münster; Grußworte sprachen die Dekane Prof. Dr. Albrecht Beutel, Evang.-Theol. Fakultät, und Prof. Dr. Dr. Alfons Fürst, Kath.-Theol. Fakultät. Prof. em. Dr. Karl Christian Felmy, einst Wissenschaftlicher Assistent am OKI und von 1985 bis 2003 Inhaber des «Lehrstuhls für Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens» an der Universität Erlangen, hielt den Festvortrag zum Thema: «Die orthodoxe Theologie in der Begegnung mit westlichen Einflüssen». Der Vortrag und die anschließende angeregte Fachdiskussion zeigten noch einmal, in welchem theologisch-kirchenhistorischen Rahmen und in welchem ost-westlichen Spannungsfeld das OKI verortet war.

Die Schließung des OKI in Münster ist nur ein Indiz für die bedenkliche Situation, in der sich die Ostkirchenkunde in den deutschsprachigen Ländern befindet: Viele ostkirchenkundliche Institutionen werden wegen permanent leerer Universitäts- bzw. Landeskassen als «Orchideen-Fächer» geschlossen oder stehen in Gefahr, geschlossen zu werden. Oder aber: Lediglich einzelne Lehrstühle werden an anderen Fachbereichen weitergeführt (evangelisch: Erlangen, Halle; katholisch: Würzburg). Das OKI in Münster ereilte dieses Schicksal zum 31. Dezember 2008, nachdem sein letzter Direktor, Prof. Dr. Peter Maser, in den Ruhestand verabschiedet worden war. Er hatte das OKI nur weiterführen können, weil er nicht von der Universität, sondern von der «Evangelischen Kirche in Deutschland» (EKD) mit Sitz in Hannover sein Gehalt bezog. Der letzte Leiter des OKI, den die Universität Münster besoldet hatte, war Prof. Dr. Günther Schulz (pensioniert 2004). Das Schicksal des OKI war also bereits 2004 besiegelt. Das OKI der Evang.-Theologischen Fakultät ging auf eine Gründung des «Ostkirchen- Ausschusses» der EKD zurück (1957), der damit eine Stätte schaffen wollte, an der weiterhin die Kirchengeschichte der ehemaligen deutschen Ostgebiete (Ostpreußen, Pommern, Schlesien) sowie weiterer deutscher Siedlungsgebiete in Osteuropa (Baltikum, Sudentenland, Siebenbürgen) erforscht und fortgeschrieben werden sollte.

Die Entwicklung zum «Ostkirchen-Institut» mit orthodoxem Schwerpunkt ging auf seinen ersten Leiter, Prof. Dr. Robert Stupperich, zurück. Als dieser, ein Moskauer Deutscher mit großem Interesse an der Orthodoxie, mit der Leitung des OKI betraut wurde, weitete er die Ausrichtung des jungen Instituts sehr bald über die ostdeutsche Kirchengeschichte hinaus auf die Ostkirchenkunde aus. So erschienen in dem von den Leitern des OKI herausgegebenen Jahrbuch «Kirche im Osten » neben Beiträgen zur ostdeutschen Kirchengeschichte bald auch Aufsätze mit orthodoxer Thematik. Nach Robert Stupperich (1957-1976) standen dem OKI Peter Hauptmann (1976-1993), Günther Schulz (1995-2004) und bis Ende 2008 Peter Maser vor. Mit der Schließung des OKI stellte sich die Frage, was mit der überaus wertvollen Institutsbibliothek geschehen soll, nachdem die Universitätsbibliothek die Bestände des OKI aus Kapazitätsgründen nicht aufnehmen konnte. Infolge der existentiellen Probleme fachverwandter Institutionen gibt es kaum noch Einrichtungen, die eine Bibliothek in dieser Größenordnung hätten aufnehmen können.

Schließlich legte Professor Bremer nach vielseitigen Verhandlungen ein Projekt vor, das den Verbleib zentraler Teile der OKI-Bibliothek beim Ökumenischen Institut der Katholischen Fakultät in Münster ermöglichte: die ostkirchlichen Bestände sowie die Abteilungen zur Kirchenkunde Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas. Die Bibliothek der «Gemeinschaft Evangelischer Schlesier», die im OKI ihren Standort hatte, ist der erst am 4. September 2009 gegründeten «Evangelischen Schlesischen Bibliothek» in Görlitz übergeben worden. Jene Abteilungen der OKI-Bibliothek, welche die Kirchengeschichte Ost- und Westpreußens, Pommerns usw. umfassen, wurden der Bibliothek des einstigen Ökumenischen Instituts der Evangelischen Fakultät eingegliedert. Zur Aufnahme der Bestände des OKI waren in den Bibliotheksräumen des Ökumenischen Instituts weitreichende Umbaumaßnahmen nötig. Die einzelnen Abteilungen des OKI wurden in corpore übernommen und deshalb die Systematik und die Signaturen nicht verändert. Im katholischen Ökumenischen Institut zu Münster, so Prof. Bremer in seiner Begrüßungsansprache, «steht daher ein größerer Bestand an ostkirchlicher Literatur als in irgendeiner Spezialbibliothek Deutschlands» - ca. 30 000 Bände! Hinzu kommt noch die Bibliothek für orthodoxe Theologie an der katholischen Fakultät, was diese «zu einem einmaligen Bibliotheksschwerpunkt für das Fach [Ostkirchenkunde] macht».

Gerd Stricker

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