Papst Benedikt XVI. in Prag, Brno und Stará Boleslav

Vom 26. bis zum 28. September 2009 hat Papst Benedikt XVI. Tschechien besucht, das für seine stark entkirchlichte Gesellschaft bekannt ist. Der Besuch erregte im Land relativ wenig Aufmerksamkeit, wurde in der Rückschau aber doch erstaunlich positiv bewertet.

Seit Monaten wurde der Besuch des Papstes in Tschechien vorbereitet und war besonders in deutschsprachigen Medien regelmäßig Thema. Im Land selbst, in dem sich nur rund ein Drittel der Bevölkerung zu einer christlichen Konfession bekennt, überwogen in den Medien kritische Töne und Kuriosa: So erfuhr man, dass der Heilige Vater staatliche Flugzeuge nutzen dürfe, dass seinetwegen eine Autobahn gesperrt werde und wieviel Hostien für die Messe in Brno (Brünn) gebacken würden - letztere Frage behandelte die tschechische Wochenzeitschrift «Týden» nota bene in der Rubrik «Kulinaria».

Dennoch traf der Besuch Benedikts XVI. vom 26. bis 28. September dann aber doch auf eine größere öffentliche Resonanz, als man im Vorfeld vermutet hatte. Für den Papst war die Absage der ursprünglich für Oktober geplanten außerplanmäßigen Parlamentswahlen wohl ein Glücksfall: Der Abbruch des zuvor allgegenwärtigen Wahlkampfes ließ auch anderen Themen wieder Raum. Während seines kurzen, 55-stündigen Aufenthalts besuchte der Papst neben der Hauptstadt sowohl das mährische Brno als auch den böhmischen Wallfahrtsort Stará Boleslav (Altbunzlau).

Wie die demographischen Angaben zur kirchlichen Zugehörigkeit vermuten ließen - im böhmischen Landesteil bezeichnen sich nur 20 % der Einwohner oder weniger als katholisch, in Mähren bis zu 40 % -, war der Programmpunkt, bei dem am ehesten von einem Ereignis mit Massenwirkung gesprochen werden kann, die Heilige Messe in Brno am Sonntag: Rund 120 000 Gläubige hatten sich versammelt. In seiner Predigt rief der Papst die Katholiken in der Tschechischen Republik dazu auf, entschlossen für ihren Glauben einzutreten. Die gegenwärtige Kultur in Tschechien stelle eine «radikale Herausforderung für den Glauben» dar. Die Verdrängung des Glaubens ins Privatleben und die Tendenz der tschechischen Gesellschaft, sich allein an wissenschaftlichem und ökonomischem Fortschritt zu orientieren, sei zu kritisieren. Der Papst konzelebrierte die Messe gemeinsam mit namhaften Vertretern des katholischen Kirche, etwa dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn sowie dem Erzbischof von Krakau, Stanis?aw Dziwisz. Dies machte deutlich, dass der Besuch des Papstes in Tschechien auch über die Landesgrenzen hinaus Gewicht hatte: Rund ein Zehntel der Gläubigen, die sich auf dem Gelände beim Flughafen von Brno versammelt hatten, war aus der Slowakei, Polen, Österreich und Deutschland angereist.

Der erste Tag des Besuchs in Prag war weit weniger öffentlichkeitswirksam. Hier traf sich der Papst vor allem mit Vertretern der tschechischen Politik. In einem Vortrag vor Präsident Klaus, Diplomaten und Politikern betonte Benedikt XVI., nach dem Zusammenbruch der totalitären Regime in Mittel- und Osteuropa gehe «der Heilungs- und Wiederaufbauprozess» in der europäischen Einigung weiter. Nachdrücklich erinnerte der Papst die Tschechische Republik an ihr christliches Erbe und ihren Auftrag für Europa. Bei einer Vesper im Prager Veitsdom mit Priestern, Ordensleuten und Vertretern von Laienorganisationen sprach der Papst auch das Problem der Rahmenbedingungen für das Wirken der Kirche in der modernen Gesellschaft an. Die Kirche wolle keine Privilegien, sondern bitte nur darum, frei im Dienste aller und im Geist des Evangeliums wirken zu können. - Zu konkreten Fragen des Kirche-Staat- Verhältnisses in Tschechien nahm der Papst nicht Stellung; diese waren jedoch Gegenstand eines Gesprächs von Staatssekretär Tarcisio Bertone mit dem tschechischen Premierminister Jan Fischer. Ergebnis dieses Gesprächs war u. a., dass die katholische Kirche in Tschechien auf Grund der gespannten Finanzlage des Staates ihre Restitutionsforderungen vorerst nicht gezielt weiterverfolgen wird.

Der 28. September, der dritte Tag des Papstbesuches, ist der Tag des Heiligen Wenzel (tschechisch: Svatý Václav) und seit der «Wende» ein nationaler Feiertag - wobei jedoch der Bezug zur kirchlichen Tradition in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Die Verehrung des tschechischen Heiligen stand im Zentrum der Messe in Stará Boleslav, zu der rund 50 000 Gläubige angereist waren. Benedikt XVI. richtete sich dort vor allem an Jugendliche, die in seiner Predigt dazu aufrief, wie der Hl. Wenzel ihr Leben der Arbeit an einer gerechteren Welt zu widmen. Nach der Abreise des Papstes zog der Prager Weihbischof Václav Malý eine positive Bilanz: Der Papst habe es verstanden, eine Botschaft der Ruhe in eine unruhige Gesellschaft zu bringen. Als wichtigen Bestandteil des Besuchs hob der Weihbischof das Gespräch mit tschechischen Akademikern vom Sonntagnachmittag hervor, in dem sich Benedikt XVI. gegen die Auffassung, Religion und Vernunft stellten Gegensätze dar, gewendet und betont hatte, ein Hochschulstudium müsse nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch das Vermögen, moralisch begründete Entscheidungen zu treffen.

Die Berichte in den tschechischen Medien ließen erkennen, dass der Papst offensichtlich auch die eher kritisch eingestellte Öffentlichkeit angesprochen hatte. Alle drei großen Tageszeitungen berichteten prominent über die Botschaft des Papstes, der wohl nicht nur dem sonst der römisch-katholischen Kirche gegenüber kritisch eingestellten Präsidenten Klaus (der selbst Mitglied der tschechischen hussitischen Kirche ist) «Eindruck gemacht» hatte, wie die Zeitung «Lidové Noviny» titelte.

tisk.cirkev.cz, 29. September; www.kathpress.at, 26.-28. September; tschechische Tageszeitungen vom September 2009 - R.C.

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