Patriarch Kirill und Erzbischof Ilarion zum Stalinismus
Nazismus und Stalinismus dürfen nach Ansicht von Patriarch Kirill nicht gleichgesetzt werden. Er halte wenig von Versuchen, die Geschichte des «Großen Vaterländischen Krieges» - des Zweiten Weltkrieges - umzuschreiben.
Dies erklärte der Patriarch während seines Pastoralbesuches in der Ukraine in einer Live-Sendung im ukrainischen Fernsehkanal «Inter». Er sei zwar bei weitem kein Parteigänger oder Anhänger des Stalinismus, da dieses Regime mit Repressalien gegen das eigene Volk vorgegangen sei. Doch hätten die Nationalsozialisten mehr als 30 Millionen Slawen vernichten wollen, um für sich mehr Lebensraum im Osten zu schaffen. Die Politik und Philosophie der Nationalsozialisten habe Grausamkeiten aller Art gerechtfertigt, die darauf zielten, ganze Völker auszurotten.Patriarch Kirill rekurrierte demgegenüber auf der Unterscheidung zwischen «Repressalien» und «Menschenfeindlichkeit »: «Der Nazismus ist für mich ein menschenfeindliches Regime und der Stalinismus ein repressives - ein verbrecherisches - Regime, weil unter seinem Joch unschuldige Menschen ihr Leben lassen mussten.» In diesem Zusammenhang erinnert Patriarch Kirill die ukrainischen Fernsehzuschauer daran, dass sich die westlichen Staaten seinerzeit nicht mit Hitler gegen Stalin, sondern mit Stalin gegen Hitler verbündet hätten: «Die Anti-Hitler-Koalition mit Ländern, die auf demokratischen Prinzipien pochten, ist der beste Beweis dafür, dass der Nazismus und der Stalinismus nicht gleichgesetzt werden dürfen. [...] Unser Volk - ich meine Russen und Ukrainer, die damals in einem Staat gelebt haben - musste die Befreiung Europas und der ganzen Welt mit immensen Opfern bezahlen. Deshalb wäre eine Rechtfertigung des Hitlerismus und des Nazismus, unter welchem Vorwand auch immer, eine Rechtfertigung des Bösen, das keine Analogien in der gesamten Geschichte der Menschheit hat.»
Von Historikern, Journalisten und Kirchenleuten wurde Patriarch Kirill für diese Äußerungen kritisiert, weil sie darin eine Schmälerung der «Heldentaten des sowjetischen Volkes und seines großen Führers» erblickten. Weitaus stärker ins Visier der Kritik ist allerdings Erzbischof Ilarion (Alfeev) von Volokolamsk, Chef des Kirchlichen Außenamtes, geraten. In einem Interview mit der Zeitschrift «Ekspert Online» am 15. Juni hatte er auf die Frage, was er von der Kritik am Patriarchen halte, entgegnet: Er sei nicht nur bereit, diese Kritik zu kontern, sondern «eine Welle an Kritik» auf sich zu nehmen. «Stalin war ein Monstrum, ein geistiges Ungeheuer, das ein entsetzliches, unmenschliches Regierungssystem erschuf, das auf Lüge, Gewalt und Terror basierte. Er entfesselte einen Völkermord gegen das eigene Volk und trägt persönlich Verantwortung für den Tod von Millionen unschuldiger Menschen. In dieser Hinsicht lässt sich Stalin mit Hitler vergleichen. Beide brachten soviel Leid in diese Welt, dass ihre Schuld vor der Menschheit mit überhaupt keinen militärischen oder politischen Erfolgen losgekauft werden kann. Es gibt keinen grundlegenden Unterschied zwischen dem Schießübungsplatz in Butovo [bis 1950 stalinistische Hinrichtungsstätte bei Moskau, rund 20 700 Opfer wurden hier in Massengräbern verscharrt, davon über 1000 Geistliche; mindestens 90 000 weitere Opfer werden in Butovo vermutet] und Buchenwald, zwischen dem GULag und den hitlerschen Vernichtungslagern. Und die Zahl der Opfer der Stalinschen Repressionen ist mit unseren Verlusten im Großen Vaterländischen Krieg durchaus vergleichbar. [...] Der Sieg im Vaterländischen Krieg war tatsächlich ein Wunder, weil Stalin vor dem Krieg alles getan hatte, um unser Land zu zerstören. Er vernichtete die gesamte oberste Armeeführung und rottete mit seinen Massenrepressionen das einst mächtige Land fast aus. Bei der Volkszählung von 1937 fehlten über zehn Millionen Menschen. Wo waren sie geblieben? Stalin hat sie vernichtet. Das Land begann den Krieg völlig entkräftet. Doch aller monströsen Repressionen zum Trotz bewies das Volk einen unerhörten Heldenmut. Das kann man nicht anders als ein Wunder bezeichnen. Der Sieg im Krieg war der Sieg des Volkes.»
Kirchliche Würdenträger haben diese Äußerungen von Erzbischof Ilarion sowohl bezüglich Wortwahl als auch wegen ihres Stils kritisiert, da sie einem Diener der Kirche nicht angemessen seien; ganz zu schweigen von dem Vergleich Stalins mit Hitler.
www.portal-credo.ru, 23., 25., 30. Juni 2009 - O.S.