Streit um kirchenrechtliche Zugehörigkeit der Orthodoxen in China
2008 kam es zu einem Streit zwischen dem Ökumenischen Patriarchat Konstantinopel und der Russischen Orthodoxen Kirche über die kirchenrechtliche Zugehörigkeit der orthodoxen Gemeinden von Hongkong und der Volksrepublik China. Anlass war die Wahl des aus Epirus stammenden Bischofs Nektarios (Tsilis, geb. 1939) zum Metropoliten von Hongkong im Januar 2008 und die Neudefinition des Jurisdiktionsgebietes der Metropolie Hongkong und Südostasien, die nun neben Hongkong auch die Volksrepublik China umfasst.
Dies führte zu einem scharfen Protest der Russischen Orthodoxen Kirche, welche die ausdrückliche Ausdehnung des Jurisdiktionsgebietes durch Konstantinopel auf die Volksrepublik China als einen «Anschlag auf die Rechte der Chinesischen Autonomen Orthodoxen Kirche », deren Mutterkirche Moskau ist, verurteilte. Die Russische Orthodoxe Kirche erinnerte daran, dass sie wesentlich länger als das Patriarchat Konstantinopel in China präsent ist. 1698 wurde für russische Kaufleute und Diplomaten die erste orthodoxe Mission in Peking gegründet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Russische Orthodoxe Kirche in China ihr Zentrum in der nordchinesischen Stadt Charbin, wo 1901 Archimandrit Innokentij (Figurovskij) als erster orthodoxer Bischof bestellt wurde. Nach 1920 wurde Charbin (neben Shanghai und Tianjin) eines der Zentren der russischen Emigration in Ostasien. 1922 schloss sich die orthodoxe Kirche in China der Russischen Auslandskirche an. Es gab damals in China gegen 100 orthodoxe Kirchen, 8 Klöster und rund 200 000 Gläubige. 1945 floh ein Grossteil von ihnen nach Australien und in die USA. Während der Kulturrevolution der 60er / 70er-Jahre wurde praktisch das ganze orthodoxe Leben in China vernichtet, die Kathedrale zu Peking gesprengt, einzig eine Kirche in Charbin blieb erhalten.
Heute zählt die autonome Russische Orthodoxe Kirche in China rund 13 000 Gläubige. Der letzte russisch-orthodoxe Priester starb 2003 und wurde nicht wieder ersetzt, doch studieren einige Chinesen Theologie in Moskau. Das Patriarchat Konstantinopel errichtete seine Metropolie Honkong demgegenüber erst 1996. Die orthodoxe Gemeinschaft in Hongkong zählt zur Zeit etwa 200 Familien. Die Bischofssynode der Russischen Orthodoxen Kirche vom 17. Juni 2008 bekräftigte in einer Erklärung die «Unantastbarkeit der kanonischen Grenzen der Chinesischen Autonomen Orthodoxen Kirche.» Die Rivalität zwischen Konstantinopel und Moskau, wie sie etwa aus Estland bekannt ist, hat auch auf China übergegriffen.
China heute 2008, Nr. 1-2 und 4-5 - Erich Bryner.