Polen: Neu entflammte Missbrauchsdiskussion nach Kinostart von „Klerus“

Fast drei Millionen Zuschauer in Polen haben seit dem Kinostart am 28. September 2018 bis Mitte Oktober den Film „Klerus“ des polnischen Regisseurs Wojtek Smarzowski gesehen.

Das umstrittene Werk heizt die Debatte über den Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch von Kindern durch Kleriker an. Die fiktive Handlung dreht sich um drei befreundete katholische Priester, von denen einer Kinder missbraucht, ein weiterer eine Liebesbeziehung zu einer Frau führt sowie ein Dritter – ein im Luxus lebender Bischof – Einfluss auf die Politik nimmt und mit der Regierungspartei verbandelt ist. Der Skandalfilm könne zu einem der größten Publikumserfolge der polnischen Kinogeschichte werden, so die Warschauer Zeitung Rzeczpospolita.

Die Polnische Bischofskonferenz hatte bereits nach ihrer Vollversammlung vom 25. bis 26. September einen Untersuchungsbericht zum Kindesmissbrauch durch Kirchenvertreter angekündigt. Ende November will die Kirche Zahlen über das Ausmaß des Missbrauchs veröffentlichen, und künftig sollen alle Diözesen Präventionsprogramme umsetzen: „Es geht darum, dass sowohl Priester wie Laien sensibilisiert werden, Kinder und Jugendliche zu schützen, und mit dem Leid der Opfer umzugehen“, so Polens Primas, Erzbischof Wojciech Polak, zum Abschluss der Vollversammlung. Polens Bischöfe betonten mehrfach, dass sie keinerlei sexuelle Übergriffe duldeten. Wie ihre Amtsbrüder in anderen Ländern erarbeiteten auch sie Leitlinien zur Prävention. Diese seien „viel restriktiver als das geltende polnische Recht“, so der Kinderschutzbeauftragte, der Jesuitenpater Adam Żak. Er verwies auf das 2013 eröffnete katholische Kinderschutzzentrum, das bereits mehr als 2 000 Menschen geschult habe. „Null Toleranz für Pädophilie – das ist die Haltung der gesamten Kirche in Polen, sowohl der Geistlichen als auch der katholischen Laien.“ Sämtliche Maßnahmen der Kirche zum Schutz von Minderjährigen vor Übergriffen seit 2009 hat die Polnische Bischofskonferenz am 29. September auf ihrer Webseite aufgelistet. Polens Bischöfe lehnen jedoch weiterhin Schadenersatzzahlungen an Missbrauchsopfer ab, die über eine Übernahme von Therapiekosten hinausgehen.

Beim landesweit wichtigsten Filmfestival in Gdynia vom 17. bis 22. September 2018 gewann der mit einem Mini-Budget in tschechischen Kirchen gefilmte „Klerus“ den Preis für die Aufnahme eines wichtigen gesellschaftlichen Themas. Traditionelle Financiers polnischer Filme hatten Kredite verweigert. Der Verband katholischer Journalisten veröffentlichte am 24. September einen „Appell zum Schutz der Würde des Priesterdienstes“ und rief darin zum Boykott des Filmes auf. Der staatliche Sender TVP Kultura zensierte die zeitlich verzögerte Übertragung der Preisverleihung an den Regisseur Smarzowski, weil dieser in seiner Ansprache über den TVP-Intendanten Jacek Kurski scherzte, der die TVP-Programme auf Linie der nationalkonservativen Regierungspartei PiS gebracht hatte. Die liberale katholische Zeitschrift Tygodnik Powszechny befand, der Film sei nicht antiklerikal, weil er auch die tragischen Situationen der Helden zeige. Gegenüber der Zeitschrift äußerte der polnische Primas Wojciech Polak die Sorge, dass der Film die Polen spalten werde – in diejenigen, die lautstark dagegen protestieren, und diejenigen, die ihn für antiklerikale Propaganda nutzen werden. Er selbst werde ihn nicht schauen, weil er sich nicht durch fiktive Filme über die Realität informiere: „Das kann eine bis zur Karikatur überzeichnete Realität sein, aber wir können nicht sagen, dass es sie nicht gibt. ‚Klerus‘ ist für uns ein Aufruf zur konkreten Arbeit an uns, an der Veränderung unserer Haltungen, und um aufmerksamer zu sein. Tragische Gestalten, die in Sünde verstrickt sind, sind immer ein Aufruf zur Umkehr.“

In der katholischen Zeitschrift „Bund“ (Więź) beurteilte der katholische Seelsorger und Publizist Andrzej Luter den Film kritisch: „‚Klerus‘ von Wojciech Smarzowski stellt einige wichtige Fragen, es gibt darin einige ergreifende und wichtige Szenen, aber insgesamt irritiert er durch Schwarzmalerei, Vereinfachung und Schematismus.“

www.rp.pl, 1. Oktober; www.episkopat.pl, 26. September, 20. Oktober; www.festivwalgdynia.pl; www.ksd.media.pl, 24. September; www.tygodnikpowszechny.pl, 27. September; www.wpoityce.pl, 12. Oktober; www.wiez.com.pl, 18. September 2018 – R. Z.

 

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