Entrüstung über sog. «Stalin-Ikone» in der Eparchie St. Petersburg
Priestermönch Jevsefij verteidigte gegenüber der Presse sein Tun: «Mein Leben lang hat mich das Gefühl begleitet, dass Stalin der Vater der Völker und damit auch mein hehrer Vater ist. Außer meinem Himmlischen Vater hatte ich zwei weitere Väter - einen leiblichen und den anderen: den Vater der Völker, der streng war, der richtete, der sich vielleicht auch einmal irrte, der aber trotz allem der Vater meines Landes war. [...] Alle Angriffe auf Stalin sind lächerlich und widerwärtig zugleich. Ich will nichts von dem hören, was diese Pudel, die den toten Löwen anbellen, von der Demokratie reden - ich höre auf mein Herz. In allen Gottesdiensten, wo es möglich ist, bete ich für Jossif Vissarionovitsch, vor allem an seinem Todestag, seinem Geburtstag oder an dem Tag, an dem er den Sieg unseres Volkes feierte. [...] Leider sind nicht alle Bürger fähig, die Größe dieses Menschen zu ermessen. Gewiss - ein Teil unserer Gemeindeglieder hat sich empört; offensichtlich sind sie spirituell schwach. Um ihnen entgegenzukommen, habe ich die Ikone in den hinteren Teil der Kirche gebracht, wo sie nicht ins Auge fällt. Aber die hl. Matrjona bleibt bei uns, wir wollen nicht, dass sie zerstört wird.» - Er werde sich jedoch allen Anweisungen der Kirchenleitung widerspruchslos fügen.
Die Kirchenleitung reagierte umgehend. Priester Vladimir Vigiljanskij, Leiter der Pressestelle des Moskauer Patriarchats, erklärte: «Das Gerede von der Heiligkeit Stalins ist [...] Gotteslästerung.» Die stalinsche und die sowjetische Periode sei die schlimmste Zeit in der Geschichte Russlands gewesen. Unter Stalin habe gerade die Geistlichkeit gelitten - fast wäre sie ausgerottet worden; für orthodoxe Ohren klinge allein schon der Name Stalin «monströs». Es sei «unsinnig und absurd» zu glauben, Matrjona und Stalin seien einander begegnet. Priestermönch Jevsefij denke und verhalte sich wie ein «Sektierer». Das Anbringen unkanonischer Ikonen (das sind Darstellungen von Personen, die offiziell noch nicht kanonisiert sind) in Kirchen dürfe nur mit Wissen und Segen des Eparchialbischofs geschehen. Der verstorbene Patriarch Alexij II. hatte keinerlei unkanonische «Ikonen» geduldet und Priester bei Zuwiderhandlung mit Kirchenstrafen belegt. Metropolit Vladimir von St. Petersburg werde sich dieses Falles annehmen.
Anfang Dezember trat der 67-jährige Priestermönch Jevsefij «auf eigenen Wunsch» als Vorsteher der Kirche der «Apostelgleichen Olga» in Strelna zurück, dient hier aber weiterhin als zweiter Priester. Die «Ikone» ist mittlerweile verschwunden. Bis zu diesem Vorfall war Jevsevij einer der besonders verehrten Geistlichen der Eparchie St. Petersburg. Bevor er Priester wurde - also in der Sowjetzeit, hatte er als Sanitäter gearbeitet, Philosophie studiert, promoviert und an einer Fachschule Dialektischen Materialismus unterrichtet. Er hat mehrere verfallene Kirchen wieder aufgebaut, auch die der hl. Olga in Strelna.
www.portal-credo.ru, 28.11.-1.12.; www.religio.ru, 3. Dezember 2008 - O.S


