Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche weiht Denkmal für Opfer der Hungersnot 1932/33 ein

Im Rahmen der staatlichen Trauerfeierlichkeiten aus Anlass des Gedenkens an den Holodomor („Vernichtung durch Hunger") vor 75 Jahren am 22. November hat Metropolit Vladimir (Sabodan), Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche/Moskauer Patriarchat (UOK/MP), ein Denkmal für die ukrainischen Opfer der Großen Hungersnot 1932-1933 eingeweiht. Danach zelebrierten alle Bischöfe der UOK/MP unter Leitung von Metropolit Vladimir einen Totengottesdienst „für die Seelenruhe der Entschlafenen, der von der gottlosen Macht durch Hunger zu Tode Gequälten". Unter den Zelebranten war auch Archimandrit Elpidophor (Lambriniadis), Generalsekretär der Hl. Synode des Ökumenischen Patriarchats Konstantinopel. An dem Totengottesdienst nahmen die gesamte politische Führung der Ukraine sowie Regierungsvertreter von ca. 40 Staaten, Repräsentanten mehrerer Religionsgemeinschaften und großer internationaler Organisationen teil.

1932/1933 sind im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und Etablierung des Stalinismus allein in der Ukraine 3 bis 3,5 Mio. Menschen Opfer der großen Hungersnot geworden; weitere 3 bis 4 Mio. Menschen sind in Kasachstan, im Nordkaukasus sowie an der Unteren und Mittleren Wolga verhungert; genaue Zahlen gibt es nicht. In der Sowjetunion war diese vom Stalinregime inszenierte Hungersnot ein absolutes Tabu, wurde also systematisch verheimlicht. Im Westen war diese Tragödie zwar bekannt, doch stand sie im Schatten der anderen großen Tragödien des 20. Jh.s (z.B. des Holocaust, des Zweiten Weltkriegs). Erst die Öffnung der Archive seit der Perestroika gestattete eine intensive Auseinandersetzung: Das ganze Ausmaß der Tragödie wurde offenbar.

Ob es sich beim Holodomor um einen Genozid handelt, ist in der Forschung umstritten - für die Ukrainer bildet die Tragödie ein zentrales Element ihrer nationalen Identität. So hat das ukrainische Parlament auf Initiative von Präsident Juschtschenko am 28. November 2006 ein Gesetz verabschiedet, das den Holodomor als Genozid definiert und dessen Leugnung unter Strafe stellt. 2007 hatte Juschtschenko versucht, einen entsprechenden Antrag vor die UNO-Generalversammlung zu bringen, war jedoch am Veto Russlands gescheitert. Immerhin hat das EU-Parlament am 28. Oktober 2008 den Holodomor als „schreckliches Verbrechen gegen das ukrainische Volk" und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" anerkannt.

Der russische Präsident, Dmitrij Medvedjev, war der Einladung zur Einweihung des Holodomor-Denkmals nicht gefolgt. (Das Denkmal, ein Holodomor-Museum und ein wissenschaftliches Zentrum befinden sich im Kiewer „Park der Ehre" nahe dem Kiewer Höhlenkloster.) In einem Schreiben an Präsident Juschtschenko hatte Medvedjev am 14. November erklärt: „Die Hungersnot 1932/1933 [...] war eine Folge der [...] Zwangskollektivierung und Entkulakisierung, worunter das ganze Land (und nicht nur die Ukraine) gelitten hat. [...] Die Durchführung der Kollektivierung war von der multinationalen Führung der UdSSR [...] beschlossen worden. Die Politik der zwangsweisen Lebensmittelbeschlagnahmung wurde in der Ukrainischen Sowjetrepublik vorwiegend von ukrainischen Kadern durchgeführt, die nicht nur eifrig die Befehle des Zentrums ausführten, sondern oft ‚den Plan übererfüllten'". Eine planmäßige Ausrottung der Ukrainer habe es also nicht gegeben.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel schickte am 20. November ein Sendschreiben an das ukrainische Volk, in dem er den Holodomor als Genozid bezeichnete und erklärte: „Die Mutter-Kirche - das Ökumenische Patriarchat Konstantinopel - trauert mit Euch und kondoliert Euch allen und Präsident Viktor Juschtschenko [...]. Seinem hartnäckigem Bemühen verdankt die Welt das Wissen um diese schreckliche Tragödie der Ukrainer im 20. Jh."

Am 13. November war im Internet ein Aufruf der UOK/MP erschienen, der zunächst ebenfalls die Genozid-These vertrat: „Auf der fruchtbaren ukrainischen Schwarzerde starben Millionen Menschen unter entsetzlichen Qualen. Dieser Genozid war der Versuch, die Seele des Volkes selbst zu zerstören, sie total geistlich zu versklaven." Am nächsten Tag veröffentlichte der Pressedienst der UOK/MP jedoch ein Dementi - man habe den Begriff „Genozid" irrtümlich verwendet, es habe sich dabei „keinesfalls um eine politische Äußerung gehandelt". Eine Anerkennung des Holodomor als Genozid am ukrainischen Volkes stünde für die Hierarchen der UOK/MP nicht zur Debatte, „denn für die Kirche ist es unwichtig, welcher Nation die Opfer der Hungersnot angehört haben: Die Mehrheit von ihnen war orthodox - das ist eine Tragödie der ganzen Kirche."

 

www.portal-credo.ru, 18.-23. November; www.novayagazeta.ru, 24. November; www.religio.ru, 21. November 2008 - O.S.

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