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RGOW 12/2020: Verordneter Stillstand und Proteste – Politik und Religion in Belarus und Russland

Seit Monaten protestieren hunderttausende Menschen in ganz Belarus gegen die manipulierten Wahlen und die exzessive Gewalt. Wie reagieren die Religionsgemeinschaften auf die Situation? Zudem werfen wir einen Blick auf die Pandemie, die Verfassungsreform, die Regionalwahlen und die Kirche in Russland.

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Projekt des Monats: Basilius-Zentrum – Neuer Fokus auf Berufsausbildung und Prävention

Das Basilius-Zentrum in St. Petersburg ist die einzige NGO in Russland, die ein soziales Rehabilitationsprogramm für 14- bis 18-jährige Jugendliche mit bedingten Haftstrafen anbietet. Im Dorf Nadkopanje soll auch eine neue Filiale mit einem Schwerpunkt auf der Berufsausbildung entstehen.

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Ladislav Beneš

Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder begrüßte den Prager Frühling als Möglichkeit, ein neues Gesellschaftsmodell eines demokratischen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu entwickeln. Nach der sowjetischen Invasion betonte die Kirche die Botschaft der Versöhnung wider die Resignation. – R. Z.

Die Invasion der sowjetischen Armee und ihrer Verbündeten in die Tschechoslowakei in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 war eine dramatische Überraschung. Einen gewaltsamen Abbruch des Erneuerungsprozesses hatte niemand für möglich gehalten. Schließlich war die Situation in der Tschechoslowakei eine völlig andere als beispielsweise 1956 in Ungarn: Das Volk wollte doch nicht gegen, sondern gemeinsam mit Partei und Regierung der Gesellschaft ein menschliches Antlitz geben! Gerade die Einheit von Volk und politischer Vertretung unter dem Leitgedanken des „humanistischen Sozialismus“ sowie die Begeisterung, mit der sich die Menschen engagierten, waren für den „Prager Frühling“ charakteristisch.

Wandel von 1948 bis 1968
Das war keineswegs selbstverständlich. Nachdem die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen hatten, wurde Privatbesitz enteignet, und die atheistische, marxistisch-leninistische Ideologie für die einzig richtige erklärt. In den 1950er Jahren wurden Zehntausende in politischen Prozessen verurteilt, zu Zwangsarbeit in Lager transportiert, und viele Menschen hingerichtet. Die Kirchen erfuhren eine starke Einschränkung in ihrer Arbeit, denn die neuen „Kirchengesetze“ (1949) machten sie wirtschaftlich total abhängig vom Staat. Ein wichtiges Kontrollinstrument war die Pflicht, eine staatliche Genehmigung für die Wahl eines jeden Pfarrers, für jede Gastpredigt, jeden Umzug usw. zu beantragen. Allmählich wurde auch der Religionsunterricht an den Schulen wie jegliche Jugendarbeit zurückgedrängt. Am schwersten war die katholische Kirche betroffen: Klöster wurden aufgelöst, Priester und Ordensleute interniert. Alle Drucksachen, ebenso Hirtenbriefe oder Gemeindebriefe wurden von den staatlichen „Kirchensekretariaten“ zensiert. Auch wenn es ab den frühen 1960er Jahren Anzeichen der Lockerung gab, änderte sich die Situation für die Kirchen faktisch erst 1968.

Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) begegnete der Situation des Jahres 1968 jedoch nicht gänzlich unvorbereitet. Auch wenn nicht immer von allen Evangelischen (und Christen) im Lande richtig verstanden, übte der evangelische Theologe Josef Hromádka (1889–1969) einen großen Einfluss aus. Schon vor der kommunistischen Machtübernahme 1948 wies er auf die Gefahren des politischen Ost-West-Blockdenkens hin, das zu einem kalten Krieg führen werde. Zum Modell der westlichen Demokratie herrschte nach dem Krieg in der Tschechoslowakei kein großes Vertrauen, die Enttäuschung über den Verrat durch die Westmächte in München 1938 war noch zu lebendig. Hromádka kritisierte allerdings auch die kommunistische Ideologie als zu autoritär, da sie zu Machtmissbrauch neige und ihre materialistische Orientierung über keine tiefere geistliche Verankerung verfüge. Den Kommunismus an sich hielt er für einen ernsthaften Versuch der Suche nach sozialer Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Weil es dem Westen mit seiner humanistischen Tradition im Grund um das Gleiche gehe, hielt er es nicht nur für möglich, sondern lebensnotwendig, einen Dialog zu führen. So setzte er sich vor allem im Rahmen der ökumenischen Bewegung intensiv dafür ein und engagierte sich in der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), die den Dialog der Weltökumene nicht nur zwischen Ost und West führte, sondern zunehmend auch mit der sog. dritten Welt. In den 1960er Jahren entstand ein interessanter und für die kommenden Jahre wichtiger Dialog zwischen Christen und Marxisten. Auch in der katholischen Kirche gab es Begeisterung für diesen Dialog. So suchte die EKBB nach Wegen, um diesen Dialog und den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu unterstützen.

Zu Beginn der 1960er Jahre herrschte eine Wirtschaftskrise, und das Land brauchte dringend eine Erneuerung. Die Planwirtschaft war gescheitert und die Struktur des Sozialismus bekam offensichtlich Risse. Die Repressionen mussten gelockert werden, die staatliche Zensur und die Beschränkungen des kulturellen Lebens waren unhaltbar geworden. Personen aus dem Bereich Kunst und Kultur durften vermehrt reisen und genossen im Westen große Anerkennung. So kam es langsam zu einer Tauwetter-Periode, die den nahen Frühling ankündigte.

Hoffnung und Resignation
Am 5. Januar 1968 wurde Alexander Dubček, die Symbolfigur des Erneuerungsprozesses, in die höchste Funktion der Kommunistischen Partei gewählt. Die erste offizielle Erklärung der EKBB zur Demokratisierung der sozialistischen Gesellschaft wurde im März 1968 veröffentlicht: „Mit tiefem Verständnis und Sympathie verfolgen wir die Demokratisierung unseres öffentlichen Lebens. In einem neuen kreativen Klima […] ersteht vor uns mit neuer Dringlichkeit das Programm und Ziel des demokratischen Sozialismus.“ Die Kirche nahm hier nach einer Periode des Martyriums nicht aus einer Position der Genugtuung Stellung, sondern leistete Buße: Auch die Kirche sei – mit ihrer Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit – an den schrecklichen politischen Prozessen in den 1950er Jahren beteiligt gewesen, sie bekannte sich mitschuldig an dem vielen Unrecht und all den Deformationen. Forderungen nach Rehabilitation der politischen Gefangenen und der Staatsangestellten, der Lehrerschaft und anderer, die aus religiösen Gründen ihre Arbeitsstellen verlassen hatten müssen, begleiteten den Erneuerungsprozess. In der Erklärung war von keiner eventuellen Machtposition der Kirche die Rede: „Es liegt uns sehr viel daran, dass Glieder der Kirche sich in allem Vertrauen und voller Gleichberechtigung und Freiheit gemeinsam mit ihren Mitbürgern an der moralischen und wirtschaftlichen Entwicklung ihres Landes beteiligen können.“ Abschließend wurde der Staat gebeten, die unwürdige Aufsicht über die Kirchen in Vertrauen umzuwandeln.

Bereits in den Jahren zuvor hatte die EKBB gefordert, auch im öffentlichen Raum wirken zu können: in den Schulen, der Gefängnisseelsorge, in den öffentlichen Medien. Dieser Prozess war mit vielen Hoffnungen verbunden, die auch eine globale Perspektive hatten: „Bei uns kommt es zum ersten Mal in der Geschichte zu einer einzigartigen Situation, nämlich der Möglichkeit, eine zentralisierte Diktaturmacht legal zu zerlegen und ein neues, unerprobtes Modell des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln“, las man im April 1968 in der evangelischen Kirchenzeitung Kostnické jiskry: „Falls dieser Versuch gelingt, wäre das ein nicht unbedeutender Beitrag unseres kleinen Landes zur Lösung der großen und schicksalhaften Probleme der Welt. Es könnte sogar zum Einsturz des sogenannten eisernen Vorhanges beitragen.“

Die Okkupation hat das alles zunichtegemacht. Die ersten Erklärungen der EKBB zur Okkupation erfolgten gleich am 21. August. Zuerst eher privat betonte Hromádka in seinem Brief an den sowjetischen Botschafter in Prag, Stepan V. Tschervonenko, seine „tiefe Enttäuschung und Bedauern“, denn Freundschaft und Respekt zur Sowjetunion könnten sich jetzt rasch in Feindschaft umwandeln. Es sei ein tragischer Irrtum der Sowjetregierung, denn die Invasion diskreditiere den Gedanken des Sozialismus nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern in der ganzen Welt. Ein tragischer Irrtum sei es zu meinen, die Tschechoslowakei brauche Hilfe bei der Erneuerung der Einheit des Volkes und der politischen Repräsentation, die es durchaus gegeben habe, jetzt aber bedroht sei. Das alles erklärte Hromádka in einem umfangreichen Memorandum für die CFK im Oktober 1968 detailliert.

Einige Tage nach der Invasion begannen die Geistlichen der EKBB ihre Erklärung mit einem großen Dank an die Vertreter der Partei und die Regierung für ihre Verurteilung der Okkupation und ihren Mut. Ebenso betonte die erste Erklärung des Synodalrates der EKBB die Solidarität mit der politischen Vertretung und protestierte gegen die Verletzung der Staatssouveränität. Die Erklärung enthielt auch Aufforderungen, die Wahrheit des Evangeliums als Dienerin der Gerechtigkeit und Menschlichkeit im gewaltlosen Widerstand zu bewahren, wie auch Befürchtungen, die Stimmung könnte zu Vergeltung umschlagen.

Die Erklärungen erinnerten an den echten Grund des Glaubens – die Verheißungen Gottes, die zur Erfüllung kommen: „Diese Bewegung können auch die Panzer nicht zum Stehen bringen.“ Diese lebendige Hoffnung war der Grund, warum man in diesen Tagen so viel von Einheit, Unterstützung und Weiterarbeit an der Erneuerung lesen und hören konnte – es bestehe kein Grund zur Resignation. In den Gemeinden sollte jetzt noch intensiver Seelsorge betrieben werden. Denn der 21. August sei keine Tragödie und kein Ende, sondern eine echte Läuterung, um Gerechtigkeit und Frieden in Zukunft noch besser zu pflegen. Ähnlich argumentierte noch die Erklärung der Synode der EKBB vom Februar 1969, die auf die zunehmende Resignation und auch Hass reagierte: „Die Realität der Versöhnung in Christus ist mächtiger als alles, was im August 1968 passierte. Die Kirche kann nicht anders, als die Versöhnungsbotschaft zu verkündigen, auch den Menschen der fünf Nationen“, deren Truppen die Tschechoslowakei okkupierten.

Mit der Invasion veränderte sich die Situation der Kirchen nicht direkt. Erhöhter politischer Druck kam erst später. Im Januar 1969 verbrannte sich der evangelische Student Jan Palach und wollte damit das Volk aus Resignation und Lethargie aufwecken. In den 1970er Jahren stellte sich für die Kirche wieder die leider nicht unbekannte Situation der Repression und Ausgrenzung ein. Für die Generation des Prager Frühlings war das eine Tragödie – sie hatten einen Hauch von Freiheit und Hoffnung erlebt, und danach wieder Totalitarismus. Kein Wunder, dass auch die hoffnungsvollen Ereignisse von 1989 – 21 Jahre nach dem Prager Frühling – die Mentalität der Enttäuschung, Distanz und Lethargie nicht ganz brechen konnten.

* * *

In den Tagen unmittelbar nach dem Einmarsch wurden 140 Leute erschossen oder waren durch Militärfahrzeuge tödlich verunglückt. Heute unterstützt die EKBB eine Privatinitiative zum Gedenken an die Opfer der Okkupation (http://okupace.evangnet.cz). Diese Initiative möchte möglichst an allen Todesorten in der Tschechoslowakei Gedenktafeln installieren, die an die Ereignisse im August 1968 und ihre Opfer erinnern.

Literatur:
Beneš, Ladislav: Prager Frühling 1968 und die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder. In: Kirchliche Zeitgeschichte 17, 1 (2004), S. 154–170; Filipi, Pavel: Do nejhlubších hlubin: život – setkávání – teologie / k stému výročí narození J. L. Hromádky. Prag 1990; Vaňáč, Martin: Křesťanské církve v českých zemích v 60. letech (1960–1968). In: Getsemany: křesťanský měsíčník 10, 10 (2001): https://www.getsemany.cz/node/318.

Ladislav Beneš, Dr., Evangelische Theologische Fakultät der Karls-Universität Prag, Tschechien.

pdfRGOW 7-8/2018, S. 8-9

Martin Brand

Bei Fußball denkt wohl kaum jemand als erstes an Russland, dennoch hat das Land den Zuschlag für die Durchführung der WM 2018 erhalten. Das Sportereignis soll in erster Linie das internationale Ansehen Russlands erhöhen, ebenso wie zuvor die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Dazu pumpen Regionalverwaltungen und Staatsbetriebe viel Geld in den russischen Fußball. Doch angesichts des angeschlagenen Images der FIFA und der kontroversen russischen Außenpolitik dürfte der Effekt eher bescheiden ausfallen, während auch am Nutzen für die Wirtschaft und Infrastruktur Zweifel bestehen. – N. Z.

Kennen Sie Bilder des russischen Präsidenten beim Fußballspielen? Putin als Eishockeyspieler, Putin als Judoka, Putin als Reiter durch die Wildnis – dies sind weltweit bekannte Ikonen. Fußball, so scheint es, kümmert ihn hingegen genauso wenig wie die Mehrheit der Menschen im Land.1 Und dennoch: Fußball ist für den russischen Staat von enormer Bedeutung, er ist ein Prestigeobjekt, das weltweite Anerkennung verspricht. Daher investiert der Staat nicht nur Milliarden (Euro) in die Fußballweltmeisterschaft 2018. Direkt und mittelbar fließen auch große Summen an öffentlichen Geldern in die heimische Premjer-Liga. Russland kann manchmal komplexer sein, als man denkt.

Russlands Premjer-Liga und die Hand des Staates

Dem russischen Fußball wird hierzulande gemeinhin wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei spielen die Klubs der Premjer-Liga durchaus in der erweiterten europäischen Spitze mit – sportlich wie finanziell. Gemessen am internationalen Erfolg der Vereinsmannschaften belegt Russland derzeit den 6. Rang in Europa (Deutschland 4., Schweiz 12.). Auch finanziell scheint Russlands höchste Spielklasse durchaus erfolgreich zu sein: Laut dem aktuellen Benchmarking-Bericht der Europäischen Fußballunion (UEFA) lag sie 2016 mit Gesamteinnahmen in Höhe von 701 Mio. Euro (Deutschland 2,7 Mrd. Euro, Schweiz 227 Mio. Euro) und Gehältern von durchschnittlich 31,3 Mio. Euro pro Klub (Deutschland 75,3 Mio. Euro, Schweiz 14,5 Mio. Euro) im europäischen Vergleich gleichfalls auf Platz 6 bzw. 7.

Glaubt man den Zahlen der UEFA, gehört die Premjer-Liga sogar zu den wenigen Ligen in Europa, in der eine große Mehrzahl der Klubs Betriebsgewinne erzielt. Allerdings hat die UEFA seit Einführung des finanziellen Fairplay 2011 – jener Regel, die dafür sorgen soll, dass kein Klub mehr Geld ausgibt, als er auf dem Markt erwirtschaftet – auch schon sechs russische Vereine wegen Verstößen gegen diese Finanzvorschriften bestraft.

Die Besonderheit der russischen Klubs liegt in ihrer Einnahmestruktur. Erträge aus der TV-Vermarktung (4 Prozent) und dem Ticketverkauf (5 Prozent) sind, im Gegensatz zu den Top-Ligen Europas, kaum von Bedeutung. Wenn jedoch weder Stadionbesucher noch TV-Zuschauer nennenswert zur Finanzierung des russischen Klubfußballs beitragen, muss das Geld aus anderen Quellen fließen: Sponsoren tragen zu 61 Prozent zum Etat der russischen Erstligaklubs bei.2 Und hier kommt der russische Staat ins Spiel.

Während Russlands Oligarchen eine Vorliebe für europäische Spitzenklubs wie den FC Chelsea, Arsenal London oder AS Monaco (oder, weniger ambitioniert, Neuchâtel Xamax) als Investitions- und Prestigeobjekte entwickelt haben, finanziert sich die russische Premjer-Liga vorrangig über Sponsorengelder, die unmittelbar aus dem Staatshaushalt oder aus staatlichen bzw. staatlich kontrollierten Unternehmen stammen. Von den 16 Erstligaklubs der Saison 2017/18 werden sechs überwiegend aus dem Budget der russischen Regionalverwaltungen und fünf von staatseigenen bzw. mehrheitlich in staatlichem Besitz befindlichen Unternehmen finanziert. Lediglich fünf Vereine verdanken ihre Haupteinnahmen privaten Konzernen.

Unter den Geldgebern des russischen Profifußballs ragt ein Konzern heraus: Gazprom. Das weltweit größte Erdgasförderunternehmen – dessen Aktien sich zur Hälfte im Besitz des russischen Staates befinden – ist in den vergangenen Jahren zu einem der Großsponsoren im russischen und internationalen Fußball avanciert. Ende 2005 übernahm Gazprom Zenit St. Petersburg und machte den bis dahin wenig erfolgreichen Klub an der Newa zum finanzkräftigen Aushängeschild des russischen Fußballs. Vier Meisterschaften, zwei Pokalsiege und der Gewinn des UEFA-Pokals 2008 stehen seitdem zu Buche. Gazprom ist zudem Hauptsponsor bei Schalke 04 und Roter Stern Belgrad sowie der UEFA Champions-League und der Fußball-Weltmeisterschaft 2018.3 Das Krestowski-Stadion in St. Petersburg – nach zehnjähriger Bauzeit 2017 eröffnet – sollte ursprünglich auch von Gazprom finanziert werden, doch letztlich beglichen die Kämmerer der Stadt die Kosten für den Bau der Arena in Höhe von 700 bis 800 Mio. Euro (42,8 bis 48 Mrd. Rubel).4 Seit Zenit im neuen Krestowski spielt, hat der Klub auch mit Abstand den höchsten Zuschauerschnitt in der Premjer-Liga.

Sponsoren wie Gazprom tragen zum großen Teil die Kosten des Fußballs in Russland. Doch dieser ist kein selbsttragendes Geschäft, er bringt den Investoren und Eigentümern der Klubs keinen Gewinn. Auch der Werbewert der Premjer-Liga dürfte längst nicht dem Umfang des Sponsorings entsprechen. Wie lassen sich dann aber das Engagement privater Unternehmen im russischen Profifußball und vor allem die Finanzierung durch Staatskonzerne und Regionalverwaltungen erklären?

Eine naheliegende Interpretation ist, dass für die Geldgeber im Fußball Prestige und Status im Vordergrund stehen. Hinter den privaten Unternehmen als Hauptsponsoren stehen häufig milliardenschwere Geschäftsmänner, die ihre Klubs als persönliches Prestigeobjekt betrachten. Regionale Verwaltungen stecken zwar verhältnismäßig geringe Summen in ihre Profiklubs, aber auch hier dürfte das Motiv in der Eitelkeit örtlicher Machthaber oder im Wettbewerb der Regionen zu suchen sein. In einigen Fällen, so zumindest Beobachter des russischen Fußballs, sollen die Investments der Regionen in den Fußball auch zur privaten Aneignung öffentlicher Gelder dienen.5 Erheblich mehr Geld als die Regionen investieren staatliche Unternehmen, die vor allem die großen Klubs in Moskau (mit Ausnahme von Spartak) und St. Petersburg unterstützen. Während die Unterstützung durch Militär- und Rüstungsunternehmen (ZSKA) oder die russische Eisenbahn (Lokomotive) auf sowjetische Traditionen zurückgeführt werden kann, sind staatliche Banken (Dinamo) und Energiekonzerne (Zenit) neue Spieler im russischen Fußballgeschäft. Vor allem dank der Gelder aus diesen Staatsunternehmen gehört der russische Klubfußball zur erweiterten europäischen Spitze und kann so ein positives Bild Russlands im Ausland vermitteln.

Mit Ausrichtung der Fußball-WM 2018 krönt Russland sein staatliches Engagement im Fußball. Vor allem zwei Ziele stehen für das Gastgeberland dieses sportlichen Mega-Events im Vordergrund: zum einen die Modernisierung der regionalen Infrastruktur, zum anderen die Steigerung des Prestiges Russlands in der Welt, die man sich von der erfolgreichen Organisation eines solchen sportlichen Großereignisses erhofft.

Die Fußball-WM als Modernisierungsmotor

Die nachhaltige Modernisierung der Infrastruktur für Sportstätten, Verkehr und Tourismus ist eines der Hauptversprechen, wenn Länder, Städte und nationale Sportverbände sich um die Ausrichtung eines internationalen Sportgroßereignisses bewerben. Das ist im Fall der Bewerbung Russlands für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 nicht anders. Von den veranschlagten 9,7 Mrd. Euro, die die WM nach offiziellen Plänen insgesamt kosten soll, sind 8,5 Mrd. Euro vorgesehen bzw. bereits ausgegeben, um Flughäfen, Straßen und den ÖPNV auszubauen, Fußballstadien zu errichten oder zu renovieren und die Zahl der Hotelbetten in den elf Gastgeberstädten zu steigern. Die Erfahrung vergangener Fußball-Weltmeisterschaften und Olympischer Spiele zeigt jedoch, dass überdimensionierte Investitionen in die Infrastruktur häufig wenig nachhaltig waren. Für Russland ist Ähnliches zu erwarten.

Der Bau von neuen Hotels scheint zwar grundsätzlich eine sinnvolle Maßnahme zu sein, vor allem in Moskau, wo seit Jahren ein chronischer Mangel an Übernachtungskapazitäten herrscht. Zudem werden die Hotels von privaten Investoren finanziert und betrieben. Problematisch allerdings ist, dass sich der Ausbau von Hotelbetten nicht vorrangig am langfristigen Bedarf der Städte und Regionen orientiert, sondern den Wünschen und Vorgaben der FIFA für die WM 2018 folgt. Wie die vielen neuen Hotels nach der WM genutzt werden sollen, ist bisher unklar. Auch die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur ist grundsätzlich positiv zu betrachten. Es fragt sich nur, ob ein Sportgroßereignis der richtige Hebel ist, um umfangreiche Investitionen in diesem Bereich anzustoßen. Denn letztlich profitieren nur wenige Regionen von den föderalen Geldern für die regionale Verkehrsinfrastruktur.

Erhebliche Zweifel bestehen indes an der Nachhaltigkeit des Baus neuer Stadien bzw. der Modernisierung und Erweiterung existierender Arenen. Russlands WM-Stadien haben eine Kapazität von 35 000 bis 48 000 Zuschauern. Nur das Krestowski-Stadion in St. Petersburg (67 000) und das Luschniki-Stadion in Moskau (80 000) weisen deutlich mehr Sitzplätze auf. Die Nutzungskonzepte der Stadien für die Zeit nach der WM sehen meist vor, dass die jeweilige örtliche Fußballmannschaft in der Arena spielt und die Stadien für andere Großereignisse genutzt werden. In Jekaterinburg und Saransk soll die Kapazität der Stadien auf 25 000 bzw. 30 000 Zuschauer zurückgebaut werden. In Anbetracht der gegenwärtigen Zuschauerzahlen in der Premjer-Liga (siehe Tabelle 1) ist jedoch offensichtlich, dass die meisten WM-Stadien für den Ligabetrieb völlig überdimensioniert sind. Zudem wird in sechs WM-Städten gegenwärtig gar kein Erstligafußball gespielt. Es ist daher keine gewagte Prognose, dass viele der russischen WM-Arenen nach der Weltmeisterschaft zu einer erheblichen Belastung für die regionalen Haushalte werden.

Der gesamtwirtschaftliche Nutzen der WM für Russland lässt sich nur schwer beziffern. Sergej Drobyschevskij, wissenschaftlicher Direktor des Gaidar-Instituts für Wirtschaftspolitik in Moskau, geht davon aus, dass Russlands Wirtschaftsleistung durch die Weltmeisterschaft lediglich um 0,2 Prozent steigen wird. Vom Cheforganisator der Fußball-WM 2018, Alexej Sorokin, heißt es, wichtiger als langfristige wirtschaftliche Effekte seien vielmehr die Auswirkungen auf das Image Russlands.6

Die Fußball-WM als globale Imagepolitur

Die weltweite Vermittlung eines positiven Bildes vom eigenen Land und der nationalen Kultur ist ein zweites zentrales Argument für die Ausrichtung von Sportgroßereignissen. Russland hat sich für dieses Ziel eine ganze Reihe sportlicher Mega-Events gesichert: Sommer-Universade und Leichtathletik-WM 2013, Olympische Spiele in Sotschi 2014, Formel 1 seit 2014, Confed-Cup 2017, Fußball-WM 2018, Winter-Universade 2019. Ursprünglich sollte auch die Biathlon-WM 2021 in Russland stattfinden, doch infolge des McLaren-Reports über systematisches Staatsdoping in Russland wurde sie dem Land wieder entzogen.

In dieser „Dekade des Sports“ sollte die Fußball-WM 2018 den Höhepunkt in Russlands Streben nach neuer „Soft-Power“ bilden. Doch dieser Versuch, das Ansehen Russlands aufzupolieren und die eigenen Lebensweisen, Errungenschaften und Werte anderen Gesellschaften zum Vorbild anzugedeihen, ist bereits vor der WM gescheitert. Dafür gibt es drei zentrale Gründe:

Erstens konterkariert Russlands aggressive Außenpolitik („Hard-Power“) der letzten Jahre das Bestreben nach einer positiven Wahrnehmung und kulturellem Einfluss in der Welt. Insbesondere die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland, der militärische Konflikt im Südosten der Ukraine und der Abschuss des Flugs MH17 haben im Jahr 2014 zu zahlreichen Forderungen westlicher Politiker geführt, Russland die WM 2018 zu entziehen. Letztlich lehnte die FIFA dies jedoch mit Verweis auf die „Kraft für positive Veränderungen“ des Fußballs ab.7 Nur die Ukraine entschied sich, auf eine TV-Übertragung der WM zu verzichten (nachdem die ukrainische Auswahl in der Qualifikation gescheitert war). Infolge des Giftanschlags auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal in Südengland – für den die britische Regierung Russland verantwortlich macht – haben im März 2018 Großbritannien und Island erklärt, dass keine Regierungsmitglieder zur WM fahren werden.

Zweitens hat das staatlich orchestrierte Doping im russischen Sport Russlands Ansehen als Sportnation zerstört. Nun ist Doping beileibe kein Problem bestimmter Nationen oder Disziplinen.8 Doch seit die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) 2016 ihre Berichte über eine systematische Manipulation von Dopingproben durch russische Behörden und mehr als 1 000 dopingverdächtige russische Athleten veröffentlichte, steht Russland am Pranger der internationalen Sportwelt.9 Die Folge war ein teilweiser Ausschluss russischer Athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 und Pyeongchang 2018. Einem Bericht der britischen Zeitung „Mail on Sunday“ zufolge ermittelt die WADA auch gegen 34 russische Fußballer wegen Dopingverdachts, darunter alle Nationalspieler, die 2014 an der WM in Brasilien teilnahmen.10 Direkte Konsequenzen für den russischen Fußball oder die Austragung der WM hatte der Dopingskandal jedoch bisher nicht.

Drittens haben die internationalen Sportorganisationen – allen voran FIFA und IOC – durch Korruption, ihren halbherzigen Umgang mit dem Dopingskandal und eine hemmungslose Kommerzialisierung des Sports erheblich an Reputation verloren. Längst ist das Thema der Korruption im Weltfußball Dauerthema in den Medien und unter den Fans. Allein die Vergabe der Weltmeisterschaften durch das FIFA-Exekutivkommittee wird traditionell von Manipulations- und Bestechungsvorwürfen begleitet. Die Korruptionsvorwürfe gipfelten schließlich im Rücktritt des langjährigen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter, der 2015 von einer FIFA-Ethikkommission wegen untreuer Besorgung für sechs Jahre von allen Tätigkeiten im Fußball ausgesperrt wurde. Dieser Ansehensverlust des Weltfußballverbands überträgt sich auch auf Russland und die WM 2018, obwohl die FIFA-Ethikkommission keine Beweise finden konnte, dass Russland Mitglieder des FIFA-Exekutivkommittees bestochen oder die Austragung der WM anderweitig gekauft habe.11

* * *

Wenn am 15. Juli im Moskauer Luschniki-Stadion das Finale der Fußballweltmeisterschaft ausgetragen wird, werden voraussichtlich eine Milliarde Menschen an den Bildschirmen das Spiel verfolgen. Alle Aufmerksamkeit wird sich auf Russland richten. Es wird der feierliche Höhepunkt in der 120-jährigen Geschichte des russischen Fußballs werden (auch wenn eine Beteiligung der Sbornaja, nun ja, höchst unwahrscheinlich ist). In diesen Abend gipfeln auch all die Bestrebungen des russischen Staates, mit massiven öffentlichen Investitionen in den Fußball und in sportliche Mega-Events als eine „zivile“ Großmacht globale Anerkennung zu finden. Das Problem von Höhepunkten jedoch ist meist die Zeit danach. Was folgt außenpolitisch auf die – gemessen am Zugewinn internationalen Prestiges – erfolglose „Dekade des Sports“? Was wird aus den WM-Stadien und dem russischen Klubfußball? Ein russisches Sommermärchen, das wäre die Lösung.

Literaturhinweise

Orttung, Robert W.; Zhemukhov, Sufian N.: Putin’s Olympics. The Sochi Games and the Evolution of Twenty-First Century Russia. London 2017; Makarychev, Andrey; Yatsyk, Alexandra (ed.): Mega Events in Post-Soviet Eurasia. Shifting Borderlines of Inclusion and Exclusion. New York 2016; Sugden, John; Tomlinson, Alan: Football, Corruption and Lies. Revisiting ‚Badfellas‘, the book FIFA tried to ban. London 2016; Beichelt, Timm: Ersatzspielfelder – Zum Verhältnis von Fußball und Macht. Berlin 2018.

Anmerkungen

1)   https://www.levada.ru/2013/03/26/bolshe-poloviny-ross iyan-ne-interesuyutsya-futbolom/; https://www.levada.ru/2013/06/03/obshhestvennoe-mnenie-o-futbole/.

2)   http://de.uefa.com/MultimediaFiles/Download/Official Document/uefaorg/Clublicensing/02/54/06/70/2540670_DOWNLOAD.pdf.

3)   https://www.gazprom-football.com/de/gazprom.htm.

4)   http://www.fontanka.ru/2017/01/10/149.

5)   Abusjarow, Ildar: Lokomotive ins Nirgendwo. In: Felsberg, Stephan; Köhler, Tim; Brand, Martin (Hg.): Russkij Futbol. Ein Lesebuch. Göttingen 2018, S. 180–191.

6)   https://www.rbc.ru/economics/01/12/2017/5a1ff2e19a7947379548d5bc.

7)   http://de.fifa.com/worldcup/news/y=2014/m=7/news=erklarung-der-fifa-zu-russland-2018-2408085.html.

8)   https://www.uni-tuebingen.de/newsfullview-landingpage/article/dopingstudie-hohe-dunkelziffer-im-spitzensport.html.

9)   https://www.wada-ama.org/sites/default/files/resources/files/20160718_ip_report_newfinal.pdf, https://www.wada-ama.org/sites/default/files/resources/files/mclaren_report_part_ii_2.pdf.

10) http://www.dailymail.co.uk/news/article-4635918/Russia-s-World-Cup-team-investigation-doping.html.

11) http://resources.fifa.com/mm/document/affederation/footballgovernance/02/89/88/06/rus_report_neutral.pdf.

Martin Brand, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Bremen und Mitherausgeber des Buches „Russkij Futbol“ über die Geschichte des russischen Fußballs.

pdfRGOW 4-5/2018, S. 28-31

Levan Kakhishvili

Zehn Jahre nach dem Augustkrieg zwischen Russland und Georgien haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten schrittweise verbessert. Unter der seit 2012 herrschenden Regierung der Partei Georgischer Traum kam es zu einer wirtschaftliche Annäherung und vermehrten zwischenmenschlichen Kontakten. Dennoch sind Streitpunkte wie die Anerkennung der abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien durch Russland oder die Annäherung Georgiens an westliche Strukturen nach wie vor aktuell. – N. Z.

Am 25. August 2008, rund zwei Wochen nach dem russisch-georgischen Fünf-Tage-Krieg, anerkannte die Russische Föderation die Unabhängigkeit der beiden abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien. Dieser Schritt führte zu einer weiteren Verschlechterung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten, und schließlich brach Tbilisi die diplomatischen Beziehungen zu Moskau ab. Außerdem verließ Georgien die von Russland angeführte Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschaffen worden war, um die engen politischen Verbindungen zwischen den postsowjetischen Republiken zu erhalten, und der Georgien laut den Memoiren Eduard Schewardnadses (des zweiten georgischen Präsidenten und früheren Außenministers der Sowjetunion) gezwungen war beizutreten.

Seit diesen Ereignissen sind die georgisch-russischen Beziehungen äußerst angespannt, aber stabil. Die bilateralen Beziehungen werden dabei von mehreren Faktoren bestimmt: Georgiens kontinuierliche Strategie, seine Integration in die EU und die NATO voranzutreiben, die Frage um Abchasien und Südossetien und Georgiens Nicht-Anerkennungspolitik, die georgische Strategie gegenüber den Völkern des Nordkaukasus sowie die Normalisierungspolitik. Moskau verfolgt hingegen, wenn man russischen Wissenschaftlern glauben kann, im sog. „nahen Ausland“ ein zweifaches Ziel: das Eindringen westlicher Mächte in die Region zu begrenzen und seine eigene militärische, wirtschaftliche und politische Präsenz im postsowjetischen Raum (ausgenommen die baltischen Staaten) zu stärken.

Daraus ergibt sich eine Situation, in der die Strategien der beiden Länder meist im Widerspruch zueinander stehen. Die letzten zehn Jahre der georgisch-russischen Beziehungen lassen sich dabei in zwei Abschnitte unterteilen: 2008–2012 und seit 2012. 2012 bedeutete dank des ersten friedlichen, demokratischen und verfassungsmäßigen Machtwechsels durch Parlamentswahlen einen Wendepunkt, als der von Bidsina Iwanischwili geführte Georgische Traum die Regierung der Vereinten Nationalen Bewegung von Micheil Saakaschwili ablöste. Die beiden Regierungen vertraten sehr unterschiedliche Haltungen gegenüber Russland, aber es scheint, als sei Russlands Politik gegenüber Georgien gleich geblieben. Auch weiterhin zielt sie darauf, Tbilisi wenn nicht unter der Kontrolle des Kremls zu halten, so zumindest von seinen Zielen abzuhalten.

Russland als Bösewicht
Unter der Saakaschwili-Regierung wurde der Augustkrieg als das zentrale Ereignis dargestellt, das Russland die Maske des Friedensbewahrers im Südkaukasus und der postsowjetischen Region überhaupt heruntergerissen und sein wahres Gesicht als Besatzer enthüllt habe. Deshalb sei der Krieg für Russland ein Misserfolg und für Georgien ein Sieg gewesen. Das ist natürlich nur eine mögliche Sichtweise, doch der Augustkrieg von 2008 erfüllte Russlands Erwartungen wohl tatsächlich nicht. Denn er brachte Georgien nicht von seinem Weg zu einer verstärkten Integration in die westlichen Institutionen, EU und NATO, ab. Allerdings brachte der Krieg auch Georgien nicht die erhofften Ergebnisse: der Augustkrieg und die anschließende Anerkennung der beiden abtrünnigen georgischen Regionen führten die westlichen Mächte (in Georgien bezieht sich „Westen“ sowohl auf Nordamerika wie auch Westeuropa) nicht zur Einsicht, dass russisches Abenteurertum und Revanchismus für die internationale Gemeinschaft und die Sicherheitsinfrastruktur in Europa eine Gefahr darstellten. Obwohl es Sanktionen gegen Russland gab, herrschte schon bald wieder „business as usual“. Dennoch kann es als Erfolg für Georgien gewertet werden, dass der Integrationsprozess weiter voranschritt und Georgien schließlich ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen konnte, in dessen Rahmen das Deep and Comprehensive Free Trade Agreement (DCFTA) und ein Regime zur Visafreiheit eingeführt wurden. In Bezug auf die NATO wurde am NATO-Gipfel in Wales im September 2014 ein substantielles Maßnahmenpaket vereinbart, das Georgiens Verteidigungsfähigkeit stärken und seine Vorbereitungen auf die Mitgliedschaft fördern soll. Ungeachtet der Fortschritte verhindert der Konflikt mit Russland effektiv den Beitritt Georgiens zum Militärbündnis, obwohl oft bekräftigt wird, dass Georgien für die Mitgliedschaft bereit sei.

Die Besetzung Abchasiens und Südossetiens durch Russland ist ein offensichtliches Hindernis für Georgiens NATO-Beitritt. Nachdem Moskau die Unabhängigkeit der beiden abtrünnigen Regionen anerkannt hat, bemüht sich Georgien aktiv darum, die Anerkennung durch weitere Mitglieder der internationalen Gemeinschaft zu verhindern. Doch Russland ist kaum an einer breiteren Anerkennung der beiden De-Facto-Staaten interessiert, da es durch die Stellvertreterregime, die weitgehend von russischen Subventionen abhängig sind, eine effektive Kontrolle über sie ausüben kann. Insgesamt anerkannten nur gerade fünf UN-Mitglieder Abchasien und Südossetien als unabhängig: Russland, Nicaragua, Venezuela, Nauru und seit kurzem Syrien. Tuvalu und Vanuatu hatten die beiden Gebiete ebenfalls anerkannt, zogen die Anerkennung später aber zurück.

Georgiens Kampf um seine territoriale Integrität ist also noch lange nicht vorbei und bleibt eine der wichtigsten nationalen Fragen in der einheimischen Öffentlichkeit. Daher steigt die Unzufriedenheit der georgischen Öffentlichkeit mit der Leistung der Regierung immer dann, wenn es zur sog. „Borderization“ kommt. „Borderization“ bezeichnet die Erstellung physischer Barrieren – Zäune, Stacheldraht, Gräben – sowie das Aufstellen von „Grenze“-Schildern entlang der Okkupationslinie durch russische Kräfte und lokale De-Facto-Behörden. Von 2009 bis 2017 wurden diesbezüglich über 30 Zwischenfälle gezählt. Hier werden die angespannten Beziehungen zwischen Georgien und Russland auf der grundlegendsten Ebene spürbar: Menschen, die auf beiden Seiten der Okkupationslinie leben, wird die Bewegungsfreiheit genommen, oft müssen sie ihre Häuser verlassen, wenn Zäune durch ihre Gärten führen oder wenn sie ihr Kulturland nicht mehr betreten dürfen, weil es nun auf der anderen Seite der „Grenze“ liegt. Daher sind die Fragen um Abchasien und Südossetien das zentrale Element der georgisch-russischen Beziehungen, insbesondere während der letzten zehn Jahre.

Georgien hat versucht, Russland ähnlich zu behandeln, wie Russland seinen kleineren Nachbarn behandelt hat. Nach dem Augustkrieg begann Georgien eine Reihe von Strategien hinsichtlich der Völker im Nordkaukasus, einer turbulenten Region Russlands, zu entwickeln. Ziel war es, engere Verbindungen zu den autonomen Republiken des Nordkaukasus ohne Moskaus Zustimmung zu knüpfen. Diese Politik beinhaltete folgende Maßnahmen: Abschaffung der Visapflicht für die Völker des Nordkaukasus (später wurde diese Entscheidung auf ganz Russland ausgedehnt); die Gründung des Ersten Kaukasischen Informationskanals (PIK); die Anerkennung des Genozids an den Tscherkessen; die Schaffung von Wissenschafts- und Bildungsprogrammen, mithilfe derer Nordkaukasier in Georgien forschen oder mit Regierungsstipendien studieren konnten; die Schaffung einer Gruppe von Freunden der nordkaukasischen Parlamente im georgischen Parlament; und schließlich Präsident Micheil Saakaschwilis wiederholt geäußerte Sympathie gegenüber der Idee eines sog. „Gemeinsamen Kaukasischen Hauses“.1 Diese Politik ärgerte Russland und zielte offiziell darauf, das dämonisierte Bild Georgiens im Nordkaukasus zu korrigieren. Zugleich trug das Vorgehen auch zur Dämonisierung des Russlandbilds bei. So berichtete der PIK oft über Proteste in Moskau, ignorierte aber Proteste in Tbilisi, was zur Wahrnehmung des Senders als Propagandainstrument führte.2 Der Sender und andere Initiativen wurden nach dem Machtwechsel 2012 eingestellt.

Das Tabu der georgischen Politik brechen
Die neue Regierung des Georgischen Traums hatte den Wählern versprochen, die Beziehungen zu Russland zu normalisieren und begann kurz nach ihrer Machtübernahme damit. Zu den ersten Schritten gehörte die neue Position des Sonderbeauftragten des Premierministers für das Verhältnis zu Russland, den Posten erhielt der frühere georgische Botschafter in Moskau, Zurab Abaschidse. Damit richtete die Regierung einen formellen Kommunikationskanal mit dem Kreml durch das sog. Abaschidse-Karasin3-Format ein, in dessen Rahmen die beiden Parteien Fragen zu Handel, Wirtschaftsbeziehungen und zwischenmenschlichen Kontakten diskutierten.

Diese Schritte wurden von einer deutlichen Veränderung in der Rhetorik hochrangiger georgischer Vertreter gegenüber Russland begleitet. So sagte der damalige Premierminister Iwanschwili, als er am fünften Jahrestag des Kriegs am 8. August 2013 neue Rekruten begrüßte, dass die Regierung bereit sei, ihre Fehler zuzugeben und „ihren eigenen Anteil an der Schuld für das Zulassen [des Kriegs im August 2008] zu übernehmen, was im Bericht der EU von 2009 festgehalten ist.“4 Noch wichtiger war Iwanischwilis Aussage vom 4. September 2013, dass seine Regierung einen Beitritt zur von Russland gegründeten Eurasischen Union in Betracht ziehen würde, falls dieser den nationalen Interessen Georgiens dienen würde,5 was von Politikern der Vereinten Nationalen Bewegung und auch von der Zivilgesellschaft kritisiert wurde. Am 12. September bezeichnete Saakaschwili Iwanischwilis Aussage als „das Brechen des zentralen Tabus“ der georgischen Politik.6 In den Jahren vor dem Machtwechsel hatte die Vereinte Nationale Bewegung versucht, die georgisch-russischen Beziehungen so darzustellen, dass nicht einmal der Gedanke möglich war, die georgischen Interessen mit russischen in Einklang zu bringen. Daher war der Kommentar des Premierministers ein harter Schlag für diesen Diskurs und öffnete in gewissem Sinn eine neue Büchse der Pandora, da nach Iwanischwilis Aussage offen pro-russische Akteure auftauchten und sich in Georgien ausbreiteten – etwas, das zu Saakaschwilis Zeiten undenkbar gewesen wäre.

Diese Vertreter pro-russischer oder anti-westlicher Ansichten oder Akteure, die zumindest für ein Überdenken der Ausrichtung der georgischen Außenpolitik plädieren, schließen politische Parteien wie die Allianz der Patrioten Georgiens, die im Parlament mit sechs Abgeordneten vertreten ist, die Demokratische Bewegung des Vereinten Georgien wie auch zivilgesellschaftliche Organisationen, Medien und einzelne Vertreter der Georgischen Orthodoxen Kirche ein.7 Doch diese Organisationen und Parteien bestimmen momentan nicht die politische Agenda in Georgien, und die Öffentlichkeit unterstützt mehrheitlich weiterhin Georgiens erklärtes Ziel, der NATO und der EU beizutreten. Laut der neuesten Meinungsumfrage des U. S. National Democratic Institute (NDI) vom März 2018 unterstützen 75 Prozent der Bevölkerung den EU-Beitritt und 65 Prozent eine NATO-Mitgliedschaft.8 In Anbetracht dessen, dass auch die Regierung weiterhin von der außenpolitischen Ausrichtung gen Westen überzeugt ist, bleiben pro-russische Positionen marginalisiert.

Die Normalisierungspolitik und das Brechen des Tabus haben jedoch einige greifbare Resultate gebracht. Mit der Wiederaufnahme des Handels und von Flügen zwischen Russland und Georgien stellen sich aber auch neue Herausforderungen. Während Russland 2012 nicht einmal unter den ersten zehn Ländern für den Export georgischer Produkte war,9 hat sich Russland laut den Daten von 2017 und 2018 zum wichtigsten Exportland entwickelt, in das 13,4 Prozent der georgischen Güter ausgeführt werden.10 Vor dem Hintergrund, dass Russland bereits früher Handelsembargos gegen Georgien, die Republik Moldau und die Ukraine benutzt hat, um politische Ziele zu erreichen, kann dies als heikle Entwicklung betrachtet werden.

* * *

Insgesamt lässt sich für die letzten zehn Jahre eine schrittweise Verbesserung der georgisch-russischen Beziehungen in den Bereichen des Handels, der Wirtschaft und direkter zwischenmenschlicher Kontakte feststellen. Allerdings war dies zu erwarten, da 2008 das Verhältnis den Tiefpunkt erreicht hatte. Dennoch bleiben bedeutende Herausforderungen in den bilateralen Beziehungen bestehen, und diese gründen in der Art, wie die beiden Länder ihre strategischen nationalen Interessen sehen, die inkompatibel zu sein scheinen. Die schwierigsten Fragen, wie Georgiens territoriale Identität und Russlands Anerkennung von Abchasiens und Südossetiens Unabhängigkeit sowie Georgiens pro-westliche außenpolitische Orientierung, sind unverändert offen. Ersteres wurde kürzlich von der Anerkennung Abchasiens und Südossetiens durch Syrien demonstriert und letzteres wurde wiederholt durch Georgiens Position als Spitzenkandidat der Östlichen Partnerschaft der EU belegt.

Es ist daher unklar, was in den georgisch-russischen Beziehungen als nächstes kommt, aber es scheint, als gebe es keinen einfachen Weg aus der Blockade. Denn trotz der Normalisierungspolitik verhält sich Russland wie zuvor, indem es die Probleme am Köcheln erhält, so mit den neuen Anerkennungen, neuen Fällen von „Borderization“ und möglicherweise mit Plänen für ein neues Druckmittel wie die asymmetrische wirtschaftliche Abhängigkeit Georgiens vom russischen Markt.

Anmerkungen

1)  Menagarashvili, I.; Melikadze, N.; Gvimradze, G.: North Caucasus as a Factor in Georgian-Russian Relations. Tbilisi 2010; Khelashvili, George: Georgia’s Perceptions of the North Caucasus and of US-Russian Relations. PONARS Eurasia Policy Memo No. 148 (2011).

2)  Kakhishvili, Levan: Georgia’s Policy towards North Caucasus during 2008–2012 and after: Comparative Analysis. Tbilisi 2015.

3)  Grigorij Karasin ist Vize-Außenminister Russlands.

4)  http://gov.ge/index.php?lang_id=ENG&sec_id=270&info_id=37866.

5)  https://old.civil.ge/eng/article.php?id=26419.

6)  https://old.civil.ge/eng/article.php?id=26448.

7)  Kakhishvili, Levan: Georgia – the Choice: Perceived West-Russia Dichotomy in Georgian Politics. In: Knodt, Michèle; Urdze, Sigita (eds.): Caucasus, the EU and Russia – Triangular Cooperation? Baden-Baden 2016, S. 165–188.

8)  http://caucasusbarometer.org/en/nm2018ge/codebook/.

9)  http://eesri.org/2015/03/contextual-analysis-of-russia-georgia-relations-possible-threats-and-challenges-of-the-normalization-process/.

10)  http://www.geostat.ge/index.php?action=page&p_id=134&lang=eng.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.

Levan Kakhishvili, Politikwissenschaftler am Georgian Institute of Politics (GIP), einem unabhängigen Analyse- und Forschungsinstitut in Tbilisi.

pdfRGOW 6/2018, S. 16-18

Sergii Bortnyk

Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ostukraine sind die Spaltungen innerhalb der ukrainischen Orthodoxie nochmals deutlicher geworden. Der Staat fordert von den Kirchen eindeutige Loyalität. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Moskauer Patriarchat steht dabei häufig im Verdacht, ein verlängerter Arm Moskaus zu sein. Einerseits sieht sie sich mit Gesetzesentwürfen konfrontiert, die ihren Einfluss schwächen sollen, andererseits wird ihr Einsatz für den Austausch von Kriegsgefangenen geschätzt. – R. Z.

Wie viele andere osteuropäische Länder gilt die Ukraine als ein traditionell orthodoxes Land, dessen Geschichte und Kultur vom östlichen Christentum geprägt ist. Das bezeugt auch die Statistik, da heutzutage 55 Prozent aller religiösen Gemeinden des Landes zum orthodoxen Christentum gehören.1 Dennoch erlaubt die Gemeindestatistik keine eindeutigen Einschätzungen, da die Anzahl Menschen, die sich dieser oder jener Konfession zuzählen, eine deutlich anderes Bild zeichnet: So machen die ukrainische Protestanten, die in westlicher Terminologie zu den „Freikirchen“ zählen (vor allem Baptisten, Pfingstler und Adventisten) insgesamt nur bis 3 Prozent der Bevölkerung aus, doch stellen sie 27 Prozent der Gesamtzahl religiöser Gemeinden in der Ukraine.2

Zudem, und das ist gerade im Bereich der ukrainischen Orthodoxie aktuell, kennen die orthodoxen Gemeinden kaum den Status einer offiziellen Mitgliedschaft. Das führt dazu, dass soziologische Umfragen vor dem Hintergrund des politischen Konflikts in der Ostukraine politisch motivierte Antworte bekommen: Sie zeigen bei den „patriotischen“ Konfessionen deutlich höhere Mitgliederzahlen, vor allem bei denjenigen, die keine Verbindung zum „Moskauer Patriarchat“ haben. Außerdem gibt es in der Ukraine fünf kirchliche Gruppierungen, die sich in ihrem Titel als „russisch-orthodox“ bezeichnen. Sie sind jedoch winzig, eher Sekten, die aber insgesamt 141 registrierte Gemeinden, d. h. etwa 0,7 Prozent aller orthodoxen Gemeinden des Landes ausmachen. Das größte Problem jedoch, das seit 25 Jahren existiert, ist die Spaltung innerhalb der „ukrainischen“ Orthodoxie.

Die Kirchen der ukrainischen Orthodoxie
Die größte religiöse Struktur des Landes trägt den offiziellen Titel „Ukrainische Orthodoxe Kirche“ (UOK–MP). Sie steht in Verbindung zum Moskauer Patriarchat und ist von der Weltorthodoxie als sog. „kanonische Kirche“ anerkannt. Die zweite größte Struktur heißt „Ukrainische Orthodoxe Kirche–Kiewer Patriarchat“ (UOK–KP) und positioniert sich als dem ukrainischen Staat nahe stehende Konfession. Ihre kanonische Anerkennung wird von vielen gewünscht, ist aber in näherer Zukunft kaum realistisch. Sie steht nicht auf der Liste der anerkannten orthodoxen Lokalkirchen, und die Prozedur der Anerkennung neuer administrativ unabhängiger (d. h. „autokephaler“) Kirchen ist für die Weltorthodoxie eine allgemein schwer zu lösende Frage.
Das wurde auch im Rahmen des „Heiligen und Großen Konzils der Orthodoxen Kirche“ deutlich, das im Juni 2016 auf Kreta stattfand.3 Obwohl die Frage der Autokephalie bereits seit längerem behandelt wird, hat das Konzil kein Dokument dazu veröffentlicht, da die unterschiedlichen Einstellungen zu dieser Frage sehr politisiert und umstritten sind.4 Für die Ukraine bedeutet das, dass die Ukrainische Orthodoxe Kirche weiterhin zum Moskauer Patriarchat gehören soll, oder dass in der Ukraine eine neue parallele Struktur entsteht, die zum Ökumenischen Patriachat von Konstantinopel gehören wird (s. RGOW 11/2016, S. 17–19).
Gemäß der bereits erwähnten Statistik verfügen die UOK–MP über 12 000 und die UOK–KP über 5 000 registrierte Kirchengemeinden. Hinzu kommt die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK) mit offiziell über 1 000 Gemeinden. Alle drei zusammen stellen über 98,7 Prozent aller orthodoxen Gemeinden des Landes, und ihre Beziehungen untereinander bestimmen das Bild, das die ukrainische Orthodoxie nach außen von sich zeigt. Am schwierigsten sind die Beziehungen zwischen der UOK–MP und der UOK–KP. Für viele hängt dies mit der Person des Leiters der UOK–KP zusammen, der heutzutage gewöhnlich „Patriarch Filaret“ (Denisenko) genannt wird. Von 1966 bis 1991 war er innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche Metropolit von Kiew und war jahrelang der ideologischen Linie des sowjetischen Staates treu. Nach der Wende und der Unabhängigkeit der Ukraine änderte er seine ideologische Position radikal: Wollte er bis dato die ukrainische Wurzel in der Kultur und im kirchlichen Leben ausrotten, so formulierte er jetzt den Slogan „Für den unabhängigen Staat eine unabhängige Kirche“.
Sein Gegenüber, der von 1992 bis zu seinem Tod im Jahr 2014 die UOK–MP leitete, war Metropolit Volodymyr (Sabodan) (s. RGOW 8/2014, S. 3). Er war ethnischer Ukrainer mit ukrainischer Muttersprache und verbrachte mehrere Jahrzehnte im kirchlichen Dienst auf verschiedenen Positionen außerhalb der Ukraine – in Russland und in Westeuropa. In seiner „ukrainischen Politik“ stand nicht so sehr die Frage der Kooperation mit dem Staat im Zentrum, vielmehr ging es ihm darum, die kirchliche Identität in verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Lebens einzubringen. Er war der Meinung, dass die Trennung zwischen den beiden Staaten und Völkern der Ukraine und Russland aufgrund der langen gemeinsamen Geschichte allmählich und möglichst schmerzlos ablaufen sollte. Die Kirche sollte sich seiner Ansicht weniger in die staatliche Politik einmischen, sondern als „Seele des Volkes“ dienen.
Die Spaltung zwischen diesen beiden kirchlichen Strukturen – der UOK–MP und der UOK–KP – zeigt sich auch in der Absage der eucharistischen Gemeinschaft. Der Konflikt ist schon viel älter als die gegenwärtige politische Krise und dauert nun schon seit über 25 Jahren an. Im Februar 1997 verschärfte sich die Situation, als das Bischofskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) über Patriarch Filaret aufgrund seiner „anti-kirchlichen Tätigkeit“ das Anathema, d. h. den Kirchenbann, verhängte.
Beim letzten Bischofskonzil der ROK kam allerdings Bewegung in die Frage des ukrainischen Schismas: Am 30. November 2017 wurde ein „Aufruf des ehemaligen Metropoliten Filaret“ zur Versöhnung verlesen und besprochen. Das Konzil traf die Entscheidung, für die Suche nach einer möglichen Lösung eine Kommission zu gründen (s. RGOW 1/2018, S. 8).5 Obwohl diese Entscheidung von mehreren Hierarchen und Gläubigen positiv bewertet wurde, gibt es bis jetzt keine merkliche Fortsetzung des Prozesses. Auch hat das „Kiewer Patriarchat“ keine eigene Kommission für den Dialog gegründet.
Seit über 20 Jahren besteht die Position der UOK–MP darin, die Haltung des Kiewer Patriarchats als nationalistisch zu verurteilen, was mit dem griechischen Begriff „Ethnophiletismus“ zum Ausdruck gebracht wird. Das zeige sich in der Bekämpfung russischer Merkmale in der kirchlichen Struktur der Ukraine. Oft hört man die Meinung, dass das „Kiewer Patriarchat“ eine politisierte Struktur sei, die eigene politische Ziele – wie die von Moskau unabhängige Existenz – höher stelle als die eigentlichen christlichen Tugenden des Gebets und der Frömmigkeit. Die Vorwürfe aus der Gegenrichtung – seitens des Kiewer Patriarchats – bestehen darin, dass die UOK–MP eigentlich eine „russische Kirche in der Ukraine“ sei. Sie sei eine Filiale des Moskauer Patriarchats, die ihren Einfluss durch die Ideologie der „Russischen Welt“ auszuweiten strebe.

Verschärfte Spannungen seit 2014
Hier besteht ein deutlicher Unterschied, was die Identität beider Kirchen betrifft. Die Sprecher der UOK–MP betonen, dass ihre Kirche gleich wie die ukrainische Gesellschaft „zwei Lungen“ hat. Während in der Westukraine oft pro-europäische und eigentlich „ukrainische“ Stimmungen vorherrschen, bleibt in der Ostukraine die pro-russische Identität wichtig, mit dem Russischen als Umgangssprache, mit Verwandten in Russland und mit der Nostalgie nach den „besseren Zeiten“ der späteren Sowjetunion. Soziologische Umfragen zeigen, dass die „russische“ Komponente für die Bevölkerung der Ukraine wichtig ist. Über 12 Prozent fühlen sich „zwei oder mehreren nationalen Identitäten“ zugehörig, über 23 Prozent sprechen hauptsächlich bzw. meistens Russisch.6
Dieselbe Umfrage beschreibt auch das Vertrauen zu verschiedenen sozialen Institutionen. Hier genießt die abstrakte „Kirche“ viel mehr Vertrauen seitens der Bevölkerung als die staatlichen Institutionen, das Parlament und die Regierung. Fast zwei Drittel der Menschen vertrauen der Kirche „ganz“ (22,1 Prozent) bzw. „eher“ (43,6 Prozent) (ohne konkrete Unterscheidung welcher der verschiedenen Kirchen). Gleichzeitig beträgt das Vertrauen zu der Regierung insgesamt nur knapp 13 Prozent und zum Parlament ca. 10 Prozent.7 Diese Zahlen sprechen für sich selbst, und daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Menschen der Kirche umso weniger vertrauen werden, je näher sie zum Staat und zu seinen Institutionen steht. Und umgekehrt: Solange die Kirche sich vom Staat distanziert und ihre Verantwortung in einem eigenen Bereich wahrnimmt, desto besser ist dies für ihr Ansehen in den Augen der Bevölkerung.
Gerade hier beginnen aber die Probleme, da der Staat angesichts der Krisensituation in der Ostukraine versucht, die Kirche zu instrumentalisieren. Vertreter der staatlichen Institution wollen, dass die ukrainischen Kirchen den Staat in seiner Abwehr russischer Einflüsse eindeutig und mit aller Kraft unterstützen. Hier kann man die Position der UOK–MP anhand eines konkreten Beispiels verdeutlichen: Am 8. Mai 2015 wurde der 70. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg gefeiert. Im ukrainischen Parlament wurden die Namen der „Helden der Ukraine“ vorgelesen. Als alle Anwesenden ihren Respekt durch Aufstehen bekundeten, verzichteten das Oberhaupt der UOK–MP, Metropolit Onufrij (Beresovskij), wie auch zwei andere Hierarchen dieser Kirche darauf, sich zu erheben. Von vielen wurde dies als mangelnde Achtung vor den Verteidigern des Landes wahrgenommen. In einer Erklärung danach erläuterte der Metropolit, dass er die Heldentaten zwar schätze, das Sitzenbleiben jedoch für ihn „ein Zeichen des Protests gegen den Krieg als [soziales] Phänomen war“. Er fuhr fort: „Wir wollen nicht, dass die Menschen sich gegenseitig umbringen.“8 Abgesehen von dieser pazifistischen Einstellung gibt es auch mehrere Beispiele, dass sich einzelne Priester der UOK–MP im Rahmen des militärischen Konflikts der offiziellen staatlichen Position entgegenstellten. Das führte zu einer verschärften negativen Darstellung dieser Kirche in den Medien.
Die negative öffentliche Einstellung gegenüber der UOK–MP führte auch dazu, dass einzelne Kirchengemeinden vom Moskauer Patriarchat zum Kiewer Patriarchat wechselten. Oft geschah das auf Drängen der außerkirchlichen nationalistischen Strukturen und mit deren militärischer Unterstützung. Bis Anfang 2018 spricht man von 40 bis 50 „Übertritten“, die nur teilweise freiwillig und gesetzlich rechtens waren. All diesen Fällen gemeinsam ist der Versuch, eine eindeutige Trennlinie zwischen dem ukrainischen und dem russischen Segment der ukrainischen Bevölkerung zu ziehen.
Im Laufe der letzten beiden Jahre gab es zudem einige Gesetzesinitiativen, die sich gezielt gegen den vermeintlichen Einfluss der UOK–MP richten. Am bekanntesten ist das Gesetzprojekt Nr. 4511 „Über den Sonderstatus religiöser Organisationen, deren leitende Zentren sich in einem Staat befinden, der vom Parlament der Ukraine als Aggressor-Staat anerkannt ist“.9 Dieses Projekt wurde im April 2016 vorgestellt, bis jetzt wurde aber darüber noch nicht abgestimmt. Nicht weniger gefährlich für eine stabile interkonfessionelle Existenz der Ukraine ist auch das Gesetzprojekt Nr. 4128 „Über den Wechsel der Zugehörigkeit der religiösen Kirchengemeinden“. Das Oberhaupt der UOK–MP, Metropolit Onufrij, spricht hier von „kirchlichen Übergriffen seitens radikaler Gruppierungen in Gestalt des Wechsels der konfessionellen Zugehörigkeit“ (s. RGOW 10/2017, S. 6).10 Diese und andere Gesetzesinitiativen nötigten die UOK–MP dazu, ihre Position auf gesetzlicher Ebene zu verteidigen und das eigene Verhältnis zum Moskauer Patriarchat deutlicher zu formulieren. Auf Bitten der ukrainischen Vertreter nahm deshalb das Bischofskonzil der ROK im November 2017 Änderungen am Kirchenstatut vor. Demnach verfügt die UOK–MP über mehr Rechte, und laut der neuen Formulierung „befindet sich ihr leitendes Zentrum in Kiew“ (s. RGOW 1/2018, S. 6).11
Neben der verschärften Konfrontation zwischen den beiden größten orthodoxen Kirchen in der Ukraine gibt es aber auch positive Gegenbeispiele, so z. B. die Befreiung von Gefangenen der nicht-anerkannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk. Am 27. Dezember 2017 gab es einen Gefangenenaustausch, wobei 73 ukrainische Bürger aus der Gefangenschaft befreit wurden.12 Die bedeutende Rolle der UOK–MP in diesem Prozess wurde von allen Seiten begrüßt.

* * *
Alle diese Beispiele zeigen, dass in der gegenwärtigen Ukraine von den Kirchen eine politische und soziale Rolle gefordert wird. Die Kirchen genießen als Akteure des gesellschaftlichen Lebens Respekt und Anerkennung. Die politische Krise in der Ostukraine hat jedoch die interkonfessionellen Beziehungen deutlich verschärft. Es besteht allerdings die Versuchung einer Säkularisierung der Kirche, wenn ihre Präsenz vor allem in den politischen und gesellschaftlichen Bereichen gewünscht wird. Diese Politisierung kirchlichen Wirkens bleibt eine Herausforderung für die Identität der orthodoxen Kirchen der Ukraine.

Anmerkungen

1) Religiöse Organisationen in der Ukraine (Stand: 1. Januar 2017): https://risu.org.ua/ua/index/resourses/statistics/ukr2017/67269/

2) Bortnyk, Sergii: Kirche(n) in der Ukraine nach der Wende. In: Ökumenische Rundschau, 66, 2 (2017), S. 274–279.

3) Vgl. Hallensleben, Barbara (Hg.): Einheit in Synodalität. Die offiziellen Dokumente der Orthodoxen Synode auf Kreta 18. bis 26. Juni 2016. Münster 2016.

4) Als ungelöstes Beispiel lässt sich die Situation der „Orthodox Church in America“ anführen: Deren Autokephalie wurde 1971 vom Moskauer Patriarchat ausgerufen, wird jedoch bis jetzt von den orthodoxen Lokalkirchen der „griechischen Familie“ nicht anerkannt.

5) http://www.patriarchia.ru/db/text/5074551.html

6) Identity of Ukrainian Citizens: Value Orientation. In: National Security and Defence. Ukrainian Centre for Economic and Political Studies named after Olexander Razumkov 1–2, 169–170, (2017), S. 25–26, http://razumkov.org.ua/uploads/journal/eng/NSD169-170_2017_eng.pdf

7) Ebd., S. 15–19.

8) https://fraza.ua/analytics/222737-pokazatelnoe_nevstavanie_ili_podozhdem_do_sledujuschego_marta_

9) http://w1.c1.rada.gov.ua/pls/zweb2/webproc4_1?pf3511 =58849

10) http://news.church.ua/2017/12/25/dopovid-keruyuchogo-kijivskoyu-jeparxijeyu-upc-blazhennishogo-mitropolita-onufriya-na-richnix-jeparxialnix-zborax/

11) http://www.patriarchia.ru/db/text/5074390.html

12) http://news.church.ua/2017/12/27/zusillyami-ukrajinskoji-pravoslavnoji-cerkvi-z-polonu-vizvoleno-74-ukrajinskix-vijskovix/

 

Sergii Bortnyk, Dr. theol., Kirchliches Außenamt der UOK–MP, Kiew.

pdfRGOW 3/2018, S. 17-19

Andrej Varkentin

In Jekaterinburg waren für die WM zahlreiche Infrastrukturprojekte geplant, und es gab architektonisch kühne Pläne für eine Fan-Zone mitten im Stadtzentrum. Doch das meiste wurde nicht umgesetzt, dafür kam es zu eher kosmetischen Aktionen, wie dem Abriss des unfertigen, aber beliebten Fernsehturms. Auf Unverständnis stieß zudem der Neubau des kurz zuvor sanierten Stadions. – N. Z.

Am 23. Februar 2018, um 11 Uhr morgens. Der riesige, unfertige 200-Meter-Fernsehturm fällt mit ohrenbetäubendem Gepolter in den Fluss Isset. Genau das hätte in Jekaterinburg passieren sollen, doch die zuständige Firma überlegte es sich anders. Und verschob den Abbruch um einen Monat – am 24. März war es schließlich soweit. Was hat das mit der Fußball-Weltmeisterschaft zu tun? Der springende Punkt ist, dass man in Jekaterinburg wie generell in Russland das Leben sehr gerne in „vor und nach der Olympiade“ oder „vor und nach der Präsidentschaftswahl“ oder „vor und nach der WM 2018“ unterteilt. So wurde auch das „Urteil“ über den Jekaterinburger Fernsehturm, mit dessen Bau 1983 begonnen worden war und der 1991 wegen fehlender Finanzierung abgebrochen wurde (worauf er sofort zum „Symbol der Misswirtschaft“ wurde), streng gefällt: „bis zur WM abreißen“, damit er den Touristen kein Dorn im Auge sei. Aber wozu? Vor einigen Jahren, als ich als Touristenführer arbeitete, erzählte ich immer die Geschichte dieses Turms und der durchgeknallten Base-Jumper, die von ihm heruntersprangen. Und jetzt sprengen sie ihn, und die Uruguayer, Peruaner und Franzosen werden einfach an einem öden Platz im Herzen der Stadt vorbeigehen.

* * *

Im Juni wird Jekaterinburg vier Spiele der Fußball-WM beherbergen (Ägypten-Uruguay, Frankreich-Peru, Japan-Senegal und Mexiko-Schweden). Als im fernen Jahr 2010 die Entscheidung über den Austragungsort der WM getroffen wurde, glaubte kaum jemand, dass diese Russland zufallen würde. Nach der Entscheidung zweifelten die Bewohner Jekaterinburgs daran, dass ihre Stadt auf der definitiven Liste der WM-Austragungsorte stehen würde. Jetzt sind die Zweifler an der WM-Durchführung eine Minderheit, aber endgültige Gewissheit werden wir erst am 13. Juni haben, wenn die Fußballspieler der Mannschaften von Ägypten und Frankreich in der Stadt landen.

Was versprochen und was getan wurde

Zur WM 2018 haben die Behörden verschiedener Ebenen Jekaterinburg Dutzende Projekte versprochen, sog. „Wünsche“ im Wert von Hunderten Milliarden Rubel. Doch letztlich wurde die große Mehrheit nicht umgesetzt. Die prominentesten der versprochenen, aber nicht realisierten Projekte sind der Bau einer zweiten Metrolinie und der Umzug der Untersuchungshaftanstalt gegenüber der „Jekaterinburg-Arena“. Die U-Bahn versprechen sie nun zu einem anderen möglichen Großprojekt, der EXPO 2025, und das Gefängnis wird einfach mit Bannern behängt, damit es die Gäste nicht irritiert. Außerdem schaffen sie es nicht, eine neue Brücke zu bauen, die alte zu sanieren, einige neue Autobahnkreuze und Straßen zu errichten sowie moderne Trams anzukaufen. Auch die Schnellstraße Jekaterinburg-Moskau wird in diesem Jahr nicht fertiggestellt. Vielleicht wird es sie nie geben.

Schlussendlich hat Jekaterinburg zur WM 2018 das notwendige Minimum erhalten: ein Stadion, eine neue Lande- und Startbahn am Flughafen Kolzovo, neue Busse und eine neue Straße – der zentrale Lenin-Prospekt wurde verlängert. Zudem wurden tatsächlich Trainingsplätze saniert und gebaut, in der Stadt sind vier neue Sportkomplexe mit Spielfeldern entstanden, die nach der WM auf unterschiedliche Weise genutzt werden sollen. Es ist auch etwas für die Gesundheitsinfrastruktur abgefallen, so wurden einige Krankenhäuser saniert. Außerdem wurde die Wasserleitung der Repin-Straße zur WM modernisiert. Als letztes werden gerade die Arbeiten an der Fan-Zone im zentralen Freizeitpark abgeschlossen.

Zweifacher Umbau des Stadions

Die Geschichte des Zentralstadions, das während der WM „Jekaterinburg-Arena“ heißt, ist sehr verworren. Aber gerade sie zeigt die ganze Misswirtschaft und das fehlende strategische Denken der Behörden in Russland. Kurz gesagt wurde unser Stadion sehr lange saniert, dann mit Pomp eröffnet, aber nach einigen Jahren wurde das absolut neue Stadion geschlossen, vollständig abgerissen und mit dem Bau eines neuen Stadions für die WM 2018 begonnen.

Und jetzt ausführlicher: Die erste Sanierung des Zentralstadions war Anfang August 2011 komplett abgeschlossen. Zwei Jahre zuvor – am 23. Januar 2009 – hatte der Russische Fußballverband (RFS) sich bei der FIFA für die Durchführung der WM 2018 beworben, und auf der vorläufigen Liste der Austragungsorte stand Jekaterinburg. Am 5. Mai 2010 wurden der FIFA Bewerbungsunterlagen mit dem Projekt des Zentralstadions geschickt. Im Entwurf wurde vorgeschlagen, die Arena zu verbreitern „mithilfe temporärer, zerlegbarer Konstruktionen hinter den Toren und mit einem Dach in Form eines Diskus auf Säulen“. „Uns war das damals nicht klar, und wir fragten: warum wollen wir das gerade erst umgebaute Stadion wieder renovieren? Worin besteht die Logik? Ich verstehe diese Logik auch jetzt noch nicht. Es wäre möglich gewesen, das Zentralstadion in Ruhe zu lassen und eine neue Arena zu bauen“, erzählt der Architekt Aleksej Kukovjakin, Urheber des Entwurfs. Die Behörden lehnten es jedoch ab, eine neue Arena zu bauen. Das Argument war einfach – Jekaterinburg könne nicht zwei Stadien unterhalten. Das neue Stadion sollte ein Symbol der Stadt werden. Davon sprach der ehemalige Regierungsvorsitzende der Oblast Sverdlovsk, Denis Pasler, der die Absicht hatte, eine „Stadion-Marke“ zu bauen, es zur „besten aller WM 2018-Arenen“ zu machen, und dabei die uralische Identität nicht zu vergessen. Trotzdem hat das Stadion keine Identität, schon gar nicht eine „uralische“.

Jetzt ruft das Äußere des Stadions, vor allem die temporären Tribünen hinter den Toren, bei den Einwohnern und Gästen der Stadt Verwunderung hervor. Die „Jekaterinburg-Arena“ ist bei einigen ausländischen Medien sogar auf der Liste der „seltsamsten“ Stadien gelandet. „Ich habe das Stadion in Jekaterinburg gesehen, es ist eine ungewöhnliche architektonische Lösung. Es erweckt den Eindruck, dass die Tribüne außerhalb des Stadions liege, so etwas habe ich noch nie gesehen. Wir werden sehen, wie angenehm es für die Fans sein wird, Fußball aus dieser Perspektive zu schauen“, sagte der ehemalige französische Mittelfeldspieler Sidney Govou gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS.

Darauf erwiderten die Behörden von Sverdlovsk, dass es nur so möglich gewesen sei, die Anforderungen der FIFA zum „35 000er“ zu erfüllen. Am 1. April wurde endlich – kein Scherz – das Zentralstadion eröffnet. Als erste betraten die Fußballer von Ural Jekaterinburg und Rubin Kasan den Rasen, das Spiel endete 1:1. Die neue Arena hinterließ bei den Zuschauern einen ambivalenten Eindruck. Einerseits hat die Stadt eine schöne Arena mit ausgezeichneter Sicht aufs Spielfeld erhalten, andererseits ist es sehr kalt. Zum Glück findet die WM im Sommer statt, so erfahren die Peruaner und Mexikaner nichts von diesem Problem.

Wenig Mut bei der Fan-Zone

Noch ein kühnes, aber von den Jekaterinburger Behörden nicht umgesetztes Projekt ist die Fan-Zone der WM. Zunächst war geplant, sie im Herzen der Stadt – auf der Plotinka – unterzubringen. Mehr noch, es wurde eine originelle Lösung vorgeschlagen – über den Fluss Isset eine Brücke mit einer speziellen Hülle zu bauen und einen großen Bildschirm neben die Brücke zu stellen. Später wurde diese Variante jedoch aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen. Außerdem hätten sich in unmittelbarer Nähe der Fan-Zone Wohnhäuser befunden, und den Anwohnern hätten solche Nachbarn kaum gefallen. Daher wurde die Fan-Zone in den Zentralen Park der Kultur und Erholung „Vladimir Majakovskij“ verlegt. Die Lösung ist nicht die kühnste, aber wahrscheinlich richtig. Der Park hat schließlich nur einen Nachteil: er liegt nicht im eigentlichen Zentrum Jekaterinburgs.

Jetzt spielen die Einwohner Jekaterinburgs, wie alle Russen, in der Lotterie um Tickets für die WM-Spiele mit. Wegen des Ansturms können längst nicht alle den ersehnten Schein erhalten. Aus derselben Ausgangslage versuchen sogar Beamte der Stadtverwaltung Tickets zu ergattern.

Im Gespräch mit ausländischen Journalisten, die für eine Reportage in die Stadt reisen, höre ich ständig dieselben Einwände: die Entfernung (nach Moskau fliegt man zwei Stunden), die hohen Hotelpreise und das Fehlen von Menschen, die zumindest Englisch sprechen. Aber der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass bei den vorhergehenden WMs in Brasilien und Südafrika dieselben Probleme bestanden: große Entfernungen zwischen den Städten und überhöhte Preise für Hotelzimmer. Aber für die ausländischen Besucher ist ein Teil der Probleme gelöst. Die Fahrt mit den Zügen zwischen den Austragungsorten wird gratis sein, zudem werden die Fans kein Visum brauchen. Mangelnde Englischkenntnisse und überhöhte Preise wird man ertragen müssen.

„Leider gibt es im Moment auf den Straßen unserer Stadt fast keine ausländischen Touristen, und – teils aus diesem Grund – verstehen viele Einwohner nicht, wie man richtig reagiert und sich mit Menschen aus anderen Ländern unterhält. Daher kann Jekaterinburg von außen verschlossen und sogar provinziell erscheinen, obwohl das eigentlich schon lange nicht mehr so ist. Ich hoffe, dass die Weltmeisterschaft dieses Problem wenigstens teilweise lösen wird, dass, wenn einige Tausend Fans aus Japan, Frankreich, Schweden und Senegal in die Stadt reisen, die Jekaterinburger sich endlich von ihrer irrationalen Angst vor Ausländern befreien. Außerdem ist die WM, in welchem Land auch immer sie stattfindet, immer ein Fest, und ich hoffe, dass in der Stadt während der Meisterschaft wirkliche Feierstimmung herrschen wird“, erklärt die einheimische Linguistin Irina.

Was es in Jekaterinburg zu sehen gibt

Jekaterinburg ist eine der am besten auf die WM vorbereiteten Städte. Die städtischen Behörden haben mehrfach – 2015, 2016 und 2017 – betont, dass die Hauptstadt des Mittelurals die WM „gleich heute“ durchführen könnte. Der Flughafen Kolzovo wurde von zahlreichen professionellen Ratings zum besten Russlands gekürt. Es gibt viele ausgezeichnete Hotels, unzählige Bars, Restaurants und Cafés für jeden Geschmack. Es gibt sogar eine eigene Barmeile – die Malyscheva-Straße – im Zentrum der Stadt.

Alle Besucher sind vom vor drei Jahren eröffneten Präsidentenzentrum beeindruckt, das nach Boris Jelzin benannt ist, der nicht nur der erste Präsident des neuen Russlands war, sondern auch aus dem Ural stammte. Es ist eines der besten (wenn nicht das beste) Museen des Landes. Außerdem gibt es dort ein Bildungs- und ein Kinderzentrum, eine Kunstgalerie sowie zwei Restaurants und einen Nachtklub. Wenn Fußballfans beim Training ihrer Mannschaft im Stadtteil Uralmasch dabei sein wollen, dann können sie auf den nur 200 Meter entfernten Weißen Turm steigen, ein international anerkanntes Denkmal der Avantgarde, und von oben auf die Stadt schauen. Im Sommer ist sie wunderschön. Und nicht nur in Uralmasch. Im Sommer ist Jekaterinburg überall wunderbar. Und alle anreisenden Fans werden das zu würdigen wissen, daran besteht kein Zweifel.

Übersetzung aus dem Russischen: Natalija Zenger.

Andrej Varkentin, Journalist aus Jekaterinburg.

pdfRGOW 4-5/2018, S. 38-39

Andrej Grischin

Im Sommer 2017 fand erstmals eine Expo im postsowjetischen Raum statt. Die Ausstellung diente dem kasachischen Präsidenten als Image-Kampagne, für die keine Kosten und Mühen gescheut wurden. Die Besucherzahlen blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Kritische Berichte aus dem Ausland wurden verdrängt, im Inland unterdrückt. Den zahlreichen politischen Häftlingen im Land brachte die Expo keine Erleichterung. – R. Z.

Die letzte Meldung im Zusammenhang mit der Expo 2017 in Astana, der Hauptstadt Kasachstans, war die Verhaftung von sechs Touristen aus Tschechien. Am 10. November 2017 veranstalteten diese bei kaltem und windigem Wetter auf dem Parkplatz des Expo-Geländes vor der Buchstabenskulptur „I Love Astana“ eine kurze Fotosession. Dabei trugen sie Badeanzüge wie Borat, die fiktive Figur aus der amerikanisch-britischen Filmkomödie „Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen“.1 Alle sechs erhielten eine Buße von umgerechnet 58 Euro für „Hooliganismus“. Als der britische Komiker Sasha Baron Cohen, der Urheber des Borat-Films, davon erfuhr, versprach er die Bußen zurück zu erstatten: Am 16. Januar trafen sich die Tschechen in Borat-Badeanzügen mit Sasha Cohen vor der kasachischen Botschaft in London zur demonstrativen Geldübergabe.2 So scheint es, dass eines der Ziele der Expo in Kasachstan nicht ganz erreicht wurde: die Vorstellungen über Kasachstan als das wenig attraktive Land Borats zu ändern.

Eine kostspielige Image-Kampagne
Nachdem sich Astana 2012 um die Durchführung der Expo beworben hatte, wurde sie zur primären Staatsaufgabe der nächsten fünf Jahre. Allerdings machte sich im Land bereits damals eine Wirtschaftskrise bemerkbar, die mit dem Fall der Ölpreise und der Preise anderer Rohstoffe zu tun hat – der Haupteinkommensquelle Kasachstans. Ein Jahr zuvor hatte die Polizei in Westkasachstan zudem auf Teilnehmer eines Ölarbeiterstreiks geschossen, was die internationalen Beziehungen der zentralasiatischen Republik stark beeinträchtigte. Aus diesem Grund hielt der unabsetzbare Präsident Nursultan Nasarbajev, der seit 1990 an der Macht ist, eine große Image-fördernde Veranstaltung für notwendig. Bei der Eröffnung der Expo, die unter dem Thema „Energie der Zukunft“ stand, erklärte er, dass „die Internationale Ausstellung Expo in Astana ein neuer Höhepunkt im Fortkommen unseres Landes, unserer nationalen Marke ‚Kasachstan‘ im globalen Raum ist.“3

Gemäß Angaben der nationalen Firma „Astana Expo 2017“ beliefen sich allein die direkten Ausgaben für den Aufbau der Objekte und die Durchführung der Ausstellung auf ca. drei Milliarden US-Dollar. Gemäß anderen Angaben könnten die Ausgaben bis zu fünf Milliarden betragen haben. Dabei schenkte von Anfang an niemand der Tatsache Beachtung, dass in der Hauptstadt Kasachstans eine thematische Ausstellung über „Energie der Zukunft“ stattfand, die sich deutlich von einer großen Weltausstellung unterscheidet. Dennoch lassen sich deren Kosten durchaus mit denen für die Durchführung der letzten Weltausstellung 2010 in Shanghai vergleichen – laut offiziellen Ausgaben 4,2 Milliarden US-Dollar. Dabei wurden im Falle Astanas die Nebenkosten noch nicht einberechnet: Beispielsweise wurde der anfängliche Chef von „Astana Expo 2017“, der ehemalige Minister für Tourismus und Sport, Talgat Ermerijajev, für die Veruntreuung von 30 Mio. US-Dollar verurteilt. Seinen Platz nahm danach ein Verwandter des Präsidenten ein, der Ex-Bürgermeister von Almaty, Achmetschan Jesimov.

China hat bei der Expo zwölf Milliarden Dollar verdient. Gleich nach Abschluss der kasachischen Veranstaltung verkündete Nasarbajev: „Die Ausgaben sind bereits zurückgekommen. Durch die Besuche und durch die Touristen, die hier gewesen sind. Sie haben alle Hotels von Astana gefüllt, alle Restaurants, alle Konzertsäle und alle Geschäfte, die ganze Geschäftswelt hat einen kräftigen Schub erhalten.“4 Handfeste Beweise zur Bestätigung dieser Worte hat es bisher keine gegeben.

In China wurde die Expo von mehr als 70 Mio. Touristen besucht, von denen vier Millionen aus dem Ausland kamen. In Kasachstan wurde der Besuch des drittmillionsten Besuchers gegen Ende der Ausstellung als Errungenschaft gefeiert. Wenige Wochen später sprach Nasarbajev bereits von vier Mio. Besuchern – dabei ist die Angabe von einer halben Million Ausländern weit überzogen. Für Astana waren gerade diese quantitativen Werte äußerst wichtig, weil gemäß den Prognosen ca. fünf Mio. Menschen erwartet wurden. Um dies zu erreichen, musste man etwas in die Trickkiste greifen.

Seit sowjetischen Zeiten können in Kasachstan administrative Ressourcen zu diversen Zwecken eingesetzt werden. So sind Angestellte von Staatsinstitutionen verpflichtet, die staatliche Presse zu abonnieren; dasselbe gilt auch für ihre Stimmabgabe, wenn die Wahlbeteiligung bei der Wahl eines bestimmten Kandidaten oder einer Partei gesichert werden muss. Bei der Expo 2017 wählten die Behörden denselben ausgetretenen Weg: Ein einmaliges Eintrittsticket kostete je nach Wochen- oder Feiertag zwischen 15 und 20 Euro. Für die Mehrheit der Kasachen, deren Einkommen nicht über 150 bis 200 Euro pro Monat beträgt, ist das ein sehr hoher Preis. Hinzu kommen die Reise- und Hotelkosten usw. So fanden sich im Land wenig freiwillige Expo-Besucher. Deshalb wurden die städtischen und regionalen Behörden verpflichtet, einen Teil der Tickets und auch der weiteren Ausgaben zu übernehmen – so erhielten zehntausende Rentner und Kinder aus minderbegüterten Familien die Möglichkeit, gratis die Hauptstadt zu besuchen. Am meisten in die Pflicht genommen wurden jedoch die Staatsangestellten und vom Staat bezahlte Lehrer, Ärzte und Müllmänner, die je wenigstens ein Ticket kaufen mussten. Die reichsten Bürger ließen sich jedoch nicht zwingen, in die Hauptstadt zu fahren und ihr Ticket zu aktivieren. Deshalb wurden auf Internetseiten verbilligte Expo-Tickets angeboten. Aus der Tatsache, dass diese Anzeigen auch noch nach der Expo im Netz zu sehen waren, kann man schließen, dass die Nachfrage kleiner war als das Angebot. Im Kampf um quantitative Ziffern waren auch die 4 500 Expo-Volontäre eine Hilfe, das Dienstpersonal und die Ausstellungsteilnehmer. Mit ihren Ausweisen konnten sie das Gelände unbeschränkt betreten und verlassen, dabei zählte jeder Eintritt als „einmaliger Besuch“. Mit solchen Tricks gelang es, die Besucheranzahl der versprochenen Ziffer von fünf Millionen anzunähern.

Vorbereitungen und Reaktionen
Auch bei der Herstellung von Ordnung griffen die Behörden Astanas auf sowjetische Handlungsmuster zurück. Im Mai 2017 führte die Polizei eine Spezialoperation durch: Sie angelte sich praktisch alle Obdachlosen, steckte sie in Autobusse und fuhr sie in andere Städte, einige einfach in die Steppe, und warnte sie vor den Folgen, falls sie zurückkehrten. Dieselbe Methode wurde bereits im Vorfeld des OSZE-Gipfels 2010 angewandt. Das zweite Zielpublikum der Polizei waren ehemalige Verurteilte, denen während der Expo die Einreise in die Stadt verboten war. Der Vorsteher des lokalen Polizeidienstes, Bachytschan Malybajev, hielt das für richtig: „Bei uns gibt es sehr viele Personen ohne festen Wohnsitz. Das ist in den Augen der Weltgemeinschaft zwar problematisch, doch wir werden sie im Vorfeld der Expo dennoch der Stadt verweisen. Auf Schritt und Tritt sind sonst überall diese Penner.“5

Die PR-Abteilung der Expo 2017 wies jede Form von Kritik zurück. Einen Aufschrei der Entrüstung löste der erste kritische Artikel aus, der in der westlichen Presse erschien: „Kasachstan hat 5 Milliarden Dollar für einen Todesstern ausgegeben, aber der kann nicht einmal mit Lasern schießen“ – so lautete der Titel des Beitrags von James Palmer im amerikanischen Journal Foreign Policy, der von leeren Sälen im Juni und dem Mangel an neuen, praktischen Ideen berichtete.6 Die größte Beleidigung war allerdings der Vergleich des kasachischen Pavillons „Nur Alem“, der sich durch seine Größe von den anderen abhob, mit dem Todesstern aus dem Film „Star Wars“. Der Direktor des Departements für Beziehungen zur Gesellschaft von „Astana Expo 2017“, Sergej Kujanov, ging während einer Pressekonferenz davon aus, dass Herr Palmer alles erfunden habe: „Es ist uns gelungen zu klären, dass es diesen Journalisten wirklich gibt. […] An der Ausstellung war kein solcher Journalist registriert. Mit Hilfe des Sicherheitsdepartements ist es uns gelungen festzustellen, dass kein Mensch mit diesem Namen die Grenze der Republik Kasachstan überschritten hat. Man kann davon ausgehen, dass Herr Palmer fremde Eindrücke oder Materialien verwendet hat, die ihm jemand gegeben hat.“ Er fügte hinzu: „Alle Fakten sind, milde gesprochen, verdreht und übertrieben. Angefangen mit den Baukosten. Er nennt die Summe von fünf Mia. Dollar, die richtige Ziffer ist 1,3 Mia. einschließlich des Baus des Geländes.“7 Damit geriet Kujanov in einen Widerspruch zu den offiziellen Angaben.

Schließlich „bestraften“ die Behörden die amerikanische Publikation, indem sie auf dem Territorium Kasachstans den Zugang zur Internetseite blockierten. Worauf auch Palmer reagierte, indem er auf Twitter eine Kopie seines Passes mit dem Einreisestempel und seines Expo-Tickets veröffentlichte – mit folgendem Kommentar: „Ihr seid bezaubernde Menschen mit einem schönen Land, aber leider auch mit einer etwas dummen Regierung.“8 Darauf folgten noch Dutzende kritische Beiträge in diversen ausländischen Medien, doch der PR-Dienst reagierte nicht mehr darauf.

Im Gegensatz zur ausländischen Presse wurden in den kasachischen Medien hauptsächlich positive Berichte zugelassen. Vom besonders ehrfurchtsvollen Verhältnis der Behörden gegenüber der Initiative des Präsidenten zeugt, dass ausländische Websites, auf denen zum Boykott der Ausstellung aufgerufen wurde, ebenfalls blockiert wurden. Der einzige Aufruf zum Boykott innerhalb des Landes fand sich auf der Facebook-Seite von Aslan Kurmanbajev, einem Bürgeraktivisten aus der kleinen Stadt Kokschetau. Sofort strengte die Polizei ein Strafverfahren wegen „Anstiftung sozialer Zwietracht“ an, aufgrund dessen mittlerweile Dutzende von gesellschaftlichen Akteuren und Bloggern im Gefängnis sitzen.

Kasachische Bürgerrechtler, die der aufwändigen Veranstaltung angesichts der Wirtschaftskrise grundsätzlich ablehnend gegenüberstanden, versuchten die internationale Aufmerksamkeit auf die beklagenswerte Situation im Bereich der Menschenrechte zu lenken. Im autoritären Staat werden fast alle Rechte und Freiheiten der Bürger eingeschränkt, und in den Gefängnissen befinden sich Dutzende politischer Häftlinge. Dazu gehört in Astana auch der Bürgerrechtler Machambet Abschan, der mehrfach Protestaktionen zu sozialen und ökologischen Fragen durchgeführt hat. Er wurde zwei Wochen nach Eröffnung der Expo verhaftet und im Herbst zu dreieinhalb Jahren Strafkolonie verurteilt.

In einem mündlichen Interview berichtet Jevgenij Schovtis, Direktor des Kasachischen Internationalen Büros für Menschenrechte, von der Kampagne „Expo ohne politische Häftlinge“, bei der eine Reihe von Expo-Teilnehmern – sowohl Privatfirmen als auch Regierungen – gebeten wurden, auf die Situation der Menschenrechte im Land Einfluss zu nehmen: „Durch die Unterstützung unserer ausländischen Partner erhielten wir, soweit ich mich erinnere, zwei oder drei Antworten. Sehr höfliche. Scheinbar von Botschaften oder Regierungen, in denen stand, dass sie ihre ‚Sorge zum Ausdruck bringen’ werden. […] Das hat in keiner Weise in irgendeinem positiven Sinn einen Einfluss auf das Schicksal dieser Leute gehabt. Im Wesentlichen hat sich nichts geändert, obwohl wir uns vorgestellt hatten, dass eine derartige Veranstaltung sich positiv auf das politische oder bürgerrechtliche Klima auswirken sollte.“

Immerhin waren die Tierschützer begeistert, weil die Administration Astanas vor der Expo ein Verbot erließ, streunende Hunde und Katzen zu erschießen. Man wolle die sensiblen ausländischen Gäste nicht mit dieser „kasachischen Tradition“ schockieren.

Kasachstan und „grüne Technologie“
Auch das Thema der kasachischen Expo – „Energie der Zukunft“ – war keineswegs unumstritten. Fast der ganze Export des Landes hängt von der Förderung von Kohlenwasserstoff ab, in Kasachstan selbst wird fast nur mit einheimischer Kohle geheizt. Windenergie und Sonnenenergie werden nur in Einzelfällen angewandt, so dass man das Land schwerlich als Vorreiter bei der Verwendung erneuerbarer Energien bezeichnen kann. Mit wissenschaftlichen Arbeiten auf diesem Gebiet kann sich Kasachstan auch nicht brüsten, und deshalb erinnerten die wissenschaftlichen Attraktionen im riesigen kasachischen Pavillon „Nur Alem“ an technologische Unterhaltungsparks für Kinder, wie man sie im Westen kennt. Der Pavillon wurde zum zusätzlichen Köder, indem hier Konzerte ausländischer Rockstars und Auftritte des Cirque de Soleil stattfanden. Auch um ein solches Konzert zu besuchen, musste man ein einmaliges Eintrittsticket für die Expo kaufen.

Doch nicht alle in Kasachstan finden, dass die Expo umsonst gewesen sei. So meint der kasachische Politologe Eduard Poletajev auf Anfrage: „Die Expo war ein originelles Symbol der Integration und Internationalisierung. Zum ersten Mal fand die Veranstaltung im postsowjetischen Raum statt, zum ersten Mal in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, innerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion. Und das Bestreben, ein ökologischerer Staat zu werden, gab es in Kasachstan schon vor der Bewerbung [um die Expo]. Das Thema kam von Kasachstan aus, niemand hat es dazu verpflichtet. Kasachstan hat gehofft, dass diese Ausstellung neue Technologien ins Land holen wird, die zur Grundlage der Entwicklung alternativer Energie werden. […] Die Ausstellung brachte Kasachstan vor allem Image-Dividenden.“

Am zufriedensten war jedoch der Hauptinitiator des Gala-Unternehmens, Präsident Nasarbajev: „Die Durchführung der Expo hat noch einmal gezeigt, dass sich unser Land der Idee der Entwicklung ‚grüner‘ Technologien verpflichtet weiß. Insgesamt bin ich überzeugt, dass unsere Ausstellung ihren einzigartigen Beitrag zur globalen Entwicklung der ‚sauberen Energetik’ leistet“, sagte er bei der Abschlusszeremonie.9 Allerdings sind bezüglich der Entwicklung grüner Technologien weder vor noch nach der Ausstellung konkrete Entscheidungen getroffen worden. Im Gegenteil, mit Beginn der Heizsaison in Astana, in der es keinen ständigen Wind gibt, leidet man nach wie vor unter dem Smog aufgrund der Kohleheizungen.

* * *

In den Monaten seit der Ausstellung gab es im Land einige Ereignisse, die die Erinnerung an die Expo zurechtrücken, die für einige Jahre zur nationalen Idee geworden war: Ende November und Ende Dezember 2017 gab es Streiks bei Kohlearbeitern. In einigen westlichen Ländern wurden ungefähr 30 Mia. US-Dollar aus dem Nationalen Fonds der Republik Kasachstan und des souveränen Fonds Samruk-Kazyna „eingefroren“ – offiziell aufgrund eines Rechtsstreits mit einem Geschäftsmann aus Moldova.10 Im Dezember wurde ein Abkommen über die Erweiterung der Kooperationspartnerschaft Kasachstans mit der Europäischen Union unterzeichnet – begleitet von einer ziemlich scharfen nicht legislativen Resolution zu Kasachstan durch das Europäische Parlament.11 Und kurz vor Neujahr unterzeichnete der Präsident Änderungen im Gesetz über die Verbreitung von Information, die journalistische Recherchen zu Korruption und die Veröffentlichung von Informationen über korrupte Akteure praktisch verunmöglichen.

Bereits im März des vergangenen Jahres hat Nasarbajev Verfassungsänderungen ohne vorangehende Erörterung initiiert. Dabei ging es um den Sonderstatus eines auf dem Expo-Gelände geplanten Finanzzentrums, auf dem englisches Recht gelten soll. Doch der internationale finanzielle Hub, den sich der Präsident für das Territorium des Ausstellungsgeländes nach der Expo erhofft hatte, ist wüst und leer.

Als positives Erbe der Expo 2017 lässt sich die Aufhebung der Visapflicht für Bürger zahlreicher Länder festhalten (gleichzeitig ziehen sich europäische Fluggesellschaften aufgrund mangelnder Rentabilität allmählich aus Kasachstan zurück), und aus dem „Todesstern“ Nur Alem ist ein wirklich attraktiver Wissenschaftspark geworden. Mittlerweile durften auch die Obdachlosen der Hauptstadt wieder „nach Hause“ zurückkehren. Kummer bereitet hingegen, dass Borat, die Figur aus dem in Kasachstan verbotenen Film, weiterhin eine nationale Marke des Landes bleibt.

Anmerkungen
1)   https://www.theguardian.com/world/2017/nov/15/borat-mankini-kazakhstan-czech-tourists-detained.
2) https://www.facebook.com/markuskrug.official/photos/a.1223931850956168.1073741828.335404969808865/1979892905360055/?type=3&theater.
3)   https://www.zakon.kz; 9. 6. 2017.
4)   https://tengrinews.kz; 14. 9. 2017.
5)   https://informburo.kz; 28. 10. 2016.
6)   https://foreignpolicy.com/2017/06/15/kazakhstan-spent-5-billion-on-a-death-star-and-it-doesnt-even-shoot-lasers/.
7)   http://www.kazpravda.kz; 19. 6. 2017.
8)   https://twitter.com/BeijingPalmer/status/876770815131344896
9)   http://www.akorda.kz/ru/special/events/astana_kazakhstan/participation_in_events/uchastie-v-ceremonii-zakrytiya-mezhdunarodnoi-specializirovannoi-vystavki-ekspo-2017.
10) http://today.kz; 21. 12. 2017; am 24. 1. 2018 wurde die Einfrierung von 22 Mia. aufgehoben: http://informburo.31.kz/3604.
11) http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P8-TA-2017-0485+0+DOC+XML+V0//EN.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Andrej Grischin, Journalist, Kasachisches Internationales Büro für Menschenrechte und Einhaltung der Gesetzlichkeit (bureau.kz), Almaty, Kasachstan.

pdfRGOW 2/2018, S. 15-17

 

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