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RGOW 12/2020: Verordneter Stillstand und Proteste – Politik und Religion in Belarus und Russland

Seit Monaten protestieren hunderttausende Menschen in ganz Belarus gegen die manipulierten Wahlen und die exzessive Gewalt. Wie reagieren die Religionsgemeinschaften auf die Situation? Zudem werfen wir einen Blick auf die Pandemie, die Verfassungsreform, die Regionalwahlen und die Kirche in Russland.

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Projekt des Monats: Basilius-Zentrum – Neuer Fokus auf Berufsausbildung und Prävention

Das Basilius-Zentrum in St. Petersburg ist die einzige NGO in Russland, die ein soziales Rehabilitationsprogramm für 14- bis 18-jährige Jugendliche mit bedingten Haftstrafen anbietet. Im Dorf Nadkopanje soll auch eine neue Filiale mit einem Schwerpunkt auf der Berufsausbildung entstehen.

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Svetlana Anokhina

Patriarchale Rollenmuster prägen das Geschlechterverhältnis im Nordkaukasus. Frauen gelten häufig als Eigentum ihrer männlichen Verwandten und später ihres Mannes. Verletzungen von Frauenrechten, Ehrenmorde und Inzest-Fälle kommen daher selten zur Anzeige. In den sozialen Netzwerken und unter Jugendlichen lässt sich gar ein neuer konservativer Trend beobachten. Der russische Staat toleriert die frauenfeindliche Praxis unter dem Stichwort „nationale Besonderheiten“. – R. Z.

Jedes Mal, wenn die Frage nach der Situation der Frauenrechte gestellt wird, verkünden die kaukasischen Traditionsverteidiger unter den gesellschaftlichen und religiösen Akteuren feierlich, dass die Frau nirgendwo so gut geschützt sei und man ihr in keinem Land der Welt so viel Achtung entgegenbringe wie im Kaukasus. Doch diese Losungen haben mit dem realen Leben überhaupt nichts zu tun. Mit dem stillen Einverständnis der Gesellschaft werden die monströsesten Verbrechen begangen. Auch die Jugend verhält sich bezüglich Frauenrechten zunehmend konservativer. Und diese Umstände werden von den Regierenden unterstützt – nicht nur auf der Ebene der Republiken, sondern auch auf gesamtstaatlicher Ebene.

„Gewöhnliche“ Morde
Im Februar 2018 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Chava Bopchojeva aus dem inguschetischen Dorf Galaschki eine Kompensation von 20 000 Euro zugesprochen.1Ihre Tochter Saira war 19 Jahre alt, als man sie 2010 ins Krankenhaus brachte, wo die Ärzte eine Vergiftung mit „unbekannten Elementen“ diagnostizierten. Die Substanzen gelangten ins Hirn und das Mädchen fiel ins Koma.
Einige Monate zuvor war Saira geraubt worden. Sie wurde auf dem Heimweg von der Mittelschule entführt. Weil die Mutter des Entführers jedoch höchst unzufrieden mit der Wahl ihres Sohnes war – „sie ist geschieden!“ –, schickte man das Mädchen am nächsten Tag bereits nach Hause. Danach verheiratete man sie aber doch mit dem Entführer. Zwar sah sie ihren Mann, der sich erfolgreich aus dem Staub gemacht hatte, nie mehr, doch Saira blieb bei dessen Mutter und Schwester. Wenige Zeit später brachte man Saira, die bisher ein gesundes Mädchen gewesen war, mehrfach mit Vergiftungssymptomen und Epilepsie-ähnlichen Anfällen ins Krankenhaus; zwei Monate später verließ sie das Haus der Schwiegermutter mit dem Rettungswagen für immer.
Diese Geschichte enthält viele monströse Details: Die Untätigkeit der Polizei – Sairas Mutter wurde es acht Mal verweigert, Anzeige zu erstatten. Die vollkommene Rechtlosigkeit des Mädchens – man hielt sie wie eine Gefangene, verweigerte ihr den Kontakt zur Mutter, entwendete ihr das Telefon. Das Schrecklichste aber ist die Rolle, welche die Verwandten ihres verstorbenen Vaters spielten: Als sie von der Entführung erfuhren, lockten sie sieben Männer aus dem Haus in einen Wald. Dort schlugen sie Saira mehrere Stunden lang und verhörten sie, ob sie mit dem Entführer physischen Kontakt gehabt habe. Daraufhin entschieden sie, dass Saira ihren Entführer heiraten müsse. Danach kümmerten sie sich nicht mehr um ihr Schicksal. Heute ist Saira 27 Jahre alt. Aus dem Koma ist sie nicht aufgewacht. Dafür, was ihr angetan wurde, ist niemand bestraft worden. Eine schöne Illustration für die These von der Achtung und dem Schutz der Frauen im Kaukasus – und leider nicht die einzige.
Marjam Magomedova aus dem dagestanischen Dorf Netschajevka war bereits geschieden und lebte mit ihrer Mutter in Moskau, als man sie zur Hochzeit ihres Cousins ins Heimatdorf einlud. Kurz darauf fand Kusum Magomedova den Leichnam ihrer Tochter in einem frischen Grab auf dem lokalen Dorffriedhof.2Den Gerüchten zufolge war Marjam von Verwandten ihres Vaters ermordet worden. In diesem Fall, wie in der Geschichte von Saira, haben alle davon gewusst, doch wäre das Mädchen ohne die Sturheit ihrer Mutter spurlos verschwunden. Kusum verletzte den stillen gesellschaftlichen Vertrag, der von ihr als Minimum Schweigen verlangt: Sie erstattete Anzeige.
Anzeige erstatten ist aber oft nur die halbe Miete. Bei Prozessen über sog. „Ehrenmorde“ greifen die Anwälte der Beschuldigten neuerdings zu einer erstaunlichen neuen Rhetorik. Ein stoßendes Beispiel dafür ist die Rede des Anwalts Iljas Timischev beim Prozess gegen Sultan Daurbekov, der sich 2015 des Mordes an seiner Tochter schuldig bekannte. Timischev hielt sich nicht mit Versuchen auf, die Schuld seines Klienten zu bestreiten. Die ganze Kraft seiner Rhetorik legte er in Erklärungen, dass solche Morde im Wesentlichen eine „gute“ Sitte seien, um „die Ehre und Würde der Frau zu behüten“, denn das alles geschieht zum Wohle des Opfers: „Er hat sie nicht ermordet. Man muss es so sagen: er hat sie aus dem Leben geführt, damit sie weder sich, noch ihren Vater, noch alle nächsten Verwandten entehrt. So ist es richtig“, sagte Timischev.3
Die Neuigkeit der Argumente Timischevs besteht nur darin, dass ein Anwalt sie während des Gerichtsprozesses äußert. Im gesellschaftlichen Bewusstsein sind sie schon lange verankert und lauten etwa so: „Frau! Wenn man dich umgebracht hat, dann liegt alle Schuld bei dir, weil du vergessen hast, dass die Verwandten alles über dich entscheiden – zuerst der Vater, dann der Bruder, der Onkel, später dein Mann und sogar dein Sohn. Du bist ihr Eigentum.“
Vor einigen Jahren wurde von einem Gericht in Dagestan der Fall eines 14-jährigen ermordeten Mädchens behandelt. Ihre Verwandten hatten sie einige Tage lang gesucht und ihren Leichnam in der Nähe ihres Hauses gefunden. Am selben Tag ging der Vater, der am aktivsten nach ihr gesucht hatte, zur Polizei, bekannte sich schuldig und erzählte, dass die Tochter unzüchtig gewesen sei, und dass er sie im Zorn getötet habe. Kurz darauf stellte sich heraus, dass dieser hochmoralische Vater sein Kind zwei Jahre lang vergewaltigt hatte. Und als sich das Mädchen zum ersten Mal wehrte und damit drohte, alles zu erzählen, erwürgte er sie aus Angst vor der Entlarvung.4
Das Thema sexueller Gewalt innerhalb der Familie ist tabuisiert. Und vielleicht sieht der Anwalt Timischev keinen direkten Zusammenhang zwischen einer „guten Sitte“ und Inzest. Doch da, wo das „Recht, jemandem das Leben zu nehmen“ und das „Recht auf Gewalt“ – physische wie psychologische – legitim sind, entsteht auch leicht das „Recht auf den Körper“.

Besonderheiten der nationalen Erziehung
Ehrenmorde gibt es natürlich nicht überall. Dennoch existieren sie nicht nur, sondern sie werden im gesellschaftlichen Diskurs mit dem Verweis auf Traditionen gerechtfertigt, was jede Rede von Frauenrechten absurd erscheinen lässt. Hinzu kommt in letzter Zeit eine Tendenz, „nationale Traditionen“ sogar vor Gericht zu berücksichtigen. Besonders wenn es um die Frage geht, bei welchem Elternteil ein Kind nach einer Scheidung bleibt. Fälle, in denen inguschetische und tschetschenische Frauen gewaltsam von ihren Kindern getrennt werden, gibt es sehr viele. Fälle wie der folgende, in denen alles gut ausging, sind selten:
Im April 2018 entschied der EGMR im Fall von Elita Magomadova, dass ihr Recht auf ein Familienleben verletzt worden sei und verfügte eine Kompensation von 15 000 Euro für den moralischen Verlust. Das ist der erste Fall von Familienbeziehungen in Tschetschenien, der vom EGMR behandelt wurde. Den Sohn erhielt Elita erst 2016 zurück, drei Jahre nachdem ihr geschiedener Mann den Jungen aus Moskau nach Tschetschenien entführt hatte. Elita kämpfte gerichtlich dagegen an, doch das Gericht entschied ein ums andere Mal, dass das Kind beim Vater bleibt – sogar als dieser bei einem Verkehrsunfall starb, gaben ihn die Verwandten nicht der Mutter zurück. Nach zahlreichen Gerichtsverhandlungen gelang Elita ein Sieg, doch die Vollstreckungsbehörden blieben untätig – wir können das Kind nicht finden! Verzweifelt wandte sich Elita an den EGMR. Dieser sandte eine Anfrage an Russland. Wie erwartet, anerkannte unser Land keinerlei Rechtsverletzung. Den Gerichtsentscheid erklärte man mit „nationalen Besonderheiten der Kindererziehung in tschetschenischen Familien“.
Olga Gnesdilova, Juristin der „Rechtsinitiative“ (srji.org), ist der Meinung, dass Russland mit solchen Gerichtsentscheiden die Diskriminierung der Frauen im Nordkaukasus praktisch unterstützt, und dass sich niemand für deren Bekämpfung engagiert.5Dafür engagieren sich in rauen Mengen Leute für den Kampf gegen Amoralität, was immer man darunter versteht. Sie sind vor allem in den sozialen Netzwerken zu finden: Youtube-Kanäle und zahlreiche Gruppen wie z. B. das tschetschenische „Karthago“.6Doch manchmal wird die Hetze nicht von pickligen Teenagern ausgelöst, sondern von Staatsmännern. 2016 kommentierte Gadschimet Safaralijev, damals Vorsitzender des Komitees der Staatsduma für Nationalitäten, die Teilnahme des Modells Albina Ildarovaja am „Miss Russland“-Wettbewerb und empfahl ihr zu verschweigen, dass sie aus Dagestan komme. Grund dafür waren Fotografien von Albina im Bikini, was für die Wettbewerbsteilnahme obligatorisch war.7
Das Thema Frau ist ein wunder Punkt im Kaukasus. Doch wenn man bedenkt, wie genau „eigene“ und „fremde“ Frauen beobachtet werden und wie schnell sich Gerüchte über sie verbreiten, erhält man den Eindruck, dass kaukasische Gesellschaften über nichts anderes sprechen. Doch mit Leuten von außerhalb spricht man nur sehr ungern über das Thema. „Im Kaukasus zeigen sich patriarchale Strukturen stärker als in anderen Regionen Russlands“, sagt die Soziologin Irina Kosterina, Koordinatorin des Programms „Gender-Demokratie“ der Heinrich Böll-Stiftung. Lokale Forscher und Journalisten schreiben gerne über die „besondere Rolle der Frau in der kaukasischen Gesellschaft“, nicht aber von ihren Problemen. Besonders den kaukasischen Männern passt das Thema nicht, weil sie glauben, dass jede Benennung von Frauenrechtsverletzungen eine kollektive Nestbeschmutzung sei und ihre Reputation beschädige.

Eine neue Generation hat die Wahl
2016 hat eine Forschergruppe vom Gajdar-Institut für ökonomische Politik unter der Leitung von Irina Starodubrovskaja eine Studie über die Werte der dagestanischen Muslime durchgeführt.8Dabei stellte sich heraus, dass sich im unruhigen Dagestan 60 Prozent der Befragten „sicher“ fühlen und 85 Prozent sich als „glücklich“ und „eher glücklich“ bezeichneten. Der Fragebogen enthielt auch Fragen zur Familie und zum Verhältnis zu Kindern. Generell befürworteten ältere Personen, dass Frauen einem Beruf nachgehen, und 90 Prozent bestätigten, dass Frauen arbeiten können, solange jemand anders die Kinder betreut. Bei der jüngeren Generation befürworteten dies hingegen nur 64 Prozent, und unter den Anhängern des „nicht traditionellen Islam“ (den sog. Salafisten) waren es nur 59 Prozent. Doch letztere erwiesen sich als toleranter bei der Frage, ob Frauen bei der Suche nach einem Mann die Initiative ergreifen dürfen: 33 Prozent waren dafür, während dies in der Gruppe der „säkularisierten Muslime“ nur 9 Prozent für zulässig hielten.
Darauf folgte die Bildungsfrage. Als Einleitung diente folgende Situation: Ein nichtsnutziger Sohn, eine hochintelligente Tochter und ein Familienvater, der nur einem Kind eine Ausbildung bezahlen kann. 59 Prozent der Befragten schlugen vor, die Tochter weiterzubilden, doch unter den Jungen war diese Ziffer tiefer, nämlich 49 Prozent. Für die Option, der Tochter die Wahl zu lassen, waren 40 Prozent, und 19 Prozent antworteten, dass man sie verheiraten solle.
Die konservativen Vorstellungen der Jugend über Frauenrechte zeigten sich auch in einer Talk Show im dagestanischen Fernsehen zum Thema „Die Lage der Frauen im Kaukasus“.9Neben den Panelteilnehmenden saßen Studierende der Rechtsakademie im Publikum. Nur zwei von ihnen beantworteten die Frage „Haben Frauen in Dagestan Probleme?“ mit Ja. Doch scheinbar hatte einer von ihnen die Frage falsch verstanden, der andere erwies sich als standhafter und beharrte darauf: „Ja, es gibt Probleme! Viele Mädchen kleiden sich nicht ordentlich!“
In derselben Sendung wurde darüber gestritten, was für die Frau wichtiger sei – Familie oder Karriere. Die Studentinnen wurden gefragt, was sie tun würden, wenn ihnen der Ehemann verbieten würde, das Studium weiterzuführen oder nach dem Studienabschluss zu arbeiten? Es fand sich keine einzige, die geantwortet hätte, dass sie sich, ihre Pläne und das Recht, ihr Leben selbst zu gestalten, durchsetzen wolle. Darauf folgte eine weitere Frage: „Hat denn irgendjemand, und sei es ein nahestehender und geliebter Mensch, das Recht, Ihnen, erwachsenen Menschen, etwas zu erlauben oder nicht zu erlauben?“ Im Studio verbreitete sich ein unangenehmes Schweigen, das von einer starken weiblichen Stimme gebrochen wurde: „Ja, er hat!“. Wie sie darauf komme? „Er trägt für mich die Verantwortung!“
In der Tat, doch trägt ein Mann keine Verantwortung dafür, dass seine Schwester glücklich und sicher lebt, sondern eher dafür, dass sie sich an die Regeln hält. Dafür braucht es Kontrolle. Eine Kollegin von mir, die einige Monate in Tschetschenien gearbeitet hat, scherzte: „Wenn ein junger Tschetschene im Laufe einer Stunde nie auf sein iPhone schaut, ist seine Schwester bereits verheiratet!“Der Scherz wurde nicht verstanden, so dass sie ihn erklären musste: „Nun, wenn die Schwester verheiratet ist, muss sie ihr Mann kontrollieren. Doch wenn sie nicht verheiratet ist, dann muss ein ‚ordentlicher’ tschetschenischer Bruder alle lokalen Verschiebungen ihres Telefons verfolgen.“

Eine „andere Bestimmung“?
Was die Ungleichheit der Geschlechter betrifft, so geht es oft um Lohnungleichheit, um Chancenungleichheit für Frauen mit denselben Qualifikationen wie Männer, und um die Liste der für Frauen gesetzlich verbotenen Berufe. Im Kaukasus ist diese Liste viel länger, und man kommt mit ihr nicht erst in Berührung, wenn sich die Frage der Berufswahl stellt, sondern oft bereits in der frühesten Kindheit, wenn ein fünf-, sechsjähriges Mädchen gefragt wird, was es gerne einmal werden möchte, wenn es groß ist?
Sarina Beksalova, eine Lehrerin aus Inguschetien, die ich um einen Kommentar bat, hat sich nicht mit wenigen Sätzen begnügt, sondern schrieb mir einen langen Brief. Es ist ein sehr bitterer und durchdringender Brief. Wenn ich sie nicht kennen würde, hätte ich nicht geglaubt, dass diese schmale, junge Frau in bodenlangem Kleid und Hidschab so etwas schreiben kann. Hier folgen zwei Ausschnitte daraus zusammen mit ihrer Unterschrift, auf deren Publikation Sarina bestanden hat:
„In meinen Gesprächen mit Schülerinnen erzähle ich ihnen oft von der Vielfalt der Berufe in der ganzen Welt. Das sind sowohl Pinguin-Aufsteller,10Meeresbiologen, Archäologen, Multiplikatoren, freischaffende Korrespondenten, Matrosen usw. Die Mädchen hören begeistert zu, stellen interessante Fragen, sind ganz aufgeregt. Dann wird unsere Versenkung in eine lichte Berufswelt voller Feuereifer durch die Aussage des ersten Mädchens gestört, das sich zu öffnen wagt: ‚Mich lassen sie nicht Archäologie studieren. Ich bin ein Mädchen und muss einen Mädchenberuf wählen.’ Auf sie folgen weitere bittere Aussagen des zweiten, dritten, zehnten Mädchens …
In der Regel ist den Mädchen der Weg zu vielen Tätigkeiten versperrt, weil sie eine ‚andere Bestimmung’ haben, und ‚weil der Mann klüger und stärker ist / die Frau sich in allem der Familie unterordnen muss / Mädchen nicht das Recht haben, außerhalb der Republik zu studieren / die Meinung der Frau nicht zählt’. Eine Frau kann man zur Heirat zwingen, wenn es ihre Verwandten väterlicherseits für notwendig erachten. Ein Scheidungsprozess kann nur mit Erlaubnis der Männer der Familie eingeleitet werden. In unserer Gesellschaft verliert eine geschiedene Frau noch das kleine Gewicht, das sie als ‚unschuldiges’ Mädchen oder als verheiratete Frau noch gehabt hat.
Absurd ist auch, dass eine ‚Witwe‘, eine ‚geschiedene Frau‘ und eine ‚Frau liederlichen Verhaltens‘ in der inguschetischen Sprache mit einem einzigen Wort bezeichnet wird: schijro. Ich denke, ich muss nicht weiter erklären, wie schwer es für eine Geschiedene oder eine Witwe in einer patriarchalen Gesellschaft sein kann, in der jeder die Bedeutung des Status ‚schijro’ so verstehen kann, wie er will. Doch es ist Zeit, dass wir Frauen entscheiden, welche Rolle wir für uns in welcher der Gemeinschaften der Welt auch immer bestimmen, und wie diese Wahl diesen oder jenen Status beeinflusst (oder überhaupt beeinflusst). Sarina Beksalova, schijro.“

Anmerkungen

1) https://hudoc.echr.coe.int/eng#{"fulltext":["\"BOPKHOYEVA%20v.%20RUSSIA\""],"itemid":["001-152370"]}

2) https://www.srji.org/news/2014/10/kizilyurtovskiy-rayonnyy-sud-dagestana-vynes-obvinitelnyy-prigovor-po-delu-ob-ubiystve-chesti-/

3) https://memohrc.org/ru/news/chechnya-preniya-i-prigovor-na-sude-po-ubiystvu-chesti

4) https://newtimes.ru/articles/detail/88126/

5) https://www.srji.org/news/2015/12/rossiya-podtverdila-v-evropeyskom-sude-diskriminatsiyu-materey-na-severnom-kavkaze/

6) https://meduza.io/feature/2017/09/12/esli-uznayu-chto-vaynahskaya-semya-ubila-svoyu-doch-za-prostupok-to-budu-stoya-hlopat-im

7) https://regnum.ru/news/2117837.html

8) https://etokavkaz.ru/obshchestvo/izmerit-musulmanina

9) https://www.youtube.com/watch?v=1sTDA9Y1Lwk&t=109s

10) Anm. d. Red.: vgl. https://www.independent.ie/world-news/and-finally/edinburgh-zoo-has-denied-it-employs-a-penguin-erector-37236676.html

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Das russische Original des Beitrags erschien am 16. Mai 2018 auf: www.opendemocracy.net/ru/prava-zhenzhin-na-kavkaze/.

Svetlana Anokhina, Journalistin und Chefredak­teurin von daptar.ru, einer Web-Plattform für Frauen im Nordkaukasus.

pdfRGOW 6/2019, S. 23–25.

Foto: Vladimir Sevrinovskij (daptar.ru)

Volodymyr Fesenko

Die diesjährigen, siebten Präsidentschaftswahlen in der Ukraine seit 1991 sind die ungewöhnlichsten in der bisherigen Geschichte unseres Landes. Sowohl der Wahlkampf wie das Wahlergebnis sind eine Sensation.

Zur Wahl hatte sich eine Rekordzahl von 44 offiziellen Kandidaten angemeldet. Nachdem fünf Kandidaten ausgeschieden waren, verblieben 39 Kandidaten auf dem ebenfalls rekordmäßig 80cm langen Wahlzettel. Im ersten Wahlgang am 31. März erhielt der Schauspieler und Entertainer Volodymyr Selenskyj 30,24 Prozent der Stimmen, der amtierende Präsident Petro Poroschenko landete mit 15,95 Prozent auf dem zweiten Platz. Julija Tymoschenko, die drei Monate zuvor die Umfragen noch mit beträchtlichem Vorsprung angeführt hatte, belegte mit 13,4 Prozent den dritten Rang. Der Kandidat, den Russland offen unterstützt hatte, Jurij Bojko, erreichte nur den vierten Platz mit 11,67 Prozent der Stimmen. Der Versuch des russischen Präsident Vladimir Putin, die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine zu beeinflussen, scheiterte damit. Bei der Stichwahl am 21. April votierten 73,22 Prozent der Wähler für Volodymyr Selenskyj und 24,45 Prozent für Poroschenko. Damit siegte in der Ukraine zum ersten Mal ein Präsidentschaftskandidat mit einem Vorsprung von fast 50 Prozent gegenüber seinem Konkurrenten. Zum ersten Mal erhielt jemand die Mehrheit in fast allen Regionen des Landes. Und die größte Sensation ist, dass zum ersten Mal ein Mensch zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde, der sich vorher nie politisch engagiert hatte.

Wahlentscheidende sozioökonomische Probleme
So hat die Ukraine Europa, wenn nicht gar die ganze Welt einmal mehr überrascht. Das Land, das in den vergangenen 15 Jahren zwei Revolutionen mit anschließenden Machtwechseln erlebte, hat durch die Wahl eines solch ungewöhnlichen Präsidenten schon wieder eine Revolution hervorgebracht: eine Wahlrevolution. Ein Novum war auch die Debatte zwischen den beiden Finalisten im Kiewer Olympiastadion vor 20 000 Zuschauern; Millionen von Menschen nicht nur aus der Ukraine schauten sich die Debatte in der TV-Direktübertragung an.

Wie sind die Paradoxe der sensationellsten Präsidentschaftswahl in der Ukraine zu erklären? Wie ist das Phänomen Volodymyr Selenskyj zu begreifen? Noch vier Monate vor seiner Wahl konnte sich niemand, auch er selbst nicht, einen solchen Wahlausgang vorstellen.

Die Präsidentschaftswahlen haben unter äußerst vielschichtigen Bedingungen stattgefunden: Bereits fünf Jahre dauert der militärisch-politische Konflikt mit Russland. Die Kriegshandlungen fin­den zwar nur im Osten des Landes statt, doch werden sie als das größte gesellschaftliche Problem wahrgenommen. Noch stärker beeinflussen sozioökonomische Probleme die Stimmung der ukrainischen Bürger – ein sinkender Lebensstandard, tiefe Löhne und Pen­sionen, Preiswachstum, besonders für Gas und Kommunaltarife. Die Mehrheit dieser Probleme ist eine Folge des Kriegs und der Verluste von Gebieten und ökonomischem Potenzial. Dennoch hat die sozioökonomische Unzufriedenheit unvermeidlich auch zu scharfer Kritik an der Regierung von Präsident Poroschenko geführt. Dank einer hyperaktiven, massiven Agitationskampagne, die auf national-patriotischen Losungen basierte, gelang es Poroschenko dennoch, Julija Tymoschenko zu überholen und den zweiten Wahlgang zu erreichen. Dazu trug auch die Tatsache bei, dass es ihm gelungen ist, die Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Ukraine zu erlangen.

Vertrauensverlust der politischen Elite
Die massiven sozioökonomischen Probleme, die Folgen des Kriegs und der Revolution von 2014 sowie die unerfüllten soziopolitischen Erwartungen einer Mehrheit der Ukrainer haben zu einer präzedenzlosen Vertrauenskrise gegenüber den politischen Eliten und den traditionellen Politikern geführt. Unter allen Präsidentschaftskandidaten wurde Poroschenko am wenigsten Vertrauen ausgesprochen. Soziologischen Umfragen zufolge sagte etwa die Hälfte der ukrainischen Wähler bereits ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen, dass sie unter keinen Bedingungen für Poroschenko stimmen werde. Das führte zu seiner gewaltigen Niederlage in der zweiten Wahlrunde.

Bereits vor zwei Jahren entstand Soziologen zufolge bei zwei Dritteln der Ukrainer eine große Nachfrage nach „neuen Gesichtern“ in der Politik. Dabei konnte mehr als die Hälfte der Befragten keine neuen Politiker benennen, die sie unterstützen würden. Nach den Präsidentschaftswahlen von 2017 in Frankreich begann man einen „eigenen Macron“ zu suchen, doch man fand eine völlig andere Figur: Volodymyr Selenskyj. Warum?

Angesichts der Vertrauenskrise einer relativen Mehrheit der Ukrainer gegenüber traditionellen Politikern entstand das Bedürfnis nach einem alternativen, apolitischen Antisystem-Kandidaten für das Landesoberhaupt. Offenbar sahen viele Ukrainer nur zwei berühmte Personen in dieser Rolle: den Schauspieler Volodymyr Selenskyj und den populären Musiker Svjatoslav Vakartschuk. Doch Vakartschuk verzichtete nach langem Schwanken auf eine Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen. So erlangte Selenskyj eine Monopolstellung bei den ukrainischen Wählern, zerschlug mit der Ankündigung seiner Kandidatur die gewöhnliche Logik der Präsidentschaftswahlen und vernichtete damit die Chancen sämtlicher Oppositionspolitiker wie auch des amtierenden Präsidenten Poroschenko.

Das politische Phänomen Selenskyj hängt auch mit der populären TV-Serie „Diener des Volkes“ zusammen, die er konzipiert hat, und worin er die Hauptrolle spielt. In dieser Serie wird ein einfacher Geschichtslehrer Präsident des Landes und versucht das politische System zu zerschlagen, das von Oligarchen und bestechlichen Politikern kontrolliert wird. Scheinbar sind die Anhänger Selenskyjs bereit, dieses Szenario in das reale Leben zu übertragen. Am ehesten ist Selenskyj mit dem italienischen Komiker und Blogger Beppe Grillo und seiner Partei Cinque Stelle zu vergleichen. Viele Beobachter vergleichen ihn auch mit dem extravaganten Präsidenten der USA, Donald Trump. Doch Selenskyj ist weit jünger als Grillo und Trump. Er ist eine Herausforderung und ein gewaltiges Experiment sowohl für die ukrainische wie auch für die europäische Politik.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Volodymyr Fesenko, Dr., Politologe, Leiter des Zentrums für angewandte politische Forschungen Penta, Kiew.

pdfRGOW 4-5/2019, S. 3

Bohdan Ohultschanskyj

In beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine lässt sich ein Wettstreit von konservativen und modernisierenden Kräften beobachten. Dabei sind die Rollen keineswegs klar verteilt. Auch in der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine bleibt abzuwarten, ob den ehemaligen Kircheneliten und den auf Erneuerung drängenden Laien der gemeinsame Aufbau neuer Strukturen gelingt. – R. Z.

Die Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) war für viele ein unerwarteter Blitz am kirchlichen Firmament. In ihm komprimieren sich sämtliche Probleme der Orthodoxie des 21. Jahrhunderts. Um die Perspektiven des orthodoxen Christentums sowohl in Osteuropa als auch weltweit besser zu verstehen, muss man die Hauptbewegkräfte betrachten, die auf dem Gebiet des tausendjährigen Kiewer Christentums einen spannungsgeladenen Kampf ausfechten. Diese sind unter zwei Aspekten zu betrachten: erstens hinsichtlich konservativer und modernisierender Tendenzen, und zweitens bezüglich globaler und autonomistisch-isolationistischer Trends. Diese Aspekte sind ähnlich, aber nicht identisch.

Aktuelle Situation der orthodoxen Kirchen
Die zahlenmäßig größte Konfession des Landes ist momentan die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK, Moskauer Patriarchat), die über große materielle und personelle Ressourcen verfügt. Bis jetzt ist der östliche (linksufrige) Teil der Ukraine und des ukrainischen Südens praktisch kaum betroffen von Gemeindeübertritten zur OKU wie im Westen der Ukraine. Die relativ stabile Situation der UOK in diesen Regionen verweist jedoch weniger auf deren unbestrittene gesellschaftliche Stellung als vielmehr auf eine Schwäche ihrer Opponenten. Gemäß den letzten soziologischen Umfragen von 2018, also noch vor der Verleihung des Tomos durch das Ökumenische Patriarchat, war der Anteil von Gläubigen, die sich zur UOK zählten, auch im Osten (bis 20 Prozent) und im Süden (etwa 10 Prozent) nicht sehr hoch, doch verfügt die Kirche in diesen Regionen gegenüber der OUK über ein Vielfaches an Gemeinden. Deshalb bleibt die UOK insgesamt ziemlich ruhig. Überhaupt neigt man in der Kirchenleitung der UOK dazu, die in den letzten Jahren entstandenen Probleme mit subjektiven Faktoren zu erklären – mit der Feindseligkeit der derzeitigen Regierung ihr gegenüber. Sobald sich das ändere – und davon sind viele in der UOK mit Bezug auf die Präsidentschaftswahlen überzeugt –, würden für die UOK in der Ukraine wieder angenehmere Bedingungen herrschen.

Die OKU befindet sich in einem Zustand des administrativen Aufbaus und der Mobilisierung von Ressourcen. Gleichzeitig bemühen sich Vertreter der Kirchenleitung des ehemaligen „Kiewer Patriarchats“ um eine Bewahrung ihres Einflusses (damit ist nicht nur das ehemalige Kirchenoberhaupt, Filaret (Denisenko) gemeint, sondern auch Erzbischöfe – einflussreiche Leiter der großen Eparchien im Westen der Ukraine). Die OKU und der Teil der Gesellschaft, der sie unterstützt, verfügen zurzeit über nicht genügend Hebel, um eine Bewegung hin zur ukrainischen Kirche im Osten, Süden und teils im Zentrum der Ukraine, wo die praktische Religiosität nicht stark ist, zu fördern. Problematisch ist zudem der Anschluss von städtischen Gemeinden an die OKU, weil die Zugehörigkeit eines Stadtbewohners zu einer bestimmten Kirchgemeinde juristisch unbestimmt ist – im Gegensatz zur meist klaren Zugehörigkeit eines Landbewohners zur Kirchgemeinde seines Wohnorts. Was die Priester betrifft, so nehmen viele eine abwartende Position ein, besonders in den Städten. Ihre Position wird nicht von der Mehrheit der Stadtbewohner, sondern von den ständigen Gemeindegliedern bestimmt, unter denen das Zugehörigkeitsgefühl zur UOK stärker ist.

Konservative Strömungen in beiden Kirchen
Die Orthodoxie, insbesondere die russische, wird von den anderen Zweigen des Christentums traditionell als Bollwerk des Konservatismus betrachtet. So wird oftmals davon ausgegangen, dass sich der Konservatismus in der UOK nicht vom russischen unterscheide, und dass die Gläubigen der OKU modernisierungsfreudiger seien. In Wirklichkeit ist jedoch alles ein wenig komplizierter.

Der Konservatismus in der russischen Orthodoxie ist ein Phänomen des traditionellen, viele Jahrhunderte währenden russischen Isolationismus, der der äußeren Welt mit dem „falschen“ Christentum (vor allem dem „häretischen“ katholischen und protestantischen Westen) nicht traut. Diese Verschlossenheit ist eine Folge der Furcht, bei der Begegnung mit dem „verdorbenen“ Einfluss von außen das Heiligtum und die Ideale des Glaubens zu verlieren. Deshalb eignet der russischen Orthodoxie ein extremer Paternalismus, bei dem der mächtige Staat (früher das Imperium) die Vaterfigur darstellt, der die Kirche als Grundlage der nationalen und staatlichen Identität mit aller Kraft verteidigt.

Die konservativen Werte der ukrainischen Orthodoxie unterscheiden sich ein wenig von den russischen. Zwar lehnt auch sie die westliche säkulare Welt und das westliche Christentum als Einflüsse ab, die die religiöse und nationale Identität bedrohen. Doch der ukrainische orthodoxe Konservatismus sieht seinen Verteidiger nicht im permanent schwachen ukrainischen Staat. Daher sucht er seine Stütze in religiösen Heiligtümern, so sind zum Beispiel bei fundamentalistischen Gläubigen der UOK Klöster populär: die Potschajever Lavra oder Bantscheny, ein Kloster an der rumänischen Grenze, das vom ultrakonservativen Bischof Longin (Schar) gebaut wurde, der in der Liturgie Patriarch Kirill nicht mehr gedenkt, seit dieser sich mit Papst Franziskus getroffen hat. Maßgebend für Konservative sind auch Bischöfe und „Starzen“, Vorsteher der großen Klöster oder das Oberhaupt der UOK, Metropolit Onufrij (Beresovskij) von Kiew.

Konservative gibt es auch in der OKU, doch berufen sie sich auf das ideale Bild einer authentischen ukrainischen Orthodoxie, deren einstige Blüte von der russischen imperialen Orthodoxie verdorben worden sei. Sie hegen die Hoffnung, dass nach der Befreiung vom Einfluss Moskaus die besten Eigenschaften der ukrainischen Orthodoxie wiedererstehen werden: Volksnähe, eine demokratische Haltung, Kunstsinn, schöpferische Freiheit. Sie gehen vom besonderen Wert einer traditionellen Volksreligiosität aus. Möglicherweise kann von hier ein gewisser schöpferischer Impuls ausgehen, doch nur unter der Bedingung eines kritischen und nüchternen Verhältnisses zu sich selbst.

Modernisierungsbestrebungen
Metropolit Volodymyr (Sabodan, 1935–2014) hat in seinen letzten Jahren als Oberhaupt der UOK verstanden, dass eine Erneuerung der Kirchenleitung notwendig ist. Große Bedeutung kam damals Informationsprojekten zu: offenen Plattformen für den Dialog mit der Gesellschaft über aktuelle Fragen. Diese Projekte wurden von Vertretern der jüngeren Generation geleitet, von denen sich die besten nun der OKU angeschlossen haben. Leider wurden die Tätigkeiten dieser Gruppe in den letzten Jahren der Präsidentschaft von Viktor Janukovytsch vom Staat zurückgedrängt, der bedingungslose Unterstützung forderte. Die neue Kirchenleitung der UOK unter Metropolit Onufrij hat sich seit 2014 prinzipiell der Zusammenarbeit mit der neuen, ihres Erachtens nationalistischen und antirussischen Regierung verweigert.

Außerdem pflegen die Erzbischöfe der UOK enge Kontakte zu Oligarchen und Großunternehmern, mit deren Hilfe sie großzügige Spenden für den Bau von Kathedralen gesammelt und wirkmächtige Veranstaltungen durchgeführt haben, z. B. Kreuzprozessionen zur Anbetung von aus Griechenland oder Palästina hergebrachten Reliquien und Ikonen (s. RGOW 2/2019, S. 26–27). Deshalb kann man mit Blick auf die gesamte UOK von keinerlei modernen Veränderungen sprechen. Das schließt jedoch das Vorhandensein von interessanten Aktivitäten auf der Ebene der Gemeinden oder einzelner Klöster nicht aus – Jugend- und Sozialarbeit, die relative schöpferische Freiheit einzelner Theologen usw. Doch diese einzelnen Bemühungen beeinflussen den steten Fundamentalismus der gegenwärtigen Kirchenleitung überhaupt nicht, die alle modernisierenden Erscheinungen scheut. Ebenso versteht man in dieser Kirche die ukrainische Zivilgesellschaft nicht, weshalb man sie fürchtet und ignoriert.

Auch in der OKU gibt es viele Gläubige, die wesentliche Veränderungen fordern. Solche Veränderungen unterstützt auch ein Teil ihrer Bischöfe (was bei der UOK überhaupt nicht der Fall ist). In den letzten Wochen hat eine große Zahl von Laien, Priestern, Religionsspezialisten und Intellektuellen eine Deklaration mit dem Titel „Zehn Thesen zur OKU“ unterschrieben.1 In diesem Text werden konkrete Vorschläge bezüglich aller wichtigen „wunden Punkte“ der postsowjetischen Orthodoxie unterbreitet. Dazu gehören eine permanente, breit angelegte Ausbildung von Laien, deren Beteiligung an der Entscheidungsfindung, Transparenz beim Führungs- und Finanzsystem, aktive Sozialarbeit, ein offener und vielfältiger Dialog mit der Weltorthodoxie.

Demgegenüber steht die Tatsache, dass die Tradition der russischen, sog. „synodalen“ Kirchenleitung vom ehemaligen „Kiewer Patriarchat“ gänzlich übernommen wurde, und dass praktisch die gesamte ehemalige Führungselite dieser Kirche auch innerhalb der OKU an der Macht bleibt. Deshalb ist die Konfrontation von Alt und Neu in jedem Fall unausweichlich.

Zukünftige Herausforderungen
In der Geschichte der Orthodoxie wird das Dogma über die Heiligkeit der Kirche nicht selten als Dogma über ihre Unveränderlichkeit interpretiert. Die populäre Auslegung dieser These lautet: Die Kirche existiert gerade deshalb schon seit 2 000 Jahren, weil ihre Struktur unzerstörbar ist. Die Konservativen in der UOK müssen sich bei der Verteidigung ihrer Position natürlich nicht nur auf ihre eigenen Kräfte verlassen. Sie verfügen über nicht gerade spärliche Ressourcen und werden öffentlich von einem der mächtigsten Oligarchen der Ukraine unterstützt, der aus Russland stammt. Man kann davon ausgehen, dass in seiner gewaltigen materiellen Unterstützung nicht nur persönliche Mittel stecken. Die Konservativen nutzen jede Gelegenheit öffentlicher Unterstützung nicht nur aus Russland (was ihr Image in der Ukraine negativ beeinflusst), sondern auch von anderen orthodoxen Lokalkirchen, die im Konflikt zwischen Konstantinopel und Moskau auf Seiten Moskaus stehen. Die gegenwärtigen Positionen, die die UOK verteidigt, werden so vermutlich nur eine kurzfristige oder mittelfristige Perspektive haben. Zudem hängt die Kirche in ihren Prinzipien stark vom geopolitischen Gleichgewicht ab, also vom Grad der Unterstützung aus Moskau. Sollte sie diese aus irgendwelchen Gründen verlieren, kann das für die UOK im Bankrott enden.

In der OKU ist man sich der Notwendigkeit bewusst, aus der Isolation herauszufinden, in der sich das „Kiewer Patriarchat“ ohne theologische und liturgische Gemeinschaft mit der Weltorthodoxie jahrelang befunden hat. Doch die Folgen solcher Isolation haben das Bewusstsein von Priestern und Laien beeinflusst und verschwinden nicht so schnell. Nichtsdestotrotz weiß man in der OKU, dass zwischenkirchliche Kontakte notwendig sind. Zwar sind zurzeit offizielle Kontakte nur mit dem griechischen Teil der Weltorthodoxie möglich, doch die Palette an Möglichkeiten wird sich mit der Zeit vergrößern.

So muss man zurzeit die Präsenz von zwei einflussreichen Kräften in der ukrainischen Orthodoxie anerkennen. Das bringt ein Element der Konkurrenz in das religiöse Leben der Ukraine und fordert von den Gläubigen Selbstbestimmung und aktive Beteiligung sowie von den Kirchen ein überzeugendes Zeugnis vom geistlichen und nicht politischen Fundament ihres Wirkens. Zweifellos werden die orthodoxen Lokalkirchen die kirchliche Entwicklung in der Ukraine aufmerksam verfolgen, und diese die Gesamtorthodoxie beeinflussen.

Anmerkung
1)  https://risu.org.ua/en/index/monitoring/74683/.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Bohdan Ohultschanskyj, Priester der UOK, Sekretär der Allukrainischen Orthodoxen Pädagogischen Gesellschaft, Redaktor von http://christian-culture.in.ua.

pdfRGOW 4-5/2019, S. 23-24.

Mikhail Kaluzhsky

Die Möglichkeit, sich in der Kunst frei und kritisch zu äußern, hat in Russland in den letzten Jahren markant abgenommen. Zu verdanken ist diese Entwicklung einer losen Allianz von orthodoxen Aktivisten, staatlichen Stellen und vereinzelten Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche. Durch Änderungen der Gesetzgebung führt die Regierung heute einen „hybriden Krieg“ gegen Andersdenkende, Oppositionelle und Künstler, der zunehmend zur Selbstzensur führt. – N. Z.

 Am 5. April 2015 versammelten sich rund 4 000 Einwohner in Novosibirsk vor der Oper. Die Demonstranten trugen Plakate mit Aufschriften wie: „Nein zur Zensur!“„Russland ist ein säkularer Staat“„Behaltet Eure Religion für euch“„Jeder hat das verfassungsmäßige Recht auf künstlerische Freiheit“„Kafka beneidet uns“und „Diktiert mir nicht, was ich schaue“. In einer Resolution forderten sie, keine Zensur zuzulassen, Änderungen im Art. 148 des Strafgesetzbuchs („Verletzung des Rechts auf Gewissens- und Glaubensfreiheit“, besser bekannt als Artikel „über die Verletzung religiöser Gefühle“), den Rücktritt des russischen Kulturministers Vladimir Medinskij, den Rücktritt des erst gerade eingesetzten Operndirektors Vladimir Kechman sowie die Wiederaufnahme der Oper „Tannhäuser“ von Richard Wagner ins Repertoire. Die Novosibirsker Kundgebung „Für die Schaffensfreiheit!“ war eine einzigartige Protestaktion im heutigen Russland, ein einmaliger Massenauftritt zum Schutz der Meinungsfreiheit und des säkularen Staats. Ihre Einzigartigkeit rührte von der Situation, die um die Premiere von „Tannhäuser“ am Novosibirsker Opern- und Ballettheater im Dezember 2014 entstanden war. 
Was ist in Novosibirsk vor vier Jahren passiert und warum ist es bis heute wichtig? Der Skandal um die Aufführung der Wagner-Oper markierte den Anfang eines neuen Trends im Kampf von Klerikalisten gegen die Freiheit der Meinungsäußerung. In diesen vier Jahren hat der Trend endgültig Form angenommen und an Kraft zugelegt. 

Orthodox-patriotischer Aktivismus vor 2014
Die nun folgende Analyse der Art und Weise, wie konservative Kräfte die Meinungsfreiheit unter dem Vorwand des Schutzes der „Gefühle Gläubiger“ einzuschränken versuchten, erfordert eine wichtige Vorbemerkung: Das auffälligste Ereignis in der Konfrontation zwischen Kunst und religiösen Fundamentalisten bleibt die Aktion der Punkgruppe Pussy Riot „Mutter Gottes, vertreibe Putin!“ am 21. Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale (s. RGOW 3/2013, S. 20–21). Der Strafprozess gegen die Mitglieder der Punkgruppe und ihre Haftstrafe zogen die Aufmerksamkeit von Massenmedien aus der ganzen Welt auf sich. Die folgende starke Polarisierung in der russländischen Gesellschaft hat insbesondere dazu geführt, dass die massive Aggression Konservativer gegen die Freiheit der Meinungsäußerung als Reaktion auf Pussy Riotwahrgenommen wird. Doch natürlich hat der Kreuzzug derer, die man Klerikalisten nennen kann, gegen die Freiheit des Schaffens viel früher begonnen. 
Mit „Klerikalisten“ oder „orthodoxen Fundamentalisten“ meine ich eine große Gruppe gesellschaftlicher Organisationen, staatlicher Akteure und einzelner Amtsträger der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), die keine einheitliche ideologische Plattform teilen, aber in ihren politischen Einstellungen übereinstimmen. Diese werden von der Vorstellung „traditioneller Werte“, dem Schutz der Orthodoxie vor äußeren religiösen und politischen Bedrohungen und Reichspatriotismus zusammengehalten. In ihrer Mehrheit sind sie loyal zum Kreml, Kritik am politischen Regime empfinden sie als Angriff auf die Grundmauern des Staates. Bis vor kurzem hatten die Klerikalisten kein klares ästhetisches Programm, aber seit der Gründung des Russischen Kunstverbandsim Mai 2017 sind die Ansichten der Fundamentalisten ausformuliert. Laut den Gründern ist der Verband dazu berufen „die Interessen Russlands und traditionelle Werte in allen Sphären der Kultur zu schützen“und seine Aufgabe besteht in der „Bildung einer nationalen Identität mit den Mitteln der Kunst. Die Schaffung und Entwicklung einer zeitgenössischen künstlerischen Industrie auf der Grundlage der Vereinigung patriotischer Kräfte. In ihrer Funktion als emotionale Vermittlerin der Tradition und sozialer Erfahrung verfügt die Kunst über gewaltige Wirkungskraft auf das Bewusstsein der Menschen. Als Visitenkarte der Nation in jeder Epoche erscheint der Hohe Stil. In ihm konzentrieren sich Ideale, Wissen, lebensfähige Philosophie und technologisches Niveau.“1Die Gründung des Kunstverbands ist letztlich das gesetzmäßige Ergebnis eines langjährigen Kampfes gegen Andersdenken und politische Kritik in der künstlerischen Sphäre.
Zur Strafverfolgung von Künstlern für das „Schüren von religiösem Hass“ (Art. 282 des russischen Strafgesetzes) kam es vereinzelt schon zu „vegetarischen“ Zeiten,2als die Notwendigkeit der Verteidigung der Meinungsfreiheit noch exotisch anmutete: der Staat hatte die Medien noch nicht unter seine Kontrolle gebracht, der Kreml und die regionalen Behörden konnten offen kritisiert werden und Kunstschaffende ohne Rücksicht auf allgegenwärtige Eiferer der gesellschaftlichen Sittlichkeit arbeiten. Nichtsdestotrotz wurde das erste Strafverfahren aufgrund von Art. 282 gegen einen Künstler in der neuesten Geschichte Russlands schon 1998 angestrengt, nämlich gegen Avdej Ter-Oganjan nach der Aktion „Der junge Atheist“. Im Jahr 2000 wurde nach der Performance „Glaub deinen Augen nicht“ ein Verfahren gegen Oleg Mavromati eröffnet (ebenfalls aufgrund von Art. 282). Diese Verfahren wurden auf Initiative von einzelnen Aktivisten, die „traditionelle Werte“ hüten, und Organisationen mit orthodox-konservativer Ausrichtung angestrengt. 2003 griffen „orthodoxe Aktivisten“ mit Verbindungen zum Allrussischen Volkskonzildie Ausstellung „Achtung Religion!“ im Moskauer Sacharov-Zentrum an und zerstörten einen Teil der Exponate. Das Gericht sprach sie frei. Vier Jahre später wurden Andrej Jerofejev und Jurij Samodurov, die Kuratoren der Ausstellung „Verbotene Kunst 2006“, ebenfalls im Sacharov-Zentrum, aufgrund Schürens religiösen Hasses verurteilt (s. RGOW 1/2013, S. 24–25). Die russische Gesellschaft nahm diese Prozesse kaum wahr, was sowohl den Klerikalisten als auch dem Kreml nützte, der zu dieser Zeit aktiv mit der Bekämpfung Andersdenkender begann. 
Kirchliche Vertreter traten jedoch nur gelegentlich in Zusammenhang mit dem einen oder anderen Werk oder Ereignis auf. Der typische Hauptakteur der Epoche „vor Tannhäuser“ war ein Krawallmacher-Aktivist, der dem Ruf seines Glaubens und Gewissens folgend gegen die öffentliche Demonstration frevlerischer Praktiken und Beleidigung der Orthodoxie auftrat. Zur Personifikation dieser aktivistischen Praxis wurden nicht gesichtslose Opas in den immer gleichen Kostümen, Vertreter des Allrussischen Volkskonzilsoder ideologisch ähnlich gearteter Organisationen, sondern ein energischer junger Mann in Jeans, gleichermaßen auf der Straße wie auch in den sozialen Netzwerken aktiv. Der junge Mann hieß Dmitrij Zorionov, nannte sich aber „Enteo“. Die spirituelle Suche des Jugendlichen aus einer begüterten Familie führte ihn zu einer radikalen Version der Orthodoxie. Enteo und seine Mitstreiter der Bewegung Gottes Willeerhielten mit der Intensität ihrer provokativen Aktionen mediale Aufmerksamkeit. Die erste sichtbare Aktion Enteos fand am 27. August 2012 statt, als Mitglieder von Gottes Willeins Teatr.doceindrangen und versuchten, eine Aufführung über Pussy Riotzu vereiteln. Am 14. Dezember 2012 versuchten Enteo und seine Mitkrieger die Eröffnung der Fotoausstellung „Nach Russland mit Liebe“, die gleichgeschlechtlichen Familien gewidmet war, im Sacharov-Zentrum zu stören. Sie versuchten, Fotografien zu zerreißen, und riefen die Besucher auf, Buße zu tun. Darauf folgten die Vereitelung – gemeinsam mit „Kosaken“ und Mitarbeitern der Föderalen Migrationsbehörde – der dokumentarischen Inszenierung „Moskauer Prozesse“ im Sacharov-Zentrum im März 2013, der Versuch, die Aufführung des Stücks „Der ideale Ehemann“ in der Inszenierung von Konstantin Bogomolov im Moskauer Künstlertheater zu sabotieren, der Angriff – gemeinsam mit der Polizei – auf den Umzug der Moskauer Pastafaris,3der Angriff auf einen Mitarbeiter des Gulag-Museums, der Angriff auf eine Ausstellung im Moskauer Kunstzentrum Vinzavodund viele andere. Die offene Störung der gesellschaftlichen Ordnung konnte Enteo nichts anhaben – bis zum Angriff auf eine Ausstellung in der Moskauer Manege am 14. August 2015, wo die Aktivisten von Gottes WilleSkulpturen Vadim Sidurs beschädigten (s. RGOW 9/2015, S. 5). Gegen Enteo wurde ein Strafverfahren aufgrund der Zerstörung von Kulturgütern angestrengt, aber später eingestellt – er kam mit zehn Tagen Arrest davon.
Es scheint, als sei die provokative Aktivität Enteos damals sogar seinen Verbündeten aus der ROK anrüchig erschienen. Zudem veränderte sich durch eine interessante Koinzidenz gerade in diesem Moment die Taktik der Klerikalisten im Kampf gegen die Kunst. Ich bin allerdings weit davon entfernt, an die Version eines konspirativen Zentrums zu glauben, das die Handlungen aller zahlreichen Fundamentalisten koordiniert. Höchstwahrscheinlich muss von einer kumulierten Erfahrung und einem veränderten politischen Kontext gesprochen werden. Doch ein gewisses Bündnis orthodox-patriotischer Aktivisten mit dem Kreml, der inzwischen eine äußerst harte Position im Verhältnis zu Regime-Kritikern eingenommen hatte, kam zustande. Vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine begann die Führung der ROK, den Kreml offen zu unterstützen. Und diese Allianz ist nicht nur das Resultat der berühmt-berüchtigten „konservativen Wende“ der russländischen Gesellschaft. Es geht dabei weniger um Ideologie als um den Kampf um Macht und Ressourcen, in dem sich die einander nahestehenden Anführer des Staates und der Kirche vereint haben: man darf nicht vergessen, dass der treue Begleiter der Außenpolitik des Kremls, Patriarch Kirill, weder seine Arbeit für den KGB noch seine Beteiligung an Geschäften, die mit kirchlichen Importprivilegien verbunden sind, bestreitet.4

Die Staatsanwaltschaft gegen Wagner
Um die neue Strategie der Klerikalisten gegen die Meinungsfreiheit zu verstehen, und warum es gilt, ihren Ursprung nicht beim Fall Pussy Riot anzusetzen, kehren wir nach Novosibirsk im Winter 2014 zurück: Die Premiere der Wagneroper „Tannhäuser“ in der Inszenierung des Novosibirsker Regisseurs Timofej Kuljabin fand am 20. Dezember 2014 statt. Kuljabin übertrug die Handlung der Oper in die Gegenwart und machte Heinrich Tannhäuser zu einem Regisseur und Urheber des (erfundenen) Films „Die Venusgrotte“ über die verlorenen Jahre des Lebens Jesu. Auf dem Werbeplakat des Films ist die Kreuzigung abgebildet. Beim Publikum und den Kritikern kam die Inszenierung sehr gut an, aber schon im Januar reichte der damalige Metropolit von Novosibirsk und Berdsk, Tichon (Emeljanov), eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft der Oblast Novosibirsk ein.5Tichon selbst hatte die Oper nicht gesehen, erklärte aber, dass in der Inszenierung kirchliche Symbolik zweckentfremdet würde, und das empöre die Gläubigen. Die Staatsanwaltschaft eröffnete administrative Verfahren aufgrund der „Entweihung von Gegenständen religiöser Verehrung“ gegen Kuljabin und den Operndirektor, Boris Mesdritsch. Das reichte aber nicht. Die Eparchie Novosibirsk wandte sich an den Föderalen Sicherheitsdienst (FSB) (und an die Generalstaatsanwaltschaft, den Er­mittlungsausschuss und den Rechnungshof) mit der Bitte, die Inszenierung zu beurteilen. Es folgten ein Verfahren gegen Mesdritsch und Kuljabin, Demonstrationen von orthodoxen Gläubigen vor dem Theater mit den Parolen „Nieder mit dem Majdan!“ und „Nieder mit der halbamerikanischen Okkupation“, eine gemeinsame schriftliche Rüge der Opernaufführung seitens des Metropoliten und der Muftis und Rabbiner von Novosibirsk, die Einmischung der Staatsanwaltschaft, die Anordnung des Kulturministeriums, das Theater einer Finanzüberprüfung zu unterziehen, die Entlassung des Operndirektors Mesdritsch auf Befehl des Kulturministers Vladimir Medinskij und die Entfernung von „Tannhäuser“ vom Spielplan (s. RGOW 4–5/2015, S. 4–5). 
Damit hat die Kirche erstmals in der Geschichte des postsowjetischen Russland öffentlich die Sicherheitsdienste aufgefordert, offiziell zu einem weltlichen Kunstwerk Stellung zu beziehen, das mit Geldern des föderalen Budgets in einer staatlichen Kultureinrichtung geschaffen wurde. Es war der erste Fall, in dem eine Eparchie der ROK, klerikalistische Aktivisten, das föderale Kulturministerium und die Staatsanwaltschaft einer Oblast gemeinsam handelten, um eine Aufführung zu verbieten und ihre Urheber einer Strafuntersuchung zu unterwerfen. 
Die Reaktion auf diesen damals einzigartigen Vorfall war ein Massenprotest der Novosibirsker. Aber die Demonstration „Für die Schaffensfreiheit!“ wurde von den Behörden schlicht ignoriert. „Tannhäuser“ verschwand aus dem Repertoire, und die nächste Saison eröffnete die Novosibirsker Oper mit dem Oratorium „Fürst Vladimir“, verfasst von der Frau des örtlichen Priesters. Von diesem Moment an war offensichtlich, dass die Fundamentalisten im Bereich der säkularen Kunst alles tun können, was ihnen genehm ist.
Nunmehr sollte sich niemand mehr über die Versuche, den Film „Matilda“ von Aleksej Utschitel’ zu verbieten, wundern (s. RGOW 11/2017, S. 3). Im Skandal um „Matilda“ wurden alle Mittel eingesetzt: Bischof Tichon (Schevkunov) thematisierte die Glaubwürdigkeit der historischen Ereignisse, Metropolit Ilarion (Alfejev) sprach von der „Plumpheit“ des Films, die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja berichtete über die Beleidigung ihrer religiösen Gefühle, orthodoxe Aktivisten der Bewegung Sorok sorokov versammelten sich, um vor Kinos Wache zu stehen, und alles endete mit telefonischen Drohungen und Brandstiftung. 
Ebenfalls muss sich niemand über den Fall Kirill Serebrennikovs wundern, der mit einer Anklage finanzieller Art konfrontiert ist, hinter dessen Verfolgung aber möglicherweise derselbe Bischof Tichon steht.6Die Aufzählung könnte mit weniger bekannten Fällen verlängert werden. „Zensur“ ist das passende Wort. Aber nicht doch – die Zensur ist ja in Russland durch Art. 29 der Verfassung verboten. Was also ist es dann?

 Hybrider Krieg an der künstlerischen Front
Mir fehlt einerseits eine ausreichende Grundlage, um zu behaupten, dass die Einschränkung der Möglichkeiten für Künstler, sich frei und kritisch auszudrücken, durch eine einheitliche und straff koordinierte Politik motiviert sind. Andererseits sind die Bedingungen für eine solche Politik bereits geschaffen worden und jeder kann wegen künstlerischer Aussagen, insbesondere in einer staatlichen Kultureinrichtung, zu Schaden kommen. Ja, Zensur ist verboten, aber in den letzten Jahren haben die russischen Behörden verschiedener Ebenen ausgezeichnet gelernt, die Meinungsäußerungsfreiheit einzugrenzen, was die Arbeit der Massenmedien, kultureller Institutionen und einzelner Kunstschaffender ernsthaft beeinflusst. Die Vermischung verschiedener repressiver Praktiken bei Beibehaltung einer Rhetorik der „ Gesetzeshoheit“ erinnert unweigerlich an den „hybriden“ Krieg, den Russland im Osten der Ukraine führt: nein, wir sind für die Einhaltung der Gesetzlichkeit, nein, wir sind nicht dort, nein, wir leisten humanitäre Hilfe. 
Zusammenfassend gesprochen schränken die russischen Behörden, die föderalen wie die regionalen, die Meinungsäußerungsfreiheit mittels mehrerer offensichtlicher Instrumente ein. Besonders wichtig ist, dass formal keines dieser Instrumente gegen die künstlerische Freiheit per se gerichtet ist. Jedes von ihnen ist Teil eines allumfassenden Angriffs auf Bürgerrechte sowie auf die politische und ideelle Opposition. Üblicherweise wird keines von ihnen allein benutzt, sie lassen sich ausgezeichnet kombinieren. Zu diesen Instrumenten gehören direkter Druck, die Mobilisierung von Unterstützungsmassen sowie finanzieller Druck. Aber das wichtigste Instrument bei der Erschaffung der „Zensur ohne Zensur“ ist natürlich die Gesetzgebung. 
In den letzten Jahren hat die Staatsduma mehrere neue Gesetze verabschiedet, von denen jedes für sich zur Einschränkung der Meinungsfreiheit benutzt werden kann. Alle diese Gesetze gründen mehr oder weniger auf verschiedenen Interpretationen der Idee der „Sicherheit“, der physischen wie auch der ideologischen. Besonders wichtige Ausformungen dieser neuen Gesetzgebung sind folgende:
Das 2010 verabschiedete und danach mehrmals ergänzte Gesetz „Über den Schutz von Kindern vor Informationen, die ihrer Gesundheit und ihrer Entwicklung Schaden zufügen“. Dieses Gesetz verbietet die Verbreitung von für Kinder „schädlichen“ Materialien, „die bei Kindern Angst, Entsetzen und Panik hervorrufen können“ oder die Gewalt, illegale Tätigkeiten, Selbstschädigung, Drogenmissbrauch und „Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen“ beschreiben, dabei geht es um Fernsehsendungen, Filme, Bücher und Medien. Das Gesetz hat ein obligatorisches System von Altersempfehlungen für das Fernsehen und das Internet eingerichtet sowie zur Zusammenstellung einer Liste verbotener Websites geführt. 
Ein Paket von Gesetzen und Gesetzesänderungen, das die Informationsverbreitung im Internet begrenzt (von der Einführung eines Registers verbotener Internetseiten 2012 und dem „Anti-Piraterie“-Gesetz 2013 über das kürzlich aufgetauchte Gesetzesprojekt „Über ein autonomes Internet“).
Eine Anpassung von Art. 148 des Strafgesetzbuchs 2013 über „öffentliche Handlungen, die eine offenkundige Respektlosigkeit gegenüber der Gesellschaft ausdrücken und mit dem Ziel der Beleidigung der religiösen Gefühle von Gläubigen durchgeführt werden“. Praktisch verbieten diese Änderungen jegliche kritische Äußerung gegenüber jeder Religion. 
Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig. Hier könnte man auch die Gesetze über ausländische Agenten und unerwünschte Organisationen, die neuen Regeln für den Filmverleih und eine Vielzahl anderer Akte, Regeln und Regulierungen erwähnen. 
Im heutigen Russland ist es leicht, zu verbieten. Jede künstlerische Initiative, die von Fundamentalisten – oder dem Staat – als zu freiheitsliebend oder kritisch eingestuft wird, kann auf völlig legaler Basis gestoppt werden. Und vielleicht das wichtigste: es ist nicht so sehr die Anwendung von Zensurmaßnahmen, sondern die mit diesen Mitteln erzeugte gesellschaftliche Atmosphäre. Die Selbstzensur wird zu einer immer weiter verbreiteten Erscheinung. Am Tag, als ich diesen Text beendete, sagte das Museum Finnische Tore in Kaliningrad dem Moskauer Teatr.doc unerwartet die Aufführungserlaubnis für die dokumentarische Inszenierung „Kantgrad“ von Anastasija Patlaj und Nana Grinstein ab, obwohl die Karten für beide Aufführungen schon verkauft waren.7Der Museumsdirektor bekam es mit der Angst zu tun, weil in „Kantgrad“ Elemente aus den Memoiren von Michael Wiecks „Zeugnis vom Untergang Königsbergs“ verwendet würden. Obwohl das Buch in Russland publiziert wurde, und die Autoren des Stücks es nicht benutzen, fürchten sich die Leiter der Finnischen Tore, weil Wieck nicht nur die Wahrheit über die Nazis schrieb, sondern auch über die sowjetische Okkupation. Den Museumsdirektor wird kaum jemand auf die mögliche „antipatriotische“ Interpretation der Inszenierung aufmerksam gemacht haben. Er arbeitet in einem Umfeld, in dem die Angst echt ist, in dem jede Arbeit mit kritischer Kunst als Risiko erscheint.
Und das ist das Ergebnis des Angriffs auf die Meinungsfreiheit, über das sich die Fundamentalisten freuen können. 

Anmerkungen
1)  http://rh-soyuz.ru/#manifest.
2)  Anm. d. Red.: „Vegetarische Zeiten“, in denen kein Blut fließt, also keine massive Repression herrscht. Als erstes Opfer gilt der Jurist Sergej Magnitskj, der in einem russischen Gefängnis zu Tode kam.
3)  „Pastafaris“ sind Anhänger der Pseudoreligion Church of the Flying Spaghetti Monster; Anm. d. Red.
4)  https://www.svoboda.org/a/29758933.html.
5)  https://lenta.ru/articles/2015/02/26/tangezerdoc/.
6)  https://thebell.io/tihon-shevkunov-esli-by-serebrennikov-poprosil-menya-o-vstreche-ya-by-bezuslovno-ne-otkazal/.
7)  https://www.newkaliningrad.ru/afisha/theatre/news/22052006-fridlandskie-vorota-otkazalis-pokazyvat-spektakl-kantgrad-teatradoc.html.

Übersetzung aus dem Russischen: Natalija Zenger.

Mikhail Kaluzhsky, Journalist und Theaterautor, bis vor kurzem Chefredakteur bei der russischsprachigen Abteilung von openDemocracy Russia. 2012–2014 kuratierte er das Theaterprogramm des Andrej Sacharov-Zentrums in Moskau.

pdfRGOW 3/2019, S. 11–14

Ievgeniia Gubkina

Das architektonische Erbe der Sowjetzeit in der Ukraine fällt nach und nach der Zerstörung anheim. Mit einer Dokumentationsreise und einem Buch kämpfen eine Architektin und ein Fotograf für den Erhalt dieses Erbes. Ernüchtert von der schlechten Qualität der Objekte und der politischen Realität beschreiben sie ein differenzierteres Verhältnis zum sowjetischen „Modernismus“, seinen Architekten und deren sozialpolitischen Kontext. – R. Z.

Weltweit hat im vergangenen Jahrzehnt das Interesse an der sowjetischen Architektur zugenommen. In der Ukraine hingegen ist gegenwärtig alles „Sowjetische“ mit einem Stigma behaftet, und deshalb wird ihr architektonisches Erbe zielstrebig zerstört, wenn nicht gar ausgerottet. Ende Mai präsentieren der Fotograf Alex Bykov und ich an der Kiewer Buchmesse unser Buch „Soviet Modernism, Brutalism, Post-Modernism. Objects and Structures“ (Berlin 2019). Das Buch basiert auf wissenschaftlichen und Feldforschungen und stellt den Versuch dar, die sowjetische Nachkriegsarchitektur in der Ukraine einer Revision zu unterziehen und neu zu bedenken. Alex Bykov dokumentiert die meisten Objekte in ihrem gegenwärtigen Zustand in ihrer realen Umgebung. Meine Analyse soll die Schichten der sowjetischen Nachkriegsarchitektur im globalen, historischen und politischen Kontext freilegen sowie die Gründe, Logik und Akteure der Bauprozesse präsentieren. Zur Beschreibung der sowjetischen Architektur verwenden wir neben dem etablierten Begriff „Modernismus“ zusätzlich die Begriffe „Brutalismus“ und „Postmodernismus“. Zudem engagieren wir uns für den Erhalt der sowjetischen modernistischen Architektur und versuchen in diesem Buch, die Einstellung einer neuen Generation junger ukrainischer Architekten zum Erbe der sowjetischen Ukraine darzustellen.

Das Buch ist für uns zu einem Abenteuer der besonderen Art geworden: Wie ein „road movie“ oder „travelogue“ stellt der Weg zum Buch eine Suche dar, die nicht weniger wichtig war als das Resultat. Wir sind das Projekt mit wissenschaftlichen Fragen angegangen, sind aber daraus mit völlig neuen, noch komplexeren Fragen hervorgekommen. Nach einem Jahr der Erforschung unserer geliebten architektonischen Objekte hat das Projekt uns und unser ursprüngliches Verhältnis zum Modernismus verändert.

Wer waren wir?
Bereits 2017 hielt Alex Bykov einen Vortrag mit dem Titel „Wo ist der Modernismus, und wo bin ich?“, in dem er die eigene Rolle im Umgang mit dem modernistischen Erbe reflektierte. Von uns, der Generation „junger Architekten“ oder „junger Forscherinnen“ wird viel und alles Mögliche erwartet: Wir sind die neue ukrainische Generation, die nach dem Majdan die alte Garde ablösen soll. In uns sieht man eifrige Aktivisten, junge „decision makers“ und „changers“, Propheten einer neuen Architektur und Urbanistik, einer kreativen Ökonomie, die fähig sind, den Gang der Ukraine (wenn nicht gar der ganzen Welt) voranzutreiben. Andere träumen davon, in uns Revolutionäre, eine „neue Welle“ oder eine „zornige Generation“ zu sehen.

Alex und ich sind beide 1985, an der Schnittstelle der Epochen geboren – zwischen der Sowjetunion und der unabhängigen Ukraine. Wir können uns mutig als sowjetische „Millenials“ bezeichnen. Nur sehr vage erinnern wir uns an die Perestrojka und den Zerfall der UdSSR, die Formierung neuer politischer Verhältnisse und an eine Reihe tiefer ökonomischer Krisen. Wir wuchsen in den sog. „wilden 1990er Jahren“ auf und immatrikulierten uns in den „stabilen“ 2000er Jahren an den ukrainischen Hochschulen für Architektur. Wir kommen beide aus Architekten-Dynastien, versuchten mit allen Kräften den Beruf zu beherrschen und uns eine „architektonische“ Weltsicht zuzulegen. Dabei erhielten wir noch eine sowjetische Architekturausbildung in einem bereits nicht mehr sowjetischen Land. Wie für alle sowjetischen Architekten waren Le Corbusier und Oscar Niemeyer unsere Lehrmeister. So strebten wir in einem vollkommen „sowjetischen“, im Grunde modernistischen Geist stets danach, einen Durchbruch zu vollbringen. Wie alle vorangegangenen Generationen träumten wir davon, der Welt eine ganz besondere Konstruktion auf der Grundlage des spezifischen Erbes des postsowjetischen Landes zu bieten. Wir setzten die Prioritäten bei Talent, kühnen und frischen Perspektiven, und wir strebten danach, Probleme weder zu verneinen noch zu verbergen.

Gleichzeitig war es damals normal, alles „Sowjetische“ und damit auch die sowjetische Architektur zu verurteilen. Im postsowjetischen Raum triumphierte der kommerzialisierte Postmodernismus, die lokalen Architekten verachteten selbstvergessen den Modernismus und sagten sich von seiner Sprache, Methode und Ethik los. Diese Entwertung löste in uns automatisch Widerstand und Protest aus und damit auch den Wunsch, das Phänomen der sowjetischen Architektur auf unsere Art zu betrachten. Gerade während unserer Studienzeit zerfiel die „sowjetische Stadt“ endgültig, und auf ihrem Skelett wuchs ein vollkommen hässliches Hybrid. Daran gaben wir traditionellerweise unseren „Eltern“ die Schuld. Vor diesem Hintergrund erschienen uns die sog. „Sechziger“ als verführerische und ehrwürdige Lehrmeister: Unsere beruflichen „Großeltern“ mit ihren puristischen Kästen und den aus einer anderen Realität stammenden kosmischen Formen.

Der „Sowjettrend“
Viele glauben, der „Sowjettrend“ im postsowjetischen Raum sei von Ausländern entdeckt worden. Doch verhält sich die Sache natürlich ein wenig anders. Neben den gewaltigen Bibliotheken an sowjetischer Architekturliteratur gab es in unserer Studienzeit bereits eine ziemlich kritische Auseinandersetzung damit: Ausstellungen, Publikationen und Zeitschriften über das Erbe des Modernismus. Hier sind die Beiträge der Historikerin Anna Bronovizkaja und des Kunstwissenschaftlers Nikolaj Malinin zu nennen wie auch der Einfluss der Fachzeitschriften Projekt International und Projekt Rossija. In Charkiv erschien jahrelang die Zeitschrift Vaterpas, die eine Plattform für die Architekten der älteren Generation darstellte. Zu einer echten Chronik der Architektur der 1990er und 2000er wurde das Architekturjournal A.S.S. mit Beiträgen über den ukrainischen Modernismus. So erschien 2005 eine skandalträchtige Nummer der Zeitschrift mit dem Titel „Zauberhafter Ava“, die dem Architekten Avraam Milezkij gewidmet war und in der Architektenzunft für heftige Reaktionen sorgte. 2007 gesellte sich Alexander Burlak neben Xenija Dmitrienko zu den Autoren von Beiträgen über den sowjetischen Modernismus. 2013 organisierte Alex Bykov eine Ausstellung und eine Nummer der Zeitschrift Objekt über das Schaffen des Architekten Eduard Bil’skij. 2015 organisierten Alex Bykov, Alexander Burlak und Alexej Radynskij die Ausstellung „Überbau“ im Zentrum für visuelle Kultur in Kiew.

Mein eigener Weg zur Nachkriegsarchitektur führte durch die Architektur der Zwischenkriegszeit. Als Ureinwohnerin der sozialistischen Trabantenstadt „Neues Charkiv“, die Anfang der 1930er Jahre für die Arbeiter der Charkiver Traktorenfabrik gebaut worden war, habe ich meine Bachelor- und Magisterarbeiten der Analyse und Projektvorschlägen zur Rehabilitation dieses Stadtteils gewidmet. Zum Thema meiner nicht verteidigten Dissertation wurden dann die Entwicklungsperspektiven der sozialistischen Städte (sozgorod) in der Südostukraine. Der Übergang zur Nachkriegsarchitektur geschah 2013 aufgrund einer Einladung von Olga Kasakovaja, die die Architektur der sowjetischen Tauwetter-Periode erforscht, zur Konferenz „Sowjetischer Modernismus: Formen der Zeit“, an der ich einen Vortrag über die Architektur der Charkiver Metro hielt. Doch der wirkliche „Sprung“ in die völlig andere historische Periode war der Vorschlag von Philipp Mojser, ein Buch für den deutschen Verlag DOM publishers über die letzte Planstadt der UdSSR zu schreiben – über Slavutytsch (Berlin 2015), das 1988 nach der Tschernobyl-Katastrophe gebaut wurde.

Von der Forschung zum Aktivismus
Die Ereignisse des Majdan haben das Leben des größeren Teils der ukrainischen Gesellschaft verändert. Ich bin da keine Ausnahme. Damals erkannte ich die aktivistische, politische Komponente meiner Tätigkeit – die Notwendigkeit, Veränderungen in der Gesellschaft mitzugestalten. So wurde ich 2014 Mitgründerin der NGO Urban Forms Center, die sich mit Städteforschung und Fragen des Studiums und des Erhalts des Erbes befasst. Unsere Organisation hat bereits eine Reihe von Konferenzen durchgeführt, darunter „Die Universalität der Phänomene des Saporoscher Modernismus und der Bauhaus-Schule“ 2017, sowie andere Veranstaltungen wie das urbanistische Kolloquium „Atomstädte: Planstädte in der gegenwärtigen Gesellschaft“ und das Forum „Charkiv: Inventarisierung“. Seit 2015 arbeite ich auch als assoziierte Forscherin am Zentrum für Stadtgeschichte Mittelosteuropas in Lviv, wo ich eine Serie von „Urban Summer Schools: Visions and Experiences“ koordinierte. Bedeutsam für die Erweiterung meiner Methodologie war die Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll-Stiftung in der Ukraine und mit Julija Popova, mit denen ich das Projekt „Modernistinnen“ (Modernistki) realisierte, mit Konferenzen zu Gender-Fragen in Kunst, Architektur und Städtebau. So gewannen meine wissenschaftlichen Ansichten eine aktivistische und feministische Optik, und meine Interpretation der Forschungsobjekte erhielt eine politischere Dimension.

Entdeckungsreisen
Das Buchprojekt zum sowjetischen Modernismus, Brutalismus und Postmodernismus hat tiefe Wurzeln. Alex Bykov und ich wussten bei unserer ersten Begegnung 2014, dass wir „irgendetwas“ zusammen machen müssen – so ähnlich waren unsere Biographien und Ideen. Wir begannen Material in Archiven und Bibliotheken zu sammeln, Architekturobjekte zu dokumentieren, Bücher und Zeitschriften in Antiquariaten zusammenzukaufen und vor allem lange Interviews mit sowjetischen Architekten zu führen. Ich erarbeitete eine sich stets erweiternde Datenbank mit modernistischen Objekten in der gesamten Ukraine und „ermittelte“ nicht nur im Internet und Archiven, sondern auch dank eines Netzes von Aktivisten, Historikern und Landeskundlern wie auch Personen, die sich auf meine Anfrage meldeten: „Gibt es in Ihrer Stadt etwas ‚Sowjetisches’?“ Alex begab sich auf Expeditionen in eine gewaltige Anzahl von Städten und Ortschaften der Ukraine, um Gebäude der Nachkriegsarchitektur zu fotografieren.

Dabei trieb uns das Entdeckerfieber. Wir suchten hauptsächlich die unmittelbare Interaktion mit den Architekturobjekten. Doch noch viel wichtiger war der Austausch mit den lokalen Bewohnern über das Schicksal dieser Gebäude: Die Architektur ist verwachsen mit den Geschichten und Schicksalen der Menschen wie auch mit Landschaften. Auf einmal wurde sie lebendig, greifbar und subjektiv. Darüber hinaus begann sie zu sprechen, und wir mussten sie übersetzen. Bereits die ersten Beobachtungen erstaunten uns: erstens, die unerwartet hohe Anzahl, das weit verzweigte Netz und die Verbreitungsdichte modernistischer Objekte in der Ukraine, und zweitens, das kolossale Ausmaß ihrer Zerstörung. Wir fragten uns: Tragen wir neben der Ausbeutung der „exotischen Ruinen“ der sowjetischen Periode eine Verantwortung? Sollen wir angesichts der Zerstörung und Erinnerungsverweigerung neutral bleiben, oder sollen wir diese Objekte nicht vielmehr verteidigen?

So erkannten wir: Ungeachtet aller Arbeitserfahrung zum Thema „Modernismus“ sind wir das Buch mit einer Reihe krasser Stereotypen und Erwartungen angegangen. Die erste Anmaßung war die naive Überzeugung, dass unsere Forschungsobjekte wenn nicht von hoher, so doch mindestens von mittelmäßiger Qualität sein sollten. In der Realität entmutigte uns die extrem schlechte Qualität nicht nur der Ausführungen, sondern auch der Planungen. Jeder Forscher kennt die Versuchung, fanatisch demonstrieren zu wollen, dass sein Forschungsobjekt das einzigartigste, ungewöhnlichste und schlicht das beste ist. Dieses Risiko nimmt besonders vor dem Hintergrund der großen Anzahl der in der letzten Zeit publizierten Bücher und Alben zu, die den sowjetischen Modernismus als etwas besonders Verrücktes, Komisches und Unterhaltsames darstellen. Solche Publikationen folgen den Prinzipien des gegenwärtigen Marketings oder Tourismus und verwandeln eine Studie in eine Show und das Forschungsobjekt in ein kommerzialisiertes Verkaufsobjekt. Doch in unserer postkolonialen Situation müssen wir nüchtern anerkennen, dass ein Objekt nicht dazu verpflichtet ist, attraktiv oder „genießbar“ zu sein. Das wirft eine ganze Reihe ethischer Fragen in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem Forscher und seinem Objekt auf. Einerseits zieht die Erkenntnis der unerwartet schlechten Qualität der Objekte neue und extrem wichtige Forschungsfragen nach sich, und andererseits ein Verständnis dafür, dass das Erbe, das wir studieren, verteidigen, ja sogar lieben, uns nichts schuldig ist, dass es nicht das beste in der Welt sein muss. Schließlich lieben wir unsere Großeltern auch nicht weniger, nur weil ihre Biographien nicht so beeindruckend sind wie diejenigen von Elisabeth Taylor oder Elvis Presley. Diese Einsicht führte unvermeidlich zu einem Missverhältnis von Anspruch und Realität.

Neue Perspektiven auf die Nachkriegsarchitektur
Lange wurde in der Praxis und Analyse der Architektur die Rolles des Architekten völlig überschätzt. Praktisch unser ganzes architekturhistorisches Narrativ basiert auf Beispielen erfolgreicher „Patriarchen“, herausragenden Männern und Schöpfern, die dank ihres Talents und ihrer Tatkraft geniale Ideen inkarnierten. Doch sogar wenn man alle sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren beiseitelässt, zieht der Großteil der Objekte des sowjetischen Modernismus in der Ukraine diese Legende in Zweifel – und zerstört sie. In der sowjetischen Nachkriegsarchitektur spielte nicht der Geschmack von Architekten die entscheidende Rolle, sondern das staatliche System. Der kolossale Umfang an Schwierigkeiten und Hindernissen, die der wirtschaftliche Verwaltungsapparat hervorrief, hat schöpferischen Ausdruck, effiziente Arbeitsprozesse und unabhängige Entscheidungsfindung für Architekten praktisch verunmöglicht. Ungeachtet dessen kann man in der Nachkriegsarchitektur der Ukraine durchaus einen „Stararchitekten“ ausmachen: Avraam Milezkyj. Eine phänomenale Persönlichkeit, die über stilistischen Spielereien und politischen Veränderungen steht und eine reflexive Architektur schuf. Sein Erbe verdient größere Aufmerksamkeit, weil es nicht dank, sondern trotz (des Sowjetsystems) geschaffen wurde. Es ist eine Architektur des Widerstands.

Eine weitere festgefügte Annahme war, dass das ganze sowjetische Erbe homogen sei. Wenn wir von „sowjetischem Modernismus“ sprechen, meinen wir damit scheinbar, dass in den ganzen 40 Jahren ein und dieselbe Architektur geschaffen worden sei, was jedoch falsch ist. Die sowjetische Architektur kann ebenso periodisiert werden wie die Weltarchitektur, allerdings mit eigener Spezifik. Wenn wir also allen Objekten den Begriff „Modernismus“ anheften, erkennen wir bereits auf den ersten Blick, dass zwei Drittel der Objekte den grundlegenden Prinzipien des Modernismus zutiefst widersprechen. So passiert entweder ein Fehler oder eine Begriffsfälschung.

Wenn wir in der sowjetischen Nachkriegsarchitektur nach einer zweiten Welle des Modernismus suchen, die die Prinzipien der der 1920–30er Jahre fortführen, oder wenn wir versuchen, dem „Imperium des Bösen“ eine Architektur der grausamen und „militanten“ Moderne zuzuschreiben, dann suchen wir nach Wohnmaschinen à la Le Corbusier, den Doktrinen von Mies van der Rohe, dem Technokratismus von Louis Kahn, der Infernalität und dem Utopismus der sowjetischen Avantgarde. Wir suchen diese dort, wo die leichten und frivolen Konstruktionen der „sweat sixties“ aufblühen, oder wo sich schwerfällige und plumpe Theater und die Stadtexekutivkomitee-Gebäude der Breschnewschen Stagnation auftürmen, die kaum eine neue Lebensordnung verkünden. Wenn Forscher diese Gebäude als Objekte des kanonischen Modernismus kritisieren, treiben sie sich damit selbst in die Enge. Weil das, was sie kritisieren weder gemäß den Zielen noch den äußeren Charakteristiken Modernismus ist. So entstand das Bedürfnis nach äquivalenten Bezeichnungen – auf die Gefahr hin, schon wieder ein Stereotyp zu bemühen. Denn wenn wir das Erbe der Breschnew-Zeit nur nach dem Kriterium der Schwerfälligkeit „Brutalismus“ nennen, dann verleihen wir ihm damit eine „vertrauenswürdige Reputation“. Im Falle des sowjetischen Erbes funktioniert das allerdings so nicht, denn Brutalismus kann „schlecht“ sein, was seine Qualität, untalentierte Architekten oder seine Ziele betrifft, die von den Absichten der „zornigen Generation“ der britischen Brutalisten weit entfernt sind. Zudem kann er sich im Kern selbst widersprechen. So besteht der sowjetische Brutalismus schlicht nicht aus Eisen und Beton, sondern aus qualitativ schlechten Backsteinen, die mit dekorativen Steinplatten zugedeckt werden. Der sowjetische Brutalismus ist teuer, pompös, strebt nicht nach ingenieurtechnischer Innovation oder Anwendung zeitgenössischer Technologien. Er ist konservativ und nicht progressiv. Er ist ein Kind der Stagnation und des Kalten Kriegs.

Dasselbe gilt auch für den „Postmodernismus“. Eine lange Zeit war der Witz verbreitet, dass es in der UdSSR nicht nur keinen Sex geben könne, sondern auch keinen Postmodernismus –als leuchtendes Beispiel eines Oxymorons. Doch so sehr der Postmodernismus als Gipfel der Architekturentwicklung des 20. Jahrhunderts und als zutiefst reflexiver, intellektueller kritischer Stil oder gar als Methode gilt, die vor allem der Philosophie der Postmoderne entspricht, müssen die Sympathisanten des Postmodernismus dennoch anerkennen, dass es in der UdSSR nicht nur Sex, sondern auch Postmodernismus gab. Und dass auch der Postmodernismus nicht immer nur „gut“ und intellektuell anspruchsvoll ist, sondern mittelmäßig, unreflektiert und sogar langweilig sein kann, kurz: vielfältig.

Schließlich besteht das am meisten verbreitete Stereotyp darin, dass die Menschen die sowjetische Architektur nicht mögen. Als wir von Stadt zu Stadt, von Objekt zu Objekt reisten und mit sehr vielen Menschen diverser sozialer Gruppen und mit unterschiedlichem Grad des Interesses am Schicksal der Objekte sprachen, haben wir jedoch nur positive Reaktionen auf diese Architektur, Empörung über deren Zerstörung und vor allem einen tiefen Protest gegen den Verlust der sozialen und kulturellen Funktionen beobachtet, die der sowjetische Modernismus teilweise innehatte. Schon seit Jahrzehnten geistert in weltweiten wie auch in postsowjetischen Diskursen die Behauptung herum, dass die Architektur des Modernismus zerstört wird, weil sie irgendwelche „einfachen Leute“ als Nutzer dieser Architektur nicht verstehen oder annehmen würden. Aus meiner Sicht gibt es dafür keinerlei Beweise. Gefragt werden sie sowieso nicht: Ausgehend von den eigenen Zielen oder den Zielen des Big Business, mit dem die gegenwärtige Regierung oft korrupte Beziehungen unterhält, trifft im postsowjetischen Raum einzig die Regierung solche Entscheidungen. Die Gesellschaft und Aktivisten sind nicht nur aus dem Entscheidungsfindungsprozess komplett ausgeschlossen, sondern haben auch keine Möglichkeit, diesen Prozess zu beeinflussen.

Wer sind wir heute?
Beim Projektstart waren wir voller Enthusiasmus. Wir glaubten genau zu wissen, wie man alles korrigieren, verbessern und verändern kann. Als engagierte, nicht gleichgültige Forscher erlebten wir jede Objektzerstörung mit hundertfachem Schmerz und konnten uns nicht auf passive Kontemplation und Beobachtung beschränken. Angefüllt mit den Postulaten der „neuen Urbanistik“ und allen möglichen Trainings für persönlichen Erfolg und „Know-how-Workshops“, strebten wir wie Missionare selbstgefällig danach, irgendjemanden zu retten und aufzuklären. Doch die harte Realität demonstrierte die totale Unmöglichkeit, das Erbe des Modernismus zu retten oder zu erhalten. Da wir nur über beschränkte Mittel verfügen, können wir die Situation in der Ukraine nicht verändern. Und es bleibt nichts übrig als die Anerkennung der Tatsache, dass ein großer Teil der Objekte des Nachkriegsmodernismus in der Ukraine in den folgenden Jahren unvermeidlich zerstört werden wird. Das Buch wird daran nichts ändern. Was es aber tun kann, ist Fragen aufzuwerfen. Wenn dieser kleine Schritt gelingt, dann halte ich das für einen strategischen Sieg, nicht nur meinen eigenen, sondern meiner Generation.

Zu unserem Erstaunen war ein weiteres Resultat unseres Projekts das Überdenken unseres Verhältnisses zur vorangehenden Generation der „Eltern“. Hatten wir sie zuvor verurteilt, mussten wir jetzt mit Schrecken erkennen, dass wir uns in derselben Situation befanden wie sie, und gezwungen waren, ihre Verhaltensmuster zu wiederholen. Unsere Vorgänger zu beschuldigen führt uns nicht zur Lösung der Probleme, wenn wir die wahren Schuldigen des Vergangenen verbergen. Erstmals verspürte ich dieselbe Solidarität, die ich für diskriminierte Gruppen, Gleichaltrige, internationale Feministinnen und Aktivistinnen verspürte, auch für die Generation der Eltern, denen ich die Verantwortung für das, was vor sich geht, zugeschoben hatte. Der Fokus verlagerte sich auf uns selbst: Wir haben den Eltern vorgeworfen, ihre Revolution verraten zu haben. Aber verraten wir nicht gerade auch unsere eigene Revolution?

Als Antwort auf die Frage: „Was ist Modernismus?“ stellt sich eine neue Frage: „Wer sind wir?“ Aus der Suche nach Überzeugungen sind wir sprachlos hervorgegangen, doch ist mir diese Sprachlosigkeit teuer und erfüllt mich mit mehr Hoffnung als Selbsttäuschung. Das Buch konnte nicht das Ziel unseres Weges sein. Im Gegenteil ist es erst ein Anfang.

Anmerkung
1)  Titel eines Lieds der amerikanischen Rockband R.E.M. von 1991 über die Krise der Generation X.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Ievgeniia Gubkina, Architektin, Architekturhistorikerin, Mitgründerin der NGO Urban Forms Center, Charkiv, Ukraine.

pdfRGOW 4-5/2019, S. 36-39.

Regula Zwahlen

An Superlativen herrschte kein Mangel, als in Moskau vom 31. Januar bis 1. Februar der 10. Jahrestag der Amtseinführung von Patriarch Kirill gefeiert wurde. Am Festakt im Kreml, an dem hochrangige Delegationen mehrerer orthodoxer Lokalkirchen und zahlreiche Staatsbeamte teilnahmen, bezeichnete der russische Präsident Vladimir Putin die Werte der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) und anderer traditioneller Religionen in Russland als Grundlage für „Identität, Einheit und Solidarität“. Die soziale und Bildungsarbeit der ROK, die in den letzten Jahren ausgeweitet worden sei, sei „unschätzbar“. Patriarch Kirill selbst, der am 1. Februar 2009 als neuer Patriarch in der Christus-Erlöser-Kathedrale inthronisiert worden war, bewertete die Beziehungen zwischen Kirche und Staat als besser denn je zuvor in der Geschichte Russlands.

Beeindruckendes Wachstum
Den Moskauer Kreml und die Christus-Erlöser-Kathedrale zeigen auch die ersten Einstellungen des offiziellen Films des Moskauer Patriarchats mit dem Titel „Weg. Die Russische Orthodoxe Kirche 2009–2019“, mit dem die Leistungen Kirills im letzten Jahrzehnt gewürdigt werden.[1] Weltweit habe die Kirche mittlerweile 150 Mio. Mitglieder. Seit 2009 ist die Zahl der Eparchien von 150 auf 309 und die der Bischöfe von 182 auf 382 gestiegen, wobei die Mehrzahl erst während der Amtszeit Kirills geweiht wurde. Heute gibt es 40514 Kleriker, 38649 Gemeinden und 972 Klöster.

Besonders hervorgehoben werden im Film die Präsenz der Kirche in den entlegensten Gegenden Russlands sowie die Verbreitung der ROK im Ausland und die Reisetätigkeit des Patriarchen: Heute existieren in 61 Ländern 19 Eparchien, 977 Gemeinden und 40 Klöster. Die neueste Entwicklung ist die Einrichtung zweier neuer Exarchate in Westeuropa und Südasien. Während die neue Kathedrale der ROK in Paris bereits 2016 eingeweiht wurde, ist erst im Dezember 2018 der Grundstein einer Kathedrale in Singapur gelegt worden.

Veranschaulicht wird vor allem der Ausbau der Sozialdienste – über 6500 soziale Projekte – für Obdachlose, Gefängnisinsassen und Drogenabhängige sowie das Engagement für Familienwerte, gegen Abtreibung und die Einrichtung von 57 Frauenhäusern. Weitere Herzensanliegen Kirills sind Katechese und die Jugendarbeit. Unter ihm wurden 2000 orthodoxe Jugendorganisationen und 11000 Sonntagsschulen gegründet. Zudem habe Kirill drei Hauptprobleme gelöst: die Militärseelsorge, die Restitution religiöser Gebäude und die Einführung des Fachs „orthodoxe Kultur“ an den Schulen. Großen Wert legte der Patriarch auf die Verbesserung der theologischen Ausbildung auf allen geistlichen Bildungsstufen.

Zweischneidige Konsolidierung nach innen
Unbestreitbar hat Patriarch Kirill den öffentlichen Auftritt der ROK modernisiert – sie spricht heute ein jüngeres und städtischeres Publikum an. Gleichzeitig hat er die Kirche nach innen konsolidiert, was jedoch auch mit einer Zentralisierung ihrer Entscheidungsprozesse verbunden ist. Mit dem Gemeindestatut von 2009 wurde vor allem die Rolle des Bischofs gestärkt. Interne Kritiker wie der 2013 ermordete Erzpriester Pavel Adelheim wie auch Sergej Tschapnin kritisierten die Schaffung einer „vertikalen Machtstruktur“ (s. RGOW 2/2012, S. 25-27; 12/2015, S. 18-21). Der Historiker Nikolaj Mitrochin bezeichnet die von Kirill initiierte umfassende Verwaltungsreform als „Einführung eines aufgeklärten Absolutismus“.[2] So hat sich die Kirche 2017 auch mehr auf die 100-Jahrfeier der Wiedererrichtung des Patriarchenamtes von 1917 und weniger auf die Reformansätze des Landeskonzils von 1917–1918 konzentriert (s. RGOW S. 13–15). Während der „liberale Flügel“ der ROK, der große Hoffnungen in Kirill gesetzt hatte, heute enttäuscht ist, steht die Kirchenleitung innerkirchlich nach wie vor unter dem Druck anti-ökumenischer und fundamentalistischer Kräfte innerhalb der Kirche. Ihr massiver Protest gegen das Treffen von Patriarch Kirill mit Papst Franziskus im Februar 2016 hat vermutlich auch die kurzfristige Absage der Teilnahme der ROK am panorthodoxen Konzil auf Kreta im Juni 2016 bewirkt, obwohl Patriarch Kirill zu den treibenden Kräften des Konzils gehört hatte (s. RGOW 11/2016, S. 11-13).

So beeindruckend die im Film genannten Statistiken sind, mit denen die Auferstehung der ROK nach dem sowjetischen Atheismus und den chaotischen 1990er Jahren dokumentiert werden soll, sind sie doch in Beziehung zu anderen Zahlen zu setzen: Im Juli 2018 erschien Patriarch Kirill erstmals nicht mehr auf der vom Levada-Zentrum regelmäßig erstellten Liste von zehn Politikern und gesellschaftlichen Akteuren, denen die Befragten am meisten vertrauen. Schon zuvor hatten jahrelang nur ca. 5 Prozent der Befragten den Patriarchen genannt. Bekanntlich ist auch die Zahl von regelmäßigen Gottesdienstbesuchern in Russland gering, obwohl sich zwei Drittel der Russen als orthodox bezeichnen.

Nähe und Distanz
Wie die Reden von Putin und Kirill am Amtsjubiläum zeigen, besteht die Beziehung der Kirche zum Staat heute in einer grundsätzlichen Loyalität, so hob Putin eigens die „gemeinsamen Pflichten von Kirche und Staat“ hervor. In vielen Politikfeldern verfolgen Kirchenleitung und Staatsführung heute ähnliche Interessen und stimmen sich ab. Augenscheinlich wurde die Nähe von Staat und ROK etwa beim Gesetz „Zur Verteidigung religiöser Gefühle von Bürgern der Russischen Föderation“ nach dem Fall „Pussy Riot“ 2013 (s. RGOW 1/2013, S. 24–25). Der Preis dieser politischen Rolle der Kirche ist jedoch hoch. So weist Mitrochin darauf hin, dass Kirill seit 2012 in nicht-kirchlichen Kreisen einen erheblichen Imageverlust erlitten habe; die antikirchliche Stimmung habe besonders unter Jugendlichen zugenommen.

Auf ganzer Linie gescheitert ist Patriarch Kirill zudem bei der Klärung der Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und bei der Lösung der komplexen kirchlichen Situation in der Ukraine. Ausgedehnte Ukrainereisen zu Beginn seiner Amtszeit haben die Wogen nicht geglättet – im Gegenteil: Der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft mit Konstantinopel aufgrund der Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxe Kirche der Ukraine Ende 2018 hat die gesamte Orthodoxie zum Abschluss von Patriarch Kirills erster Amtsdekade in eine tiefgreifende Krise gestürzt.

[1] http://www.patriarchia.ru/db/text/5365722.html.
[2] https://meduza.io/feature/2019/02/01/vzglyadam-patriarha-kirilla-otvechaet-katolicheskaya-model-ustroystva-tserkvi.

Bild: patriarchia.ru (©Oleg Varov)

pdfRGOW 2/2019, S. 3

 

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