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RGOW 12/2020: Verordneter Stillstand und Proteste – Politik und Religion in Belarus und Russland

Seit Monaten protestieren hunderttausende Menschen in ganz Belarus gegen die manipulierten Wahlen und die exzessive Gewalt. Wie reagieren die Religionsgemeinschaften auf die Situation? Zudem werfen wir einen Blick auf die Pandemie, die Verfassungsreform, die Regionalwahlen und die Kirche in Russland.

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Projekt des Monats: Basilius-Zentrum – Neuer Fokus auf Berufsausbildung und Prävention

Das Basilius-Zentrum in St. Petersburg ist die einzige NGO in Russland, die ein soziales Rehabilitationsprogramm für 14- bis 18-jährige Jugendliche mit bedingten Haftstrafen anbietet. Im Dorf Nadkopanje soll auch eine neue Filiale mit einem Schwerpunkt auf der Berufsausbildung entstehen.

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Elena Panagiotidis

Griechenland ist bisher gut durch die Corona-Krise gesteuert, so dass Anfang Mai bereits erste Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben werden sollen. Die Gefahr einer Verbreitung des Coronavirus in den heillos überfüllten Flüchtlingslagern ist jedoch keineswegs gebannt. Wirtschaftlich trifft die Krise ein Land, das gerade erst die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise langsam hinter sich ließ.

Menoume spiti! – Dieses Schlagwort ist in Griechenland seit dem Ausbruch der Corona-Krise überall zu hören und zu lesen: „Wir bleiben zu Hause“. Und tatsächlich haben sich viele Bürgerinnen und Bürger daran gehalten. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern scheint das Land die Coronavirus-Pandemie gut im Griff zu haben. Die Infektionszahlen betragen nur ein Bruchteil dessen, was beispielsweise Italien und Spanien verzeichnen und lagen am 28. April laut Berechnungen der John Hopkins University bei 2 534 Fällen. 136 Personen sind an Covid-19 verstorben.
Diese im internationalen Vergleich recht niedrigen Zahlen veranlassten eine Reihe von Medien zu bewundernden Berichten über das Land. So titelt die Agentur Bloomberg „Humbled Greeks show the world how to handle the virus outreach“ („Die gedemütigten Griechen zeigen der Welt, wie man die Verbreitung des Virus in den Griff bekommt“). Dies wiederum vernahmen griechische Medien mit Genugtuung – schließlich hatte Griechenland jahrelang während der Finanz- und Wirtschaftskrise als schwarzes Schaf der EU gegolten, das weder seine Finanzen noch andere Dinge im Griff hat.

Staatliche und kirchliche Reaktionen
Griechenlands konservativer Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis ließ bereits im Januar einen Pandemie-Plan für den Fall eines Coronavirus-Ausbruchs ausarbeiten. Nach dem ersten bestätigten Todesfall am 12. März ließ die Regierung innerhalb von vier Tagen Bars und Restaurants sowie alle Schulen schließen. Eine Woche später folgten strenge Ausgangsbeschränkungen, so dass die Griechen fortan nur noch zu Arztbesuchen, zum Einkaufen und zur Arbeit nach draußen gehen durften.
Täglich um 17 Uhr (16 Uhr MESZ) informieren Sotiris Tsiodras, Virologe und Berater des Ministerpräsidenten in Virusfragen, und Vize-Bürgerschutzminister Nikos Hardalias im Fernsehen und per Livestream über die neusten Entwicklungen. Sie tun das in einer sehr nüchternen Weise und klar verständlichen Sprache und betonen immer, wie wichtig die Einhaltung der geltenden Regeln seien. Laut Umfragen verfolgen täglich zwei Drittel der Bevölkerung diese Briefings, und Tsiodras war laut einer Erhebung von Alpha TV Mitte April gar die beliebteste Person des Landes.
Mit besonderer Besorgnis blickte man auf das orthodoxe Osterfest, das in diesem Jahr am 19. April gefeiert wurde. Während normalerweise zu den Osterfeiertagen Hunderttausende von Griechinnen und Griechen in ihre Herkunftsdörfer fahren oder einen Kurzurlaub auf den Inseln einlegen, mussten diesmal alle zu Hause bleiben. Die Mautstationen an den Autobahnen wurden streng bewacht, und der Fährverkehr ist bereits seit längerem stark eingeschränkt. Die österlichen Liturgien fanden hinter verschlossenen Türen statt, Prozessionen hinter dem Epitaphios fielen ebenfalls aus. Das Osterlicht aus Jerusalem wurde in einer aufwändigen Prozedur aus Israel ausgeflogen, wobei die im Flugzeug sitzenden Kleriker das Flugzeug nicht verließen, sondern sich das Licht vom griechischen Botschafter in Tel Aviv an die Flugzeugtreppe bringen ließen, wie griechische Fernsehsender dokumentierten.
Bis auf Einzelfälle, in denen sich Priester nicht an die Regeln hielten und beispielsweise bei offenen Kirchentüren feierten, oder wo Gläubige versuchten, sich Zugang auf Kirchengelände zu verschaffen, wurden die Regeln weitgehend eingehalten. Am Karfreitag wurden etwa ein Dutzend Personen in Patras verhaftet, nachdem sie in eine Kirche eindringen wollten, unter den Personen sollen sich auch einige Rechtsextremisten befunden haben.
Auch die Kirchenleitung, die Hl. Synode, geht mit den Maßnahmen der Regierung konform und unterstützt diese. „Die Kirche ist nicht nur ein Ort … nicht nur Mauern und ein Dach, sondern eine Lebensweise. Es gibt einen anderen Weg, Gott zu treffen“, erklärte der Sprecher der Hl Synode, Bischof Ierotheos (Vlachos) von Nafpaktos, gegenüber Reuters.
Für Empörung bei vielen Priestern sorgte jedoch ein Konzert der Musikerin Alkistis Protopsalti, die singend mit ihrer Band in der Woche nach Ostern auf einem Bus mit geöffnetem Verdeck durch die Straßen Athens tourte, um die Stimmung in der Bevölkerung zu heben und sich beim medizinischen Personal zu bedanken. Daraufhin öffneten einige Priester am Sonntag, 26. April, wieder ihre Kirchentüren. Bischof Theoklitos (Lamprinakos) von Stagai und Meteora nannte die Aktion der Sängerin „nicht zu rechtfertigen“, nachdem Kleriker die traditionelle Karfreitagsprozession nicht hätten abhalten dürfen. Der Athener Erzbischof Ieronymos (Liapis) hat sich Ende April im Namen aller 96 Bischöfe an Ministerpräsident Mitsotakis gewandt und um die Erlaubnis gebeten, die Kirchen unter Einhaltung der Abstandsregeln wieder zu öffnen.

Prekäre Situation in den Flüchtlingslagern
Eine besondere Sorge gilt der Situation in den Flüchtlingslagern in Griechenland. Bis zum 25. April wurden drei Heime auf dem Festland unter Quarantäne gestellt, nachdem dort Infektionen mit Sars-CoV-2 festgestellt worden waren. In der Kleinstadt Kranidi auf der Peleponnes wurden in einem Hotel, in dem hauptsächlich Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern untergebracht sind, 150 der 497 Bewohner positiv getestet. Keiner von ihnen soll laut griechischen Behörden Symptome verspüren.
Weitaus prekärer ist die Situation auf den ostägäischen Inseln. Bisher sind dort noch keine Covid-19-Fälle registriert worden, doch Mediziner befürchten, dass dies nur eine Frage der Zeit ist. So wäre ein Ausbruch im Lager Moria, in dem fast 19 000 Personen unter elenden Bedingungen ausharren, ein Schreckensszenario sondergleichen: Abstand halten ist hier nicht möglich und regelmäßiges Händewaschen aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen nicht umsetzbar. Aktuell halten sich laut offiziellen Angaben etwa 38 500 Migranten und Flüchtlinge auf den ägäischen Inseln auf. Die Regierung hat in den vergangenen drei Monaten rund 11 000 Personen aufs Festland evakuiert und zusätzliches Personal für die Lager auf Lesbos, Samos, Chios, Leros und Kos entsandt sowie Container-Isolierstationen errichtet. Doch die Angst unter den Flüchtlingen wächst, in Moria protestierten Hunderte von Migranten in der Hoffnung, ebenfalls aufs Festland evakuiert zu werden (die Regierung konzentriert sich bei den Aktionen auf Familien, unbegleitete Kinder und alte Menschen). Auch die Bürgermeister der betroffenen Kommunen auf den Inseln fordern seit langem eine Evakuierung der hoffnungslos überfüllten Lager. Die Situation in den Lagern ist auch ohne Bedrohung durch die Coronavirus-Pandemie schon bedrückend genug. So kommt es nicht nur immer wieder zu Handgemengen zwischen den Flüchtlingen. Auch versuchen Einheimische das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Ende April wurde ein 55-jähriger Viehzüchter dem Haftrichter vorgeführt, nachdem er mit einem Jagdgewehr auf vier Migranten geschossen hatte, weil er sie des Viehdiebstahls verdächtigte.
Eine von der EU versprochene Umverteilungsaktion kommt nur schleppend voran. Acht EU-Staaten wollen rund 1 600 unbegleitete Kinder und Jugendliche aufnehmen. Doch bisher hat erst Luxemburg Mitte April 12 Kinder aufgenommen, gefolgt von Deutschland, das rund 47 Jugendliche von den Inseln über Athen ausflog. Die Schweizer Regierung möchte lieber vor Ort helfen und hat 1,1 Mio. Franken gesprochen, die Kindern in den Lagern auf den Inseln zugutekommen sollen. Das Geld geht an die Orthodoxe Kirche von Griechenland, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und das Rote Kreuz (bzw. Roter Halbmond). Zudem sollen 22 Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, die bereits Verwandte in der Schweiz haben.

Wirtschaftlicher Einbruch
Der wirtschaftliche Preis der Beschränkungen wird, hier stellt Griechenland keine Ausnahme dar, hoch sein: Finanzminister Christos Staikouras ging Ende April davon aus, dass das Bruttoinlandprodukt um 5 bis 10 Prozent infolge der Pandemie schrumpfen wird, nachdem Griechenland nach zehnjähriger Schuldenkrise im vergangenen Jahr ein Plus von 1,9 Prozent erreicht hatte. Der zuletzt boomende Tourismussektor (33 Millionen Touristen besuchten im vergangenen Jahr Griechenland) wird einbrechen, auch wenn jetzt noch nicht absehbar ist, wie sich die Fallzahlen weltweit entwickeln, und wie lange die derzeit verhängten Reisebeschränkungen bestehen bleiben. So geht der Verband der griechischen Reiseagenturen davon aus, dass dieses Jahr „eine Katastrophe“ wird. Und auch der Präsident der griechischen Hotelkammer ist pessimistisch. So befürchteten 65 Prozent der griechischen Hoteliers einen Bankrott. Tourismusminister Haris Theoharis dagegen hofft, die Sommersaison noch retten zu können und schon im Juli wieder für Touristen bereit zu sein, wie er der BBC am 23. April sagte. Zwar könne sich Griechenland wohl nicht für alle Ländern öffnen, doch müsse man an bilateralen Möglichkeiten arbeiten.
45 000 Personen haben bereits ihren Job im Tourismussektor verloren. Generell wird befürchtet, dass die Arbeitslosigkeit auf mindestens 22 Prozent ansteigt, nachdem sie vor der Corona-Krise rund 16 Prozent betragen hatte. Wichtige Privatisierungsvorhaben und Investitionsprojekte sind derzeit auf Eis gelegt. Die Regierung hat bereits ein erstes Rettungspaket in Höhe von 10 Mia. Euro aufgelegt. Unter anderem sollen einmalige Sonderzahlungen in Höhe von 800 Euro an rund 1,7 Mio. Beschäftigte im Privatsektor gezahlt werden.
Wie westeuropäische Landwirte auf meist osteuropäische Erntehelfer angewiesen sind, ist auch Griechenland auf Zehntausende von Obst- und Gemüsepflückern aus dem Ausland angewiesen. Nach Gesprächen zwischen Mitsotakis und seinem albanischen Amtskollegen Edi Rama sollen Mitte Mai rund 50 000 Erntehelfer aus Albanien einreisen dürfen (die Grenze zwischen den beiden Ländern ist derzeit geschlossen) und sich nach ein paar Tagen in Quarantäne an die Arbeit machen.

***

Während die Griechen also Menoume spiti recht diszipliniert beherzigt haben, sollen ab Anfang Mai unter dem Stichwort Vgainoume apo to spiti („Wir verlassen das Haus“) die ersten Maßnahmen gelockert werden. So sollen ab 4. Mai die Geschäfte wieder öffnen, ab Mitte Mai sollen die älteren Sekundarschüler wieder in die Schulen zurückkehren (während Grundschulen und Kindergärten weiterhin geschlossen bleiben) und Reisen innerhalb des Landes wieder ohne Einschränkungen möglich sein. Auch sollen Gläubige ab dem 4. Mai wieder für ein persönliches Gebet in die Kirchen gehen dürfen, ab dem 17. Mai soll auch die Teilnahme an Gottesdiensten wieder erlaubt sein. Auf Rituale wie das Küssen von Ikonen oder der Hand des Priesters wird man jedoch weiterhin verzichten müssen, wie Infektionsspezialisten bereits erklärten.

Elena Panagiotidis ist Redakteurin bei der Neuen Zürcher Zeitung.

pdfRGOW 5/2020, S. 24-25

Bild: Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis (zweiter von rechts) besucht mit Gesundheitsminister Vassilis Kikilias (ganz links) das Krankenhaus „Sotiria“ in Athen. (EPA/Alejandros Beltes)

Elżbieta Adamiak

Neben den großen Gestalten der polnischen Kirchengeschichte wird die Rolle der Frauen im kirchlichen Leben häufig übersehen. Vom Reformwillen des Zweiten Vatikanums haben die Frauen kaum profitiert, obwohl sie unter den Gläubigen und an den theologischen Fakultäten die Mehrheit stellen. Diverse Frauenorganisationen sind im diakonischen und Bildungsbereich tätig und verschaffen sich auch zunehmend in aktuellen öffentlichen Debatten Gehör.

Das Bild der katholischen Kirche in Polen unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem der Weltkirche: es ist eine von geweihten Männer geleitete Frauenkirche. Der Alltag der kirchlichen Gebetspraxis, der karitativen Arbeit und des Religionsunterrichts in der Schule wird mehrheitlich von Frauen gelebt und geleistet. Höhere Lehrtätigkeiten und wichtige Entscheidungspositionen in den Machtstrukturen sind fast durchgängig Priestern vorbehalten. Was einen Unterschied zu säkularisierteren westlichen Gesellschaften ausmachen kann, ist der Rang, der dem Glauben in der Bevölkerung insgesamt und speziell bei Frauen zugeschrieben wird. Wenn wir vom „Glauben“ im polnischen Kontext reden, dann ist dies für die meisten der Katholizismus.

Kirchengeschichte als Frauengeschichte
Die Dominanz der römisch-katholischen Kirche erklärt sich aus der komplexen polnischen Geschichte. Im 10. Jahrhundert nimmt Polen das Christentum in der lateinischen Form an. Im 19. Jahrhundert, einer Zeit der wachsenden Bedeutung von Nationalstaaten, existiert Polen auf der Landkarte Europas nicht, denn Polen ist zwischen dem protestantischen Preußen, dem orthodoxen Russland und dem katholischen Österreich aufgeteilt. In dieser Situation kommt es zu zwei, bis heute prägenden Entwicklungen: Erstens der Mythos einer Verbindung zwischen der polnischen nationalen Identität und dem Katholizismus. Dies geschieht auch in Abgrenzung gegen die zwei stärksten feindlichen Nachbarn. Zweitens entwickelt sich eine gesellschaftliche Praxis, gegenüber den offiziellen Strukturen distanziert zu sein und dafür den informellen Einfluß höher zu schätzen. Daraus erwächst den Frauen eine besondere Rolle, da sie vor allem in informellen Kontexten wie Familienverband und Kindererziehung prägend tätig sind.
Die Theologin Monika Waluś erforscht diese Epoche unter Frauenperspektive. Sie beschäftigt sich mit der Geschichte polnischer Ordensgründerinnen seit dem 18. Jahrhundert, mit deren Theologie und ihrem Verständnis einer der christlichen Berufung entsprechenden Frauenrolle. Waluś ruft uns die in Archiven gesammelten, aber kaum bekannten Schriften dieser Frauen in Erinnerung. In ihrer Erforschung der Kirchengeschichte als Frauengeschichte verbindet sie zwei gesellschaftliche Bereiche bzw. wissenschaftliche Disziplinen, die sich selbst nicht als sehr nahe stehend erleben: Theologische Forschungen, die sich mit der Geschichte der Spiritualität befassen, und feministische Ansätze, die im wissenschaftlichen Diskurs meist unter Gender Studies zu finden sind. Beiden Forschungsrichtungen, konstatiert Waluś, „fehlt das Bewusstsein, dass ihre [gemeint sind die Ordensgründerinnen] Liebe zu Gott und das Bedürfnis, seinem Willen zu folgen, sie zu fast revolutionären Schritten geführt haben, die die Situation von Frauen nicht nur in Polen beeinflusst haben. […] Es ging ihnen um die Suche nach dem Willen Gottes und nicht um das Durchbrechen von Klischees, aber unterwegs stellte sich heraus, dass der Wille Gottes die [Geschlechter-] Klischees durchbricht. […] Sie forderten im Namen des Evangeliums, dass Rolle, Rechte und Identität von Frauen anerkannt werden müssen.“1
Waluś zeigt damit, dass es Frauen gewesen sind, die in den Zeiten nicht existierender staatlicher Strukturen in der Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens federführend waren. Ihr Engagement auf religiösem Gebiet und aus religiöser Motivation heraus brachte eine Veränderung der Frauenrollen mit sich. Monika Waluś steht mit ihrer Forschung in den Fußstapfen von Schwester Małgorzata Borkowska, einer Benediktinerin, die die Geschichte der Frauenorden bis zur Zeit der Teilung Polens bearbeitet hat.

Ausbleibende Reformen
Die Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg bringt für Polen die ersehnte nationale Souveränität (s. RGOW 9/2018, S. 7–9). Doch dann führt der Zweite Weltkrieg nicht nur zu großen Verlusten in der Bevölkerung, sondern verändert auch die Staatsgrenzen beträchtlich und ordnet Polen dem sozialistischen Ostblock zu. Als unvohergesehene Folge dieser Veränderungen gehören nun über 90 % der Bevölkerung der katholischen Kirche an. Zwar wird die Kirche unter den neuen Machtkonstellationen aus prinzipiellen Gründen verfolgt (mehr oder weniger intensiv in verschiedenen Dekaden), sie gewinnt aber auch zunehmend an gesellschaftlicher und politischer Annerkennung wegen ihres Widerstand gegen diesen Staat. Frauen sind erneut im Hintergrund aktiv, an vorderster Linie treten mit Kardinal Stefan Wyszyński und Kardinal Karol Wojtyła, dem späteren Papst Johannes Paul II., zwei maßgebliche Führungsgestalten hervor.
In die Nachkriegszeit fällt auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965). Das Hauptanliegen des Konzils ist die Reform der Kirche. Dazu zählt auch die Anerkenung der tragenden Rolle der Gläubigen – in kirchlicher Sprache: der Laien. Die Mehrheit der engagierten Laien sind Frauen. Weltweit sollen jetzt die Reformen des Konzils eingeführt werden. In Polen, wie in anderen sozialistischen Ländern – mit der offiziell verordneten atheistischen Propaganda und entsprechenden Sicherheitsdiensten –, ist dies aber nur begrenzt möglich. Doch auch nach 1989 verbessert sich die Situation nicht, obwohl die politischen Barrieren aus dem Weg geräumt sind. Im Gegenteil: zumeist fehlt schon das Bewußtsein für ein Reformbedürfnis. Es entstehen sogar traditionalistische Gruppen, die bereits die wenigen eingeführten Reformen kritisieren und zum vorkonziliaren Status quo zurückkehren wollen.
Dieses Reformdefizit betrifft auch Frauen. Darauf hinzuweisen werden die Milieus der sog. offenen Kirche nicht müde. Aus diesen Kreisen stammt die erste Theologin, die sich ausführlich mit der Frauenfrage in der Kirche beschäftigte – Stanisława Grabska (1922–2008). Sie war die erste Polin, die in Theologie promovierte und zwar 1973 an der Katholischen Universität Louvain in Belgien. Grabska war nie als Theologin berufstätig, theologisch arbeitete sie ehrenamtlich mit Menschen und veröffentlichte als freie Publizistin zahlreiche Werke. Sie scheute sich nicht, ihre eigene kritische Meinung zu äußern, auch zur Frauenfrage. Noch in der Konzilszeit schrieb Grabska 1965: „Unabhängig davon, wie sich die Zusammenarbeit von Frauen und Männern in der Kirche gestalten wird, zweifellos muss sie in Richtung Gleichheit und Gleichwertigkeit schreiten und in Richtung der maximalen Wahlfreiheit der Lebenswege.“2
Jahre später kommentierte sie die Einstellung von Papst Johannes Paul II. Frauen gegenüber: „Ich träume davon, dass die Kirche weiter geht als der Papst in der Anerkennung der neuen Rolle von Frauen in der Kirche, und dass sie – die Kirche – über die Möglichkeit der niederen Weihen (wie es früher genannt wurde) und des Diakonats nachdenkt, auch über Frauen als Kommunionhelferinnen. Ich träume davon, dass die Kirche den kulturellen Wandel von der patriarchalen Familie zum Modell der partnerschaftlichen Familie akzeptiert. Aber darauf muss man noch lange warten und solche Veränderungen werden nicht mehr in meiner Lebenszeit stattfinden. Heute ist wohl nicht die ganze Kirche reif genug für solche Veränderungen.“3
Grabskas theologischer Weg zeigt die anfängliche Hoffnung, dass sich in der Umbruchzeit der Kirche auch die Rolle der Frauen ändern wird. Doch gegen Ende ihres Lebens verlor sie sogar die Hoffnung, dass die Kirche in Polen überhaupt Frauen zu den – in anderen Ortskirchen selbstverständlichen – Funktionen wie die der Kommunionhelferin zulässt.

Frauen in der kirchlichen Statistik
In diesem Kontext ist es hilfreich, einige Ergebnisse des Statistik-Institutes der Katholischen Kirche in Polen (Instytut Statystyki Kościoła Katolickiego w Polsce) hinzuzuziehen. 2015 veröffentlichte das Institut einen Bericht zur „Religiosität und Aktivität von Frauen in der katholischen Kirche in Polen“.4Seither gab es keinen weiteren Bericht zu diesem Themenkomplex. Laut einer begleitenden Beobachtung ist allerdings auch keine maßgebliche Veränderung oder gar ein Bruch zwischen damals und heute festzustellen. Die Arbeitsmethode des Berichts – Befragung der Untersuchten anhand vorgegebener Fragen – gibt einen Einblick darin, wie Frauen sich selbst darstellen. Diese Angaben werden mit vergleichbaren Daten einer Befragung von Männern zusammengestellt.
Hier seien nur einige Ergebnisse dieser Befragungen genannt. Den Glauben als einen wichtigen Wert in ihren Leben bezeichnen über 80 Prozent der polnischen Frauen und 68 Prozent der Männer als groß oder sehr groß. Nach der Häufigkeit der religiösen Praktiken gefragt, geben 56,3 Prozent Frauen an, regelmässig zu praktizieren und 24,8 % unregelmässig (bei Männern 37,3 und 28,5 Prozent). Frauen machen über zwei Drittel derer aus, die zur Kommunion gehen (67,6 Prozent). Der Bericht benennt detailiertere Aspekte des Wirkens von Frauen in der Kirche. Das Engagement von Männer ist eindeutig geringer.
Zwei Aspekte der Untersuchung will ich hervorheben, da sie für die gesellschaftliche und innerkirchliche Wahrnehmung signifikant sind. Auf die Frage, ob Abtreibung akzeptabel ist, geben 69,3 Prozent der Frauen und 59,1 Prozent der Männer an, dass diese nicht zulässig sei. Diese Frage beschäftigte die polnische Gesellschaft in den ersten Jahren nach 1989 enorm, da in dieser Zeit ein neues Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch verabschiedet wurde. Zugleicht kristallisierte sich – durch entsprechende Positionierung in dieser Debatte – eine säkuläre Frauenbewegung heraus, wie dies auch in anderen westlichen Gesellschaften der Fall war.
Andere Angaben des Berichts beziehen sich auf die Organisationen, die „einen typischen Frauencharakter“ haben. Leider werden die Kriterien dafür nicht angegeben, was eine solche Organisation abgesehen vom weiblichen Geschlecht ihrer Mitglieder von den anderen unterscheiden sollte. Interessant sind zwei der aufgelisteten Organisationen bzw. Gruppen, die eine eindeutige Mehrheit von Anhängerinnen haben. Die erste Gruppe bilden Mädchen, die sich aktiv an der Liturgie beteiligen. Da Mädchen und Frauen in den meisten Diözesen nicht als Ministrantinnen oder Lektorinnen zugelassen werden, werden sie auch nicht in Ministranten- und Lektorengruppen zugelassen. Im „Mädchen Mariendienst“ (Dziewczęca Służba Maryjna) – in anderen Gegenden „Bielanki“ genannt – nehmen Mädchen an den Gottesdiensten in besonderen Gewändern teil (charakterisiert durch eine kleine Pelerine). Sie singen Psalmen und bringen die Gaben zum Altar. Sie werfen bei den Fronleichnamsprozessionen feierlich die Blumen vor das Allerheiligste. Sie erfüllen auch andere Hilfsfunktionen in einer Gemeinde. Die zweite Gruppe bilden die sog. „Rosenkranzmütter“, d. h. Frauenkreise in der Gemeinde, deren Teilnehmerinnen reihum jeden Tag einen Rosenkranz beten.
Der Bericht zeichnet also ein Bild, in dem Frauen vorwiegend im Bereich des Betens mitwirken und zwar in solchen Formen, die die vorgegebenen Grenzen des liturgischen Lebens für Mädchen und Frauen nicht antasten. Mädchen erhalten zwar Funktionen und Aufgaben im Rahmen von Gottesdienst und kirchlichen Feiern – diese sind aber eher als schmückendes Beiwerk anzusehen und nicht als ernsthafte Einbindung ins liturgische Geschehen, wie dies beim Ministrantendienst gegeben ist.
Erstaunlicherweise wurden in diesem Bericht keine Untersuchungen zur Situation von Frauen an den theologischen Fakultäten gemacht. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist aber bekannt, dass es eine enorme Diskrepanz zwischen Männern und Frauen im wissenschaftlichen Theologiebetrieb gibt, obwohl Frauen die Mehrheit der Theologiestudierenden ausmachen. Doch trotz leicht steigender Tendenz bilden Theologinnen mit ca. 10 Prozent aller zum Lehrkörper gehörender Personen eine erschreckend kleine Minderheit.

Katholische Frauenorganisationen
Die diakonische Verwirklichung der Kirche scheint beim Statistik-Institut der Katholischen Kirche in Polen ebenfalls nicht im Fokus des Interesses zu stehen, wenn es um das Engagement von Frauen geht. Hierzu will ich exemplarisch eine Frau hervorheben, die dafür mit ihrem Leben steht und in der Öffentlichkeit bekannt ist: Schwester Małgorzata Chmielewska. Sie gehört der Neuen Geistlichen Gemeinschaft Das Brot des Lebens an, die 1976 als Pain de Vie in Frankreich gegründet wurde. Der polnische Zweig dieser Gemeinschaft unter Leitung von Schwester Chmielewska lebt mit den Ärmsten: Langzeitarbeits- und Obdachlose, alleinstehende Mütter, die ohne ausreichende Mittel zum Überleben davon bedroht sind, ihre Kinder abgeben zu müssen. Die spirituelle Mitte der Gemeinschaft ist die Eucharistie, die Alltagspraxis wird nach einem sozialen Modell der Wirtschaft gestaltet. Es geht Schwester Chmielewska um eine Begleitung von Menschen in Notlagen, oft um ein Herauskommen aus Alkoholabhängigkeit. Einige selbst geführte kleine Werkstätten und Weiterbildungsmöglichkeiten sollen Menschen in Krisensituationen eine Zukunft eröffnen. Schwester Chmielewska ist medial für ihre spitze Zunge bekannt, aber auch dafür, dass sie selbst für einige Kinder rechtlich als Pflegemutter anerkannt ist, was auch von der ganzen Gemeinschaft mitgetragen wird.
Daneben gibt es aber auch noch andere kirchliche Frauenorganisationen: der Polnische Verband Katholischer Frauen, der Verein Forum Polnischer Frauen und der Verein Amicta Sole.5 Auch in ökumenischen Frauenorganisationen sind Katholikinnen aktiv: der polnische Zweig der YWCA, die auch in Polen vorhandene Arbeitsstruktur zur Vorbereitung und Feier des Internationalen Weltgebetstag der Frauen und die polnische Sektion der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen.
Die ersten drei genannten Organisationen entstanden während der heißesten Phase der Debatte um den Schwangerschaftsabbruch. Als herausragende Anliegen katholischer Frauen und damit auch ihrer Organisationen betrachteten sie das Eintreten für das menschliche Leben von seinem Beginn an und die Sorge um die als traditionell verstandene Familie. Eine detailliertere Darstellung der Debatte ist hier aus Platzgründen nicht möglich, zusammenfassend lässt sich aber sagen, dass die grundsätzliche Ausrichtung der katholischen Frauenverbände in Opposition zu den säkularen, gesellschaftspolitisch agierenden Frauenorganisationen steht. Eine Ausnahme bildete der polnische Zweig der YWCA, in dem neben jungen auch ältere Frauen engagiert sind. Sie hatten sich gegen das neue restriktivere Abtreibungsgesetz positioniert.
Der katholische Verein Amicta Sole (gegründet 2008) und die polnische Sektion der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen setzen sich für die Bildung von Frauen ein und sind entstanden, weil die Gründungsfrauen vor allem im Bildungsbereich, in Forschung und Wissenschaft beschäftigt sind – nicht selten aber in prekären Verhältnissen. Amicta Sole setzt sich ausdrücklich dafür ein, Katholikinnen und Katholiken die Lehre der Kirche zu Frauen sowie das Wissen über Frauen in der Kirchengeschichte näher zu bringen und die kirchenrechtlich anerkannten Dienste und Funktionen für Frauen auch in Polen umzusetzen, denn im Alltag des Gemeindelebens ist bis heute wenig davon realisiert ist. Dem Verein sind auch die ersten innerkirchlichen Bezeugungen von sexuellem Missbrauch an Ordensschwestern durch männliche Geistliche zu verdanken.
Um das intellektuelle Potential dieser Organisation zu beschreiben, seien hier einige Mitgliedsfrauen des Vereins erwähnt, die an öffentlichen Diskussionen zu religiösen Fragen teilnehmen: Mutter Jolanta Olech, langjährige Oberin der von Urszula Ledóchowska gegründeten Ursulinen und Vorsitzende des Rates der Oberinnen der Frauenorden in Polen; die Theologin Monika Waluś; die katholische Journalistin Alina Petrowa-Wasilewicz; die beiden Soziologinnen Maria Rogaczewska und Inka Słodkowska; die Arabistin Agata Nalborczyk-Skowron (s. RGOW 9/2011, S. 12–15). Mehrere Veröffentlichungen und Auftritte dieser und weiterer nicht namentlich erwähnter, kirchlich engagierter Frauen zeigen, dass ein gemeinsames Ziel eine Vielfalt von fachlichen und persönlichen Zugängen vereinen kann.
Stellvertretend für die jüngere Generation von Frauen in der Kirche sei hier Zuzanna Radzik, Theologin und Journalistin, genannt. Vernetzt mit neueren internationalen Organisationen wie Voices of Faithoder Catholic Women’s Councilbringt sie theologische Reflexion mit aktiver Teilnahme an Aktionen der (Frauen-)Bewegungen zusammen. In ihren Schriften greift sie die „klassischen“ feministisch-theologischen Themen wie Frauenkirche oder die Wiedergewinnung der Frauengeschichte auf. Sie beschreibt u. a. wie Frauen die Kirche von Anfang ihrer Geschichte an mitgestaltet haben. Diese Erinnerungspraxis an Frauen verbindet sie mit mutigen Auslegungen, die sich auf die heutigen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen beziehen. Zur aktuellen Situation von Frauen in der Kirche befindet sie: „Es gibt kein selbstverständliches Forum für Frauen, in dem sie reden und gehört werden können. Wir bekommen manchmal das Recht, zu reden, aber erst nach einer entsprechenden Selektion, durchgeführt von Männern, die die Debatte managen. Die entsprechenden Frauen werden so ausgewählt, dass sie nichts sagen, was die Männer reizen könnte.“6 Die genannten weltweiten Bewegungen versteht sie als Aufbau solcher Foren, in denen Frauen frei reden, sich gegenseitig zuhören und damit ihren Stimmen breites Gehör verschaffen können. Diese Foren sind über soziale Netzwerke und digitale Medien global erreichbar.

Neue Debatten
Seit einigen Jahren – in Polen deutlich nach der Ratifitzierung der sog. Istanbul-Konvention, d. h. dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewaltim Jahr 2014, entzündet sich eine Anti-Gender-Kampagne. Die Konvention benutzt den Begriff „Gender“, d. h. eines sozial und kulturell verstandenen Geschlechts – in Unterscheidung vom biologischen Geschlecht. Von einigen kirchlich motivierten Gegnern, darunter Bischöfen wird ein solches Konzept als Infragestellung des Naturrechts und damit als eine Ideologie missverstanden und abgewertet.
Zweitens konzentriert sich die öffentliche Debatte in den letzten Jahren auf nicht-heteronormative Lebensformen. Als eine Konsequenz der oben genannten Anti-Gender-Argumentation verstanden, werden sie von einigen Mitgliedern der Polnischen Bischofskonferenz zu einer LGBT-Ideologie erklärt und verworfen (s. RGOW 9/2019, S. 4). Dies stößt allerdings nicht nur auf den Widerstand säkularer Organisationen, sondern auch von der christlichen, ökumenisch aufgestellten Gruppe „Glaube und Regenbogen“ (s. RGOW 8/2016, S. 20–22). Diese Gruppe hat u. a. eine Medienkampagne durchgeführt, die ein gutes Zusammenleben aller Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, durch die Abbildung des liturgischen Friedensgrußes in Verbindung mit den Farben der Regenbogen-Fahne versinnbildlichte. Diese Aktion, die eine christliche Haltung fern von Abgrenzung und Ausschluss der „Anderen“ propagierte, stieß in der polnischen Gesellschaft auf breite und wohlwollende Annahme.
Das dritte Thema, weltweit nicht neu, in Polen weit davon entfernt, von den Entscheidungsträgern der Kirche ernst genommen zu werden, sind die zahlreichen Taten von sexuellem Missbrauch begangen von Diakonen, Priestern, Ordensmännern und Bischöfen. Die Leidenserfahrungen, die die betroffenen Frauen und Männer oft erst nach vielen Jahren ins Wort bringen können, und die Aufdeckung der systematischen Vertuschung von Tätern und Taten durch Seilschaften innerhalb der katholischen Hierarchie verursachen eine Glaubwürdigkeitskrise der Amtskirche (s. RGOW 11/2019, S. 10–12).
Der Verlauf dieser drei grundsätzlichen Debatten wird das Antlitz der Kirche, vor allem auch der Amtskirche in der Zukunft bestimmen. Und hoffentlich wird es ein viel menschlicheres, ein weiblicheres Antlitz sein.

Anmerkungen
1)  Waluś, Monika: Cherchez la femme. À la recherche des inspiratrices de congrégations féminines sur les territoires polonais. In: Theologische Frauenforschung in Mittel-Ost-Europa. Jahrbuch der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen 11 (2003), S. 161–184, hier S. 180. Vgl. auch Inspiratorki, liderki, założycielki. Aktywność przedstawicielek katolickich wspólnot i ruchów kobiecych w Polsce (1805–1963). Bd. 1 Leksykon biograficzny, Bd. 2 Antologia pism, hrsg. von Monika Waluś, Kazimierz Pek, Bearbeitung der Biogramme: Monika Waluś. Lublin 2013.
2)  Grabska, Stanisława: Kobiety w Kościele. In: Więź 8, 6 (1965), S. 51.
3)  Ciekawość nieba, ciekawość ziemi. Ze Stanisławą Grabską rozmawia Irena Stopierzyńska, Biblioteka „Więzi” [t. 122]. Warszawa 2000, S. 104.
4)  Instytut Statystyki Kościoła Katolickiego w Polsce, Religijność i aktywność kobiet w Kościele katolickim w Polsce: http://iskk.pl/images/stories/Instytut/dane/ISKK_Kobiety_Religijnosc_2015.pdf.
5)  Staśkiewicz, Joanna: Katholische Frauenbewegung in Polen? Zum Wandel der Geschlechterverhältnisse in der katholischen Kirche in Polen nach 1989. Bielefeld 2018.
6)  Radzik, Zuzann: Na wiele lat straciłyśny swoje prawo do Kościoła, https://deon.pl/wiara/wiara-i-spoleczenstwo/zuzanna-radzik-na-wiele-lat-stracilysmy-swoje-prawo-do-kosciola,509973.

Elżbieta Adamiak, Prof. Dr., Professorin für Fundamentaltheologie und Dogmatik am Institut für Katholische Theologie am Campus Landau der Universität Koblenz-Landau.

pdfRGOW 4/2020, S. 10-13

Aus RGOW 4/2020: Verändern oder Verdrängen. Frauen in den Kirchen

 

Olga Tokariuk

Angesichts des desolaten Gesundheitssystems sind in der Ukraine die Ängste vor dem Coronavirus besonders groß. Die Regierung reagierte daher bereits früh mit restriktiven Maßnahmen. Bei der Beseitigung grundlegender Probleme im Gesundheitsbereich erweist sich jedoch der Staat weiterhin als schwach, so dass er auf die Hilfe der Zivilgesellschaft angewiesen ist.

Die Ukraine mit ihren rund 40 Mio. Einwohnern ist eines der ärmsten Länder in Europa. Ihr Gesundheitswesen ist seit der Unabhängigkeit 1991 unterfinanziert. Das löste Ängste vor einem Coronavirus-Ausbruch und seinen möglichen Auswirkungen auf ein sowieso schon schwaches und verarmtes System aus. Doch seit den ersten Covid-19-Fällen in der Ukraine kam es nicht zur Katastrophe, auch dank eines strikten Lockdowns, der allerdings einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft hat.

Erste entdeckte Fälle
Der erste Covid-19-Fall der Ukraine wurde am 3. März bei einem Mann bestätigt, der aus Italien in die südwestliche Region Czernowitz zurückgekehrt war. Er begab sich in Selbstisolation und als sich sein Zustand verschlechterte, wurde er positiv auf das Coronavirus getestet. Bald wurden in Czernowitz weitere Fälle entdeckt. Diese und benachbarte Regionen in der Westukraine wurden zu den ersten Hotspots der Epidemie, als die Infektion bei vielen Arbeitsmigranten festgestellt wurde, die aus EU-Staaten zurückgekehrt waren.
In der westlichen Region Ternopil ließen sich die ersten Corona-Fälle auf einen infizierten Priester zurückverfolgen. Am 20. März hatte der Präsident der benachbarten Republik Moldau Alarm geschlagen, weil sich mehrere zurückgekehrte Pilger von der Lavra von Potschaev, einem beliebten orthodoxen Kloster in Ternopil, dort mit Covid-19 angesteckt hatten. Die Kirchen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) des Moskauer Patriarchats, deren Priester die Gefahren des Virus herunterspielten und Gemeindemitglieder einluden, in die Gotteshäuser zu kommen und Ikonen zu küssen, sind in der ganzen Ukraine zu Hotspots der Epidemie geworden. Im Kiewer Höhlenkloster allein gibt es mehr als 100 Fälle. Während andere große Glaubensgemeinschaften wie die Orthodoxe Kirche der Ukraine und die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche ihre Kirchen schlossen und die Gläubigen aufriefen, an Ostern zuhause zu bleiben, führte die UOK am 19. April öffentliche Ostergottesdienste durch, was in der ganzen Ukraine ca. 130 000 Gläubige anzog. Besonders frappierend waren Bilder von der Lavra von Svjatohirsk in der Region Donezk, wo Hunderte Menschen ohne Masken nahe beieinanderstanden. Die Polizei eröffnete mehrere Untersuchungen gegen Geistliche der UOK.
In der zweiten Märzhälfte wurden auch Covid-19-Fälle in der Hauptstadt Kiew bestätigt. Mehrere Parlamentsabgeordnete, Richter und Anwälte wurden positiv getestet, nachdem sie aus dem französischen Skiort Courchevel zurückgekehrt waren. Viele von ihnen suchten zunächst keine medizinische Hilfe und isolierten sich vor der Diagnose nicht. Insbesondere der Parlamentarier Serhyj Schachov hatte laut ukrainischen Medien mit Dutzenden Personen Kontakt, mindestens drei wurden später positiv getestet. Ende April sind noch immer die Regionen Kiew und Czernowitz die Epizentren der Coronavirus-Verbreitung.

Desolate Lage im Gesundheitswesen
Das ukrainische Gesundheitssystem befindet sich in einer desaströsen Lage: Die Arztgehälter sind lächerlich tief, 150 bis 300 Euro monatlich; Krankenhäuser, gerade in der Provinz, sind oft baufällig; Personal und grundlegende Vorräte fehlen (oft müssen Patienten Medikamente, Spritzen und Katheter kaufen), und das Personal hat nicht genug Schutzausrüstung. Zudem ist es bekanntermaßen auf allen Ebenen von Korruption durchdrungen: von Patienten wird oft erwartet, dass sie sich mit geldgefüllten Umschlägen bei den Ärzten „bedanken“.
Die Geschichte des ersten ukrainischen Infizierten illustriert die düsteren Bedingungen in den Spitälern des Landes. In einem Interview mit BBC Ukrainiansagte Oleksandr, dass das Krankenhaus, in das er mit Lungenentzündung eingeliefert worden war, ungeheizt gewesen sei und er in seiner Jacke schlafen musste, bis seine Familie einen Elektroofen brachte. Er beschwerte sich, dass er 70 Prozent der ihm verschriebenen Medikamente kaufen musste, und es keine Dusche in seiner Station gab: während seines 20-tägigen Aufenthalts musste er sich mit einem Wassereimer waschen.
Mit den ersten Fällen tauchten Berichte auf, dass medizinische Angestellte im ganzen Land massenhaft kündigten oder Urlaub nahmen, trotz der Regierungsentscheidung, ihre Löhne während der Krise zu verdoppeln oder zu verdreifachen. „Alle sprechen über den Mangel von Beatmungsgeräten, aber das wahre Problem ist der Mangel an Personal, das sie bedient und sich um Patienten kümmert“, sagte Serhyj Dubrov, Berater des ukrainischen Gesundheitsministeriums. Das größte Problem seien Krankenschwestern und das tiefer gestellte medizinische Personal, bereits vor der Krise hätten die ukrainischen Spitäler nur über 70 Prozent der nötigen Belegschaft verfügt.
In Odessa nahmen drei Ärzte eine Videonachricht auf, die in den sozialen Medien viral ging. Sie sagten, ihr Krankenhaus, das zur Behandlung von Covid-19-Patienten vorgesehen sei, sei ungeachtet der Ankündigung der Behörden und des Chefarztes völlig unvorbereitet. Sie beklagten sich, dass es nicht genug Personal gebe, weil viele ältere Ärzte und Krankenschwestern unbezahlten Urlaub genommen hätten und grundlegende medizinische Vorräte und Schutzausrüstung fehlten. Es gab Berichte aus anderen Regionen, dass Spitaldirektoren und lokale Behörden die tatsächliche Situation verschleierten und Angestellte, die es wagten über Probleme zu sprechen, unter Druck setzten.
Wie andernorts auch trägt das Gesundheitspersonal in der Ukraine das größte Risiko, sich mit Covid-19 anzustecken. Laut offiziellen Angaben ist rund ein Fünftel der Infizierten medizinisches Personal. Die Regierung hat zugesichert, dass Schutzmaterial für Ärzte und Krankenschwestern eine Priorität seien, aber sogar offizielle Statistiken zeigen, dass diese Bedürfnisse nur zu ca. 60 Prozent gedeckt sind.

Frühe restriktive Maßnahmen
Es war von Anfang an klar, dass das Gesundheitssystem in der Ukraine mit einer exponentiell steigenden Anzahl an Patienten nicht zurechtkommen würde: das italienische Szenario wurde daher mit Grauen betrachtet. Zudem schien die anfängliche Reaktion der ukrainischen Gesundheitsbehörden völlig unangemessen. Gesundheitsminister Illja Jemez, der am 4. März nach einer Kabinettsumbildung eingesetzt wurde, zögerte die Unterzeichnung wichtiger Dokumente zur Beschaffung medizinischer Ausrüstung drei Wochen lang hinaus, angeblich um damit die Einsetzung eines Freundes im Ministerium zu bewirken. Zudem löste er mit der Interviewaussage Empörung aus, dass Menschen über 65 Jahren mit Covid-19 es nicht wert seien gerettet zu werden, weil sie sowieso „Leichen“ seien. Nach diesem offenkundigen Versagen wurde er am 30. März durch Maksym Stepanov, den früheren Gouverneur von Odessa, ersetzt.
In dieser Situation war es für die Regierung die beste Wahl, so früh wie möglich strikte Lockdown-Maßnahmen einzuführen. Zunächst mussten am 11. März Krippen, Schulen und Universitäten schließen. Am 17. März, als es erst 14 bestätigte Covid-19-Fälle und zwei Tote gab, trat ein Verbot von öffentlichen Versammlungen und die Schließung von Restaurants, Kinos, Shoppingcenters und Fitnessstudios in Kraft. In einem umstrittenen Schritt beschlossen die lokalen Behörden in Kiew und anderen großen Städten, die Metro zu schließen und den öffentlichen Verkehr drastisch einzuschränken. Das war problematisch für Angestellte essenzieller Bereiche, darunter medizinisches Personal, die nur mit Mühe zu ihrem Arbeitsplatz kamen. Daher boten Freiwillige Mitfahrgelegenheiten an. Bus- und Zugverbindungen in der Ukraine wurden ebenfalls ausgesetzt.
Am 28. März stoppte die Ukraine den Flugverkehr und ließ nur mehrere Landesgrenzübergänge offen. 48 Stunden vor der Grenzschließung eilten Tausende Ukrainer ins Land, so dass sich riesige Menschenmengen an der polnisch-ukrainischen Grenze bildeten, was Ängste vor einer möglichen Verbreitung der Krankheit auslöste. Da Millionen von Ukrainern in EU-Staaten arbeiten (allein in Polen rund 1 Mio.), schafften es viele Bürger nicht rechtzeitig nachhause und müssen auf unabsehbare Zeit im Ausland bleiben. Laut dem Außenministerium steckten Ende April rund 16 000 Ukrainer im Ausland fest, die die Regierung um Hilfe bei der Evakuierung gebeten haben.
Am 6. April, als es 1 300 Infizierte gab, wurden die Restriktionen verschärft: Gruppen von mehr als zwei Personen wurden verboten, der Zugang zu Parks und Erholungsgebieten geschlossen und eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit eingeführt. Über- 60-Jährige wurden zur Selbstisolation aufgefordert. Bußen von bis zu 17 000 Grivna (ca. 550 Euro) wurden für den Verstoß gegen diese Regeln eingeführt. Die Polizei kontrolliert seither gelegentlich, verteilt aber wenig Bußen.
Es scheint, als seien diese restriktiven Maßnahmen, zumindest im Anfangsstadium, effektiv gewesen. Die Infektionszahl stieg Ende April um 300 bis 400 Fällen pro Tag, bei einem Total von 200 Toten. Allerdings ist bei diesen Zahlen Vorsicht geboten, da die Ukraine nicht breit testet: täglich nur rund 100 Tests pro 1 Mio. Einwohner. Während den offiziellen Statistiken nicht ganz vertraut werden kann, gab es bis Ende April immerhin keine Berichte von Spitälern, die von Coronavirus-Patienten überwältigt worden wären.

Reaktion der Zivilgesellschaft
In der jüngeren Geschichte der Ukraine wurde die Unfähigkeit der Regierung, grundlegende Leistungen zu erbringen, wiederholt von einer starken Mobilisierung und Unterstützung der Zivilgesellschaft kompensiert. Als sich die Berichte über einen kritischen Mangel an Schutz- und medizinischer Ausrüstung in vielen Spitälern häuften, begannen Freiwillige trotz Versicherungen der Behörden, die Situation sei unter Kontrolle, Mittel zu sammeln und benötigte Ausrüstung zu kaufen.
Die ukrainische Freiwilligengemeinschaft ist seit dem Beginn der russischen Aggression im Donbas 2014 stark und genießt Vertrauen. Damals sammelten Freiwillige Geld für die Armee und versorgten sie mit praktisch allem, von Verbandskästen über Optik bis zu Schutzausrüstung. Nun tun sie dasselbe für das medizinische Personal in der Corona-Notsituation. Dies zeigt einerseits, wie stark und einflussreich die Zivilgesellschaft in der Ukraine ist, betont andererseits aber auch die Schwäche der staatlichen Institutionen und ihre Abhängigkeit von äußerer Hilfe. Das belegt auch ein inoffizieller Aufruf von Präsident Volodymyr Selenskyj an Oligarchen und große Unternehmen, die Kontrolle in den Regionen zu übernehmen und die Ausbreitung der Krankheit zu bekämpfen.
Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die restriktiven Maßnahmen der Regierung unterstützt, doch zivilgesellschaftliche Vertreter weisen auch auf Risiken für die Demokratie hin. Sie zeigten sich alarmiert von Selenskyjs Bemerkungen, dass „Weichheit und Liberalismus“ die besten Verbündeten des Coronavirus seien, und seiner Bewunderung für das Vorgehen Chinas. Außerdem kritisieren sie und die Opposition Innenminister Arsen Avakov, dem autoritäre Tendenzen und die Befürwortung eines strikten, Italien nachempfundenen Lockdowns vorgeworfen werden.
Während die menschlichen Verluste durch das Coronavirus in der Ukraine bisher relativ gering sind, leidet die Wirtschaft bereits. Ende April erreichte die Arbeitslosenquote mit 15 Prozent den höchsten Wert seit 15 Jahren. Laut einer Umfrage der ukrainischen Handelskammer plant ein Viertel der Unternehmen Entlassungen. Da die Mehrheit der Ukrainer über wenig oder keine Ersparnisse verfügt, ist es wahrscheinlich, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus ziemlich schlimm werden. Die Ukraine, die in den letzten sechs Jahren die Annexion der Krim, den Krieg mit Russland und einen wirtschaftlichen Abschwung, von dem sie sich gerade erst zu erholen begonnen hatte, erlebt hat, wird jetzt von einer weiteren Krise getroffen.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger. 

Olga Tokariuk, Journalistin, Leiterin der Auslandsabteilung des unabhängigen Fernsehsenders Hromadske in Kiew.

pdfRGOW 5/2020, S. 20-21

 Bild: Der ukrainische Präsident Volodymyr Selenskyj bei einer Online-Sitzung mit dem Ministerrat am 27. April 2020. (president.gov.ua)

Mišo Kapetanović

In vielen westeuropäischen Gesellschaften leben Migrantengruppen aus dem früheren Jugoslawien. Vielfach stößt man dabei immer noch auf das Stereotyp des „Gastarbeiters“, auch wenn die Einwanderergruppen und -motive wesentlich vielfältiger waren. Heute hat sich eine Migrationsgemeinschaft mit vielfältigen Lebensstilen, einem breiten politischen Spektrum und pluralen Identitäten entwickelt.

In Medienberichten zu großen Sportevents und Wahlen werden Diasporagruppen häufig karikiert dargestellt, um das Bild der postjugoslawischen Region und ihrer Menschen als irrational, primitiv und mit banalen Affekten für ihre Nation fortzuschreiben. Wann immer ein Sportturnier stattfindet, berichten die Medien über Konfrontationen zwischen Migrantengruppen: von prügelnden Tennis-Fans in Australien bis zu gewalttätigen Ausschreitungen im Wiener Gemeindebezirk Ottakring.1Oft wird damit suggeriert, dass die Konflikte zwischen den Nachfolgestaaten Jugoslawiens noch nicht ausgestanden seien.

Stereotypisierter „Gastarbeiter“
Insbesondere wird den sog. Gastarbeitern (Gastarbajteri) bzw. jugoslawischen Arbeitsmigranten unterstellt, blind eine konservative Politik zu unterstützen. Als die Sozialdemokratische Partei Kroatiens(SDP) bei den Parlamentswahlen 2016 gegen die Kroatische Demokratische Gemeinschaft(HDZ) verlor, produzierte der populäre private Fernsehsender Nova TVeine Reportage über politische Affinitäten in Kroatien. Anhand von Cista Provo, einem Dorf im dalmatinischen Hinterland mit einer aktiven Migrantengemeinschaft in Frankfurt am Main, wurde der irrationale Charakter der Wähler demonstriert. Die Journalistin Barbara Golja zeichnete Interviews mit Dorfbewohnern auf, die gegen eine sozialdemokratische und linke Politik wetterten. Besonders lächerlich dargestellt wurden Ivan und Jure, deren Nachnamen nicht genannt wurden, aber mit der Info „Deutschland“ versehen waren, was offensichtlich ihre Wahlentscheidung erklären sollte. Die Reportage wurde in Kroatien aufgrund der niedrigen journalistischen Standards und stereotyper Darstellung kritisiert.2
Die Arbeitsmigranten selbst und ihre Nachkommen verwenden den Begriff „Gastarbajteri“ selten. Im Deutschen wird der Begriff mittlerweile aufgrund der negativen xenophoben Konnotation vermieden; zudem hält er an der Vorstellung fest, dass die Arbeitsmigranten nur temporäre Arbeitskräfte sind, die nach Beendigung der Arbeit die Aufnahmegesellschaft wieder zu verlassen haben. Mit der Änderung der Integrationspolitik Deutschlands, Österreichs und der Schweiz hat der Begriff seine Akzeptanz verloren. 
Anders präsentiert sich der Begriff heute in der bosnischen, kroatischen, montenegrinischen und serbischen Sprache (BKMS). Zwar wurde er in formellen Kontexten durch eine Vielzahl neuer Wendungen ersetzt, wie „unsere Leute im Ausland“, „Diaspora“ oder „Minderheit“, die den Wandel in der Politik und im Staatsverständnis widerspiegeln. Diese Bezeichnungen markieren einen Wandel von „Klasse“ zur „Ethnizität“ als Grundmuster der sozialen Kategorisierung. In der informellen Alltagssprache, in der Boulevardpresse und in den sozialen Medien jedoch wird der Begriff jedoch nach wie vor benutzt: Der „Gastarbajter“ ist beispielsweise ein häufiges Motiv bei alternativen Musikern, die sich über das auffällige Konsumverhalten der Migranten lustig machen. Die berühmtesten Beispiele dafür sind „Gastarbajterska“ (1996) von der serbischen Rockband Riblja Čorba, „Gastarbajter“ (2014) von der kroatischen Punkband Pero Defformero und „Danke Deutschland“ (2014) vom Hip-Hop-Künstler Ante Cash.

Arbeitsmigration im sozialistischen Jugoslawien
Die Geschichte der jugoslawischen Arbeitsmigration begann in den späten 1960er Jahren mit bilateralen Abkommen.3Die ersten Abkommen unterzeichnete Jugoslawien 1965 mit Österreich, Frankreich und Schweden, ein weiteres mit der Bundesrepublik Deutschland 1968.4Die organisierte Migration beendete die illegale Emigration im Kleinformat seit Ende des Zweiten Weltkriegs und war gewissermaßen eine Fortführung der früheren Bevölkerungsbewegungen innerhalb der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. 
Die jugoslawische Migration nach Westeuropa zeichnete sich dadurch aus, dass der Staat sich in das Leben der Gemeinschaften einmischte. Zwar schickten auch andere südeuropäische Länder ihre Arbeiter in den besser entwickelten Norden, doch Jugoslawien war neben Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und der Türkei der einzige sozialistische Staat. Die Teilnahme an diesen Abkommen bewirkten im Staat und in der Gesellschaft Schamgefühle aufgrund der eigenen Unfähigkeit, für alle Bürger Arbeitsplätze zu schaffen. Das Trauma der Abreise in den frühen Morgenstunden, das in den Filmen „Hallo, München!“ (1968) und „Sonderzüge“ (Specijalni vlakovi, 1971) von Krsto Papić porträtiert wird, bleibt ein Fokuspunkt im kulturellen Gedächtnis der Migrationsgemeinschaften.
Der jugoslawische Staat investierte in den Schutz seiner Bürger vor ideologischer Bedrohung durch westlichen Konsum und kapitalistische Ausbeutung. Das hybride Verhältnis zwischen Staat und Gaststaaten beinhaltete die Unterstützung der Arbeiter durch Denkclubs, Zusatzbildungsangebote für Kinder, gesundheitliche und soziale Absicherungen, eine Pension und Hilfe bei der Wohnungssuche. Das Resultat war eine relativ stabile, staatlich finanzierte Infrastruktur für die Migrationsgemeinschaften.
Eine weniger diskutierte, aber präsente Sorge des jugoslawischen sozialistischen Staats waren die vorhandenen Netzwerke politischer Emigranten und der potentielle Einfluss ihrer national-separatistischen Anliegen. Die seit dem Zweiten Weltkrieg etablierten Emigranten-Netzwerke vereinten Royalisten, Faschisten, Besatzungskollaborateure und neue enttäuschte Sozialisten. Diese Netzwerke waren maßgeblich für die Organisation von terroristischen Anschlägen gegen Jugoslawien verantwortlich, die vor allem von verschiedenen Ustascha- und Tschetnik-Gruppen ausgeführt wurden. Ein bitteres Beispiel war der Terroranschlag der Bugojno-Gruppe 1972, der von Deutschland aus organisiert wurde und bei dem Menschen und Waffen durch Migrantennetzwerke in Deutschland und Österreich nach Jugoslawien geschmuggelt wurden, was einen großen diplomatischen Skandal auslöste. Dies motivierte den Staat zusätzlich, in die Infrastruktur für die Arbeiter zu investieren und „die Migrantengruppen unter der Kontrolle der ideologischen Prinzipien des offiziellen Jugoslawiens zu halten“.5

Auswirkungen der jugoslawischen Sukzessionskriege
Mit den jugoslawischen Sukzessionskriegen stoppte die Arbeitsmigration in den frühen 1990er Jahren: statt Arbeitssuchenden kamen nun Flüchtlinge nach Westeuropa. Gleichzeitig wurden auch die bestehenden zwischenstaatlichen Netzwerke für Migrantengemeinschaften von der Politik fragmentiert und instrumentalisiert. Als Kroaten, Slowenen und später Makedonier und Bosnier aufgrund der zunehmenden serbischen Mehrheit in den Leitungsteams die Clubs verließen und eigene gründeten, richteten sich die Blicke zurück auf ihre Herkunftsregion. So wurde die politische und militärische Mobilisierung der Diaspora-Gruppen in den jugoslawischen Sukzessionskriegen zu einer weiteren berühmten Illustration der scheinbar vorwiegend nationalistischen „Gastarbajteri“. 
In den letzten Jahren des jugoslawischen Staats, als sich die migrantischen Clubs entlang ethnischer Linien spalteten, änderte sich auch ihre Funktion. Die neu gruppierten Diaspora-Gruppen organisierten humanitäre Hilfe für ihre kriegsgebeutelten Landsleute in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo und unterstützten Flüchtlinge sowohl in der Region als auch in Westeuropa. Allerdings erwuchs aus der anfänglichen Unterstützung später eine konfliktreiche Dynamik zwischen den beiden Gruppen.
Eine schmerzliche Erfahrung waren vor allem, aber nicht nur junge Männer, die im freiwilligen Kriegsdienst eine Gelegenheit sahen, ihren Patriotismus zu beweisen. Die ersten Kriegsjahre in Kroatien (1991–1995) und in Bosnien-Herzegowina (1992–1995) brachten Bilder von „Gastarbajtern“ hervor, die als Kriegsfreiwillige (dobrovljci-dragovljci) in ihre Heimatländer zurückkehrten. Ihr Auftreten wurde beschmutzt durch die gleichzeitige Rückkehr krimineller Gruppen, die Jugoslawien früher verlassen hatten und jetzt eine Gelegenheit der Wiedergutmachung durch Demonstration ihres Patriotismus sahen. Dafür steht beispielhaft Željko Ražnjatović, bekannt als Arkan, ein professioneller Verbrecher und Geheimdienstinformant vor den Kriegen, der bereits 1972 als 20-Jähriger emigriert war. In seiner Vorkriegskarriere wurde er in den Niederlanden, in der Bundesrepublik und in der Schweiz verhaftet und kehrte in den 1980er Jahren nach Jugoslawien zurück. Auf seinen „Freiwilligendienst“ in den jugoslawischen Zerfallskriegen folgten berüchtigte Plünderungsaktionen und Anklagen wegen Kriegsverbrechen.
Diese herausragenden Beispiele repräsentieren aber nicht die Mehrheit der Migrantengemeinschaften, da die meisten Mitglieder ihr Leben in den Aufnahmegesellschaften weiterführten und langsam erkannten, dass es für sie keinen wesentlichen Statuswandel geben würde: von Gästen wurden sie zu Minderheiten. In den neu definierten Migrantengemeinschaften der 1990er Jahre war es einfacher, ein serbischer oder kroatischer Nationalist zu sein als ein „Gastarbeiter“. Die ursprünglichen Gastarbeiter waren eine transnationale Arbeiterklasse gewesen, die von einer angeblich klassenlosen Gesellschaft ausgesandt worden war, um in den kapitalistischen Wirtschaften unqualifizierte und körperliche Arbeiten zu leisten. Bei der Ankunft standen sie auf einer Ebene mit den bestehenden Arbeiterklassen in den Aufnahmegesellschaften. Die Situation des ständigen „Dazwischenstehens“ verunmöglichte nicht nur, sich in der Sende- als auch in der Aufnahmegesellschaft zuhause zu fühlen, sondern drückte sich auch in eingeschränkter sozialer Mobilität aus. Diese marginale Stellung war in der jugoslawischen Gesellschaft besonders schwierig zu artikulieren.
Aufgrund unterschiedlicher Integrationspolitiken in den verschiedenen Ländern kehrten die meisten Flüchtlinge in Deutschland in ihre Heimatregion zurück oder migrierten weiter. Im Gegensatz dazu blieben die meisten Flüchtlinge, die in der Schweiz, Österreich und in Skandinavien Zuflucht gefunden hatten, dort. Seitdem Slowenien und Kroatien Mitglieder der EU sind, und man davon ausgeht, dass Deutschland seinen Arbeitsmarkt für Bürger aus Bosnien-Herzegowina und Serbien öffnen wird, können die gegenwärtigen Migrationsvolumen wieder mit denen der 1960er und 1970er Jahre verglichen werden.

Bildung neuer Identitäten
Aufgrund der geschilderten Dynamiken sind die Beispiele von Fußball-Gewalt mit Vorsicht zu genießen. Die Betonung nationalistischer Gefühle bei den „Gastarbajteri“ ist eng mit anderen klassenbezogenen Mythen in den postjugoslawischen Gesellschaften verbunden. Ausgangspunkt dieser Mythen ist, dass Menschen der Arbeiterklasse aufgrund ihrer schlechteren Bildung empfänglicher für Nationalismus oder andere Formen von populistischer Propaganda seien. Ihre politische Anfälligkeit steht im Gegensatz zur kosmopolitischen Offenheit der Eliten. Vielmehr ist es eine neue nationalistische Elite und eine entstehende post-sozialistische Mittelklasse, die von nationalistischen Mobilisierungen profitieren und ethnonationale Grenzen überschreiten, wenn es für sie von Vorteil ist.
Die Realität unter den Migranten sieht anders aus. Die postjugoslawischen Migrantengruppen weisen eine große Vielfalt an Lebensstilen und politischen Meinungen auf. Neben denjenigen, die sich in den späten 1980er und 1990er Jahren entsprechend den ethnischen Trennlinien neu gruppiert haben, gibt es viele Menschen, die den jugoslawischen Bezugsrahmen für eine stärkere Integration verließen. Eine dritte Gruppe ist in einer Zwischenposition und agiert erfolgreich sowohl in der Aufnahmegesellschaft als auch in den postjugoslawischen Immigrantengemeinschaften. Mit einem staatlichen Bezugsrahmen, der nur die Unterscheidung zwischen Sende- und Aufnahmeland kennt, lassen sich die Praktiken dieser Individuen jedoch kaum angemessen beschreiben und verstehen.
Die Neuverteilung der postjugoslawischen Migranten übersteigt die vermeintlichen Klassengrenzen hinsichtlich Nationalismus und Kosmopolitismus. Am Fall der österreichisch-bosnisch-serbischen Sängerin Minela Stojaković lassen sich die komplexen Verhältnisse der Arbeitsmigranten bezüglich Zugehörigkeit und Haltung gegenüber der Herkunftsregion aufzeigen. Als eine Art Arbeiterklasse-Heldin wurde Stojaković für ihren einzigen Popsong Ti propadaš(„Du scheiterst“, 2006) in der Region bekannt. Das Lied wurde einerseits wegen seines simplen Texts und seinem ländlichen Neofolk-Stil verspottet. Gleichzeitig thematisierte es urbane Themen wie Drogensucht und kurze Beziehungen. Andererseits war Minelas politische Haltung viel progressiver als diejenige in der Region. Als sie den Song aufnahm, arbeitete sie in einer Migrantenkneipe im österreichischen Wells, während ihre Social Media-Kanäle Begegnungen mit verschiedenen Menschen aus dem ganzen früheren Jugoslawien zeigten. Auf ihrem öffentlichen Facebook-Profil bezeichnete sie ihren religiösen Status als „Orthodox Christian featuring Muslim“. Auf diese Weise zeigt sie neue Möglichkeiten einer postjugoslawischen Sozialität im Ausland, die Ethnizität, Klasse oder Integration transzendiert.
Starke ethnische Identifikation ist kein bestimmender Indikator weder für die Zugehörigkeit noch für die Praktiken der Sozialisierung aufgrund sich verändernder Migrationsbedingungen. Die Erfahrung der Arbeitsmigranten der Gegenwart ist nicht vergleichbar mit den Pionieren der 1960er Jahre oder den Flüchtlingen der 1990er Jahre. Auf den Enthusiasmus der neu gebildeten Nationalstaaten folgten die Enttäuschung der postsozialistischen Transition und die unerfüllten Erwartungen des EU-Beitritts. Diese Enttäuschung verursacht neue Migrationswellen aus der Region und zementiert die Idee, nicht zurückkehren zu können. Die Integrationspolitik der europäischen Staaten hat sich verändert und schafft durch einen komplizierten Integrationsprozess Räume zwischen Assimilation, Integration und Identitätserhalt. Migrantengemeinschaften sind in einer Situation, in der sie täglich Verschiebungen in ihrer Identität erleben, während sie sich zwischen verschiedenen privaten und öffentlichen Räumen bewegen.
Die dramatischste Veränderung ereignete sich jedoch aufgrund der veränderten Kommunikations- und Reisebedingungen, welche die Geographien der Migranten verändern. Die Nutzer in den Sende- wie Aufnahmestaaten konsumieren Medienprodukte in fragmentierten, transnationalen Arrangements, unterstützt von der interaktiven Dimension der sozialen Medien und Messenger-Diensten. Die Individuen können nicht nur selbst wählen, was sie bei den öffentlichen Medienanbietern schauen und hören wollen, sondern sie können dies auch gemeinsam mit Freunden und Familien unabhängig von der physischen Distanz tun. In den fragmentierten transnationalen Medienlandschaften und Kommunikationskanälen wird die Nähe der BKMS-Sprachen zu einer wichtigeren Dimension als Identitätspolitik. 
Die sozialen Mediennetzwerke der Migranten sind voller Beispiele von sowohl ethnisch definierten als auch postjugoslawischen Gruppen, die oft dieselben Einträge teilen oder für dieselben Unternehmen werben. Ein interessantes Beispiel ist das Firmenportal www.pecenje.chin der Schweiz, das Informationen über eine beliebte Balkan-Spezialität sammelt: Spanferkel. Beliebt auf der ganzen Halbinsel, ist das Gericht eine Herausforderung, weil deren Herstellung die Vorbereitung und das Grillen eines ganzen Tieres beinhaltet. Das Portal bietet Informationen über Firmen in der Nähe, die das Gericht anbieten, und es spricht Serben, Bosnier, Ungarn und Kroaten mit einem sprachlichen Mix von BKMS-Standards an. Das Beispiel demonstriert nichts Weiteres als die Liebe zu einer Spezialität und lässt sich nicht verallgemeinern, aber es ist bezeichnend für die Dynamiken in den postjugoslawischen ethnischen Beziehungen. 
Das Niveau der postjugoslawischen Koexistenz im Ausland geht über Konsumgüter aus allen Nachfolgestaaten in Spezialitätenläden hinaus. In ihrem alltäglichen Leben partizipieren Menschen aus dem früheren Jugoslawien wahlweise an der Aufnahmegesellschaft, ihren ethnisch definierten Gruppen, postjugoslawischen oder weiteren Migrantennetzwerken. Dies hängt auch von der Integrationspolitik der Aufnahmegesellschaft ab.

Anmerkungen

1) Connolley, Ellen: Balkan Fans Riot at Australian Open Tennis. In: The Guardian, 24. 1. 2009: https://www.theguardian.com/world/2009/jan/24/australian-open-riot; https://wien.orf.at/v2/news/stories/2920646/.

2) https://www.lupiga.com/vijesti/parada-predrasuda-novinarstvo-vrijedno-prijezira.

3) Brunnbauer, Ulf (ed.): Transnational Societies, Transterritorial Politics: Migrations in the (Post-) Yugoslav Region, 19th-21st Century. München 2009.

4) Ivanović, Vladimir: Geburtstag pišeš normalno. Jugoslavenski Gastarbajteri u SR Nemačkoj i Austriji 1965–1973. Belgrad 2012.

5) Baković, Nikola: Tending the ‘Oasis of Socialism’. Transnational Political Mobilization of Yugoslav Economic Emigrants in the FR Germany in the late 1960s and 1970s. In: Nationalities Papers 42,4 (2014), S. 674–690.

Übersetzung aus dem Englischen: Regula Zwahlen.

Mišo Kapetanović, PhD, Postdoc Researcher, School of Humanities and Social Sciences, Universität St. Gallen.

pdf2-3/2020, S. 12-14

 

Adelheid Wölfl

Aufgrund des maroden Gesundheitssystems hat Bosnien-Herzegowina rigorose Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie beschlossen. Die strikten Ausgangsbeschränkungen rufen bei vielen Bosniern Erinnerungen an die Kriegszeit und damit auch psychische Probleme wach. Trotz der Krise halten nationalistische Politiker an ihren Machtspielen fest.

 Vor dem Grenzgebäude in Izačić, in der Nähe der bosnischen Stadt Bihać, stehen sechs große militärgrüne lange Zelte auf einer Wiese, darin befinden sich Feldbetten, die WC-Anlagen sind weiter weg am Feldrand aufgestellt. Zwei Soldaten in Camouflage warten vor dem weißen Container, der eine Art Einlass zu dem Quarantäne-Bereich darstellt. In der April-Sonne blühen die Obstbäume, ein Hauch von Sommer ist hier schon zu spüren.
Wer in diesen Tagen aus Kroatien kommend nach Bosnien-Herzegowina einreisen will, muss sich zwei Wochen lang in eines dieser glänzenden Plastikzelte begeben, erst dann darf er weiter in seine Heimatstadt oder -dorf fahren. Mit dieser Maßnahme versuchte der bosnische Innenminister Anfang April vor allem potenzielle Rückkehrer aus Mitteleuropa davon abzuhalten nach Bosnien-Herzegowina zu reisen, also vor allem Arbeitsmigranten aus Deutschland oder Österreich, die zu Ostern in ihre Heimat fahren wollten. Die Abschreckungsmaßnahme scheint einigermaßen gelungen zu sein. Bosnien-Herzegowina konnte so vermeiden, dass Hunderttausende Bürger – wie etwa in Rumänien oder Serbien – die Grenze passierten, mit dem Risiko das Virus in der Heimat zu verbreiten. 
Insgesamt gibt es allein in der Föderation Bosnien-Herzegowina, einer der beiden Landesteile, aus denen der Gesamtstaat besteht, an 14 Grenzübergängen Quarantäne-Zelte. In der Republika Srpska (RS), dem anderen Landesteil, gibt es ein großes Quarantäne-Lager in Bosanski Brod. Anfänglich gab es auch Engpässe bei Lebensmittellieferungen aus dem Ausland – manche Regale in Supermärkten waren völlig leer. Aber nun wurden die Quarantäne-Regeln an den Grenzen gelockert, insbesondere für LKWs, die aus Kroatien kommen.

Rigorose Maßnahmen
Der Covid-19-Ausbruch hält sich in Bosnien-Herzegowina bisher in Grenzen. Bis Mitte April verstarben landesweit etwa 50 Personen mit oder an dem Virus. Die Maßnahmen der Regierungen sind – auch angesichts des maroden Gesundheitssystems – extrem hart. Im ganzen Land sind Gruppenansammlungen verboten; Universitäten, Restaurants und Cafés sind geschlossen. Auf Plakaten werden die Menschen dazu aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben. In der RS wurde zu Beginn der Krise sogar ein Dekret erlassen, das „das Verbreiten von Panik und falschen Informationen“ unter Strafe stellte. Mittlerweile wurde das Dekret wieder zurückgenommen. Tatsächlich hatten viele Leute vor allem auf sozialen Medien Fake News und Verschwörungstheorien zu Covid-19 verbreitet.
Für alle Personen in der Föderation gilt ab 20 Uhr eine Ausgangssperre, Unter-18-Jährige dürfen ihre Wohnungen und Häuser gar nicht verlassen und Pensionäre über 65 Jahren nur an Wochentagen bis 12 Uhr, um einzukaufen oder zur Bank zu gehen. In der RS gibt es – analog zu Serbien – am Wochenende Ausgangssperren und ebenfalls umfassende Ausgangssperren für Über-65-Jährige. Anlässlich des orthodoxen Osterfests durften die Bürger von Samstag bis Montag ihre Wohnungen oder Häuser gar nicht mehr verlassen. In der RS hielten sich tatsächlich viele an die Vorgaben.
Der serbische Vertreter im bosnischen Staatspräsidium, der rechtsradikale Politiker Milorad Dodik, fuhr hingegen nach Belgrad, um gemeinsam mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić die Maßnahmen zu verkünden. Erstaunlich war das nicht nur, weil er ins Nachbarland fuhr, sondern auch, weil es eigentlich niemanden gestattet ist, vom Ausland aus nach Serbien einzureisen, außer man begibt sich zuvor zwei Wochen an der serbischen Grenze in Quarantäne. Doch für Dodik gelten offensichtlich die Gesetze nicht und offensichtlich anerkennt er auch die Staatsgrenzen nicht.

Erinnerung an Kriegszeit
Die Covid-19-Pandemie verstärkt in Bosnien-Herzegowina, so wie überall auf der Welt, die jeweiligen lokalen Eigentümlichkeiten, Dynamiken, positiven und negativen Phänomene. Für ein bisschen Bakschisch ließ am Anfang der Krise ein Polizist in Brčko drei Leute ohne Gesundheitscheck einreisen. In Mostar nutzte ein Mann, der aus Italien einreiste, seine Beziehungen und ließ sich ins Krankenhaus einliefern, wo er eine ganze Station mit Covid-19 ansteckte.
Und noch am 11. März versammelten sich in Konjic 400 Leute zu einer Firmenfeier. Da auch ein Mann, der sich infiziert hatte, zur Feier kam, fuhren danach viele mit dem Virus nach Hause und verbreiteten es im ganzen Land weiter. Aber auch die Solidarität mit den Armen verstärkt sich in der Krise. Insbesondere die Diaspora-Bosnier sammeln allerorts für die Verwandten zu Hause, selbst ein altes Beatmungsgerät wurde aus Österreich ins Land transportiert.
Mittlerweile sind viele aus der anfänglichen Schockstarre erwacht. Das Verfassungsgericht nimmt die rigorosen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie unter die Lupe: Insbesondere die Vorkehrungen in der Föderation, dass Unter-18-Jährige und Über-65-Jährige ihre Wohnungen und Häuser nicht verlassen dürfen, sorgt für viel Kritik. Denn die Kinder sind schon seit über einem Monat zu Hause eingesperrt, und die Wohnungen sind in Bosnien-Herzegowina oft sehr klein. Doch selbst wenn das Verfassungsgericht die Maßnahmen wegen Rechtswidrigkeit aufhebt, ist noch nicht gesagt, dass dies auch umgesetzt wird. In Bosnien-Herzegowina wurden bisher 80 Entscheidungen des Verfassungsgerichts nicht implementiert.
Aufgrund der unterschiedlichen Regelungen in der Föderation und der RS versuchen manche Bürger von beiden Systemen zu profitieren. So fahren Bürger aus Sarajevo in die RS, damit ihre Kinder dort im Freien herumlaufen können. Denn mitunter haben die Regelungen schildbürgerhafte Seiten: So ist es in der Föderation zwar erlaubt, dass Kinder im Auto mit den Eltern mitfahren, aber nicht, dass sie aussteigen, während die Eltern spazieren gehen dürfen.
Viele Menschen stehen unter Stress. Personen, die aus Covid-19-Krisengebieten wie etwa aus Italien nach Bosnien-Herzegowina zurückkehrten, mussten sich gleich 28 Tage lang in Quarantäne begeben. Sowohl in Sarajevo als auch in Zenica kam es deshalb zu Hungerstreiks in den Unterkünften – die Leute wollten erreichen, dass sie nur 14 Tage einkaserniert bleiben müssen. Ansonsten sind die meisten Bosnier sehr diszipliniert. Die Abstandsregeln werden insbesondere beim Einkaufen peinlich genau eingehalten – oft stehen die Leute sogar drei Meter voneinander entfernt.
Das hat auch damit zu tun, dass keiner riskieren will, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Es gibt zwar keine Triage, d. h. die Versorgung mit Beatmungsgeräten reicht aus, aber dennoch will keiner auf der Pneumologie landen. Viele ältere Bosnier – insbesondere in Sarajevo – sind zudem die Ausgangssperren noch aus den Kriegsjahren gewöhnt. Sie betonen, dass die Bedrohung durch das Virus ein viel kleineres Übel sei als die Bedrohung durch die Armee der Republika Srpska, die die Hauptstadt dreieinhalb Jahre lang ab 1992 beschoss. Eine gewisse Gelassenheit und Krisen-Erfahrenheit ist vielerorts zu spüren.
Doch auch in der Covid-19-Krise treten die Nationalismen nicht in den Hintergrund. So beschuldigte etwa Dodik die Föderation, den Ausbruch der Infektionen „verschlafen“ zu haben. „Die Föderation wird ein potenzieller Ort der Ausbreitung der Epidemie für uns sein“, meinte er zu Beginn der Krise. „Als wir mit der Einführung von Maßnahmen begannen, haben sie diese verschlafen. Als wir Schulen schlossen, waren sie noch in Schulen, als wir Cafés schlossen, waren sie noch in Cafés“, sagte er und meinte mit „wir“ die RS, obwohl er als Mitglied des Staatspräsidiums gar nicht für die RS, sondern für den Gesamtstaat zuständig ist. Dodik erwähnte zudem nicht, dass anfänglich in der RS mehr Menschen infiziert waren als in der Föderation.
Überall in Bosnien-Herzegowina sind die Menschen besorgt, dass die Krise die Zweiklassenmedizin verstärkt, in der nur Menschen, die Beziehungen haben oder Mitglied irgendeiner Partei sind, getestet und behandelt werden. Korruption im Gesundheitsbereich ist in Bosnien-Herzegowina weit verbreitet. Insgesamt ist es sehr schwierig, ausreichend Tests und Schutzbekleidung ins Land zu bringen. Mittlerweile kommt es in den Kliniken – insbesondere in Sarajevo – zu Personalknappheit, weil sich 700 Personen, die in Spitälern arbeiten, krankgemeldet haben – allein im Universitätsklinikum Sarajevo 300 medizinische Fachkräfte. Es ist anzunehmen, dass viele einfach Angst vor einer Ansteckung haben. Nun werden Strafen für solche Personen erwogen, die sich fälschlicherweise krankmelden.
Auffallend ist, dass viele Menschen in Bosnien-Herzegowina, die medizinische Hilfe suchen, nicht an Covid-19 erkrankt sind, sondern psychische Probleme zeigen. Mitarbeiter von Krankenhäusern berichten, dass viele mit Panikstörungen oder hohem Blutdruck kommen. Denn bei manchen triggern die Ausgangssperren Erinnerungen an den Krieg, dadurch treten vermehrt Krankheitssymptome bei jenen auf, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. 

Prekäre Situation von Flüchtlingen
Die ökonomischen Folgen sind noch nicht abzusehen. Der Internationale Währungsfonds rechnet beim Bruttoinlandsprodukt mit einem Minus von drei bis zehn Prozent auf dem Balkan. Offensichtlich ist, dass viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, ihre Kredite zu bezahlen. Allein in der Föderation haben 24 000 Menschen ihre Banken gebeten, die Zahlungen zu stunden. Auf den Straßen Sarajevos sind immer wieder Leute zu sehen, die um Geld bitten.
Darunter auch Migranten und Flüchtlinge. Etwa 9 500 befinden sich laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNCHR derzeit in Bosnien-Herzegowina. Die Behörden haben ihnen nun untersagt, die Lager zu verlassen, um das Virus nicht zu verbreiten. Aber viele – insbesondere im Kanton Una-Sana – sind gar nicht in den offiziellen Camps untergebracht, sondern schlafen oft in Abbruchhäusern oder in privaten Unterkünften. Für sie wurde nun etwa 30 Kilometer vor Bihać entfernt ein neues Zeltlager errichtet. Die EU hat 280 000 Euro dazu beigesteuert, die US-Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) 500 000 Dollar. Bislang sind keine Covid-19-Fälle unter Asylsuchenden, Flüchtlingen und Migranten bekannt. Aber natürlich wurden – so wie überall – Präventionsmaßnahmen getroffen.
In allen Aufnahmezentren werden Neuankommende – etwa jene Migranten, die von den kroatischen Grenzbeamten zurückgeschickt werden – isoliert. Mit den Gesundheitsbehörden wurde vereinbart, dass alle Migranten genauso wie bosnische Bürger von den Krankenhäusern aufgenommen werden sollen, falls sie eine schwere Covid-19-Erkrankung entwickeln. Auch in der Kaserne in Blažuj bei Sarajevo werden zu den vorhandenen 1 000 Plätzen weitere 1 000 zur Verfügung gestellt. Insbesondere in den großen Flüchtlingscamps Bira und Miral im Kanton Una-Sana ist es nämlich schwierig, Covid-19-Maßnahmen, wie das Distanzhalten durchzusetzen. Die Ausgangssperren werden von den Migranten bisher nicht eingehalten – sie spazieren weiterhin durch Bihać. Viele sagen, dass sie nun nicht mehr weiter nach Italien reisen wollen, weil sie Angst vor Covid-19 haben und wissen, dass es dort keine Jobs mehr gibt – selbst auf dem Schwarzmarkt nicht.
An Reisen ist ohnehin nicht zu denken. Der gesamte öffentliche Verkehr – alle Busverbindungen, Flugverbindungen, aber auch die Straßenbahn in Sarajevo wurden eingestellt. Noch weiß keiner, wann sich das Land wieder öffnen wird. In Sarajevo genießen die Bürger indes die frische Luft – ansonsten ist die Stadt oft ein Smogloch. Und auch die Pferde, die sich normalerweise auf Weiden in den Bergen oberhalb der Stadt befinden, spazieren nun mitunter hinunter ins Stadtzentrum. 

Adelheid Wölfl, Journalistin, berichtet für die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ aus Sarajevo über den Balkan.

RGOW 5/2020, S. 26-27

Bild: Aufruf in der Innenstadt von Sarajevo "Bleib zuhause!". (Adelheid Wölfl)

Cyril Hovorun

Seit der Unabhängigkeit der Ukraine galten die Gläubigen der „nicht kanonischen“ orthodoxen Kirchen als Christen zweiter Klasse und waren von der Weltorthodoxie getrennt. Die Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxe Kirche der Ukraine hat diesen jahrzehntelangen Missstand beendet. Millionen ukrainischer Gläubiger sind nun wieder Teil der globalen Orthodoxie, zudem hat die Autokephalie die Wahlmöglichkeiten der Kirchgemeinden gestärkt.

Die Ukrainer zählen zu den religiösesten Menschen in Europa. Laut der Studie „Religiöser Glauben und nationale Zugehörigkeit in Mittel- und Osteuropa“, die 2017 vom Pew Research Zentrum1 durchgeführt wurde, bezeichnen sich 78 Prozent der ukrainischen Bevölkerung als orthodox. 12 Prozent von ihnen besuchen wöchentlich die Kirche, das ist doppelt so oft wie beispielsweise in Russland. Religiöse Zugehörigkeiten und Praktiken sind jedoch nicht gleichmäßig auf die Ukraine verteilt. Die Menschen in den westlichen Regionen des Landes gehen häufiger in die Kirche als diejenigen im Osten.
Leider waren die religiösesten Regionen im Westen der Ukraine, beispielsweise Wolhynien, am stärksten vom kirchlichen Schisma betroffen, das kurz nach der Wiedererlangung der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 ausbrach. Millionen überzeugter orthodoxer Christen, die regelmäßig zur Kirche gingen und an den Sakramenten teilnahmen, wurden von der Gemeinschaft mit der globalen Orthodoxie abgeschnitten. Sie gehörten zu zwei Gruppen, die von den anderen orthodoxen Kirchen als „schismatisch“ und „unkanonisch“ betrachtet wurden: zum Kiewer Patriarchat und zur Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche (UAOK).
Die Sozialwissenschaften können Religiosität quantitativ messen, aber nicht qualitativ. Wenn es um die Qualität des religiösen Lebens geht, kann man nur subjektiv sein. Durch meine vielen Treffen und Gespräche mit gläubigen Laien beider unkanonischer Gruppen kam ich zum Schluss, dass ihr religiöses Leben intensiv und gesund ist. Es beinhaltet keine nennenswerten fanatischen oder fundamentalistischen Einstellungen. Die meisten „nicht kanonischen“ Orthodoxen, die mir begegneten, waren offen, wertschätzten andere und liebten Christus.
Zugleich waren sie mit der Beschuldigung, „Schismatiker“ zu sein, konfrontiert, und man glaubte, es gebe keine Rettung für sie. Sie wurden zur Nicht-Kirche erklärt und als Christen zweiter Klasse behandelt. Sogar ihre Taufe wurde von ihren „kanonischen“ orthodoxen Brüdern und Schwestern angezweifelt. Wie die „nicht kanonischen“ orthodoxen Christen behandelt wurden, war in einigen Fällen ungeheuerlich, so im folgenden Fall:2Am 31. Dezember 2017 beging in der Stadt Zaporižžja ein 39-jähriger Mann Selbstmord, indem er aus dem achten Stock eines Gebäudes sprang. Er fiel auf einen zweijährigen Jungen, der mit seinem Vater in der Nähe spazierte. Der Mann und der Junge starben auf der Stelle. In tiefster Trauer kamen die Eltern des Jungen in eine Kirche, um das Begräbnis zu organisieren. Dies war eine Kirche des Moskauer Patriarchats in der Ukraine. Als sie dem Priester gegenüber erwähnten, dass der Junge im Kiewer Patriarchat getauft worden war, weigerte sich dieser kategorisch, den Begräbnisgottesdienst durchzuführen. Daraufhin suchten sie eine andere Kirche, ebenfalls des Moskauer Patriarchats, auf. Auch dort forderten die Priester sie zum Verlassen der Kirche auf, ohne jegliche Hilfe anzubieten. Die Priester des Moskauer Patriarchats, die den trauernden Eltern gegenüber eine solche Haltung an den Tag gelegt hatten, wurden von ihrem Bischof, Metropolit Luka (Kovalenko), und später vom Hl. Synod der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats vollumfänglich unterstützt. Der Hl. Synod hieß die Entscheidungen der Priester in Zaporižžja in seiner Sitzung vom 14. März 2018 gut und hielt fest, kirchliche Dienste könnten nur getauften Mitgliedern der Kirche angeboten werden.3Die „Schismatiker“ waren für den Hl. Synod keine Kirche und nicht einmal getauft. Diese Haltung war während Jahrzehnte eine schwere Bürde für das Bewusstsein der Gläubigen, die zu den nicht anerkannten orthodoxen Kirchen in der Ukraine gehörten.

Der Weg zur ukrainischen Autokephalie seit 2014
Nach 2014 wurde für viele Gläubige des Moskauer Patriarchats in der Ukraine ihre Zugehörigkeit zu dieser Kirche ebenfalls eine Bürde für ihr Bewusstsein. Das war eine Folge der Annexion der Krim und der militärischen Aggression in der Ostukraine. Viele in der Ukraine glauben, dass die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) die Aggression aktiv unterstützte, während ihr Außenposten in der Ukraine die Aggression wissentlich ignorierte. Für viele orthodoxe Ukrainer verstieß es nun gegen ihr Gewissen, sich mit einer Kirche zu verbinden, die entweder explizit oder still den Krieg unterstützte. Dennoch war diese Kirche die einzig kanonische und behauptete, dass nur in ihr Erlösung möglich sei. Daher standen viele gläubige Mitglieder des Moskauer Patriarchats in der Ukraine vor einem unlösbaren Dilemma: ihr Volk gegen die russische Aggression zu unterstützen oder zu der Kirche zu gehören, die die Aggression abwiegelte. Keine der Optionen war gut für sie. So wurde die Idee der kanonischen Autokephalie in der Ukraine wieder aktuell.
Der anfängliche Impuls für die ukrainische Autokephalie entsprang an der Laienbasis, wurde dann vom ukrainischen Staat unterstützt und schließlich vom Ökumenischen Patriarchat erfüllt. Die Menschen wollten eine anerkannte Kirche, die die Zusammenarbeit mit dem aggressiven Regime im Kreml aufkündigt. Sie wollten nicht in ihrem eigenen Land Christen zweiter Klasse sein. Für den ukrainischen Staat war die Frage der jurisdiktionellen Unabhängigkeit der Ukraine vom Moskauer Patriarchat nicht nur kirchlich, sondern auch politisch motiviert. Die nationale Sicherheit hing zu einem bedeutenden Ausmaß davon ab. Zudem hoffte der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko, der zu einem Protagonisten der ukrainischen Autokephalie wurde, so seinen politischen Rückhalt mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im Frühling 2019 auszubauen. Für das Ökumenische Patriarchat scheint die Angelegenheit minimal politisch und vor allem pastoral motiviert gewesen zu sein. Millionen von Ukrainern, die den nicht kanonischen orthodoxen Kirchen angehörten – dem Kiewer Patriarchat und der UAOK – wurden vom Rest der orthodoxen Welt als Schismatiker betrachtet. Die Autokephalie war für sie der einzige Weg, sich mit der globalen Orthodoxie zu versöhnen.
Die Entscheidung des Ökumenischen Patriarchats, die Gewährung der kanonischen Autokephalie an die ukrainische Kirche zu verfolgen, wurde von Präsident Poroschenko bei einem Treffen mit den Leitern der politischen Fraktionen im ukrainischen Parlament am 17. April 2018 verkündet.4Er informierte sie über seinen Besuch in der Residenz des Ökumenischen Patriarchen in Istanbul in der Woche des orthodoxen Osterfestes (8. April), bei dem er Gespräche mit Patriarch Bartholomaios und den Mitgliedern der Hl. Synode geführt hatte und diese ihm ihre entsprechende Absicht mitgeteilt hatten.
Nach seiner Rückkehr traf sich Präsident Poroschenko mit den Hierarchen aller orthodoxen Kirchen in der Ukraine und bat sie um ihre Unterstützung für seine Initiative. Das Kiewer Patriarchat und die UAOK stimmten dem Präsidenten einstimmig zu und veröffentlichten offizielle Bitten an das Ökumenische Patriarchat. Der Leiter der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) des Moskauer Patriarchats, Metropolit Onufrij (Beresovskij), lehnte es jedoch ab, die Initiative zu befürworten (s. RGOW 6/2018, S. 5). Doch einige Bischöfe seiner Kirche willigten ein, an diesem Prozess teilzunehmen, aber ihre Namen wurden nicht preisgegeben. Nach diesen Konsultationen schickte auch Poro­schenko eine eigene offizielle Bitte um Autokephalie nach Istanbul. Am 19. April bat der Präsident das Parlament, seine Petition zu unterstützen, und die Rada verabschiedete eine entsprechende Entscheidung mit der Mehrheit der Stimmen.5So wurde Poroschenko zum Hauptvermittler für die ukrainischen Kirchen und politischen Organe in ihrer Kommunikation mit dem Ökumenischen Patriarchat. Er sicherte sich rasch die formale Unterstützung durch das ukrainische Parlament und die meisten ukrainischen Kirchen, wobei die UOK vorhersehbarerweise davon absah.
In der Ukraine glaubten zu der Zeit viele, dass die Autokephalie bald gewährt würde, zum Ende des Frühlings oder spätestens im Juli, als die ukrainischen Kirchen den 1 030. Jahrestag der Taufe der Kiewer Rus’ feierten. Doch die entscheidenden Beschlüsse fasste das Ökumenische Patriarchat erst im Herbst 2018. Vom 1. bis 3. September fand in Istanbul eine Bischofsversammlung des Ökumenischen Patriarchats statt. Die Rolle dieses Organs ist eher beratend, aber es wird normalerweise zusammengerufen, bevor die Hl. Synode besonders wichtige Entscheidungen trifft. Die Versammlung vom September 2018 wurde angesichts der Entscheidung über die ukrainische Autokephalie abgehalten. Am ersten Tag hörten die Delegierten Vorträge und nahmen an Diskussionen der ukrainischen Situation teil. Insbesondere der historische Kontext sowie das Recht des Ökumenischen Patriarchats, die Autokephalie zu verleihen und auf Bitten anderer Kirchen einzugehen, standen im Zentrum der Debatten der Bischofsversammlung.
Bald nachdem die Versammlung ihre Arbeit abgeschlossen hatte, veröffentlichte das Sekretariat der Hl. Synode des Ökumenischen Patriarchats am 7. September ein Statement über die Ernennung zweier patriarchaler Exarchen für die Ukraine: Erzbischof Daniel (Selinskyj) von Pamphilos aus den USA und Bischof Ilarion (Rudnyk) von Edmonton aus Kanada (s. RGOW 10/2018, S. 3).6Die Aufgabe von Exarchen des Ökumenischen Patriarchats ist ähnlich wie die von Legaten der katholischen Kirche. Sie vertreten den Patriarchen und berichten ihm. Sie können nicht aus ihrer eigenen Autorität heraus handeln und üben nicht die Macht eines Diözesanbischofs an den Orten aus, an die sie geschickt werden. Eine konkrete Mission der Exarchen in der Ukraine war, das Vereinigungskonzil der neuen unabhängigen Kirche vorzubereiten.
Die Exarchen kehrten mit ihrem Bericht zur Hl. Synode zurück, die ihre Sitzung vom 9. bis 11. Oktober in Istanbul abhielt. Viele in der Ukraine erwarteten, dass die Hl. Synode an dieser Sitzung den Tomos der ukrainischen Autokephalie verleihen würde. Diese Erwartungen wurden nur teilweise erfüllt. Laut dem Kommuniqué7erklärte die Hl. Synode, dass die Gläubigen der nicht kanonischen Kirchen „wieder in die Gemeinschaft mit der Kirche eingesetzt worden sind“. Diese Erklärung bedeutete das Ende des Schismas, das in der Ukraine seit 1992 bestanden hatte. Die Hl. Synode Konstantinopels annullierte auch das Dokument von 1686, das der Kirche von Moskau die – laut Konstantinopel – vorübergehende und bedingte Verwaltung der Metropolie von Kiew gewährt hatte. Das stellte effektiv die kanonische Jurisdiktion über die Ukraine in Form einer Metro­polie wieder her (s. RGOW 11/2018, S. 9–11).
An ihrer letzten Sitzung 2018, vom 27. bis 29. November, unternahm die Hl. Synode des Ökumenischen Patriarchats einen weiteren Schritt in Richtung Gewährung der Autokephalie. Sie bewilligte den Entwurf des Statuts der neuen Kirche.8Der Entwurf basierte auf dem Statut der Orthodoxen Kirche von Griechenland. Es war lediglich ein Entwurf, der nötigenfalls von den ukrainischen Bischöfen angepasst und dann verabschiedet werden konnte. Die November-Sitzung der Hl. Synode in Istanbul nahm auch den Entwurf des ukrainischen Tomos an. Der Tomos wurde aber noch nicht veröffentlicht oder verkündet.

Religionsfreiheit oder Kirchenverfolgung?
Der Tomos sollte einer neuen ukrainischen Kirche übergeben werden, die erst noch gegründet werden musste. Das sog. Vereinigungskonzil, an dem die neue Kirche geschaffen wurde, fand in der historischen Sophienkathedrale in Kiew am 15. Dezember 2018 unter dem Vorsitz des Exarchen des Ökumenischen Patriarchats, Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Frankreich, statt (s. RGOW 1/2019, S. 3–4). Am Vorabend des Konzils lösten sich das Kiewer Patriarchat und die UAOK auf. Alle ihre Bischofe und zusätzlich zwei Bischöfe der UOK nahmen nun als Bischöfe des Ökumenischen Patriarchats am Konzil teil. Am Konzil wurde das Statut der neuen Kirche verabschiedet und ihr Leiter gewählt: Metropolit Epifanij (Dumenko). Die neue Kirche gab sich den Namen Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU). Am 6. Januar 2019 besuchte Metropolit Epifanij in Begleitung von Präsident Poroschenko Istanbul. In der Residenz des Ökumenischen Patriarchen im Phanar erhielt er den Tomos der ukrainischen Autokephalie. Das Dokument wurde erst von Patriarch Bartholomaios und dann von den Mitgliedern der Hl. Synode der Kirche von Konstantinopel unterzeichnet. Dieser feierliche Akt schloss den Prozess der Gewährung der kanonischen Unabhängigkeit (Autokephalie) an die ukrainische Kirche ab.
Die Schaffung einer kanonisch unabhängigen ukrainischen Kirche half, einige politische Ziele zu erreichen. So erhöhte sie sicherlich die nationale Sicherheit des ukrainischen Staats. Aber sie half Poroschenko nicht, als Präsident wiedergewählt zu werden, er verlor überdeutlich gegen den Komiker Volodymyr Selenskyj (s. RGOW 4–5/2019, S. 3). Die Schaffung der kanonischen Autokephalie löste auch erfolgreich das Problem der Christen zweiter Klasse in der Ukraine. Die früher als „Schismatiker“ Bezeichneten waren keine mehr. Wer das Moskauer Patriarchat wegen seiner Verwicklungen in anti-ukrainische Aktivitäten verlassen will, kann nun an einen sicheren Ort gehen. Daher hat die Verleihung der Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat die Situation der Gewissensfreiheit in der Ukraine deutlich verbessert. Die Menschen müssen nicht mehr zwischen schlechten Möglichkeiten wählen. Nun haben alle Möglichkeiten, die sie als gut betrachten.
Das Moskauer Patriarchat hat so in der Ukraine die Kontrolle über das Narrativ der Kanonizität und zudem das Monopol darauf verloren. Für viele im Moskauer Patriarchat ist das eine Tragödie, die sie mit Begriffen der „Verfolgung“ wiedergeben. Die Rhetorik der Verfolgung wurde eingeführt, um die früher vom Moskauer Patriarchat verwendete Rhetorik der Kanonizität zu ersetzen, die nun nicht mehr relevant ist. Diese Rhetorik gründet im Zusammenprall zweier Ansichten, was Kirche ist. Entsprechend der einen Ansicht wird Kirche mit ihren zentralen administrativen Strukturen identifiziert, für die die Gemeinden nur eine sekundäre und unterstützende Rolle spielen. Gemeinden und ihre Mitglieder können nicht selbst entscheiden, zu welcher Jurisdiktion sie gehören. Gemäß der anderen Ansicht bilden die Gemeinden und nicht die zentrale Administration den Kern der Kirche. Es steht ihnen frei zu entscheiden, zu welcher Kirche sie gehören wollen. Ersteres ist der Zugang des Moskauer Patriarchats, während letzteres die Position des ukrainischen Staats ist. Da die staatliche Politik vor allem die Rechte der Gemeinden schützt, über ihre Zugehörigkeit zu entscheiden, ungeachtet dessen, was die zentrale Kirchenadministration davon hält, wurde der ukrainische Staat vom Moskauer Patriarchat beschuldigt, Verfolgungen gegen die UOK anzustacheln.
In den meisten Fällen sind diese Beschuldigungen falsch. In einigen Fällen gibt es allerdings echte Diskriminierungen von Gemeinden des Moskauer Patriarchats in der Ukraine. Obwohl die ukrainische Zentralregierung in der Jurisdiktionsfrage Neutralität verkündet hat, lenken einige lokale Verwaltungen, insbesondere im Westen der Ukraine, die Wahl einiger Gemeinden in Richtung der OKU. Diese scheint sich diesem Aufzwingen des politischen Willens gegenüber zögernden oder gespaltenen Gemeinden nicht zu widersetzen. Die Gefahr, dass die Mitglieder des Moskauer Patriarchats in der Ukraine zu Christen zweiter Klasse werden könnten, besteht somit noch immer. Sowohl der ukrainische Staat als auch die OKU müssen ihren Einsatz in der Verhinderung solch eines negativen Szenarios erst noch beweisen.
Trotz einiger Mängel der Regierungspolitik und der Positionen der OKU hinsichtlich der Religionsfreiheit ist die Situation insgesamt vielversprechend. Auch das Ökumenische Patriarchat sorgt dafür, dass die Religionsfreiheit in der Ukraine bewahrt wird. Es scheint, als sei es den zwei kanonischen orthodoxen Jurisdiktionen, der UOK und der OKU, bestimmt, noch für Jahrzehnte nebeneinander zu existieren. Beide müssen lernen, einander zu akzeptieren. In dieser Situation sollte der Staat das Recht von Gemeinden und Individuen schützen, eine der Jurisdiktionen zu wählen, und keine der beiden bevorzugen.

Anmerkungen

1) http://assets.pewresearch.org/wp-content/uploads/sites/11/2017/05/15120244/CEUP-FULL-REPORT.pdf.

2) https://www.christiantimes.com/article/moscow-led-church-
in-ukraine-refuses-to-bury-boy-because-he-was-christened-​in-a-rival-denomination/73505.htm.

3) https://sinod.church.ua/2018/04/26/zhurnali-zasidannya-svyashhennogo-sinodu-ukrajinskoji-pravoslavnoji-cerkvi-vid-14-bereznya-2018-roku/.

4) https://www.facebook.com/petroporoshenko/videos/​1252521398215583/.

5) https://zakon.rada.gov.ua/laws/show/2410-19.

6) https://www.facebook.com/ecumenicalpatriarchate/posts/10156674751109158?__tn__=-R.

7) https://www.patriarchate.org/-/communiq-1.

8) https://www.patriarchate.org/-/anakoinothen-29-11-2018-?_​101_INSTANCE_MF6geT6kmaDE_languageId=en_US.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.

Cyril Hovorun, Archimandrit und Theologieprofessor an der Loyola Marymount Universität in Los Angeles und Direktor des Huffington Ecumenical Institute, früher Vorsitzender der Abteilung für Außenbeziehungen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) und Vize-Vorsitzender des Bildungskomitees der Russischen Orthodoxen Kirche sowie Forscher an den Universitäten von Yale und Columbia.

pdf1/2020, S. 6–8.

Bild: Patriarch Bartholomaios (links) übergibt Metropolit Epifanij (Dumenko) während der Feier der Göttlichen Liturgie in der Georgskathedrale in Istanbul am 6. Januar 2019 den Tomos über die Autokephalie. 
Foto: Presidential Administration of Ukraine

 

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